»Du bist nicht schuld an meinem Einzelnsein«

Der Schriftsteller Friedrich Ani schreibt seinem Vater, der kaum redete und nie Fragen stellte. Ein Brief über das Schweigen und die ewige Verbundenheit.

Der Schriftsteller Friedrich Ani.

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Einmal, Vater,

wollte ich Dich fragen, warum Du mir nie Deine Muttersprache beigebracht hast. Ein andermal wollte ich Dich fragen, wie es war, als Du nach Deutschland kamst und die Menschen alle in einer für Dich urfremden Sprache redeten. Auf Englisch, erzählte mir später jemand, sollst Du Dich verständigt haben, obwohl Du in der Schule Französisch lerntest, die Sprache des einstigen Protektorats Deines Heimatlandes. Ich wollte Dir so viele Fragen stellen. Nicht, weil ich in einem Alter war, in dem

Ich wollte Dir Fragen stellen, damit wir einen Grund hätten zu reden; Zeit miteinander zu verbringen; eine unverbrüchliche Nähe zu teilen. Meine Fragen sollten nichts weiter sein als Klopfzeichen aus der Kistenwelt meines Alleinseins, wo ich mich aus purer Notwehr eingerichtet hatte.

Vielleicht – das denke ich heute, sechs Jahre nach Deinem Tod zum ersten Mal – wollte ich Dir auch deshalb Fragen stellen, um Dir auf zaghafte Weise zu sagen: Du bist nicht schuld an meinem

Mein Schreiben blieb Dir ein Rätsel; Du stelltest mir nie Fragen nach den Gründen meiner Leidenschaft, meines Lesedrangs, meines Kritzelzwangs; ich schrieb ja wie besessen auf jeden Zettel, jeden Block, ich verschwand in einer Welt,

Die wichtigen Dinge – Beruf, Ansehen, Aussehen, Besitz. Doch mit allem, was Du je erreichtest, hast Du nie geprahlt; mit Deinem von mir maßlos bewunderten

Das brachte mich zum Weinen. Nicht aus Traurigkeit, weil ich Dich anders erlebte, vielmehr aus maßloser Freude darüber, dass diese Seite in Dir existierte und