SZ-Magazin: Frau Haarmann, dass Brooklyn Beckham öffentlich über soziale Netzwerke mit seinen Eltern gebrochen hat, haben Sie als Familientherapeutin vermutlich verfolgt, oder?
Claudia Haarmann: Das Interessante ist, dass der junge Beckham etwas sagt, was die Mehrheit der kontaktabbrechenden jungen Erwachsenen sagt, nämlich: Ich lasse mich nicht kontrollieren, und ich stehe zum ersten Mal in meinem Leben für mich selbst ein. Was ja bedeutet: Meine Eltern haben mir bisher alles abgenommen. Aber auch: Die reden mir ständig rein, die glauben, besser zu wissen, was ich brauche. Und er hat wohl das, was wir Selbstermächtigung nennen, nie gelernt. Jetzt ist er ein junger Mann, verheiratet und muss sein Leben regeln – und das kann er nur, wenn er das allein macht.
»Den Partner aus dem Kontakt zu den Eltern zu drängen, führt zu nichts Gutem«
Der öffentliche Bruch von Brooklyn Beckham mit seinen berühmten Eltern macht Schlagzeilen. Und steht stellvertretend für viele Familien, in denen Kinder den Kontakt abbrechen, sagt die Therapeutin Claudia Haarmann. Wie es dazu kommt, was Warnzeichen sind – und warum es Eltern so schwerfällt loszulassen.

Claudia Haarmann arbeitet seit 16 Jahren als Familientherapeutin. Sie hat zwei Bücher zum Thema geschrieben: Kontaktabbruch – Kinder und Eltern, die verstummen (2015) und Der Schmerz verlassener Eltern (2024). Sie lebt und arbeitet in Essen.
Foto: Thekla Ehling