Der Untergang

Nachrichten von ertrunkenen Flüchtlingen im ­Mittelmeer sind Alltag geworden. Was geschieht bei einer solchen Katastrophe? Und wie gehen Überlebende, ­Rettungskräfte und Angehörige mit ihren schrecklichen Erlebnissen um? Die Geschichte eines Boots­unglücks vor der griechischen Küste am 28. Oktober 2015 – und seiner Folgen bis heute.

Die Bilder, die in diesem Artikel vom ­Unglück zu sehen sind, stammen von der Syrerin Amel Alzakout. Sie filmte ihre Flucht von der Türkei nach Griechenland, auch die Fahrt übers Meer.

Unten schreien sie. Oben, an Deck, filmt die Kamera Gesichter von Menschen, die nicht verstehen, was los ist. »Ma fini shi … Mniha ana« – »Alles gut«, sagt eine Frau. »Mir geht’s gut.« Aber dann ruft jemand: »Nicht bewegen!« Jetzt fliegen Taschen über Bord, vor Kurzem noch in der Türkei gepackt, davor irgendwo in Syrien, im Irak und in Afghanistan. Letzter Besitz aus dem alten Leben, jene Dinge, die so wertvoll waren, dass sie nicht zurückgelassen werden konnten. Jetzt sind sie

Dann geht alles ganz schnell. Ein Mann springt in Panik über Bord, ohne Rettungsweste, ohne Rettungsring. Schreie, jetzt in Todesangst. Dann ist die Kamera im Wasser.

Es ist der 28. Oktober 2015, 15.10 Uhr, als das zweistöckige Holzboot zwischen dem türkischen Festland und der griechischen Insel Lesbos auseinanderbricht, an Bord mehr als 300 Flüchtlinge.

In Leipzig sitzt Amel Alzakout, eine zierliche Frau mit dunklen Locken, auf dem Wohnzimmersofa und starrt auf den Bildschirm ihres Macbooks,

Als es losging, als der Anruf kam, dass sie am 27. Okto­ber 2015 um fünf Uhr am Nachmittag ins Büro des

Menschen von hinten, eilig laufen sie auf dem Bürgersteig durch die Nacht von Istanbul zu einem Kleinbus. »Auf der Fahrt haben

Ein steiniger Trampelpfad, sie sind wieder zu Fuß unterwegs, der viel Müll zeigt: Hier waren schon sehr viele andere. Es ist

Eine Straße aus Asphalt, sie führt abwärts, zum Meer. Ein Paar, sie links, er rechts, in der Hand halten sie je

Amel floh 2013 in die Türkei, als ihre Verbindungen zur syri­schen Opposition zu gefährlich geworden waren, damals war sie 25. Zwei

Das Boot ist aus Holz, gut 20 Meter lang, Streben halten das Oberdeck. Viele, so viele Menschen sind schon an Bord,

»Anfangs«, sagt Amel, »hat es sich wie ein Abenteuer angefühlt.« Sie und Malek hätten gelacht, als sie am ­Vortag zum Büro

Khaled, Amels Freund seit zwei Jahren, genau zwei Jahren, der 27. Oktober ist ihr Jahrestag, ist zu diesem Zeitpunkt schon in

Sie dachten, auch für Amel gäbe es vielleicht einen Weg, nach Deutschland zu kommen, über Khaled, wenn er als Flüchtling anerkannt

In Leipzig holt sie die Kamera aus dem Wohnzimmerregal und macht es vor: Sie zieht den Ärmel über das Kameragehäuse,

Das Boot legt ab. Das Wetter ist zu diesem Zeitpunkt gut und Europa nah. Nur gut zehn Kilometer sind es vom

Im Oktober 2015 brachen so viele Boote von der Türkei in Richtung der griechischen Inseln auf wie noch nie. Mitte des

