»Wenn man all seine Hoffnung auf Glück in einen Menschen setzt, ist das fatal«

Der Psychologe Jens Corssen beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Liebe – und hat ein Buch geschrieben, mit dem man sie üben kann. Im Gespräch räumt er mit naiven Vorstellungen auf und verrät, wie Paare wirklich glücklich werden.

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SZ-Magazin: Wie schwierig ist es, Ratschläge in Liebesdingen zu geben? Schwieriger oder leichter, als wenn jemand mit Depressionen oder einer Phobie zu Ihnen kam?
Jens Corssen: Viel leichter, weil ja in vielen Büchern alles Wesentliche schon geschrieben wurde; ich helfe dann den Klienten, ihre Erkenntnisse in die Tat umzusetzen. Ich habe früher als Therapeut auch alle möglichen Ratschläge gegeben, bis ich durch Einstein begriffen habe: Man kann ein Problem nicht mit der Denkweise lösen, durch das es entstanden ist.

Wie meinen Sie das?
Zur Problemlösung braucht man eine Kontextveränderung, einen neuen Denkrahmen. Das, was im alten Kontext widersprüchlich ist, kann im neuen widerspruchsfrei nebeneinander existieren. Ein Beispiel: Ein Ehepaar macht alles gemeinsam, irgendwann möchte er aber allein mit seinen Kumpels verreisen, so wie früher. Sie will mit. Er sagt, du störst, du hast doch Angst beim Motorradfahren. Sie denkt, wenn er das ohne mich will, dann ist die Liebe wohl vorbei. Der andere Kontext in diesem Fall lautet vielleicht: Wie kann ich die Freude meines Partners vermehren? Ratschläge im System helfen nicht weiter, sie verstärken sogar oft das Problem. Freunde, die ihr etwa dann sagen: Lass ihn doch sitzen, diesen Macho, oder ihm: So eine Egoistin, die gönnt dir ja nichts. Das hilft nicht. Ich rate auch allen meinen Freunden, hört auf, abends beim Glas Wein über eure Beziehungen zu reden, das wird nur kindisch und rechthaberisch. Ihr seid wie bei Sartre in eurem neuronalen Gitter gefangen, ihr rüttelt an den Gitterstäben und kommt nicht raus.

Sie haben dennoch mit der Co-Autorin Stephanie Ehrenschwendner einen Ratgeber herausgegeben: »Lieben. Warum das größte aller Gefühle in Wahrheit eine Haltung ist«. Sie wollen den Leuten beibringen, dass es eher darauf ankommt, richtig zu lieben, und gar nicht so sehr wen?
Es ist kein Ratgeber. Das Gehirn entwickelt sich nur über Erfahrung und wiederholte Erkenntnis, nicht durch Ratschläge. Deswegen sagen wir im Buch nirgendwo: Sie müssen dies und jenes tun. Sondern wir schlagen Erfahrungsübungen vor. Zum Beispiel auch, Erkenntnisse aufzuschreiben und oft zu wiederholen. Gestern kam eine Frau zu mir, die so leidet, weil sie sich von ihrer Mutter ungeliebt fühlte, der habe ich zur täglichen Wiederholung diktiert: »Meine Mutter hat mich so geliebt, wie sie konnte, mehr war nicht drin. Mehr gab ihr neuronales Gitter nicht her.« Wiederholte Einsichten materialisieren sich auf der Verhaltensebene.

Wie soll so eine Übung helfen?
Das hilft, nicht automatisch auf die Eltern- oder Partnerrolle zu reagieren, sondern sie als andersartige Wesen zu erkennen. Das gelingt uns nicht oft, weil wir ständig gestresst sind, uns in einer Art Kampfmodus befinden. Dann geht uns der Raum ab, den anderen wirklich wahrzunehmen. So bleibt das Lieben auf der Strecke.

