Mit scharfer Klinge

Der Urururgroßvater unserer Autorin war der letzte Henker der Stadt München, sein Schwert ist noch immer im Familienbesitz und steht auf dem Dachboden. Zeit, ein dunkles Familiengeheimnis zu lüften.

Das etwa 200 Jahre alte Richtschwert der Familie der Autorin. Der Griff ist aus Rochenhaut.

Foto: Julian Baumann

Auf dem Dachboden meiner Eltern steht ein Schwert. Das Haus war einst, als sie noch lebte, das Haus meiner Großmutter. Seit ich denken kann, lehnt das Schwert unter der Dachschräge zwischen den Gartenzwergen meiner Mutter, Balduin und Ferdinand. Daneben steht mein altes Barbie-Wohnmobil in kreischendem Pink. Dazu eine Kiste voller Rohrteile meines Vaters, von denen er sagt, man wisse nie, ob man sie irgendwann einsetzen könne. Das Schwert - der Griff vergoldet, die Klinge glänzend - wirkt wie aus der

Es ist ein Henkersschwert. Und es gehörte meinem Urururgroßvater. Martin Hörmann schlug damit Mördern, Räubern und Verrätern den Kopf ab. Mehr wusste ich nicht über dieses Schwert. Meine Oma, Martin Hörmanns Urenkelin, sprach nie von ihm. Ihr Haus, in dem heute meine Eltern leben, steht in einem Dorf in Oberbayern, 1700 Einwohner, siebzig Kilometer von München und doch eine Welt entfernt. Hellbraune Kühe zermalmen Gras hinter dem Gartenzaun, am Horizont stemmt sich das verschneite Zugspitzmassiv in den Himmel. In der Dorfkirche

Ich bin in München aufgewachsen. Jedes Wochenende fuhren mein Bruder und ich aufs Land. Meine Oma strich Schinkensemmeln, so viele wir essen konnten, und abends, wenn sie in ihrem Sessel eingeschlafen war, guckten wir Horrorfilme.

Meine Oma hat versucht, das Schwert auf dem Dachboden loszuwerden. Niemand wollte es haben, ihre Schwägerin nicht, ihr Sohn nicht, meine Mutter nicht. Also blieb es, wo es war. Es ist, als ob eine Scham an dem Schwert klebe, die immer weitervererbt wird. Die Vorstellung, dass

Martin Hörmanns Aufgabe als Scharfrichter war es, Geschichten zu beenden. Meine Aufgabe als Journalistin ist es, Geschichten aufzurollen. Doch die blutige Vergangenheit meiner Familie zu erzählen, schreckte mich lange ab. Vor ein paar Monaten habe ich meine Meinung geändert. Vielleicht liegt

Die letzte öffentliche Hinrichtung fand am 11. Mai 1854 in München auf dem Marsfeld, wo das neue Postgebäude steht, durch den Scharfrichter Hörmann jun. statt. Der zum Tode Verurteilte war ein 19-jähriger Dienstknecht Christian Hussendörfer, der bestialisch seinen Dienstherrn ermordet und beraubt hatte. Dem Scharfrichter gelang es nicht, mit dem ersten Hieb der strafenden Gerechtigkeit zu genügen. Er musste siebenmal schlagen, ehe das Werk vollendet war. Der dabei einsetzende Skandal war für die Regierung der Grund, noch im gleichen Jahre das Fallbeil einzuführen und die öffentlichen Hinrichtungen zu verbieten.

Meine Mutter und ich starrten auf den Text. Als wäre es nicht genug, dass mein Vorfahr den brutalsten Beruf der Welt ausübte. Nein, diesen Job hat er auch noch schlecht gemacht! Ein Dilettant, der eine Krise im bayerischen Strafsystem auslöste. Ein

Ich googelte »Marsfeld München«. Die Richtstätte lag damals vor den Toren der Stadt und heißt heute Marsplatz. Er liegt zwischen Hackerbrücke und Circus Krone, ich kenne den Ort gut. Am Marsplatz 1 steht das Wittelsbacher Gymnasium. Es ist die Schule, an

Anruf bei Oliver Pötzsch. Der Autor ist Nachfahre einer Scharfrichterfamilie aus Schongau. Auch ich wurde dort geboren. Mit einer historischen Romanreihe über eine Henkerstochter aus seiner oberbayerischen Kleinstadt ist Pötzsch in der Region bekannt geworden. Meine Mutter liebt seine Bücher, sie hat mir von ihm erzählt. Ob ihm Martin Hörmann etwas sage?
»Ja klar, die Hörmanns waren über Jahrhunderte eine Henkersdynastie in Bayern.« Wie? Es gab mehr als den einen? Meine Vorfahren, alle Mörder?

