Land in Sicht

Oft das Schönste an einer Seereise ist die Hafeneinfahrt. Acht Kapitäne beschreiben ihre Lieblingshäfen.

Aasiaat, Grönland
Kapitän: Mark Behrend Alter: 52 Nationalität: deutsch Kapitän seit: 11 Jahren Aktuelle Route: von Kiel via Island nach Grönland und zurück nach Hamburg Reederei: Hapag-Lloyd Kreuzfahrten Schiff: MS Europa, 408 Passagiere

»Der kleine Hafen liegt am südlichen Eingang der faszinierenden Diskobucht. Dort lässt der riesige Eisfjord Kangia das Eis seiner Gletscherkante am Tag bis zu fünfzig Meter weit ins Meer fließen. Die Einfahrt wird dadurch zu einer Attraktion für die Passagiere und einer Herausforderung für den Kapitän. Schon öfter haben wir in Piernähe Buckelwale in Gruppen beobachten können. Jeder weiß, wie Wale aussehen, aber diese Tiere wirklich zu hören, ist etwas ganz anderes. Diese friedfertigen Giganten kommen dem Schiff manchmal so nahe, dass ihr lauter Blas, der meter-hohe Ausstoß ihrer Atemluft, unser Herz schneller schlagen lässt. Einmal waren wir schon kurz vor dem Anlegen an der Pier, und die Wale sind um das Schiff geschwommen und aus dem Wasser gesprungen.«

Meistgelesen diese Woche:

Bonifacio, Korsika
Kapitän:
Sergey Komakin Alter: 41 Nationalität: russisch Kapitän seit: 3,5 Jahren Aktuelle Route: Mittelmeerroute, Start und Ziel: Venedig Reederei: Sea Cloud Cruises Schiff: Windjammer Sea Cloud, 65 Passagiere

»Jedes Schiff muss sich in den Hafen zwängen, vorbei an Felsen und Klippen, die höher sind als die Masten der einfahrenden Boote. Der Blick für die Passagiere ist fantastisch: Die Einfahrt ähnelt einem Tunnel, dahinter liegen die wunderschönen Anlegestellen mit französischen Cafés und kleinen Restaurants, die ausgezeichnete Meeresfrüchte servieren. Man kann sogar beobachten, wie die Fischer mit ihrem Fang vom Meer zurückkommen. Immer wenn ich da bin, setze ich mich allein in das winzige Restaurant namens ›Les Quatre Vents‹ und schaue mir die Boote und Menschen an. Beim Herausfahren aus der Bucht beträgt der Abstand zwischen den Bordwänden und den Felsen nur etwa fünf Meter - das ist eine Herausforderung für jeden Kapitän. Zurück auf dem Meer trinken alle Passagiere zusammen ein Glas Champagner, um die unbeschadete Ausfahrt zu feiern.«


Rio de Janeiro,
Brasilien
Kapitän: Ignazio Giardina Alter: 54 Nationalität: italienisch Kapitän seit: 14 Jahren Route: Asienreise, von China nach Korea Reederei: Costa Crociere Schiff: Costa Serena, 3.800 Passagiere

»In den Hafen von Rio de Janeiro gelangt man auf dem Seeweg durch die Meeresbucht von Guanabara. Immer wenn ich dort mit dem Schiff einfahre, bin ich ein bisschen aufgeregt, weil ich mich so freue. Die Bucht ist wirklich besonders. Sie ist umgeben von hohen Bergen wie dem ›Pao de Acucar‹, dem berühmten Zuckerhut-Felsen und dem ›Corcovado‹. Vom Schiff aus kann man schon bei der Einfahrt die riesige Jesus-Statue auf dessen Gipfel sehen. Das finde ich jedes Mal wieder beeindruckend. Die Atmosphäre ist schon bei der Hafeneinfahrt ganz anders als bei europäischen Häfen; man spürt die brasilianische Lebensfreude geradzu. Erst recht, wenn der berühmte Karneval gefeiert wird. Die Tänzer, die Farben, die Musik und das Lebensgefühl der Menschen, das alles ist einzigartig.«

Hamburg, Deutschland
Kapitän: Nico Berg Alter: 40 Nationalität: dänisch Kapitän seit: 7 Jahren Route: Westliches Mittelmeer, Start und Ziel: Palma de Mallorca Reederei: Aida Cruises Schiff: AIDAaura, 1500 Passagiere

»Es gibt nichts Schöneres, als morgens die Elbe hochzufahren und in den Hafen einzulaufen. Normalerweise geht in den Sommermonaten, wenn das Schiff fast die Landungsbrücken erreicht hat, die Sonne hinter dem Michel auf. Diesen Blick finde ich einmalig. Obwohl ich als Seemann auf der ganzen Welt zu Hause bin, fühlt es sich in Hamburg an, als würde ich tatsächlich nach Hause kommen. Ich habe früher Hafenrundfahrten in Hamburg geleitet, deswegen überkommt es mich auch immer wieder: Wenn wir mit dem Schiff einfahren, muss ich mir das Mikrofon packen und den Passagieren erzählen, was es links und rechts zu sehen gibt. Ich kann allen Reisenden auch nur empfehlen, eine Hafenrundfahrt zu machen und mit einer kleinen Barkasse durch die Speicherstadt zu fahren. Auch wenn das Kreuzfahrtschiff aus dem Hafen ausläuft, ist die Begeisterung der Touristen, die unten an den Landungsbrücken stehen und winken, einfach fantastisch.«

