»Ich würde empfehlen, keine Weine für unter zehn Euro zu kaufen«

Was sind die ersten Schritte, wenn man mehr Ahnung von Wein haben möchte? Worauf sollte man beim Einkauf achten? Und braucht ein Einsteiger wirklich unterschiedliche Gläser? Ein Gespräch mit der Sommelière Maria Rehermann.

Maria Rehermann ist Sommelière im Drei-Sterne-Restaurant Vendôme in Bergisch-Gladbach. Davor arbeitete die 34-Jährige unter anderem in dem Londoner Restaurant Hide, dem Restaurant Tim Raue und dem Restaurant Reinstoff in Berlin sowie im Relais & Châteaux Hotel Burg Wernberg.

Foto: Nils Hasenau

SZ-Magazin: Ich möchte mich gerne besser mit Wein auskennen. Was sollte ich dafür als Erstes tun?
Maria Rehermann: Viel trinken. Das rate ich meinen Gästen auch immer, und dann gucken sie mich mit großen Augen an. Aber viel probieren heißt nicht, dass man immer alles austrinkt. Bei professionellen Verkostungen nimmt man meist nur einen kleinen Schluck und spuckt den Rest aus. Wir wissen ja, wie Alkohol wirkt. Er befördert irgendwann, dass einem alles schmeckt. Das ist nicht die Idee dahinter, vor allem nicht im professionellen Bereich.

Was kann ich noch tun, um eine Weinkennerin zu werden?
Es hilft, wenn Sie sich auch mit anderen Lebensmitteln auseinandersetzen. Denn wenn ich noch nie bewusst Himbeeren gegessen habe, werde ich auch nicht wissen, wann ein Wein danach schmeckt. So ein Wochenmarktbesuch ist zum Beispiel toll. Da kann man an verschiedenen Kräutern schnuppern oder einen Apfel in die Hand nehmen. Und irgendwann kann man dann Unterscheidungen machen. Wenn ich zum Beispiel überlege: Oh, der Wein schmeckt ja nach Apfel – was ist es denn für ein Apfel? Ist es ein grüner Apfel, ist es ein roter Apfel, ist es ein reifer Apfel oder doch schon ein bisschen überreif? Schmeckt er nach einem Apfel, der schon vor einer halben Stunde angeschnitten wurde?

Lassen Sie uns über das Szenario sprechen, das Weinanfänger wie mich beunruhigt: Man hat Freunde zum Essen eingeladen, alles ist vorbereitet, nur der Wein fehlt. Wenn man noch Zeit hat und in eine Weinhandlung gehen kann: Wie schafft man es, dass man beraten wird, ohne sich dabei dumm zu fühlen?
Ein Anfang ist schon mal damit gemacht, dass man nicht in den Supermarkt geht, sondern tatsächlich in einen Fachhandel. Denn im Normalfall stehen da Leute, die gerne beraten und sich über interessierte Kunden freuen.

Ich habe mich bei solchen Beratungen aber schon unsicher gefühlt. Wenn ich nicht viel über Wein weiß: Welche Anhaltspunkte sollte ich dem Verkäufer nennen?
Sagen Sie, was Sie kochen. Fachhändler können meist ziemlich gut einschätzen, was dazu passen würde. Und wenn Sie wissen, ob Sie lieber Weiß- oder Rotwein trinken, grenzt das die Auswahl auch schon ein. Falls es mal einen Wein gibt, den Sie richtig gern trinken, dann machen Sie mit dem Smartphone ein Foto vom Etikett. Wenn die Verkäufer das sehen, können Sie geschmacksmäßig zuordnen, in welche Richtung es gehen soll. Und im Gegensatz zum Supermarkt können Sie in der Weinhandlung meist auch etwas probieren.

Wie viel sollte ich für eine ordentliche Flasche ausgeben?
Der Durchschnittspreis für eine Flasche Wein in Deutschland liegt bei unter drei Euro. Man darf nicht vergessen: Abgesehen von dem Inhalt muss ein Etikett, ein Korken, eine Flasche bezahlt werden. Wenn man sich die Lieferkette anguckt, kann man sich vorstellen, wie viel Wert noch übrig bleibt für den Inhalt. Und dann kann man sich ausrechnen, was da drinnen ist. Ich würde deshalb empfehlen, keine Weine für unter zehn Euro zu kaufen. Wenn ich möchte, dass alle nachhaltig davon leben können, ist das eine gute Startmarke. Dass das nicht immer geht, ist auch klar.