Wie erkenne ich in Ihrem Sinne meinen Partner wieder?
Eine kleine Erfahrungsübung: Schauen Sie sich einander für fünf Minuten in die Augen, ohne etwas zu sagen. Dann fassen Sie sich weitere fünf Minuten an den Händen, halten schweigend den Blickkontakt. Das schaffen viele nicht. Sie halten diese Nähe, diese entstehende Intimität nicht aus. Einige beginnen zu weinen. Vielleicht über die verlorene Liebe. Nach mehrmaligen Wiederholungen dieser stillen Begegnungen erkennen Sie Ihr Gegenüber in seinem spezifischen So-Sein.

Sie sagen, Liebe sei eine Geisteshaltung. Wie sieht diese Geisteshaltung aus?
Gurdjieff, der griechisch-armenische Mystiker und Bewusstseinslehrer, wurde gefragt, was er unter Lieben versteht. Seine Antwort: Kommt darauf an, auf welcher Bewusstseinsebene man lebt. Auf der untersten heißt Liebe: Ich brauche dich, deinen Mut, deine Stärke, deine Weichheit. Auf dieser Ebene führt das Zusammenleben in die Abhängigkeit. Auf der zweiten Stufe bedeutet Liebe: Ich brauche dich, weil ich dich liebe, mich an dir erfreue. Dieses unabhängige Lieben ist ein ganz anderes Gefühl. Ich helfe gern, das Haus der Liebe aufzubauen: Sein Fundament besteht aus der Liebe zum Leben an sich, mich mit seinen Gesetzen und dem Alles-fließt tief verbunden zu fühlen. Das heißt, meinen Frieden mit dem Lauf der Dinge zu schließen, zufrieden sein. Und wenn ich mich bedingungslos lieben kann, mit all meinen Fehlern, dann habe ich das Dach und die Mauern. Die Liebe zu anderen Menschen gelingt auf Dauer nur, wenn ich die ersten beiden Lieben habe. Das Lieben des anderen ist dann die Inneneinrichtung, ich fühle mich wohl in ihr, aber ich brauche sie nicht unbedingt.

Wie beurteilen Sie die Streitereien zwischen Liebenden?
Es erleichtert, wenn ich ihnen erkläre, dass sie nicht streiten, sondern ihre Gehirne im Clinch liegen, mit ihren verschiedenen Programmen recht haben wollen. Recht haben wollen entsteht aus unserem Überlebensprogramm. Anfangs machen uns die Verliebtheit und Erotik besoffen, in den ersten 12 bis 18 Monaten streiten Paare wenig. Danach, sobald der Hormoncocktail schwächer wird, erkennt man die Andersartigkeit des anderen, die Unterschiede kommen plötzlich zur Geltung. Das stört. Er zum Beispiel Bayer, katholisch, sie Friesland, protestantisch. Bei diesen permanenten Streitereien reißt das Seelenband, das von beiden in guten Zeiten geknüpft wurde. Wir können es gar nicht fassen, warum verletzt mein Schatz mich so? Aber wenn wir wissen, dass unsere verschiedenen Denkprogramme miteinander kämpfen, muss es die Liebe zueinander nicht verdunkeln.

Warum können Übungen dabei helfen wie die, bei der man sich lange in die Augen schaut?
Im Überlebensmodus nehme ich den anderen nicht mehr wahr in seiner Andersartigkeit, weil ich ihn nur noch funktionalisiere, zum Beispiel: Meine Frau muss so und nicht anders sein. Wenn ich meinen Partner nicht in seiner Rolle, sondern in seinem So-Sein erlebe, habe ich den Blickwinkel, den Kontext verändert, wird der Streit hinfälliger.

Eine andere Übung aus Ihrem Buch rät Paaren dazu, sich nacheinander bestimmte Fragen zu beantworten.
Solche Fragen können eine Hilfe sein, dem anderen näherzukommen, seine Einzigartigkeit zu verstehen. Meine Co-Autorin hat sie exemplarisch aus der Forschung zusammengestellt. Es sind emotionale Fragen: Was war dein Lieblingsbuch in der Kindheit? Worauf bist du stolz? Was versetzt dich in Stress? Welche drei Dinge würdest du gern in deinem Leben verändern? Wenn man diese und andere Fragen ehrlich beantwortet und sich anschließend noch einige Minuten still in die Augen schaut, verstärkt das die geistig-seelische Verbundenheit. Das ist eine Übung für Paare, die sich von einander entfernt haben und sich wieder neugierig begegnen wollen. Sie funktioniert auch, wenn sich die Menschen bis dahin fremd waren. Sozusagen als Intimitätsbeschleuniger. Kam bei einer Studie heraus.

