Die reine Leere

In einer immer engeren Welt benötigen manche mehr Raum. Auch dort, wo man es nicht vermuten würde: nach einem Punkt.

Illustration: Dirk Schmidt

Seit einer Weile wissen wir: Die USA sind ein gespaltenes Land. Ein tiefer Graben trennt Republikaner von Demokraten, Trump-Fans von Trump-Hassern, Lügengläubige von den Freunden der Wahrheit. Schlimm.

Dabei haben wir über den größten Glaubenskrieg noch nicht gesprochen. Eine Auseinandersetzung, die viele Jahrzehnte lang tobt, kein Ende findet, vielleicht nie finden wird. Ein Kampf, von dem ich bis vor Kurzem nichts wusste. Ein Riss, der nicht zu kitten ist, auch nicht durch Joe Biden.

Es geht um One-Spacer und Two-Spacer. Es handelt sich um die Frage, ob man nach dem Punkt am Satzende einen oder zwei Zwischenräume lässt.

Man kann das so machen wie in diesem Absatz. Das ist die Meinung der One-Spacer. Sie lassen einen Zwischenraum. Dann kommt der nächste Satz.

Man kann es auch anders machen. 

Es gibt sogar Three-Spacer.   Das habe ich irgendwo gelesen.   Sie lassen drei Leerschritte.   So heißt der korrekte Ausdruck.   Glaube ich: Leerschritt.

Im Deutschen stellt sich die Frage

Im Englischen aber, sagt James Felici, der Autor des Complete Manual of Typography, handele es sich um eine »Debatte, die einfach nie aufhört. In all den Jahren, die ich nun über Drucktypen schreibe, ist es die Frage, die ich am häufigsten höre, und bei einer Internetsuche findet man Unmengen von Gedanken zu dem Thema.«

Irre, oder? Ich habe den Wikipedia-Artikel über Sentence spacing ausgedruckt. 23 Seiten. Wie dumm von mir!

Die Sache könnte erledigt sein. Ilene Strizver, eine berühmte Typografin, schrieb: »Vergesst es, Meinungsunterschiede auch nur zu ­tolerieren: In der Typografie sind zwei Leerschritte vor einem neuen Satz absolut, unzweifelhaft falsch.« In The Atlantic aber entdecke ich einen Artikel von 2018, in dem es heißt: »Der Krieg lebt neuerdings wieder auf.« Eine Studie des Skidmore College trage die Überschrift Sind zwei Zwischenräume besser als einer? Rebecca Johnson, eine Professorin dort, wird mit dem Satz zitiert, die Ergebnisse der Untersuchung wiesen darauf hin, »dass alle Leser von zwei Leer­stellen nach einem Punkt profitierten«. Die Lesegeschwindigkeit sei um drei Prozent gestiegen, was bedeute, erklärt Johnson, dass man neun Wörter mehr pro Minute schaffe.

Hätte ich zwei Leerstellen gelassen, könnte man also fast schon fertig sein mit dem Lesen dieses Textes hier.  Er wäre ja auch deutlich kürzer.  Logischerweise enthielte er mehr leeren Raum.  Und weniger Buchstaben.  Auch Schreiben ginge schneller.  Das Honorar müsste dasselbe bleiben.  Also,  warum nicht?  Rein ökonomisch gesehen, müsste ich ein Ten-Spacer sein.          Mindestens.

Bruno, mein alter Freund, schreibt übrigens alle seine SMS und WhatsApps mit Zwischenraum vor dem Satzzeichen.

Warum, Bruno?

Er antwortet: »Ich mache

Aber es ist falsch,

»Was ist denn das

Helden Tod, schreibe ich, Bier Kasten. Satz Zeichen.

»Ach , lass mich

Ob er wisse, so nun wieder ich, dass man in der Antike ohne Zwischenräume und Satzzeichen schrieb, Scriptio continua habe das geheißen. Dasändertesicherstimmittelalterbruno.

»Na , toll ,

Achlassmichdochbruno.