»Eifersucht ist in uns Menschen angelegt, um Bindung zu erhalten«

Dennoch gehört das Gefühl zu den häufigsten Trennungsgründen. Die Psychologin Stefanie Stahl verrät, wann Eifersucht ein Indiz für die Liebe sein kann, wann sie der Beziehung nachhaltig schadet – und wie man es schafft, besser mit dieser Emotion umzugehen.

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SZ-Magazin: Sie arbeiten seit 30 Jahren als Paartherapeutin. Welche Rolle spielt die Eifersucht in Ihren Sitzungen?
Stefanie Stahl: Zu mir kommen häufig Menschen, die Angst davor haben, dass ihr Partner fremdgeht, oder deren Partner das schon getan hat. Daraus entsteht eine sehr nachvollziehbare Eifersucht. Denn der Partner bietet dann wenig Sicherheit und löst starke Verlustängste aus. Das ist auch häufig ein Trennungsgrund. Seltener kommt es vor, dass Patienten unter einer übertriebenen Eifersucht ohne richtigen Anlass leiden. Auch daran scheitern Beziehungen.

Mein Ex-Freund war nie eifersüchtig. Hat er mich nicht geliebt?
Eifersucht kann ein Indiz für Liebe sein. Es kommt aber auf das Ausmaß an. Wenn jemand zwanghaft kontrollierend und ständig besitzergreifend gegenüber dem Partner wird, ist das krankhaft. Das hat dann nichts mehr mit Liebe zu tun, das ist ein psychisches Problem.

Wann ist Eifersucht ein Zeichen von Liebe?
Die begründete Eifersucht, zum Beispiel nach einem Seitensprung, ist im Rahmen des Normalen. In der Forschung nennt man sie reaktive Eifersucht. Sie bezieht sich auf ein reales Geschehen und kann durchaus als Liebesbeweis verstanden werden, weil darin eine Art der Wertschätzung für den Partner liegt. Und sie funktioniert auch als ein Warnsignal für die Beziehung: Pass auf, hier ist deine Bindung bedroht, hier ist dein Selbstwert bedroht, hier ist deine Selbstkontrolle bedroht. Eifersucht ist in uns Menschen angelegt, um Bindung zu erhalten. Sie hat einen evolutionären Sinn.

Inwiefern?
Die Natur richtet kein sinnloses Gefühl ein, unsere Emotionen sind dafür da, dass wir in die richtige Richtung laufen. Der Sinn von Eifersucht ist, dass wir für unsere Partnerschaft und damit um den Erhalt der Familie kämpfen. Menschenkinder brauchen relativ lange, um selbstständig zu werden, und wachsen am besten in festen Familienbanden heran. Unser genetisches Programm gibt eigentlich vor, dass wir monogam leben, mit gelegentlichen Seitensprüngen. Deswegen haben wir die Eifersucht und die Verlustangst mitbekommen: damit wir Menschen an uns binden.

Welchen Einfluss haben Sozialisation und Erziehung?
Neben der begründeten gibt es die unbegründete Eifersucht, die Forschung nennt sie misstrauisch-ängstliche Eifersucht. Sie findet im Kopf des Betroffenen statt und bezieht sich nicht auf ein reales Ereignis. Man ist ständig unsicher, zweifelt und klammert. Man hat das Gefühl, der Partner gehe fremd, obwohl es dazu objektiv keinen Anlass gibt. Die Ursache ist ein labiles Selbstwertgefühl. Wenn jemand selbst denkt, er genüge nicht, sei nicht schön oder interessant genug, dann projiziert er dieses Selbstbild auch auf seinen Partner. Er kann sich gar nicht vorstellen, dass der Partner zu einem anderen Ergebnis kommt, und denkt deshalb ständig, er werde verlassen. Das Selbstwertgefühl wiederum hängt stark damit zusammen, wie wir aufgewachsen sind und wie gut es unseren Eltern gelungen ist, unsere Bedürfnisse nach Bindung und Zuwendung zu erfüllen.

