Stillstand

Joana Mallwitz gilt schon in jungen Jahren als außergewöhnliche Dirigentin. Doch was jetzt, ohne große Bühne, ­lange Zeit auch ohne Live-Publikum? Über den Versuch, trotz Corona nicht aus dem Takt zu kommen.

Joana Mallwitz, 33 Jahre alt, wurde 2019 »Dirigentin des J­ahres«. Eigentlich war sie für die nächsten drei Jahre ausgebucht, aber seit März ist nun keine Woche mehr vorhersehbar.

Joana Mallwitz sagt: »Mahler lockt dich in eine wunderschöne, sehnsuchtsvolle Sphäre. Du lässt dich darauf ein. Du öffnest dich. Und dann kommt er fies von der Seite und sticht zu.«

Die Musik von Mahler passt in eine Zeit, in der die Welt aus den Fugen geraten ist.

Gustav Mahler, gestorben 1911 in Wien, unglücklich verheiratet, hat unter anderem zehn Sinfonien komponiert, die letzte blieb unvollendet. In die Noten schrieb er, wie seine Musik vorzutragen sei, »sehr zurückhaltend«

Am 16. März 2020 wird in Deutschland das Virus das Leben stilllegen, werden Schulen, Kitas und Geschäfte geschlossen, Konzerte abgesagt werden, und Joana Mallwitz wird den Satz

Zwei Tage zuvor fühlt es sich in der fensterlosen Münchner Oper an wie draußen auf dem Marienplatz, über den die Menschen in Trauben spazieren: als wäre nichts.

Sie schlägt die kleine Partitur mit der »Unvollendeten Sinfonie« von Franz Schubert auf. Die Sinfonie beginnt in Finsternis, tief in den Streichern. Eine Oboe schickt einen Lichtschein

Das Gesicht der Dirigentin, ihre Bewegungen zeigen einen Zustand der Glückseligkeit, einer Verliebtheit, vielleicht. Dann dunkelt ihr Ausdruck ein. Der Körper nimmt eine Angriffshaltung ein, die Schultern

Wenn Joana Mallwitz dirigiert, kann man die Musik sehen.

Es ist, als wollte sie noch einmal tief Luft holen, für das Publikum, für die Musiker, für

Die WHO hat das Coronavirus wenige Tag zuvor zur Pandemie erklärt. Der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat empfohlen,

Sie ruft: »Ja!«
Lässt die Arme sinken. Aus.
Sie sagt: »Aber.«

Es kann Musiker frustrieren, wenn

Sie sagt: »Hier muss das

Über Wochen hinweg hat sich

Ein Klarinettist: »Jetzt waren Sie es, die bremsen.«
Mallwitz: »Ich? Ich bremse?«
Der Klarinettist nickt: »Ja.«
Mallwitz: »Ich bessere mich.«
Sie lacht. Die Sonne geht auf.

Die Zeit, in der Dirigenten

Nach der Probenpause Mahler. Sie

Das Bayerische Staatsorchester hatte Mahlers

Schubert. Liszt. Mahler. Diese Stücke,

Sie schließt die Augen. Fünfzig

Bei Mahler ist es die

Für eine Dirigentin

»Hundert Leute können

Joana Mallwitz, 33 Jahre alt, ist außerhalb der Musikwelt nicht berühmt. Aber sie ist auf dem Weg dorthin. 2018 wurde sie Generalmusikdirektorin am Staatstheater Nürnberg. Im vergangenen Jahr wählte die Zeitschrift Opernwelt sie zur »Dirigentin des Jahres«, in den Jahren davor waren es Christian Thielemann, Kirill Petrenko und John Eliot Gardiner. Kritiker schrieben, bei Joana Mallwitz stimme »nun wirklich alles«, sie schaffe es, »große Geschichten aus der Musik herauszuarbeiten«, eine »Ausnahmedirigentin«.

Bei den Salzburger

Sie sagt: »Eine

Im Dezember haben

Wenn man Joana

Der Solo-Oboist ihres

Joana Mallwitz sagt:

Wenn Mallwitz spricht,

Sie will, dass

»Ungekünstelt« ist das

Mit dem Bild,

Jedenfalls kann man

Ende Januar 2020

In der Garderobe

Noch eine Dreiviertelstunde bis zum Auftritt. Joana Mallwitz wird eine unbekannte Oper dirigieren, Pénélope vom französischen Komponisten Gabriel Fauré. Es geht um Penelope, die nach zwanzig Jahren Abwesenheit ihres Mannes Odysseus nicht bereit ist, einen anderen zu heiraten. Ein eher inneres Drama. Schwer zu inszenieren. Mallwitz hatte das Projekt drei Jahre zuvor zugesagt. Sie reizte das unbekannte Stück, sie reizte die Rückkehr zum Frankfurter Orchester.

