Hände weg

Ein wehmütiger Gruß an einen Körperteil, der wie kein zweiter in der Krise in Verruf geraten ist.

Illustration: Dirk Schmidt

Jeder aufmerksame Besucher des Museums der Hand in Woln­zach weiß, wer den Weltrekord im Händeschütteln als Staatsoberhaupt hält, most handshakes by a head of state, so heißt es auch im Guinness-Buch: Theodore Roosevelt, der als US-Präsident auf dem Neujahrsempfang 1907 die Hände von 8513 Gästen ergriff, 8513 Hände, vielleicht sogar mehr, denn manche Menschen haben die Angewohnheit, gleich doppelt zuzugreifen, warum sollte das 1907 anders gewesen sein? In Woln­zach kann man so was lernen, also, wenn das Museum an diesem Freitag endlich wieder öffnet.

Roosevelt wird diesen Rekord wohl in Ewigkeit sein Eigen nennen, dem Händeschütteln wird im Moment keine rosige Zukunft prophezeit (obwohl ich, ehrlich gesagt, nicht glaube, dass der Ellbogen je wirklich die, wenn ich mal so sagen darf, entstandene Lücke füllen wird). Die eigenen Hände sind einem fremd geworden, sie wirken bedrohlich, gefährlich, feindlich wie kein anderer Körperteil. Blickt man an sich herunter, sieht man die Knie, gemütlich in sich ruhend, man erblickt den Nabel, der lange schon nutzlos ist, in

Aber die Hände …

Irgendwo habe ich gelesen, dass auf normalen Händen – also keineswegs ungewaschenen Pratzen – mehr als 150 Bakterienarten leben, dass 80 Prozent aller Krankheiten via Hände übertragen werden (warum, zum Teufel, nicht über die Knie?!), dass man, berührt man eine Oberfläche, sofort bis zur Hälfte der dort existierenden Mikroben an der Handhaut kleben hat – ach, Hände weg vom Kopf, wo die Atemwege beginnen, für immer, Scheitelkratzen nur noch mit dem großen Zeh, bitte, das nützt auch

Oft habe ich mir in den vergangenen Monaten längere Arme gewünscht, Arme, die es möglich machen, dass man seine Hände im Nachbarzimmer ablegt, damit sie kein Unheil anrichten können, und dass man die beiden beim Gang in den Supermarkt in der Einkaufstasche verpacken könnte, um sie sauber zu halten. Es wird empfohlen, die Hände mit etwas anderem zu beschäftigen, damit sie unbewusste Gesichtsberührungen quasi vergessen, mit einem zu knetenden Ball zum Beispiel. Aber kennen Sie diese genoppten

Ja, und – wie sehen die aus?

Wie ein riesiges Coronavirus!

Jedenfalls ist es der blanke Horror, wenn man, wie ich es versucht habe, beobachtet, wie oft die eigenen Hände bei der Arbeit, also, wenn sie nichts zu tippen haben, weil vom Hirn gerade keine Be­fehle kommen (was leider vorkommt), wie oft also diese Hände im Gesicht herumzupfen, -kratzen, -reiben, die Stirnhaut massieren, Ohrläppchen dehnen.

Ich fürchte, wir alle werden das Verhältnis zu den eigenen Händen neu ordnen müssen, »beinahe beseelten Wesen«, wie der französische Kunsthistoriker Henri Focillon 1934 in einer kleinen Hymne an diese Körperteile schrieb, Lob der Hand heißt das Bändchen. »Ihre Fähig­keiten«, meinte Focillon, »offenbaren sich in ihrer Form und ihrem Umriss: gelenkige, in der Analyse erfahrene Hände, lange und bewegliche Finger des Klüglers, prophetische, von Fluidum getränkte Hände, geistreiche Hände, bei denen selbst die Untätigkeit Anmut und Geist besitzt, zärtliche Hände.«

In der Analyse erfahrene Hände?

Na ja, er war ein französischer Kunsthistoriker,