»Mit unserer Musik verarbeiten wir Katastrophen«

Peter Plate und Ulf Leo Sommer schrieben Lieder für Helene Fischer, 2Raumwohnung, die No Angels – und für ihre eigene Band »Rosenstolz«. Lange Zeit waren sie ein Paar – heute sind sie beste Freunde. Ein Gespräch über die Kunst des Song-Schreibens und die Nachteile einer offenen Beziehung.

Ulf Leo Sommer (unten) und Peter Plate waren lange Zeit ein Paar, einige Jahre verheiratet – heute sind sie Kollegen und beste Freunde. 

SZ-Magazin: Auf einer Geburtstagsparty in Braunschweig treffen im Februar 1990 zwei Fremde aufeinander. Der eine, Ulf Leo Sommer, ist 19 Jahre alt, Soldat der Nationalen Volksarmee der DDR und besucht zum ersten Mal die Bundesrepublik. Der andere, Peter Plate, ist 22, hasst sein Studium der Sozialpädagogik und will Musiker werden. Wie war Ihr erster Eindruck voneinander?
Ulf Leo Sommer: Also, ich …
Peter Plate: Ich weiß noch …
Sommer: Damit wir uns nicht wie immer ständig ins Wort fallen, regeln wir das per Wasserglas. (Er nimmt ein leeres Wasserglas vom Tisch und reicht es Plate.) Reden darf nur, wer das Glas in der Hand hält.
Plate: Ich war mit meinem Freund auf dieser Party. Wir waren schon über ein Jahr ein monogames Paar und wohnten zusammen. Vor der Party hatten wir uns gestritten, ich hatte eigentlich gar keine Lust mitzukommen. Aber Ulf fand ich aufregend, sobald ich ihn zum ersten Mal sah. Zuerst fiel mir seine schwarz-weiß gestreifte Hose auf. Die war bei uns schon out, daran hat man sofort den Ossi erkannt. Wir quatschten, und obwohl es damals kaum etwas Uncooleres gab, war der Schlüssel zu seinem Herzen meine ABBA-Sammlung. Ich hatte alles, auch die Bootlegs und die Soloprojekte, die meistens schrecklich waren. Ulf ist dann frecherweise bald bei meinem Freund und mir eingezogen. Erst lebten wir zu dritt, dann haben wir den Übergang zu Ulf und mir hingekriegt. Plötzlich waren alle Schleusen offen. Wir sind übereinander hergefallen.
Sommer: Peter und sein damaliger Freund waren das erste offen schwule Paar, das ich im Leben gesehen habe. Peter war wahnsinnig attraktiv, und als Ossi fand ich, dass er irre gut angezogen war: coole Jeans, Rollkragenpullover wie von Opa, schwarze Matrosenjacke, über den blond gefärbten Haaren eine Helmut-Schmidt-Mütze – als wäre er einem Duran-Duran-Video entstiegen. Seine blauen Augen waren der Hammer, melancholisch und traurig. Diese Traurigkeit, die er ausstrahlte, hat mich am meisten geflasht. Und dann unser gemeinsamer Musikgeschmack. 1990 von ABBA besessen zu sein war ein No-Go. Nur ältere Damen hörten diese Musik noch. Es war so, als würde man im Jahr 2026 sagen, man sei riesiger Fan von Roxette. Ich war für Peter ein leichter Fang, weil ich sexuell noch nichts erlebt hatte. Das Angebot an schwulen Männern in Pößneck war gleich null, und der Bus nach Jena brauchte eine Stunde. Als wir ein Paar wurden, war ich wie durchgedreht. Ich war das erste Mal in meinem Leben verliebt. Peter hatte ein bisschen Bart. Am nächsten Morgen war ich im Gesicht total rot und aufgekratzt.