Wie stark schmeckt man die Unterschiede?
Wenn man qualitativ hochwertige Weine neben Supermarktweine stellt, kann man auch als Laie direkt einen Unterschied merken. Der günstigere Wein wird nicht so komplex und schnell weg sein im Geschmack. Bei einem handwerklich hergestellten Produkt ist das komplett anders. Das schmeckt lange und in unterschiedlichen Nuancen.

Haben Sie einen Tipp für Menschen, die in ihrer Jugend viel süßen Wein getrunken haben und den Umstieg auf andere Weine schwer finden?
Wenn man es süßer mag, ist zum Beispiel ein Riesling Kabinett von der Mosel ganz, ganz toll. Ich nenne ihn immer Limo für Erwachsene. Er schmeckt ein bisschen nach Zitrusfrucht und Apfel und ist schön frisch und ausbalanciert. Im Sommer ist er auch ein guter Aperitif.

Und wenn man nicht auf der Suche nach süßem Wein ist: Gibt es Rebsorten, die dem Massengeschmack entsprechen – bei denen man, wenn man Gäste hat, also weniger falsch machen kann, weil sie die meisten Menschen mögen?
Mit Rebsorten allein ist es schwierig, es kommt eher auf die Machart an.

Das heißt, man kann sich eben nicht darauf verlassen, dass einem eine bestimmte Rebsorte immer gleich gut schmeckt?
Riesling ist zum Beispiel unsere Hauptrebsorte in Deutschland. Sie spiegelt stark wider, wo sie gewachsen ist. An der Mosel findet man Weine mit Restsüße, in der Pfalz sind die Weine traditionell sehr trocken. Große Historie hat der Riesling auch im Rheingau – der ist immer noch trocken, aber nicht ganz so trocken wie in der Pfalz. Deswegen muss man ein bisschen probierfreudig sein.

Wenn ich den Wein nach dem Einkauf nach Hause gebracht habe: Wie lagere ich ihn denn?
Am besten direkt im Kühlschrank.

Bei Weißwein, oder? Und Rotwein einfach draußen lassen?
Man kann ihn draußen lassen. Ich trinke Rotwein aber tatsächlich lieber ein bisschen gekühlt, so bei 12, 14 Grad, weil er im Glas sowieso von alleine warm wird.

Und wenn man den Wein noch nicht in den Kühlschrank stellen muss – wohin damit?
In Wohnungen sollte man darauf achten, dass der Raum eher dunkel ist und eine konstante Temperatur hat. Nicht geeignet ist die Küche.

Ist die ein bisschen dunkle Abstellkammer besser?
Ja, genau.

Es heißt immer, dass Rotwein atmen muss. Wenn ich keine Karaffe habe – reicht es, die Flasche vor dem Trinken einfach ein bisschen länger aufzumachen?
Das mit dem Atmen gilt übrigens nicht nur für Rotwein, sondern auch für Weißwein. Wenn ich den Wein einfach nur aufmache, kommt nicht viel Sauerstoff durch den Flaschenhals.

Also besser umfüllen?
Ja. Es muss keine Dekantierkaraffe sein, auch eine Saftkaraffe funktioniert. Dem Wein ist das egal. Was auch geht, wäre zum Beispiel eine andere leere Flasche.

Und worauf sollte ich bei der Auswahl von Weingläsern achten – gerade, falls ich wegen Platzmangels nicht viele verschiedene unterbringen kann?
Ich würde empfehlen: nicht zu kleine Gläser, lieber ein paar größere. Also das, was oft als Rotweinglas tituliert wird. Außerdem sollte die Glasstärke nicht zu dick sein.

Wenn ich jetzt mit den Freunden den Wein geöffnet und angefangen habe, zu trinken: Wie mache ich mich nicht lächerlich, wenn ich über den Geschmack des Weins sprechen möchte?
Ich würde einfach fragen: Wie schmeckt's dir? Oder: Was schmeckst du denn? Ich schmecke das und das. Und du? Gefällt dir das denn? Oder was trinkst du denn so gerne? So kommt schon ein bisschen was zusammen, worauf man aufbauen kann.

Wein ist Ihr Beruf. Was macht ihn für Sie so besonders?
Mein Lieblingszitat zu Wein kommt von William Shakespeare: »Der Wein steigt in das Gehirn, macht es sinnig, schnell und erfinderisch, voll von feurigen und schönen Bildern.« Ich finde das nett, weil es auch die Wahrheit ist: Wein erzeugt einen leichten, euphorisierenden Rauschzustand. Ich empfinde das bei Wein anders als bei Bier. Bier macht immer eher ein bisschen müde, Wein nicht. Außerdem steckt hinter Wein einfach noch so viel mehr: Geschichte, Kultur und vor allem auch Menschen. Was ich auf jeden Fall sagen kann: Guter Wein wird noch besser, wenn er geteilt wird.