Als das Leben leise wurde

Müdigkeit und Wut, aber auch Tapferkeit, Einfallsreichtum und großer Zusammenhalt – eine kurze Zwischenbilanz im Corona-Winter.

Illustration: Dirk Schmidt

Manche Nachbarn habe ich lange nicht gesehen. Und ich spreche von Leuten, mit denen ich Wand an Wand im Mietshaus wohne.

Was die drüben wohl machen? Wie es denen geht?

Das Leben ist still geworden. Es hat was Klösterliches bekommen. Der Radius ist begrenzt, die Mahlzeiten regelmäßig. Abends die ­Tagesschau.

Kannst du mir eine Serie empfehlen?, fragt Bruno, mein alter Freund.

Suburra, sage ich, eine italienische Produktion, großartig, aber gibt es das auf Deutsch? Oder Fauda aus Israel, das habe ich auf Arabisch und Hebräisch gesehen, obwohl ich beide Sprachen nicht beherrsche, es ging. Und Fargo. Die neuen Sachen kenne ich nicht so, ich bin immer irgendwie hinterher. Ich lese auch lieber.

Aber es darf nichts Grausames sein, sagt Bruno, das halte ich im Moment nicht aus, es muss mich

Ach so. Dann lieber Forellenhof? Mit Hans Söhnker und der jungen Helga Anders. 1965 gedreht.

Und was soll ich lesen?

Kent Haruf, sage ich, Unsere Seelen bei Nacht. Dieses ruhige Erzählen! Ich flehe dich an, nimm das heute noch! John Steinbeck lese ich wieder, alles noch mal, angefangen mit Cannery Row. Ich bin hin und weg.

Man spürt so eine Müdigkeit jetzt bei Bruno und vielen anderen, sie kriecht

Dann gibt es noch jene, die krank waren oder in deren naher Um­gebung jemand krank ist. Alle ihre Erzählungen münden in den Satz: Das möchtest du nicht haben.

Nein, möchte ich nicht. Wollte ich nie. Ich gehöre zu den Vorsichtigen. Das

Unter der Müdigkeit wartet manchmal eine ungeahnte Wut. Bis­weilen bricht man durch die

Andererseits lese ich die Schlagzeilen von Impf-Desaster, Impf-Versagen, Impf-Debakel mit Achselzucken. Geht’s noch?! Wir machen das alle zum ersten Mal. Die Menschheit hat nie in so kurzer Zeit einen Impfstoff entwickelt, großartig. Wer erwartet, dass alles glatt läuft, muss über seine Erwartungen nachdenken. Bei der Gelegenheit: Ist es nicht bewundernswert, wie tapfer und diszipliniert die Menschen sind? Also, 95 Prozent der Leute, nein: 96? Spaltung der Gesellschaft? Kann ich hier nicht erkennen. Wie geht’s dir?, hört man öfter als ­früher. Oder täusche ich mich? Interessanterweise halten die meisten zusammen, gerade weil sie Distanz wahren müssen.

Es gab Tage, da dachte ich morgens: nee, nee – nee. Familiensorgen, Geld,

Ich bin nicht für Lebenshilfe zuständig. Aber mir hilft’s.