Deutsche Presse-Agentur dpa, 18. Oktober 2015: »In der ­Ägäis sind am Wochenende mindestens 21 Bootsflüchtlinge ums Leben gekommen.«

dpa, 25. Oktober 2015: »Bei stürmischem Wetter ist am Sonntagmorgen wenige Kilometer östlich der Ägäisinsel ­Lesbos ­erneut ein Flüchtlingsboot gekentert. Mindestens drei Menschen – eine Frau und zwei Kleinkinder – kamen im Wasser ums Leben.«

dpa, 26. Oktober 2015: »Bei der Überfahrt in einem Schlauchboot mit Dutzenden Flüchtlingen ist am Montagmorgen vor der griechischen Insel Lesbos eine Frau ums Leben gekommen. Das Boot wurde von stürmischen Winden an eine felsige Küste gedrückt.«

Eine kurze Meldung, wieder ein Boot, wieder Tote. Keine Eilmeldung, kein Brennpunkt nach der Tagesschau. Es waren so viele Unglücke 2015, ausführlicher wurde nur noch berichtet, wenn die Zahl der Toten bei einem Unglück besonders hoch war. Und auch dann bleiben die Opfer namenlos, das Ende ihres Lebens eine Zahl. Wer diese Menschen waren, darüber wird in der Regel nichts bekannt. Medien berichten nicht über sie, wie sie es nach einem Anschlag oder einer Katastrophe wie einem Flugzeugabsturz tun. Politiker legen keine Kränze auf Gedenkveranstaltungen nieder. Dabei hinterlässt jedes Bootsunglück Menschen, die es nie vergessen werden.

Jene, die

Als das

dpa, 28. Oktober 2015: »Ein großes Fischerboot mit zahlreichen Flüchtlingen an Bord soll nach Berichten griechischer Medien vor der Küste der Insel Lesbos gekentert sein.«

Kurz nachdem

Ins Wasser

Nasar Salehi

Nabi Pakaar

Zwei Freunde

Eric Kempson,

Am Nachmittag

Auf Erics

Die panischen

Amel hat

Dass im

15.36 Uhr:

Òscar Camps,

Amel Alzakout:

Òscar Camps:

Einzelne zu

Auch Amel

16.22 Uhr:

Òscar Camps

Amel Alzakout:

Was die

Kaya Omari,

Amel Alzakout:

Es gibt

Molyvos heißt

Die Norwegerin

Am 28.

16.48 Uhr: Jeder, der Wiederbelebungsmaßnahmen kann, zum Hafen JETZT
16.48 Uhr: ERSTES BOOT HAT 10 bewusstlose Kinder
16.49 Uhr: JETZT JETZT JETZT
16.49 Uhr: ALLE SANITÄTER IN ZELTEN DIE NICHT LEBENSRETTENDE DINGE TUN JETZT HIERHER

Der Hafen

Charly Vestli: »Es waren so viele Kinder …«
Eric Kempson: »Es war verrückt. Niemand war darauf vorbereitet. Niemand. Kinder wurden wiederbelebt, es lagen Leichen herum.«
Charly Vestli: »Es dauerte ewig, bis ein Krankenwagen kam.«
Eric Kempson: »Da war ein Mann, klatschnass, zitternd, und er schrie … Er hatte seine Frau und zwei Kinder ­verloren.«
Charly Vestli: »Ich erinnere mich an einen kleinen Jungen, er war vielleicht sieben. Sie hatten ihn wiederbelebt, und jemand drückte ihn mir in die Arme und sagte: Sieh zu, dass er am Leben bleibt. Also saß ich da und habe versucht, ihn warmzurubbeln und vor dem Wind zu schützen, und habe gesagt: Bleib bei mir, bleib bei mir …«
Philippa Kempson: »Es hat alle zerstört. Dieser Tag hat alle zerstört.«

Amel und

Erinnerungen an

Charly Vestli:

Um 17.51

Wenn ein

In Molyvos, wohin die meisten Überlebenden gebracht wurden, öffnet an diesem Abend die Kirche für sie. Charly verbringt dort die Nacht mit Rahila, das ist das Mädchen, das seine Familie sucht. Um die Identität des Mädchens zu schützen, haben wir den Vornamen geändert, der wahre Name ist dem SZ-Magazin bekannt.