Diese Geschichten erzählt man sich doch gleich zu Beginn jeder neuen Liebe?
Das ist oft eine andere Sache. Diese Fragereien ermöglichen gerade in den ersten Tagen des Kennenlernens manipulative Legenden, um sich ins gute Licht zu setzen oder Mitgefühl zu erheischen. Zum Beispiel: Mit wie vielen Frauen warst du zusammen? Warum hat dich die letzte verlassen? Wie war das im Internat? Da versucht man detektivisch herauszufinden, ob man zusammenpassen könnte. Was? Der ist mit vierzig noch in die Disko gegangen? Nein, der kommt als Vater meiner Kinder nicht in Frage.

Was sind denn die größten Störer in einer Beziehung?
Das sind die ungünstigen Vier: Nämlich ungefragte Beurteilungen und Ratschläge geben, dem anderen etwas einreden oder ausreden.

Geben denn Liebende einander keine Ratschläge?
Doch, permanent. Aber übersetzt lauten die immer nur: Sei anders, als du bist. Ungebetene Einmischungen machen einen sauer. Die sagen im Grunde nur: Du bist doof.

Verstehen Sie unter Liebe als Haltung das, was die alten Griechen Agape nannten und Paulus später Caritas: bedingungslose, selbstlose Nächstenliebe?
Ja, das kommt dem am nächsten. Manchmal habe ich allerdings den Eindruck, dass Freundschaft das hält, was die Liebe verspricht. Mit einem Freund können Sie viel offener reden, weil Sie nicht Angst haben, durch Ihre Offenheit Nachteile zu erfahren. Sie dürfen in der Freundschaft auch schwach oder stark sein. Ich mag das Bild der Dreifaltigkeit der Liebe, zum Leben, zu mir selbst, zum anderen. Das nenne ich auch die große Liebe. Meistens heißt es ja: Ich habe meine große Liebe gefunden, wenn man all seine Hoffnung auf Glück in einen Menschen setzt – das ist fatal, weil man ihn damit überfordert.

Sie halten den Glauben an die große, romantische Liebe für verhängnisvoll?
Ja. Ich habe mal ein Konzert von Andrea Berg im Fernsehen gesehen. Sie hat treffende Texte, die diese Sehnsucht darstellen. Im Publikum waren achtzig Prozent Frauen mit Wunderkerzen in der Hand und sehnten sich nach dieser Liebe, die endlich kommen sollte. Das wiederholte Motto: Du hast mir den Himmel versprochen… und hast mich dann verlassen, du Schuft! Alle haben mit Tränen in den Augen mitgesungen. Das hat mich sehr berührt, diese Szene, weil sie die ganze Tragik aufzeigt von vergeblicher Hoffnung auf Erlösung.

Warum rennen wir alle dem Ihrer Meinung nach naiven Bild der einen, großen Liebe hinterher?
Der Schlager und Hollywood nutzen, auf was das Gehirn anspricht: Sicherheit, Geborgenheit, Befreiung von Unlust. Die archetypische Sehnsucht des Menschen lautet Einssein. Durch Meditation, Drogen, Sex. Eins, nicht mehr getrennt, wir kommen ja nicht mehr in Mamas Bauch zurück, deswegen brauchen wir Ersatzdrogen wie die Verliebtheit. In diesem Zustand sind wir kurz eins. Sieht man ja auch bei frischverliebten Paaren: dieser entrückte Blick. Die Verliebtheit wirkt ja tatsächlich wie eine Droge.

