»Mit begrenzten Mitteln entsteht oft etwas Kreativeres«

Die Inneneinrichterin Marianne Evennou schafft es, winzige Wohnungen großzügig wirken zu lassen. Im Interview verrät sie ihre wichtigsten Einrichtungstipps für kleine Räume.

Die Treppe ist gleichzeitig ein Schrank, der Treppenabsatz ein Schreibtisch. So richtet Marianne Evennou Mini-Appartements ein.

Foto: Stephanie Füssenich

SZ-Magazin: Paris ist berüchtigt für seine Zehn-Quadratmeter-Wohnungen, und Sie sind bekannt dafür, solche Wohnungen nicht nur sehr hübsch einzurichten, sondern auch so, dass man gern darin wohnt – sogar zu zweit. Woher rührt Ihr Interesse?
Marianne Evennou: Ich mag kleine Wohnungen. Es sind ja meistens die Dachkammern, in denen früher die Bediensteten gelebt haben. Und sie sind ein Phänomen unserer Zeit: Wohnraum in Paris wird immer teurer und knapper – da sind die Kammern oft das, was gerade noch erschwinglich ist.

Für wen?
Bis vor zehn, 15 Jahren waren das typische Studentenwohnungen. Als ich vor vierzig Jahren studiert habe, war das noch anders: Da konnten Sie sich auch vom Mindestlohn eine 35 Quadratmeter große Wohnung leisten. Heute wäre beides undenkbar. Selbst wenn Sie den Mindestlohn von rund 1500 Euro im Monat verdienen, reicht das nach Abzug der Steuern nicht mal mehr für eine winzige Wohnung in der Innenstadt. In­zwischen stürzen sich alle auf diese Mini-Wohnungen, es ist eine ganz neue Schicht eingezogen, in der Regel Menschen, die Geld haben: erfolgreiche Freiberufler, oft Künstler, die sich ein Atelier einrichten, Leute, die im Ausland leben und in Paris ihren Zweitwohnsitz behalten möchten. Oder aber junge Leute, die ihre erste Wohnung kaufen und ein knappes Budget haben, wie meine Kundin Catherine, die bei einem bekannten Modemacher arbeitet und sich mit 30 eine elf Quadratmeter kleine Dachkammer geleistet hat.

Wie viel kostet so eine Miniwohnung?
Das kommt darauf an, in welchem Zustand sie ist, in welchem Zustand das Haus ist, in welchem Viertel sie liegt und so weiter. Ich habe eine Kundin, die sich eine 20 Quadratmeter große Wohnung in Saint-Germain-des-Prés gekauft hat, einem teuren Viertel von Paris. Sie hat mehr als 17000 Euro pro Quadratmeter bezahlt. Andererseits gibt es auch einen Hoffnungsschimmer: Das 16. Arrondissement zum Beispiel, das immer als Inbegriff des noblen und teuren Paris galt, wird gerade erschwinglicher. Die Quadratmeterpreise bewegen sich dort um die 10000 Euro, in der Folge ziehen immer mehr Familien hin, und das Viertel verjüngt sich.

Um eine Wohnung zu mieten, muss man in Paris laut Mietspiegel monatlich fast 40 Euro pro Quadratmeter zahlen. Das können sich Studenten kaum leisten. Wo wohnen die heutzutage?
Der Platz ist ja begrenzt, Paris hat etwa doppelt so viele Einwohner wie Berlin, dabei ist die Stadt nicht einmal halb so groß. Junge Leute und andere Menschen mit geringem Einkommen müssen sich etwas einfallen lassen – Wohngemeinschaften bilden, einen Untermieter dazunehmen. Wenn man sehr verliebt ist, hält man es auch zu zweit auf engem Raum aus. Sobald Kinder dazukommen, wird es schwierig. In Paris pferchen sich junge Familien mit zwei oder drei Kindern oft notgedrungen in eine Zwei-Zimmer-Wohnung. Oder sie gehen weg aus Paris, in die Vororte, aufs Land.

Was reizt Sie als Einrichterin an kleinen Wohnungen?
Ich will zeigen, dass man auch daraus kleine Schlösser machen kann. Im Übrigen bin ich wohl auch bekannt, weil ich solche Aufträge überhaupt annehme. Viele Innenarchitekten lehnen sie ab, weil man mit größeren Wohnungen mehr Geld verdient.

Wie viel kostet es, eine kleine Wohnung von Ihnen einrichten zu lassen?
Mein Honorar bemisst sich an den Gesamtkosten der Renovierungsarbeiten, ich bekomme zehn bis 15 Prozent davon. Bei einem Renovierungspreis von 2000 bis 3000 Euro pro Quadratmeter können Sie es sich ungefähr ausrechnen.