Noch gibt

Am Morgen

Am Hafen

Rahila wird

Rouna Azemi

Die Geschwister

Ein schmuckloses

Betreff: sehr dringende Anfrage – ­Suche nach der Familie Pakaar aus Afghanistan

Liebe Kollegen,
im Anhang finden Sie eine Suchanfrage bezüglich der Familie Pakaar. (…) Die Familie, die aus den Eltern, drei Söhnen und einer Tochter besteht, beabsichtigte, am 28.10.2015 auf einem Boot von der Türkei nach Lesbos zu reisen.
Die suchende Person hat erfahren, dass das Boot vor Lesbos gesunken ist und dass viele Passagiere gestorben sind. Die suchende Person, die Schwester von Dr. Nabi Pakaar, forscht verzweifelt nach Informationen über das Schicksal ihrer Liebsten.

Beim Deutschen

Doch als

Es gibt

2015 wurden

In Kato

Von Nabis

Sie und

Betreff: dringende Anfrage – Familie Pakaar aus Afghanistan

Liebe Kollegen,
Dr. Nabi Pakaar und seine Frau Najiba ertranken in der Nähe der Insel Lesbos. (…) Unsere Auftraggeberin sucht nun die Kinder ihres Bruders, die Ähnlichkeit haben mit überlebenden Kindern, die auf einem Medienfoto zu sehen sind.

Rouna und

»Gar

Charly

Amel

Was

Khaled,

Kaya Omari und Waleed Jamal, die ihre älteste Tochter Aleyna bei dem Unglück verloren haben, leben ebenfalls in Deutschland. In ihrer Flüchtlingsunterkunft bei Köln erzählen sie einer Betreuerin, dass sie einen der Männer, der für sie in Istanbul die Überfahrt organisiert hatte, auf Facebook erkannt hätten. Der Mann schien inzwischen auch in Deutschland zu leben. Die damalige Betreuerin erinnert sich heute an ein Paar, dem man seine Trauer ansehen konnte, und an die Bestimmtheit, mit der die beiden sagten: Wir wollen diesen Mann melden! Sie geht am 1. Februar 2017 zur Polizei. Kaya Omari und Waleed Jamal haben Deutschland inzwischen verlassen und möchten nicht mit dem SZ-Magazin über das Unglück sprechen. Aber ihre Aussage stieß damals die Ermittlungen an, die in einem Prozess endeten.

Weil der Beschuldigte sich tatsächlich in Deutschland aufhielt, ermittelte nun die Bundespolizei – mit großem Aufwand. Über mehrere Monate hinweg wurde ein verdeckter Ermittler auf den Verdächtigen angesetzt. Am 25. Oktober 2017 wurde er verhaftet und später zu sechs Jahren Gefängnis in Deutschland verurteilt. Über seine Biografie ist ­wenig bekannt, außer dass er aus Bagdad kommt und inzwischen 30 Jahre alt ist. Er schwieg vor Gericht, mehrere Anfragen des SZ-Magazins über seine damaligen Verteidiger lehnt er ab.

Unbestritten

Farooq

Eine

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Nabis

Farooq

Leichen

Trauer

Farooq

Farooq

Amel hat aus den Bildern, die ihre Kamera aufgenommen hat, ­zusammen mit Khaled einen Film gemacht. Er heißt Purple Sea und wurde dieses Jahr in einem Nebenprogramm im Rahmen der Berli­nale gezeigt. Sie sagt, der Film war für sie wie eine Therapie. Amel und Khaled haben inzwischen eine Tochter, vor Kurzem ist sie zwei geworden. Seit sie Mutter ist, denkt Amel wieder öfter an den 28. Oktober und die Zeit im Wasser. Ein Gedanke kommt immer wieder: Wie lange hätte sie es geschafft, ihre Tochter über Wasser zu halten?

Charly

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Kurz

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dpa, 12. November 2020: »Beim Untergang eines Bootes mit Flüchtlingen sind vor der Küste Libyens mindestens 74 Menschen ertrunken.«

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