Damals wusste niemand,

Aber das sagt

In der nächsten

Der Orchesterwart öffnet

Auf der Bühne:

Das Leben kommt

Im Auto. Zum ersten Auftritt in einer Fernsehtalkrunde, Kölner Treff, WDR-Studio in Köln-Bocklemünd. Anspannung ablegen.

Ein Spiel zum

»Ruinieren Sie einen

»Der Tor in Venedig.«
Sie sagt nichts. Hört zu, vielleicht.
»Schuld und Sahne.«
Hm, hm.
»Frust. Der Tragödie zweiter Teil.«
Ein Lächeln, immerhin.

Man liegt nicht

Eine Viertelstunde später

Als die Fernsehkameras

Joana Mallwitz soll

Sie ist in

Man kennt von ihr die Geschichte, wie sie bei einer Aufführung der Madame Butterfly einsprang, sie war Anfang zwanzig und rannte durch Heidelberg, weil sie ein schwarzes Shirt für den Orchestergraben brauchte. Sie zog es links herum an.

Frage der Moderatorin:

Antwort: Man kriege

Zwischenfrage an Gianni

Antwort: »Ich bin

Heiterkeit, gelöste Stimmung.

Sie soll mal

Die Moderatorin fragt:

Antwort: »Nein. Jeder

Wenn ihre Antwort in einer Partitur stünde, hätte der Komponist attacca darüber geschrieben, so schnell schießt sie aus ihr heraus.

Später am Abend

Bülow hat ein

Er sieht Joana

Bülow hebt die Hände: »Ich komm nicht mehr mit.«
Sie muss laut lachen, ja klar, okay.
Die Welt ist weit und leicht an jenem Abend.

Vielleicht

Anruf

Es

»Es

Schluchzen.

Am

»Können

Eine

Mallwitz sagt: »Es ist niemand gestorben.«
Dunkler knöchellanger Mantel, Licht im Haar.
Sie sagt: »Mir passiert nichts.«
Tränen fließen über die Wangen. Irgendwo muss sie hin, die Musik, die Energie, die sich angestaut hat. Sie wischt die Tränen weg.
Sie sagt: »Es ist nur ein Konzert.«
Betretene Gesichter.

Auch

Mallwitz

Große

Sie

Die Wochen danach.
Die Bundesregierung ruft Deutsche zum freiwilligen Erntedienst auf.
Der Papst hält die Ostermesse im fast leeren Petersdom.
Der Ölpreis sinkt auf Rekordtief: Er wird negativ.
Die Deutsche Orchestervereinigung sammelt Spenden, die sie an freiberufliche Musiker vergeben will. Im besten Fall wären das bis zu 500 Euro, die sie pro Antrag auszahlen können. Anträge per ­E-Mail treffen minütlich ein.

Bayerns Ministerpräsident Söder spricht von Fußball und Fußpflege.
Bis Ende August sollen Großveranstaltungen verboten bleiben. Was Großveranstaltungen sind, definieren die Länder.
Nikolaus Bachler, der Intendant des Bayerischen Staatstheaters, sagt in einer Videobotschaft: »Ein Künstler, der nicht auftreten darf, ist kein Künstler.«

Anruf

Joana

Sie

Die

Einatmen.

Sie

Der

Es

Jetzt

Das Oktoberfest wurde abgesagt. Die Salzburger Festspiele finden statt, aber reduziert – weniger Publikum, weniger Konzerte. Kurz nach Pfingsten wieder ein Anruf vom Intendanten Hinterhäuser. Die mit den Wiener Philharmonikern geplante Zauberflöte wird es nicht geben, dafür eine andere Mozart-Oper mit dem berühmten Orchester: Così fan tutte. Zusammen mit dem Regisseur kürzt Joanna Mallwitz in nächtelangen Telefonaten die Oper auf eine Fassung, die keine Pause braucht, denn Pausen würden zu viele Menschen zusammenbringen. »Es kommt nicht darauf an, Erwartungen zu erfüllen«, sagt sie am Telefon. »Man muss das jetzt einfach machen.« Sie spricht schnell, sie freut sich, aber in den ver-gangenen Wochen hat sie gelernt, sich zu bremsen. »Wenn einer der Musiker sich mit Corona ansteckt, kann noch alles abgesagt werden.«

Wenn

Am

»Weißt du, was Fermate auf Italienisch heißt?«, fragt sie.
Was?
»Corona.«