Nichthusten mit Kant

Wer in diesem Herbst hustet, wird schnell als Covid-19-Patient angesehen, auch wenn es sich um eine normale Erkältung handelt. Was tun?

Illustration: Dirk Schmidt

Unangenehme Geräusche kennen wir alle, man muss sich nur das quietschende Reiben von zwei Styroporstücken oder ein Gabelkratzen auf einem Kuchenteller vorstellen …

Jawohl, da haben wir’s. Gänsehaut.

Das Forscherteam D. Lynn Halpern, Randy ­Blake und Jim Hillenbrand hat vor längerer Zeit herauszufinden versucht, warum das Quietschen von Fingernägeln auf Wandtafeln (aaah, Gänsehaut, Gänsehaut!) so unangenehm ist, ja, sie haben für ihre Studie 2006 sogar den Ig-Nobelpreis bekommen, eine Auszeichnung für Leute, die durch ihre Forschungen Menschen zuerst zum Lachen, dann

Aber nun ist ein neues Geräusch hinzugekommen, eines, das uns alle erschrecken, zusammenzucken, bisweilen zügig die Flucht ergreifen lässt.

Husten.

Schon bisher stand das Hustengeräusch auf der Liste weit oben, das betraf aber vor allem Musiker. Ungezählte Anekdoten berichten vom Pianistenhass auf Konzerthuster. Keith Jarrett verließ die Bühne, wenn einer hustete, Alfred Brendel

Interessanterweise hört man zurzeit bei den wenigen Konzerten, Theatervorstellungen oder Lesungen, die es noch gibt, fast niemanden mehr husten – was auch daran liegen könnte, dass die Reihen aufs Äußerste ausgedünnt sind. Trotzdem ist es ungewöhnlich für Veranstaltungen, die normalerweise ein vom Publikum ausgehendes Gegenprogramm zu den Darbietungen auf der Bühne bieten. Der Bariton Thomas Hampson hat einmal im Zeit-Magazin seine persönliche Typologie von Konzerthustern beschrieben, beginnend beim Entlastungs-Hüstler (staccato forte, Hrr-Hmm!) über den explosiven Stoßhuster (sforzando forte, Ächh-Hmm! Ächh-Hmm!) zum Abonnenten-Huster (tenuto mezzoforte, Hhhh-Ääächh! Hhhh-Ääächh!) und zum ansteckenden Räusperer (martellato subito), der auf ein Hrrchh stets sofort mit einem Hrrchh antwortet. Auf dem Gipfel der Hustenkunst befand sich, Hampsons Liste zufolge, der große Würgeanfall (fermata, crescendo, staccato, echo), ein Reizhusten, den der Betroffene zu unterdrücken versucht, bis sein Kopf auf Kürbisgröße angeschwollen ist, worauf er den Kampf verliert und eine Kette von Explosionen hervorbricht: Hrrr. Hrrrr. Gnnnn – Ähem! Ähem! Ähem!

Undenkbar jetzt. Der Saal würde sich leeren wie bei Feueralarm. Wer heute husten muss, ob im Affekt oder einer Allergie wegen, wer also jenem Unschuldshusten unterlegen ist, der nicht auf eine gravierende Erkrankung zurückgeht, der muss kämpfen wie Immanuel Kant, ein großer Bronchial-Hypochonder. Er beschrieb unter der Überschrift Von der Hebung und Verhütung krankhafter Zufälle durch den Vorsatz im Atemziehen, wie es ihm abends gelang, den beim Einschlafen stets auftretenden Husten zu unterdrücken: durch reine, wie er es nannte, »Gemütsoperation«. Er lenkte sich durch Konzentration auf etwas anderes ab, wodurch »das Ausstoßen der Luft gehemmet wurde, welches mir, wie ich es deutlich fühlete, das Blut ins Gesicht trieb«. Dadurch, so Kant, werde der Speichelfluss angeregt, die Kehle befeuchtet und jeder Hustenreiz vernichtet.

Nichthusten mit Immanuel Kant. Wir schaffen auch das.­