La Spezia, Italien
Kapitän: Giuliano Bossi Alter: 70  Nationalität: italienisch Kapitän seit: 37 Jahren Route: Westliches Mittelmeer, Start und Ziel: La Spezia Reederei: MSC Cruises Schiff: MSC Divina, 3502 Passagiere

»Für mich ist dies die aufregendste Ein- und Ausfahrt, denn ganz in der Nähe, in Manarola, wurde ich geboren. Häufig findet die Einfahrt frühmorgens statt, bei sanftem Licht, das die Landschaft noch reizvoller wirken lässt. Linker Hand öffnet sich ein beeindruckender Blick auf die Insel Palmaria, rechts liegt der malerische Ort Lerici mit seiner Festung, die über dem Hafen thront. Die Landschaft an der Küste gehört zum Nationalpark Cinque Terre und ist wunderschön - sie zählt ja auch zum Weltkulturerbe der Unesco. Vom Meer aus sieht man die Schönheit und Einmaligkeit der fünf in die steilen Felsen gebauten Orte viel besser als auf dem Land. Bei der Ausfahrt höre ich immer Con Te Partirò, gesungen von Andrea Bocelli, der ebenfalls in dieser Gegend wohnt.«

Svolvaer, Norwegen
Kapitän: Rune Andreassen Alter: 47 Nationalität: norwegisch Kapitän seit: 10 Jahren Aktuelle Route: Longyearbyen – Umrundung von Svalbard, Spitzbergen – Longyearbyen Reederei: Hurtigruten AS Schiff: MV Fram, bis zu 318 Passagiere

»Die Einfahrt in meinen Heimathafen Svolvaer auf den Lofoten ist, wie viele an der Küste Norwegens, relativ schmal und mit einem großen Schiff muss man sehr vorsichtig navigieren. Manchmal ist es sehr windig und das Schiff gerät durch die Wellen ins Schwanken. An Land umgeben hohe Berge kleine Fjorde und Fischerdörfer. Ich liebe diese Landschaft um den Hafen zur Sommerzeit, wenn die Mitternachtssonne scheint, genauso wie im Winter, wenn ich die Nordlichter sehen kann. Dann wechseln die Farben zwischen starkem rot, grün und lila und tauchen die Berge in ihr Licht. Ganz am Beginn der Hafeneinfahrt steht auf einem Felsen eine kleine Statue, die ›Fiskerkona‹ genannt wird, das bedeutet ›Die Frau des Fischers‹. Die Skulptur zeigt eine Frau, die ihrem Ehemann zuwinkt, während der auf dem offenen Meer fischt. Sie begrüßt ankommende Schiffe. Wenn wir mit dem Schiff den Hafen verlassen, sagt sie Lebewohl und wünscht uns eine sichere Reise.«

New York, USA
Kapitän:
Marc-Dominique Tidow Alter: 34 Nationalität: deutsch Kapitän seit: einem Jahr Route: Transatlantik, Start: Kiel Ziel: New York Reederei: Aida Cruises Schiff: AIDAluna, 2000 Passagiere

»Schon bei der Ansteuerung, relativ weit draußen auf See, fährt das Schiff an Long Island vorbei. Bei der Einfahrt selbst ist es immer noch dunkel, und wir passieren die Verrazano-Narrows Bridge, die riesige Brücke, die Brooklyn und Staten Island verbindet. Dann geht es an der Freiheitsstatue vorbei in den Hafen. Aber das Schönste bei der Fahrt den Hudson River entlang ist der Sonnenaufgang hinter der Stadt: Man kann von der erhöhten Position des Schiffes in die einzelnen Straßen New Yorks hineinsehen. Auch die Gäste stehen schon um fünf Uhr morgens auf, stehen mit einer Tasse Kaffee in der Hand an der Reling und beobachten, wie das Schiff auf Manhattan zusteuert. Diese Einfahrt wird für mich nie zur Routine werden.«

Genua, Italien
Kapitän: Paolo Benini Alter: 47 Nationalität: italienisch Kapitän seit: 8 Jahren Route: derzeit keine Reederei: Costa Crociere Schiff: Costa Pacifica, 3.780 Passagiere

»Die Hafeneinfahrt Genuas im ligurischen Teil Italiens ist so schön für mich, weil die Berge und die Stadt so nah sind. Vom Schiff aus hat man einen wundervollen Blick auf die Stadt, die direkt am Hafen anfängt und bis hoch in die Berge gebaut wurde. Alle Straßen sind sehr schmal, zwischen den einzelnen Häusern kann man manchmal kaum Durchgänge sehen. Die ligurische, italienische Landschaft, die Genua umgibt, ist einzigartig. Ich denke dabei sofort an Portofino und die Cinque-Terre, die sich in der Nähe befinden. Früher hieß es zwischen den Kapitänen immer, man müsse Genua immer aus dem Osten ansteuern, um sicher in den Hafen einlaufen zu können. Heutzutage verwenden wir zwar die neueste Technik auf unseren Schiffen, aber manchmal sollte man überliefertem, nautischen Wissen vertrauen. Ich fahre Genua also immer, wenn es mir möglich ist, von Osten an und folge dieser alten Seemannsweisheit.«

Illustrationen: Paula Troxler

Artikel teilen: