500 Kilometer für ein Brot

In einem gewöhnlichen Laib kann eine ganze Familiengeschichte stecken – wenn man das richtige Brot aus der Kindheit findet. Über die wundersame Reise eines Vaters mit seinem Sohn.

Am Ziel der Träume: Frank Stier mit einem Laib seiner Kindheit – oder dem, was diesem Brot am nächsten kommt.

Rational gesehen ist unsere Reise Unfug. 500 Kilometer für ein Brot. Drei Stunden Autofahrt hin, drei zurück. Von Katerbow, einem der Dörfer im Nordwesten Brandenburgs, wo man morgens die Kraniche und abends die Wölfe hört, nach Ilberstedt, zwischen Magdeburg und Halle gelegen, im Herzen Sachsen-Anhalts. Wir könnten ein Brot auch im Laden um die Ecke kaufen.

Trotzdem ist unsere Reise alternativlos. Denn Gefühle können wir nicht um die Ecke kaufen. Oder Erinnerungen. Darum aber geht es bei dieser Reise. Mein

Er möchte wissen, ob es noch so riecht und schmeckt wie zu der Zeit, als er ein Junge war und die Ferien bei seinem

Mein Urgroßvater war Bauer, und es ist kein Wunder, dass mein Vater den gleichen Beruf gewählt hat. Mit den Jahren hat mein Vater ein

Die Gockel stolzierten nun schon den ganzen Sommer lang über den Hof meines Vaters, nichtsahnend, welches Schicksal ihnen bevorstand. Dass die Hähnchen im Brandenburgischen

Ach, das Brot. Mein Vater gerät darüber ins Schwärmen. Nur die Gegend um Ilberstedt könne diesen Geschmack hervorbringen. Die Böden seien viel besser, Korndichte

Wir starten unsere Brot-Reise an einem Augusttag. Draußen herrschen schon am Vormittag fast dreißig Grad, im Innenraum unseres Volvos angenehme zwanzig. »Im Trabbi, wat

Der Vater meines Vaters war als junger Mann nach Wustrau in die Nähe von Neuruppin »delegiert« worden, wie es im Sprach­gebrauch der DDR hieß.

»Ich wollte nirgendwo anders auf der Welt lieber sein«, sagt er. Mein Vater war für mich immer eine starke Figur. Der zäh und ausdauernd

Für meinen Vater bedeutete sein Opa alles. Seltsam, dass ich kaum etwas über ihn weiß. Ich weiß nur, dass er Obstbauer war, fließend Russisch

Das liegt an einer Geschichte, die mir mein Vater erzählt hat. Als Kind war ihm aufgefallen, dass sein Opa nie sein langärmeliges Unterhemd auszog,

In den Krieg war mein Urgroßvater 1939 gezogen, aus der Gefangenschaft kam er 1952. Zu Fuß hatte er sich aus Sibirien zurück­geschleppt. Irgendwann stand

Also hat mein Urgroßvater dann meinen Vater emotional adoptiert. An jedem Ferienende wünschte mein Vater nichts mehr, als in Ilberstedt bleiben zu können, und

Später, kurz vor seinem Tod, unternahm mein Urgroßvater noch einmal einen Versuch, seinen Enkel zu sich zu holen. Mein Vater absolvierte nach der Schule

Aber für meinen Vater war es nicht die richtige Zeit. Die Armee rief ihn, zu Hause in Wustrau warteten Freunde und ein Mädchen. »Was

Wir beschließen spontan, erst nach Rathmannsdorf zu fahren und später zum Haus seines Opas. Als wir ankommen, sehen wir, dass die Bäckerei nur noch eine

»Passt ja«, murmelt mein Vater. »Vor vierzich Jahren war ick dit letzte Mal hier. Die haben bestimmt vor Kummer zujemacht, weil ick nich mehr

In der Nähe werden wir doch noch fündig, in einem Industrie­gebiet gibt es eine Landbäckerei, eingekeilt zwischen Discountern und Ein-Euro-Läden. Eine, wo das Brot

Das Brot duftet, mein Vater nimmt es behutsam von der Verkäuferin entgegen. Er hält es wie ein Neugeborenes im Arm und riecht immer wieder

Mein Vater wirkt selig und sagt, er wolle gleich wieder zurückfahren. Der Gedanke, nach all den Jahren vorm Haus seines Opas zu stehen, beunruhigt

Das Haus sticht heraus wie ein Pistazieneis in der Vitrine eines Ladens voller Vanille. Es ist hellgrün angestrichen, in der gleißenden Sonne kommt die

Das Gesicht des Mannes wird noch freundlicher. Er bittet uns herein. Ich schaue zu meinem Vater, suche seine Augen, aber die sind hinter seiner

Am Abend helfe ich ihm beim Füttern der Tiere, während meine Mutter sich um das Brathähnchen kümmert. Unser Ausflug hat meinen Vater aufgewühlt. »So

Die Sonne ist längst untergegangen, als wir zum Essen kommen. Ich schneide das Brot, meine Mutter bringt die Pfanne mit dem Brathähnchen. Vater nimmt