Ist es schwieriger, ein Mini-Appartement einzurichten als eine große Wohnung?
Nein, das ist ein Irrglaube. Mit begrenzten Mitteln entsteht oft etwas Kreativeres. Menschen, die viel Platz zum Wohnen haben, halten sich im ­Übrigen meis­tens im selben Zimmer, sogar in derselben Ecke auf. Wahrscheinlich brauchen wir eine Umgebung, die nicht überproportioniert ist, um uns sicher zu fühlen.

Wie stellen Sie es an, auf zehn Quadratmetern eine
Toilette, ein Bad und einen Kleiderschrank unterzu-
bringen?
Man braucht vielleicht ein bisschen mehr Pragmatismus als in einer großen Wohnung. Toilette und Dusche bringt man in einem Bad mit einem kleinen Waschbecken unter. Die Treppe, die zum Bett auf der Galerie führt, ist zugleich Bücherregal, unter einer Stufe lässt sich Stauraum schaffen. Viele Möbel sind maßgefertigt. Jedes Möbelstück und jeder Gegenstand müssen einen Nutzen erfüllen. Für Überflüssiges ist kein Platz.

Gefängniszellen in Frankreich sind durchschnittlich neun Quadratmeter groß, kleinere Flächen zum Wohnen zu vermieten ist rechtswidrig – und Sie sagen, es komme nicht so auf die Fläche an?
Natürlich ist es sehr schwierig, auf neun oder zehn oder elf Quadratmetern zu leben, da braucht man sich nichts vorzumachen. Sowas ist ein personalisiertes Hotelzimmer. Man kann darin schlafen, sich waschen und essen, Raum zum Leben hat man nicht.

Was sollte man vermeiden, wenn man eine sehr kleine Wohnung einrichtet?
Alle Wände einzureißen in der Hoffnung, dadurch einen gro­ßen Raum zu schaffen, um soviel Fläche wie möglich rauszuholen – und am Ende noch alles in Weiß zu streichen. Das ist die beste Methode, um sich wie in einer unpersönlichen Box zu fühlen. Und Schlafsofas! Ich finde sie fürchterlich hässlich und sperrig. Ich habe lieber eine Liege oder ein ganz einfaches Bettgestell, das sich mit einem Überwurf und ein paar Kissen tagsüber in eine Couch verwandeln lässt.

Sie verwenden immer Farben, wirkt das nicht besonders in winzigen Wohnungen unruhig?
Mit Farben kann ich die Wohnung unterteilen, denn auch eine Miniwohnung braucht ­einen Eingangsbereich, einen Wohnbereich, eine Küche. Farben tragen dazu bei, dass man sich nicht wie in einer Schachtel fühlt. Ich tue alles, damit ein Gefühl von Tiefe entsteht.

Wie schafft man Tiefe in kleinen Wohnungen?
Ich spiele mit Fenstern.

Wie das?
Hat eine Wohnung zwei kleine Räume, breche ich die Wand durch und setze ein Fenster mit Metallsprossen ein, wie sie früher in Fabriken üblich waren. Oder ich verbinde die Küche durch einen offenen Tresen mit dem angrenzenden Raum. Hat die Wohnung, vom Bad abgesehen, nur einen Raum, setze ich zum Beispiel eine kleine Milchglasscheibe in die Badtür ein, oder ich schließe in der Küche einen Hängeschrank mit Fens­terglas statt mit Holztüren. So kann der Blick wandern. Ich verabscheue das Gefühl, eingesperrt zu sein.

Wenn man in einer Mietwohnung lebt, kann man nicht einfach Wände einreißen oder eine Galerie einbauen – was macht man dann, um Raum zu gewinnen?
Auch wenn die Mittel nicht die gleichen sind, bleibt das Prinzip das gleiche: Man versucht, fließende Übergänge zu schaffen. Der Eingangsbereich lässt sich mit einem Vorhang, einem gro­ßen alten Spiegel oder einer Art kleinem Raumteiler aus Holz begrenzen, den man streicht. Wenn Ihnen der Flur langweilig erscheint, malen Sie falschen Stuck auf und tapezieren die Wand mit schönen Fotos. Leis­ten Sie sich schöne Griffe für den Schrank. Lieber wenige und dafür gute Sachen. Es gibt kein Geheimrezept, um einen kleinen Raum in ein behagliches Refugium zu verwandeln – höchstens das Vergnügen, ihn als die Höhle zu betrachten, die wir uns als Kinder gebaut haben. Die sogenannte Hütte von Le Corbusier an der französischen Riviera ist das perfekte Beispiel dafür, wie man 15 Quadratmeter funktional, ergonomisch und vor allem poetisch, in einer ganz eigenen Sprache, gestalten kann.

Erinnern Sie sich an die kleinste Wohnung, die Sie eingerichtet haben?
Es war wohl die Wohnung meiner Freundin Anne-Marie mit elf Quadratmetern. Die hatte eine Deckenhöhe von 2,20 Metern – Catherine hat in etwa die gleiche Grundfläche, aber bei ihr war der Raum höher, sodass wir unter dem Dach eine Galerie einziehen konnten. Bei Anne-Marie haben wir es geschafft, die Decke zumindest etwas höher zu machen, sodass sie über dem Wohn- und Kochbereich eine Schlaf­koje hat, die sie über eine kleine Treppe erreicht. Natürlich ist es gut, wenn man in so einer kleinen Wohnung nach oben etwas Platz schaffen kann, aber es geht auch ohne Treppe. Das Elementare bekommt man immer unter.

Wie viele Quadratmeter braucht man mindestens zum Leben?
Das hat mit der jeweiligen Kultur zu tun. In Japan haben die Menschen wenig Platz, sie rollen ihren Futon tagsüber zusammen und räumen ihn weg. Es kann ja auch eine Philosophie sein, mit wenig auszukommen. Aber ich habe leicht reden, wir leben auf dem Land in einem Haus mit 300 Quadratmetern.

Was ist der größte Luxus in einer Wohnung?
In Paris sicherlich Platz. Und dann alles, was nicht veränderbar ist: das Viertel, das Licht, der Lärm. Welchen Blick man nach draußen hat. Wie die ­Wohnung aussieht, ist eigentlich egal, da kann man immer was draus ­machen. Wichtig ist das Drumherum. Wenn das hässlich ist, kann man es nicht ­ändern.

Wo würden Sie hinziehen, wenn Sie wegmüssten?
In die Niederlande vielleicht, wo ich einen Teil meiner Kindheit verbracht habe. Oder nach San Francisco? Mein Mann liebt New York, aber ich weiß nicht, ob ich dort leben wollte, ich brauche etwas Milde.

Finden Sie die in Paris?
Nein, Paris ist eine harte Stadt. Ich beobachte hier ein Elend und eine Armut, die es noch vor zehn Jahren nicht gab. Ich sehe ganz normale Menschen auf dem Bürgersteig campieren, weil sie sich keine Wohnung mehr leisten können. Vor Geschäften und Kaufhäusern schlagen nachts Obdachlose ihr Lager auf. Und ich habe das Gefühl, dass die Stimmung immer aggressiver wird. Es läuft hier ständig jemand schreiend einem Dieb hinterher, der ihm das Handy geklaut hat. Letztens ist hier ein Busfahrer mit einem ­Autofahrer aneinandergeraten, wegen irgendeiner Kleinigkeit. Beide sind ausgestiegen und haben sich angeschrien, und als der Mann zurück zu seinem Auto gegangen ist, hat der Busfahrer ihn umgefahren. Absichtlich.

Paris ist auch deshalb so beengt, weil Häuser in den Innenstadtbezirken höchstens 25 Meter hoch sein dürfen und das Stadtgebiet nur bis zur Ringautobahn reicht – unmittelbar jenseits davon beginnen die Vorstädte, das ist dann eben nicht mehr Paris. Liegt in den Vororten die Lösung?
Nein, damit bestraft man sich doppelt, finde ich. Man handelt sich die ganzen Nachteile des Pendelns ein und bringt sich um die Vorteile. Paris ist auch eine sehr anregende Stadt. Die Mode, die Kreativität, die Wirtschaft – in Frankreich gibt es Paris und den Rest des Landes.

Paris wächst trotzdem immer weiter. Wohin denn, wenn hinter der Ringautobahn Schluss ist?
Die Stadt versucht, ihre Grenzen mit allen Mitteln zu verschieben: nach unten, durch sogenannte Souplex, von denen es immer mehr gibt – die Eigen­tümer machen aus dem Keller eines Appartements ein Schlafzimmer, damit die Wohnung mehr Geld bringt. Nach oben, indem der Platz unter den Dächern bis ins Letzte ausgenutzt wird, für zusätzliche Zimmer oder Galerien. Zu den Seiten, indem die Leute ungenutzte Ecken in Gängen und Treppenhäusern kaufen, um ein paar wertvolle Quadratmeter zu gewinnen. Und auch, indem aus Unterkünften der früheren Hauswärterinnen im Erdgeschoss – der Concierges – kleine Wohnungen gemacht werden.

Und wenn auch der letzte Quadratmeter verbaut ist, was dann?
Wenn die Immobilienpreise weiter so steigen und die Menschen bereit sind, auch die absurdesten Summen zu bezahlen, wird Paris in zehn Jahren eine Stadt sein, die ausländischen Investoren, wohlhabenden Menschen, also einer Elite gehört. Man wird sich in Paris wie in einem Museum fühlen, in dem normale Leute nur Besucher sind.