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Unser Kolumnist möchte die stetig sinkende Wahlbeteiligung nicht länger hinnehmen. Und er hat auch schon eine - zugegeben drastische - Idee, wie man die Bürger dazu bewegen könnte, an die Urne zu gehen.

Die bayerischen Kommunalwahlen sind vorbei, nun naht die Europawahl.

Als 1979 zum ersten Mal ein Europäisches Parlament gewählt wurde, lag die Wahlbeteiligung bei 63 Prozent, 2009 nur noch bei 43 Prozent. Sie ist kontinuierlich gesunken und wird vermutlich dieses Mal noch weiter sinken. Nimmt sie weiter in diesem Tempo ab, wird spätestens 2075 die erste Europawahl ohne einen einzigen Wähler stattfinden.

Bei den Kommunalwahlen in Bayern gingen zum Beispiel in Neu-Ulm nur noch 38 Prozent der Wähler zur Urne. In München gibt es den Stadtbezirk Milbertshofen-Am Hart, in dem nicht einmal mehr ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung wählte. Einzig in Allach-Untermenzing war es noch mehr als die Hälfte, aber gerade mal so: 50,5 Prozent.

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Der Rest sitzt zu Hause, klagt über »die Politiker«, deren »Machenschaften« und »Selbstbedienung« und jammert über die eigene »Enttäuschung« und »Gleichgültigkeit«. Den Staat sehen die Leute als Service-Unternehmen, das gefälligst ihren Wünschen zu entsprechen habe; wenn ihnen das Gelieferte nicht passt, greinen sie in irgendwelchen Internetforen herum. Dass dies alles irgend-etwas mit ihnen, ihrer Bequemlichkeit und Passivität, ihrer Konsumentenhaltung und ihrem fehlenden Engagement zu tun haben könnte, kommt ihnen nicht in den Sinn.

Wer war es noch, der mal die ganzen Mauler und Klagegeister in einer Hauptversammlung des FC Bayern anschrie? »Es kann nicht sein, dass wir uns jahrelang den Arsch aufreißen und dann so kritisiert werden! Was glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid?!« Der Mann hieß Hoeneß, aber recht hatte er trotzdem.

Wann endlich fasst einer unserer führenden Politiker den Mut, die Bevölkerung auf diese Weise zusammenzufalten? Ihr die Meinung zu geigen? Wer hat das Rückgrat dafür?

Ich bin dafür, endlich Konsequenzen zu ziehen. In Orten und Ortsteilen, die sich an der Demokratie nicht mehr in ausreichendem Umfang beteiligen und in denen die Wahlbeteiligung, sagen wir, unter 50 Prozent sinkt, gibt es eben keine Demokratie mehr. Sie wird dort abgeschafft. Wenn die Leute nicht zu würdigen wissen, wofür andere gekämpft und ihr Leben gelassen haben, muss man ihnen zeigen, was eine Harke ist. Sie werden dann nicht mehr gefragt.

Wann tritt das in Kraft?

Nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.

Eines Morgens nach Auszählung der Stimmen und Feststellung der Wahlbeteiligung ist die Diktatur dann da.

Aber was heißt genau: Diktatur? Das muss natürlich eine milde, gesellschaftsverträgliche Form sein, ich meine jetzt nicht willkürliche Verhaftungen, Einkerkerungen und Schauprozesse, jedenfalls: nicht gleich. Aber natürlich sollte es möglich sein, durch De-mokratie-abstinente Orte im Morgengrauen eine der so dringend benötigten Nord-Süd-Stromtrassen zu ziehen, irgendwo müssen sie ja hin. Hier wären sie am Platze. Auch Mülldeponien, Autobahnzubringer, ICE-Trassen sowie Klärwerke werden natürlich in Zukunft nicht mehr dort stehen, wo Menschen das demokratische Leben zu schätzen wissen. Sondern woanders.

Wer nicht wählen will, muss fühlen.

Vielleicht sollte man dieser Art von Putsch einige erzieherische Maßnahmen vorschalten, damit die Leute sich nicht hinterher beschweren, man hätte sie nicht gewarnt. Wer einmal nicht wählt, muss einen Monat lang einen Bundestagsabgeordneten bei dessen Achtzig-Stunden-Woche begleiten. Wer ein zweites Mal nicht zur Wahl kommt, schläft zwei Wochen in Putin-Bettwäsche. Ist er beim nächsten Mal wieder nicht dabei, bekommt er die gleiche Frisur wie Kim Jong-un. Und kreuzt er ein viertes Mal nicht auf, nimmt er einen Monat lang an einem von Felix »Quälix« Magath geleiteten Fußball-Trainingslager teil, mit extra-schweren Medizinbällen; im Anschluss wird er an Dynamo Irkutsk verkauft.

Danach wird es dann ernst.

Illustration: Dirk Schmidt

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