Was ans Licht kam

Mehrere Frauen berichten, in einer weltweiten Yoga-Organisation sexuell missbraucht worden zu sein. Die Leitung der Organi­sation hat demnach versucht, das eigene Image zu retten – und die Vorwürfe zu vertuschen.

Als Julie Salter 1999 das Sivananda-Ashram im kanadischen Ort Val-Morin verließ, war sie seelisch und körperlich am Ende. »Hätte ich damals den Absprung nicht geschafft, wäre ich wahrscheinlich tot«, sagt Salter heute, 21 Jahre später. »In den Jahren nach dem Ausstieg habe ich um mein Leben gekämpft, vor allem darum, überhaupt noch am Leben bleiben zu wollen.«

Die 63-jährige Neuseeländerin spricht im Video-Interview aus ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung in Ottawa, Kanada. In der Küche hat sie selbst angebaute Kräuter an einer Wäscheleine

Ihr Kampf begann mit einem Eintrag auf Facebook, abgeschickt im Dezember 2019, in dem sie einem international bekannten Yogi vorwirft, sie über Jahre

Die öffentliche Beschuldigung des Gurus durch Julie Salter war nur der Anfang einer Serie von Vorwürfen gegen die Sivananda-Organisation. Das SZ-Magazin sprach in den vergangenen sechs Monaten mit vielen ehemaligen Sivananda-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern aus Kanada, den USA, Großbritannien, Spanien, Frankreich, Österreich und Deutschland. Sie alle zeichnen das Bild einer Organisation, die sexualisierte Gewalt bis hin zur Vergewaltigung seit Jahrzehnten vertuscht, die Aufklärung bekannt gewordener Fälle verschleppt und in einer menschenverachtenden Argumentation den Überlebenden eine Mitschuld an dem gibt, was ihnen widerfahren ist: Es gelte, das schädliche Ego zu brechen, bekamen Schülerinnen und Schüler demnach immer wieder von leitenden Swamis zu hören. Denn die Überwindung des Egos gilt als oberstes spirituelles Ziel. Unter dieser Prämisse, sagen Ehemalige, werde selbst Missbrauch zu einem notwendigen Mittel zur spirituellen Entwicklung umgedeutet.

Swami Vishnu, der Mann, dem Julie Salter Missbrauch vorwirft, wird von Anhängern der Organisation weltweit verehrt wie

22 Jahre hat Salter bis zu ihrem Austritt 1999 in der Organisation verbracht, elf Jahre davon als

Zwischen 1982 und 1986, sie war Ende zwanzig, habe Swami Vishnu sie immer wieder zu seiner körperlichen

Auch nachdem Vishnu 1993 auf einer Reise nach Indien an Nierenversagen gestorben war, blieb Salter weitere sechs

Bereits seit den Achtziger- und Neunzigerjahren wurden immer wieder vereinzelt Fälle sexuellen Missbrauchs in verschiedenen Yoga-Traditionen bekannt. Offizielle Zahlen zu Missbrauchsfällen gibt es nicht, dafür aber eine wachsende Zahl von betroffenen Frauen aus den verschiedensten Yoga-Traditionen, die dank der Reichweite von Social Media mittlerweile mit zum Teil jahrzehntelang verschwiegenen Erfahrungen an die Öffentlichkeit gehen. Die Yoga-Szene ist gesetzlich kaum reglementiert. Der Beruf des Yoga-Lehrers ist in Deutschland nicht geschützt und steht damit jedem und jeder frei. Auch um eine Yoga-Schule zu eröffnen braucht man theoretisch keine offiziell anerkannte Qualifikation. Der wohl bekannteste Täter innerhalb der Yoga-Szene ist Bikram Choudhury, der Gründer von »Bikram Yoga«, auch »Hot Yoga« genannt. Die Anschuldigungen gegen ihn sind unter anderem in der 2019 veröffentlichten Netflix-Dokumentation Bikram: Yogi, Guru, Raubtier festgehalten. 2016 verurteilte ihn ein US-Gericht wegen Belästigung und Diskriminierung zur Zahlung von fast sieben Millionen Dollar Schadensersatz und Schmerzensgeld. Choudhury, der sich offenbar nach Mexiko abgesetzt hat, wird per Haftbefehl gesucht.

Zweimal hat Julie Salter nach eigenen Angaben den Direktorinnen und Direktoren von Sivananda vom missbräuchlichen Verhalten des

Auch mit einer hochrangigen Leiterin der weltweiten Organisation habe sie damals telefoniert, einer Deutschen, die sich Swami

Als Julie Salter dem Vorstand vom Missbrauch durch den Guru erzählte, schien niemand erstaunt zu sein, sagt sie. Dennoch habe man sie abgewiesen. 2007 wurde sie schließlich durch die anwaltliche Androhung einer Verleumdungsklage, die dem SZ-Magazin vorliegt, zum Schweigen gebracht. Bis Herbst 2019. Da meldete sich ein leitender Swami bei ihr: Ob sie sich vorstellen könne, gegen Bezahlung Audio-Aufnahmen von den Reden Swami Vishnus zu transkribieren – also des Mannes, dem sie jahrelangen sexuellen Missbrauch vorgeworfen hatte. Sie sei schließlich die Einzige, die die Worte des stark beeinträchtigten Gurus verstehe. Salter lehnte ab.