Ist Eifersucht immer die Angst, jemanden zu verlieren?
Nein, Eifersucht kann auch die Angst um den eigenen Selbstwert sein. Wenn der Partner einem ganz sicher ist, er aber mit jemand anderem schläft, können die meisten damit auch nicht leben. Wir genießen es an Liebesbeziehungen sehr, the one and only für jemanden zu sein. Diese Exklusivität ist wahnsinnig wohltuend für unser Selbstwertgefühl. Nach ein paar Jahren der Beziehung lässt jedoch die Leidenschaft nach, was die Partner anfälliger für Seitensprünge machen kann. Allein der Gedanke kränkt massiv unseren Selbstwert, und da kommt die Eifersucht ins Spiel.

Was kann man gegen unbegründete Eifersucht tun?
Es hilft, sich mit seinem eigenen Selbstwert zu beschäftigen und in die tiefere Arbeit zu gehen. Man sollte immer wieder einen Realitätscheck machen: Was ist jetzt gerade Kopfkino und was ist real? Außerdem empfehle ich, immer wieder auf die Stärken und schönen Seiten der Beziehung zu schauen und zu überlegen, ob es eigentlich fair ist, dem anderen ständig was zu unterstellen. Eine gute Übung ist es, sich in den anderen hineinzufühlen und sich zu fragen, wie geht es dem eigentlich mit mir? Wie fühlt sich das an, wenn ich ständig rumzicke und schnüffele? Dadurch kann man manche Fantasien auflösen, weil einem klar wird, dass es keine Beweise gibt.

Kann das Eifersuchtsgefühle auch langfristig lindern?
Dafür muss man sich immer wieder mit der Realität auseinandersetzen, auch mit alten Realitäten. Wie waren meine Eltern zu mir? Haben sie mir zu wenig Bindungssicherheit gegeben, haben sie immer das Geschwister bevorzugt, habe ich mich vernachlässigt gefühlt? Haben sie mir nicht das Gefühl gegeben, dass ich liebenswert bin? Durch die Reflektion merkt man: Das ist eine Realität, die zu meinen Eltern gehört und nicht zu meinem Partner – genauso wenig wie der untreue Ex-Partner zur jetzigen Beziehung gehört.

In akuten Eifersuchtsmomenten – zum Beispiel, wenn der Partner nicht erreichbar ist oder die Partnerin sich mit ihrem Ex-Freund trifft – fällt es doch sicher schwer, so reflektiert zu bleiben.
Alle starken Gefühle blockieren erst mal das Lösungswissen. Es ist schwierig, mit Vernunft gegen starke Eifersuchtsanfälle anzukommen. Man muss erst mal runterkommen von dem akuten Gefühl, und da hilft nur radikale Ablenkung: sich einer Aufgabe widmen, die die komplette Aufmerksamkeit benötigt.

Liegt die Lösung der Eifersucht allein beim Eifersüchtigen?
Nicht immer. Wenn man einen bindungsängstlichen Partner hat, kann man selbst wenig gegen dessen ambivalentes Verhalten tun. Es gibt Menschen, die haben grundsätzlich ein Problem mit festen Beziehungen. Am Anfang geben sie Vollgas, aber nach der ersten Verliebtheit bekommen sie Zweifel und Fluchttendenzen, immer wieder sorgen sie für Distanz. Diese Abschottungsmanöver sind hochgradig verunsichernd. Eifersucht liegt da nahe. Das größte Stück Arbeit liegt in diesem Fall beim bindungsängstlichen Partner – wenn der sein Grundthema nicht angeht, nämlich seine Bindungsangst, hinter der meistens Verlustangst steckt, dann wird es nicht besser.

Kommen wir zurück zur begründeten Eifersucht nach einem Seitensprung.
Da muss man die Frage klären, was da los war. Und zwar nicht die Frage, was hatte sie, was ich nicht habe, was haben die genau gemacht oder war er besser im Bett als ich, sondern: Was hat es dem Partner bedeutet? Worum ging es wirklich? Affären beruhen oft darauf, dass jemand eine Lebendigkeit sucht, die in seiner Beziehung abhandengekommen ist, oder sein Selbstwertgefühl stabilisieren möchte. Wenn ein Paar es schafft, diese Krise zu überwinden, kann es auch daran wachsen. Wichtig ist, dass der Fremdgänger oder die Fremdgängerin danach die Verantwortung für den Treuebruch übernimmt und wieder Sicherheit gibt.

