Warum Ihr Smartphone Sie nicht versteht

Es heißt immer, ­Algorithmen seien unheimlich schlau und ­würden jeden Menschen durchschauen. Aber was tun, wenn ein Algorithmus ­ziemlich ­begriffsstutzig ist?

Wer bin ich, und wenn ja, wie viele Male muss ich das erklären?

Illustration: Nadine Redlich

Hey, du siehst aus, als würdest du voll auf Blink-182 stehen! Ich zucke zusammen. Auf einer Party würde ich versuchen, die Provokation cool zu ignorieren, um dann hektisch zu überlegen, was mich als Fan der Pop-Punker kennzeichnen könnte: die Hose? Das Shirt? Ich trage heute doch gar keinen Kajal!

Aber tatsächlich: Für dich empfohlen, steht auf dem Smartphone, Blink-182 mit »Stockholm Syndrome«. Ich habe nie freiwillig einen Song dieser Band gehört. Dabei ist der Spotify-Algorithmus doch dafür berühmt, dass er neue Musik auf Basis »deiner Vorlieben und Interessen« liefert: maßgeschneidert, nur für mich! Ich fühle mich unverstanden.

Okay, ich habe es dem Spotify-Programm nicht leicht gemacht. Ich meldete mich nach einer siebenjährigen Pause wieder bei dem Musikstreaming-Dienst an. Willkommen zurück, jubelte das Programm und spielte meine Greatest Hits von 2013, Shoegazer-Mucke, Indierock, laut, schnell, verschwurbelt. Woher soll Spotify auch wissen, dass ich in eine andere Stadt zog, Vater wurde und heute auch gern verträumten Hip-Hop oder skandi­navische Filmmusik höre? Der Algorithmus hält nun aber sehr hartnäckig zu meinem 2013-Ich und ignoriert mein 2020-Ich. Es gibt leider keine Möglichkeit, dem Algorithmus zu schreiben (»Bisschen weniger Schlagzeug wäre nett«). Mein Spotify-Rätsel führt mich zur Frage, wie man Missverständnisse mit Algorithmen aufklärt: Wie mache ich Amazon klar, dass das Harry Potter-Buch ein Geschenk war und nicht ewig in meinen Literatur-Empfehlungen auftauchen soll? Wie helfe ich Algorithmen, mir zu helfen?

Algorithmen oder, wie es auch heißt, maschinenbasierte Entscheidungssysteme, sind allgegenwärtig. Der Begriff wird oft synonym mit künstlicher Intelligenz und Big Data verwendet. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung wünschen sich 74 Prozent der Europäer eine stärkere Kontrolle von Algorithmen – 48 Prozent wissen allerdings nicht, was das genau ist. Der Begriff Algorithmus, schreibt die Informatik-Professorin Katharina Zweig in ihrem Buch Ein Algorithmus hat kein Taktgefühl, geht auf den arabischen Mathematiker Al-Chwarizmi zurück, der im neunten Jahrhundert lehrte, und beschreibt »festgelegte Handlungs­anweisungen, um klar definierte mathematische Probleme zu lösen«.

Dieses Problem kann die richtige Anordnung von Web-Inhalten über Donald Trump sein, der kürzeste Weg von A nach B oder die Playlist für die Fahrt zum Strand. Algorithmen und

Wenn du A siehst, erwarte B. Der Algorithmus will also nicht genau wissen, warum es mir wie geht, es reicht ihm, mich in 99,5 Prozent der Fälle zu durchschauen.

Und was kann man jetzt tun, wenn man mit der Arbeit der Algorithmen nicht zufrieden ist? »Man muss ja nicht beim Musik-streaming mitmachen«, sagt Katharina Simbeck. »Etwas anderes ist

»Big-Data-Algorithmen könnten die Freiheit auslöschen und gleichzeitig die ungleichsten Gesellschaften schaffen, die es je gegeben hat«, schreibt der israelische Historiker Yuval Noah Harari in 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert. Mein Spotify-Problemchen hat in diesem Kontext keine Bedeutung, außer dass mir bewusst wird, wie einsam man vor einem System steht, das keine Einspruch-Funktion vorsieht. Menschen sind gegenüber Algorithmen nicht hilflos, darauf besteht Katharina Simbeck. »Sie dürfen die Songauswahl nicht einfach hinnehmen, ­sondern müssen durch Bewertungen permanent Feedback geben.« Herzchen für Drake und Anderson Paak. Daumen runter für Blink-182. Die Algorithmen brauchen viel Input. Die Methode, die uns Arbeit abnehmen soll, erfordert viel Arbeit, damit sie funktioniert – schon ein bisschen ironisch.