Es waren andere Zeiten angebrochen. Die #MeToo-Bewegung hatte 2017 eine weltweite Debatte über sexuelle Gewalt angestoßen. Und

»Etwas in mir sagte: Vielleicht musst du doch diejenige sein, die etwas unternimmt«, sagt Salter. Sie nahm Kontakt zum Autor des Buches auf. »Er war der erste Mann, der wirklich hören wollte, was ich erlebt hatte.« Dank Matthew Remskis Interesse habe sie sich mit ihrer Geschichte nicht mehr allein gefühlt. Also setzte sie sich an ihren Computer und verfasste diese Nachricht auf Facebook:
»Bei all der Heiligenverehrung um Swami Vishnudevananda und sein Erbe (…) lasst uns auch wenigstens ein bisschen ins Verborgene, in die Dunkelheit blicken: Vielleicht können wir diese Aspekte aushalten, trauern, wo Bedürfnisse nicht gestillt wurden, und anerkennen, dass es Missbrauch und Vertuschung gab (…). Für die letzten elf Jahre seines Lebens war ich Swami Vishnudevanandas persönliche Assistentin (…). Nacht für Nacht mit unterbrochenem oder sehr wenig Schlaf, kaum regelmäßigen Mahlzeiten und täglichen Standpauken wurden Grenzen überschritten: Swami Vishnudevananda hat mich über einen Zeitraum von mehr als drei Jahren sexuell benutzt/missbraucht.«
Am 10. Dezember 2019 um 5.15 Uhr am Morgen klickte sie auf »Veröffentlichen«.

Unter Julie Salters Facebook-Eintrag meldeten sich bald weitere Frauen zu Wort. Lucille Campbell, heute 66, berichtete von

Am 13. Dezember, drei Tage nach Julie Salters Post, veröffent­lichte der weltweit agierende Vorstand der Sivananda-Organisation eine

Jens Augspurger kannte Julie Salters Facebook-Eintrag, als er am Nachmittag des 14. Dezember zu einer im Londoner

In den Sivananda-Zentren auf der ganzen Welt brodelte es mittlerweile. In New York eskalierte eine Veranstaltung am 15. Dezember 2019, eine Audioaufnahme davon liegt dem SZ-Magazin vor. Sie ist vermutlich ohne die Zustimmung der Aufgenommenen entstanden, doch die Stimmen sind eindeutig erkennbar, und die Echtheit der Aufnahme wurde von mehreren Anwesenden bestätigt. Darauf ist zu hören, wie der Direktor der US-Ashrams zunächst ebenfalls den Guru preist. Doch die wütenden und tief betroffenen Yogis fordern Erklärungen.

»Was genau ist geschehen?«, will einer der Yogis wissen. »Wann war das? Was davon hat die Führung

Erst auf vehemente Nachfragen der Yoga-Schülerinnen und Yoga-Schüler gibt der Swami zu, dass es bereits früher eine

Am Tag nach der New Yorker Versammlung veröffentlichte die Organisation eine zweite Erklärung. »Wir schulden Julie eine

Doch das Vertrauen in Sivananda war nun bei vielen Yogis zerrüttet. »An diesem Punkt dachte ich nur

In den beiden deutschen Sivananda-Zentren im Münchner Stadtteil Maxvorstadt und in Berlin-Friedenau sprach sich die Nachricht von

Im Nachhinein betrachtet, sei dieser Wunsch, die Organisation zum Besseren verändern zu können, ziemlich naiv gewesen, sagt

Auf einer vermutlich im Verborgenen gemachten Audioauf­nahme der »Aussprache«, die von Teilnehmern der Sitzung zur Dokumentation angefertigt

Die Verehrung des Gurus lief derweil auch in den deutschen Zentren weiter. Den Forderungen deutscher Yoga-Lehrender, man

Im Mittelpunkt der Vorwürfe steht auch die mächtige Deutsche aus dem Vorstand der Organisation, Swami Durgananda. Ehemalige Mitglieder berichten, sie habe Beschwerden über Missbrauchsfälle immer wieder heruntergespielt. So sei sie aktiv daran beteiligt gewesen, mutmaßliche Täter zu schützen, und habe sich mitschuldig daran gemacht, dass nichts unternommen worden sei, um weitere Missbrauchsfälle zu verhindern. Das SZ-Magazin hat mit mehreren Menschen gesprochen, die eng mit ihr zusammengearbeitet haben. Sie beschreiben Swami Durgananda als charismatische und intelligente, aber zurückgezogen lebende Geschäftsfrau, deren Zorn berüchtigt sei. Gelebt haben soll Durgananda bis zum Herbst 2019 in einer 400-Quadratmeter-Villa mit Wellnessbereich und Panoramasauna in der Nähe des Ashrams bei Kitzbühel. Der Eigentümer der Villa hat der Redaktion gegenüber bestätigt, dass die Ashram-Leitung die Villa von 2016 bis 2019 gemietet hatte – für 12 000 Euro Miete im Monat. Für viele Yogis ist das ein Bruch mit der Tradition, die die Organisation eigentlich vermitteln will: neben Gewaltlosigkeit und Wahrhaftigkeit auch Bescheidenheit und Verzicht auf Materielles.