Wie gelingt das nach einem so großen Vertrauensbruch?
Nicht ständig nur sagen, dass es einem leidtut, sondern aktiv werden und auf die andere Person achtgeben. Zum Beispiel, indem man direkt anruft, wenn man zu spät kommt, und Bescheid sagt, dass man bald da ist. Der Betrogene muss sich aber auch überlegen, ob er verzeihen kann. Irgendwann muss er die negativen Gefühle loslassen, sonst ist die Beziehung ewig vergiftet.

Sollte man seinem Partner jeden Anflug von Eifersucht mitteilen?
Kommunikation ist sehr hilfreich. Sie schafft Vertrauen, wenn der Partner liebevoll und verständnisvoll reagiert. Außerdem unterstützt sie dabei, die Ursache der Eifersucht zu verstehen, und gibt dem Partner überhaupt erst die Chance, Rücksicht zu nehmen. Er kann dann auf Sachen verzichten, die ihm selbst nicht so wichtig sind: sich zum Beispiel auf einer Party den ganzen Abend mit derselben fremden Person zu unterhalten oder mit dem attraktiven Assistenten auf Geschäftsreisen zu gehen. Wobei es gerade ja eh keine Partys und kaum Geschäftsreisen gibt – Corona ist eine Wohltat für alle Eifersüchtigen.

Wobei die sozialen Medien doch auch viel Potenzial für Eifersucht bieten: Zum Beispiel, wenn der Freund ständig Bilder seiner Ex-Partnerin kommentiert oder die Freundin täglich mit dem hübschen Kollegen chattet.
Soziale Medien sind vor allem eine neue Projektionsfläche. Früher hat ein falscher Restaurantbeleg gereicht, um Anlass zur Eifersucht zu geben. Heute sind sowohl die Bilder als auch die Chatverläufe einsehbar. Wenn man sich sowas anschaut, stirbt man tausend Tode. Ich empfehle, das nicht zu tun, selbst wenn der Partner fremdgegangen ist. Handyschnüffeln bedeutet, dass man dem Partner nicht vertraut. Und dann muss man eher die Frage klären, woran das liegt. Insgesamt fliegen derzeit mehr Affären auf durch Spuren, die die untreuen Partner in den sozialen Medien oder in Textnachrichten hinterlassen.

Kann Polygamie eine Lösung für die Eifersucht sein?
Nein, das ist ja nur die Flucht nach vorn. Hinter den meisten Formen der offenen Beziehung steckt eine Bindungsangst. Menschen lassen sich nicht auf eine monogame Partnerschaft ein, weil die abhängiger macht. Wenn die eine Person mir das Herz bricht, habe ich keine Ersatzbank mehr. Ich stelle mich nicht der Angst, von nur einer Person verletzt zu werden, sondern umgehe die feste Bindung, durch die offene Beziehung. Wenn ich keine Treue erwarte, kann mich auch keiner betrügen. Das ist vor allem bei jüngeren Menschen der Fall.

Und bei älteren Paaren?
Man muss für offene Beziehungen sehr stabil und in sich ruhend sein. Ältere Ehepaare sind schon durch dick und dünn gegangen und haben eine sehr gute Vertrauensbasis. Außerdem wird die Eifersucht im Alter hormonbedingt geringer. Da kann man die Beziehung öffnen, um sexuell frischen Wind reinzubringen.

Das heißt, Eifersucht ist gut für das Sexleben?
Sex ist ein Mittel, um jemanden an sich zu binden. Das ist von der Natur so vorgesehen, damit Menschen sich schon in der ersten Verliebtheitsphase aufeinander festlegen. Wenn wir fürchten, unseren Partner zu verlieren, wird unser Bindungswunsch wieder größer, und das drückt sich auch im sexuellen Verlangen aus.

Wie muss eine Partnerschaft idealerweise sein, damit Eifersucht ihr nichts anhaben kann?
Damit man nicht eifersüchtig wird, muss die Beziehung viel Sicherheit bieten, aber zu viel Sicherheit tötet die Lust. Was Paare also brauchen, ist eine gute Balance. Sie sollten sich aufeinander verlassen können – und genau so viel Unsicherheit zulassen, wie die Partnerschaft aushalten kann.