Wie entsteht eigentlich Verliebtheit?
Erwin kommt auf eine Party, und Erna sieht ihn – Coup de foudre, sagen die Franzosen. Aber die Liebe auf den ersten Blick ist trügerisch, das Gegenteil von Liebe, ein Pawlowscher Reflex. Er hat die Stimme des Kinderarztes, der sie nach ihrem Dreirad-Unfall zusammengeflickt hat. Das wurde im Gehirn verankert. Dann die blauen Augen ihres Turnlehrers, der der einzige Mann war, der sie in ihrem Leben gelobt hat. Dann noch der Bart des Papas, der früh gestorben ist – alles positiv konditionierte Reize. Und jetzt kommt der unschuldige Erwin und er ist dran: Sie läuft ihm wie die Lorenzsche Graugans hinterher, besser gesagt ihren Gefühlen, die er in ihr auslöst. Sie kennt ihn doch gar nicht. Aber, sobald der Liebesrausch nachlässt, erkennt Erna: Du bist gar nicht mein Arzt oder Turnlehrer, du hast mich belogen. Und da Hass und Liebe eng beieinander liegen im Gehirn, fängt sie womöglich an, ihn zu hassen. Weil er sie nicht erlöst hat von ihrem Leid des sich Alleinfühlens.

Es wäre also reifer und sinnvoller, auf die Idee von der romantischen Liebe zu verzichten?
Nein. Die Verliebtheit ist etwas Poetisches und Tolles. Es ist dabei nur wichtig, sich nicht in ihr zu verlieren, erwachsen zu bleiben. Und zu wissen, dass wir das Geschenk annehmen und dann auch nicht darum trauern, wenn es wieder weggeht. Es wäre doch schade, wenn man sich nicht der Verliebtheit hingibt.

Für die seelische Verbundenheit sollten Paare immer wieder Neues und Aufregendes erleben, schreiben Sie.
Ja. Wenn das Gehirn das Gewohnte verlässt, Abenteuerliches erlebt, erzeugt das große Nähe zum Partner, das haben psychologische Experimente bewiesen.

Andere sagen, lange Beziehungen brauchen Rituale.
Beides ist für Nähe wichtig. Rituale wie die Sommerwende für die Gemeinschaft oder der Opernbesuch für das Paar. Rituale schaffen Nähe durch Sicherheit, Abenteuer durch das gemeinsame Erlebnis.

Distanz erachten Sie für Paare allerdings für genauso wichtig, also Zeit mit sich selbst?
Ja. Durch das selbstbestimmte Alleinsein bekomme ich Distanz, aber gleichzeitig ergibt sich dadurch die Nähe zum Leben, die mir eine neue Sicht auf die Dinge und den Partner erlaubt. Wie schon gesagt: Man darf den Partner nicht zum alleinigen Mittelpunkt seines Lebens machen. Frauen müssen unbedingt ihre Freundinnen behalten, Männer ihre Freunde. Den unveräußerlichen Wert muss man verteidigen. Durch die Grenze, die vom Partner nicht überschritten werden darf, erschafft man immer wieder Distanz und positive Spannung. Wenn man sich verliert, verliert man den anderen. Man ist dann nicht mehr attraktiv.

Raten Sie Paaren überhaupt dazu, zusammenzuwohnen?
An sich schon. Obwohl ich früher ja 68er war, mit antibürgerlicher Attitüde. Ich habe geheiratet und meiner Frau gesagt, das heißt noch lange nicht, dass wir auch zusammenziehen müssen. Drei Monate habe ich das durchgehalten.

Warum dann doch?
Bei ihr war es immer so gemütlich und bei mir längst nicht so schön. Keine Blumen.

Sie schreiben, Sie hätten ihr vor der Hochzeit gesagt, zuerst komme für Sie Ihr Beruf, und erst dann sie.
Ja. Mein therapeutisches Bemühen, meine Klienten dabei zu unterstützen, das Leben, sich und andere lieben zu können, das ist sozusagen mein unveräußerlicher Wert. Sie hat diese Ankündigung nicht persönlich genommen, hat mich richtig verstanden und mich geheiratet. Wir sind seit 42 Jahren immer noch sehr glücklich miteinander.