»Du, sag mal, das Schwert, das ihr da habt«, sagt Pötzsch plötzlich: »Kann es sein, dass das meins ist?« Das Schwert seiner Familie sei aus dem Schongauer Stadtmuseum geklaut worden und seitdem verschollen. Sollten wir unseres nicht mehr brauchen, wäre er interessiert, für Pressefotos und so.
»Auf keinen Fall«, sagt meine Mutter später und klingt gar nicht mehr beschämt über die Waffe, sondern ein bisschen stolz. »Wir behalten unser Schwert!«

Schon seltsam, niemand will es haben, es hergeben aber auch nicht. Uns scheint etwas mit dem Schwert zu verbinden. Gibt es uns ein Gefühl dafür, wie sehr unser

Ein graues Band windet sich um ihn, rau und fest. Es fühlt sich an wie Schlangenhaut. Das Schwert ist einen Meter lang und - ich wiege es später

Ein paar Wochen später fahre ich mit meinen Eltern und dem Schwert ins Bayerische Nationalmuseum. Die Experten für Waffen und Volkskunde haben sich bereit erklärt, es sich anzusehen.

Im Auto berichtet meine Mutter von ihrer Tante. Anni Hörmann bunkerte das Schwert in ihrem Haus, bevor meine Großmutter es zu sich nahm. Als der Zweite Weltkrieg tobte,

Vor dem Museumseingang wartet eine Schulklasse. Wir weichen den Blicken aus, als wir mit dem riesigen Schwert in seiner Scheide aus vergoldetem Messing, die ich ebenfalls auf dem

In einem Büro streifen sich zwei Wissenschaftler Einweghandschuhe über. »Prächtige Ausführung für ein Richtschwert«, sagt der Waffenexperte Raphael Beuing, als er sich über den Griff beugt. Was ich

Beuings Kollege, der Volkskundler Thomas Schindler, schätzt das Schwert auf etwa 200 Jahre. »Richtschwerter waren immer Privateigentum der Scharfrichter. Ihr Vorfahre hat es wahrscheinlich für seine Maße anfertigen

Mein Ehrgeiz, das Leben von Martin Hörmann zu rekonstruieren, ist jetzt noch größer. Zu Hause finde ich im Internet auf einer Hobby-Ahnenforscher-Seite eine Gruppe, in der haufenweise Daten

Martin Hörmann wurde 1786 in München geboren, ein Pfarrer taufte ihn in der Kirche St. Peter am Marienplatz. Sein Vater war der Stadthenker Münchens, seine Mutter war Tochter

Wir verleihen die durch den Tod des Michael Hörmann erledigte Scharfrichters-Stelle im Isarkreise dem Sohne des Verstorbenen, Martin Hörmann, welcher hierinn schon Proben seiner Geschicklichkeit abgelegt hat, und bewilligen demselben zugleich den Gehalt von eintausend fünf und siebenzig Gulden, nebst dem Fortgenuß der bisherigen Wohnung.

Mein Urururgroßvater war also 26 Jahre alt, als er zum ersten Mal mit seinem Schwert im Dienste der Obrigkeit Köpfe abschlagen durfte. Ich lese, dass man bei einer

Auch ich hatte, als ich 26 Jahre alt war, gerade mein Studium hinter mir. Ich ging dann

Das »Henkershäusl« stand isoliert von den Nachbarn an der Stadtmauer unterhalb des Sendlinger Tors. Zocker und Prostituierte

Im 19. Jahrhundert wehte der Geist der Aufklärung nach Deutschland, auch die Justiz sollte menschenfreundlicher werden. Kurz

Ich fahre ins Archiv des Erzbistums München. Dort sind die Kirchenbücher digitalisiert, in die Pfarrer jahrhundertelang alle

Ich stutze und krame den von meiner Oma aufbewahrten Zeitungsartikel aus Berchtesgaden hervor. Ihm zufolge fand die

In einem Fachbuch über Scharfrichter finde ich eine Chronik über die Henker von München. In der Tat,

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Es war ein Dienstag. Keiner musste an diesem Tag arbeiten, denn alle sollten zuschauen, wenn einer von

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Wenn ich meine Eltern heute frage, was mit dem Schwert passieren soll, wissen sie es immer noch

Bis meine Familie sich entschieden hat, wird es aber da bleiben, wo es war: auf dem Dachboden