Spuckschutz, Fußgruß und Zoomschulung

Ständig bringt die Pandemie neue, seltsame Wortschöpfungen hervor. Aber können wir auch damit umgehen? Zweifel sind angebracht.

Illustration: Dirk Schmidt

Schön langsam werden wir alle ein wenig … Ach, ich weiß auch nicht … Heute Morgen trat ich unter die Dusche und wurde plötzlich gewahr, dass ich die Wendung, man müsse ein zweites Ischgl verhindern, nun so oft gehört hatte, dass ich unwillkürlich dachte, wir müssten bald ein zweites Duschgl anschaffen, das erste gefiel mir nicht mehr so, und es war ja auch Flasche leer, wie Mister T. gesagt hätte … Also, man wird allmählich seltsam, nicht wahr?, so als Dauerbewohner des Inzidenzgebiets, schon rein sprachlich, meine ich.

Hat nicht Markus Söder im September anlässlich des Fußballspiels FC Bayern gegen FC Sevilla vor einem Fußball-Ischgl gewarnt? Mahnte nicht der Kärntner Landesrat Sebastian Schuschnig schon im Juli 2020: »Velden soll nicht zum Sommer-Ischgl werden.« Irgendwann musste man da doch einen Vogl kriegen und dann noch einen zweiten.

Ausbruchsgeschehen, Abstrichkabine, Anwesenheitskultur.
Contact Tracing, Flatten the curve, Handy-Tracking.
Spuckschutz, Fußgruß, Zoomschulung.

Diese ganze Pandemie wirkt wie eine Wörterfabrik, eine ungeheure Vokabelmaschine. Man lernt täglich neue Begriffe, aber können wir wirklich damit

Auf der Informationsseite des Landes Baden-Württemberg las ich die Überschrift: Warum es jetzt noch zu früh für breite Lockerungen ist. Wer hätte gedacht, dass die breite Lockerung jemals zu unserem Begriffsschatz gehören würde? Waren wir bisher nicht immer eher zu breit für frühe Lockerungen? Lockerten wir uns einst nicht in der Frühe noch einmal in die Breite? Und fraß nicht stets der lockere Vogel die zweite Welle?

Robert Habeck … Sagen Sie, ist das nicht der Cheffrischlufteinbringer des Verbandes der Längs-, Quer- und Stoßlüfter? Der Quell-clusterquarantänequassler vom Dienst? Der Schnutenschutzbeauftragte der Organisation wellengebrochener, freigetesteter und hochgefahrener Kontaktpersonen? Habeck jedenfalls sagte im ARD-Morgenmagazin: »Das Erwartungsmanagement ist in den Keller gefahren worden.«

Nein, jetzt weiß ich es wieder: Er ist der Kellermeister der Gewerkschaft fahrender Erwartungsmanager.

Die Wörter, sie werden immer mehr.

Leserin D. schreibt, der Begriff steigende Fallzahlen habe sie gerade wieder irritiert, denn was steigt hier und was fällt? Und wer zahlt? Und wann? Bitte, ich möchte die Gelegenheit nutzen und – so unbeholfen, wie es mir eben möglich ist – ein zu Unrecht nicht weltberühmtes Gedicht des bedauerlicherweise nicht im ganzen Land tagaus, tagein verehrten Dichters Ror Wolf variieren, wetterverhältnisse heißt es.

Es steigt die Zahl, dann fällt sie nieder,
dann steigt sie, fällt sie und sie steigt,
dann fällt sie wieder eine ganze Zeit,
sie steigt und darauf fällt sie wieder.

Ob das je aufhört? Ob wir eines Tages genug Wörter haben werden, um das Geschehen dieser Jahre zu beschreiben? Werden wir diese Begriffe nun immer benötigen? Oder wird der Tag kommen, an dem wir all die Impfgipfel und Schnelltests, die Kassenumhausungen und Novemberhilfen, die Distanzschlangen und die schweren Verläufe, die Ein-Freund- und Zwei-Haushalte-Regeln in den Keller fahren können, wo sie ihren Platz neben dem Erwartungsmanagement finden werden? Werden wir dafür am Ende sogar einen zweiten Kellr benötigen, weil es so viele sind?

Ach, seid mir gegrüßt, Ihr Zermürbten und Ermüdeten in Euren Coronalgefängnissen, Ihr Wellengebrochenen und Niedergeschlossenen, Ihr Maskenpflichtigen und Abstandsgenudelten! Und fürchtet um Himmels willen nicht, dass ich nun mit einem herzlichen Bleibt gesund! von Euch scheide, auch nicht mit einem Stay negative! Nein, laschet uns einfach schweigen und still unsere Nervenkostüme ausbessern. Wir werden nicht irre, denn wir sind es ja schon.