Den Tagesablauf in den Zentren

Ein ehemaliger Yogi namens Eric Terwilliger sagt, er habe Swami Durgananda bereits Anfang der Achtzigerjahre gekannt. Der US-Amerikaner, der seit vielen Jahren in Deutschland lebt, berichtet, wie die Deutsche sogar Zeugin eines sexuellen Missbrauchs durch den Guru gewesen sei, ohne etwas dagegen zu tun. Swami Vishnu sei 1983 in München gewesen und gerade von einer Yoga-Lehrerin massiert worden, sagt Terwilliger. Gemeinsam mit Durgananda habe er zufällig nahe der Tür gestanden, als die Frau aufgebracht aus dem Zimmer gestürmt sei. Wütend habe sie berichtet, der Guru habe sie während der Massage im Nacken gepackt und versucht, ihren Kopf in seinen Schoß zu ziehen und sie zum Oralverkehr zu zwingen. Durgananda sei von all dem wenig beeindruckt gewesen, sagt Terwilliger. Die Frau sei nicht die Erste gewesen, habe sie ihm gesagt. Wären die sexuellen Übergriffe also schon längst zu stoppen gewesen? Swami Durgananda ließ über eine Hamburger Medienrechtskanzlei, die den deutschen Verein vertritt, ausrichten, an einem Interview mit dem SZ-Magazin sei sie nicht interessiert. Einen umfassenden Fragenkatalog beantwortete sie nur teilweise. Ob sie tatsächlich über alle von Einzelnen als wichtig eingestuften Vorgänge innerhalb der weltweiten Organisation informiert worden sei, lasse sich schwerlich feststellen, lässt sie ausrichten. Außerdem verwies sie auf die 2006 von der Organisation implementierte Antimissbrauchspolitik.

»Project Satya«, die Gruppe der

Mehr als 25 Frauen hätten

Sieben in dem Bericht nicht

Die Frau berichtet außerdem von

Vier Frauen geben an, verschiedenen Vorstandsmitgliedern von Mahadevanandas mutmaßlichen Übergriffen erzählt zu haben. Diese hätten aber nichts weiter unternommen, um sein Verhalten zu unterbinden. Eine ehemalige Direktorin der Organisation bestätigte gegenüber dem SZ-Magazin, dass sie bereits im Jahr 2000 eine Beschwerde wegen sexueller Belästigung gegen den Swami bei einem Vorstandstreffen zur Sprache gebracht habe, also 13 Jahre bevor der Mann in Rente ging. Passiert sei damals nichts. Dem widerspricht Swami Durgananda, die über ihre Anwaltskanzlei mitteilen lässt: »Von den Anschuldigungen gegen Swami Mahadevananda erfuhr der Vorstand erstmals Anfang 2013.«

Eine E-Mail der Redaktion mit

Tahamatam Reddy alias Prahlada ist

Diese Aussagen werden von der

Eine der deutschen Frauen, mit denen das SZ-Magazin sprach, erinnert sich an eine E-Mail, die sie um 2002 erhalten habe, als sie in einem der deutschen Zentren im Büro tätig war. »Die Mail war von einer Frau, die sich über sexuelle Belästigung durch Prahlada beschwert hat.« Sie habe den Zentrumsleiter auf die Mail angesprochen. »Sofort löschen«, habe er gesagt. Die Frau sei verrückt. »Er hat so spontan reagiert, ich vermute, er war vorgewarnt«, sagt die Frau.

So zeigt sich ein Muster,

Ein leitender Swami, so beschreibt

Am 16. Juni 2020 teilte

Die von »Project Satya« beauftragte

Julie Salter glaubt mittlerweile nicht mehr daran, dass es der Organisation noch gelingen wird, sich zu reformieren. »Es hätte so viele Momente gegeben, in denen der Vorstand andere Entscheidungen hätte treffen können, aber stattdessen geht es immer weiter in diese sehr, sehr traurige Richtung«, sagt sie. »Ohne Hilfe von außen wird da nichts zu machen sein.« Yoga übt mittlerweile kaum noch jemand der ehemaligen Sivananda-Mitglieder, mit denen das SZ-Magazin gesprochen hat. Diejenigen, die nach wie vor Yoga praktizieren, haben ihre Praxis mithilfe anderer Stilrichtungen modifiziert. Sie sagen, die Lehren, die ihnen die Organisation im Namen des Gurus vermittelt hat, seien mittlerweile zu stark belastet.