Jeder schmatzt für sich allein

Die gemeinsame Mahlzeit im Familienkreis scheint dem Untergang geweiht. Wie kann man sie retten?

Illustration: Dirk Schmidt

Der Soziologe Georg Simmel veröffentlichte 1910 in Der Zeitgeist, einer Beilage des Berliner Tageblatts, einen Aufsatz mit dem Titel Soziologie der Mahlzeit. Darin schrieb er: »Von sehr tief stehenden Völkerschaften wissen wir, dass sie nicht zu bestimmten Stunden, sondern anarchisch, wenn ein jeder gerade Hunger hat, essen.« Er fuhr fort: »Die Gemeinsamkeit des Mahles aber führt sogleich zeitliche Regelmäßigkeit herbei, denn nur zu vorbestimmter Stunde kann ein Kreis sich zusammenfinden – die erste Überwindung des Naturalismus des Essens.«

Da haben wir’s. Tief stehende Völkerschaften. Denn kaum etwas ist in unserer Gesellschaft so bedroht wie die gemeinsame Mahlzeit. Schon der Zerfall einer Familie in Fleischfreunde, Vegetarier, Ve­ganer, Laktose-Intolerante, Rohköstler, Allergiker sowie Steinzeit-Diät­haltende führt dazu, dass nicht mehr das Gleiche gegessen werden kann, jeder hat sein eigenes Gericht, mancher auch gar keines mehr. Denn das Intervallfasten ist so en vogue, dass gewisse Leute nach 16 Uhr allenfalls noch Wasser zu sich nehmen. Geselliges Abendessen wird so undenkbar, auch weil man,

Interessant, nicht wahr? Die Gesundheit des Einzelnen steht heutzutage über allem. Über das spalterische Diätenwesen, seine das Zusammenleben zerstörende Wirkung nirgendwo ein Wort.

Simmel schrieb dem Zusammen-Essen eine »unermessliche« soziale Bedeutung zu. Durch seine Gestaltung – an einem verbindenden Tisch, mit gleichen Tellern und Besteck, einem durch Manieren geregelten Verzehr – werde das primitive Vor-sich-hin-Schlingen (er nennt’s: den »bloßen Naturalismus des Essen«) überwunden, es konstituiere sich eine miteinander kommunizierende Gemeinschaft. Bemerkenswert sei, dass Essen das Egoistischste sei, was es überhaupt

Und wir?

In vielen Küchen wird nicht mal mehr zusammen gekocht, das Essen bringt ein Bote. Erst der Corona-Lockdown zwang manche wieder gemeinsam an den Tisch. Zusammen ferngesehen wird auch nicht mehr, jeder glotzt in seinem Zimmer in ein anderes Gerät.

Wie tief sind wir gesunken, als Völkerschaft?!

Und wo ist die Lösung?

Könnten Familien wenigstens,

Bruno, mein alter

Es wäre lächerlich,

Ja, lächerlich, entgegnet