Alle zusammen

Vier Generationen unter einem Dach: So wohnt unser Autor mit seiner Familie. Ein Modell der Zukunft, sagt die Wissenschaft. Hier knirscht es erst ziemlich – und wird dann zu einem Miteinander, das alles verändert: das Leben und das Altern.

Die Lebensjahrzehnte eins, vier, fünf, sechs und acht vereint vorm Haus. Uropa Willi lässt sich auf diesem Bild entschuldigen. Er blieb lieber gemütlich auf seinem Stuhl.

Als in der Früh die Männer mit den Sägen kamen, verbarg Willi sich in seinem Bett. Er schaute auch nicht zum Fenster raus. Seine geliebte Fichte, älter als er mit seinen 95 Jahren. Einer der Männer kletterte in den Wipfel, 25 Meter in der Höhe, doppelt so hoch wie das Haus. Die Spitze des Stamms fiel nach dem Mittagessen, die Mitte zur Kaffeestunde, der Fuß zur Dämmerung, Haus und Boden zitterten, Sophia klammerte sich um meinen Hals.

In der ganzen

Dann ging Helga,

Gestützt auf Tochter

Ich weiß noch,

So schwach wie

Sophia kommt gelaufen,

Als Sophia längst

Willi und Helga,

In den USA

Und in Deutschland,

Vier Jahre ist es her, dass Franziska und ich mit Kind, Hund und Harfe vor diesem Haus vorfuhren, einer kleinen, alten Villa, die auf Efeu zu ruhen schien. Jede ihrer Seiten hatte ein eigenes Gesicht, passend, dass vier Generationen hier leben sollten. Vorne ein Dreiecksgesicht mit zwei verwitterten Säulen, hier hatte Helga im Erdgeschoss ihre Räume, die Seele im Haus, damals 81 Jahre alt. Fünf Mädchen hat sie großgezogen und ist darüber jung geblieben. Einmal fuhren wir mit ihr zum Zelten nach Italien. Sie schlief eine Woche auf dem Beifahrersitz. Gewaltiger als Helgas Herz und Lebensfreude waren nur ihr Kleiderschrank und ihr Niesen, das der Grund dafür sein muss, dass einer der beiden Schornsteine abgebrochen war.

Die linke Seite

Aus den Nestern

Hinten war die Villa mit Holz verkleidet, aus seinem Fenster im ersten Stock konnte Willi die Fichte und das Hühnerhaus beob­achten. Willi hatte ein verschmitztes Lächeln und die gewaltigsten Augenbrauen, was beides in seinem Leben sicher hilfreich war, verließ sich doch Charlie Bluhdorn auf ihn, wenn es darum ging, im richtigen Augenblick zu lächeln oder streng zu schauen. 150 Unternehmen zählten zu Bluhdorns Reich, dem Konglomerat Gulf & Western: Zink und Zucker, Pferde und Rinder, Madison Square Garden, Simon & Schuster und die Paramount, was dazu führte, dass Willi mit Romy Schneider und Robert Redford verkehrte und er, bevor sie Der Pate drehten, Francis Ford Coppola traf, um seine Meinung über Marlon Brando zu hören, dem Charlie misstraute: zu teuer, abgehalftert! Als Coppola erzählte, welche Ideen Brando hatte, der sich Stoff in die Wangen stecken wollte, um seine Aussprache zu verfremden, sagte Willi zu Bluhdorn: »Charlie, give him a chance.« Die warmen Monate verbrachte Willi im Hausgarten, vor der vierten Gebäudeseite. Wein überwucherte die Fassade, die Blätter hingen so tief, dass sie mein Gesicht streiften, als ich durch die Eingangstür trat.

Sophia, noch ein

Die Idee des

Immerhin, das größte

Müde saß ich

In einer perfekten Welt, sagte mir mal eine Beziehungsforscherin, wären wir alle allein: Solch eine Mühe ist es, unseren Tag mit anderen in Einklang zu bringen. Nun ist es sicher nicht leicht, den Tageslauf mit anderen zu teilen. Schwerer aber ist es, ein Dach zu teilen, Klingel und Briefkasten, Eingang und Garderobe, Sofa und Waschmaschine. Du musst nicht nur den Tag, du musst dein Leben mit anderen in Einklang bringen. Und so war vor dem Einzug – bei aller Vorfreude – in uns ein Unbehagen aufgestiegen. Nur Willi und Sophia hatte es nicht beschlichen, sie mussten wegen ihres Alters in nichts zurückstecken.

Susannas Blick verdüsterte

Von Helgas Sorgen

Schließlich unsere Zweifel.

Auch ich begann

Den ersten Ärger,

Und so nahm

Jede Generation hatte

Im Frühling war

Und sie hatten

Aber: Waren sie

Streit, wie er

Und so musste,

Sophia hatte uns in dieses Haus gebracht. Und hielt uns zusammen. Sie ist unser Katalysator, dachte ich einmal. Gerhard Ertl, Nobelpreisträger der Chemie, hatte mir einst die Katalyse erklärt, wie bedeutsam sie ist, wie sie uns und unsere Welt formt. Ohne Katalysatoren keine industrielle Revolution, kein Benzin, kein Kunststoff. Ohne sie kein Leben, kein Denken, Wachsen, Verdauen. Katalysatoren bringen zusammen. Und helfen über Klippen. »Ein Katalysator ist wie ein Bergführer«, sagte Ertl. »Er bringt den Wanderer am schnellsten über den Pass.«

Wir sahen Sophia

Als ich Willi

Und er erzählte Geschichten von Louis de Funès, Romy Schneider, und wie sie aus dem Desaster Love Story einen Film machten, der mehr als 100 Millionen US-Dollar einspielte. Und schließlich über das Leben an sich, was zählt, was nicht.

Oft haben wir

Neben Willis Schlafzimmer hängt ein Foto an der Wand, er und Charlie Bluhdorn im Gespräch, Willi in meinem Alter, Trenchcoat, Anzug, Krawatte, breite Brust, ebenes Gesicht, Sonnenbrille, der Schopf dicht, Charlie lauscht, ihre Gulfstream wartet, gleich fliegen sie los, Geld bewegen und die Welt. Und nun, ein halbes Jahrhundert später, als er vorbeiläuft: die Brust schmal, das Haar weiß, die Hände am Rollator, geht Willi einen Schritt, läuft der Sekundenzeiger fünf Schritte.

Das Alter ist

Oft saßen wir

Er lachte. Und

Was das Alter

Als wir zusammensaßen

Oder als wir

»Wo hast du

Ich schwieg und

Lebten Franziska und ich wie vorher, in der Zweigenerationenwohnung, wüsste ich nichts über das Alter. Dort war das Altsein weit weg. Dabei ging ich auf die 50 zu, hatte mehr als die Hälfte meiner Tage verlebt. Aber ich hatte es nie so empfunden. Erst hatte Franziska, die zehn Jahre jünger ist, mein Altern verschleiert, dann Sophias Geburt.

Alter war das,

Da ich sie

Einmal lieh ich

Und ich wollte

Und am Ende

Das dritte Jahr, alles hatte sich gefügt, die Tage flossen dahin, »an die Zeit werden wir uns immer erinnern«, sagte Helga. Gartenpartys, Tanzfeste, aber auch einfach geteilter Alltag, Hühner füttern, Beete mulchen, beim Gassi Bäume an der Rinde erkennen, glatt die Hainbuche, rau die Fichte, Augenblicke, die zu Erinnerungen werden. Ja, und dann kam die Pandemie. Abends saßen wir bei Willi, vorm größten Fernseher im Haus, und hörten vom Sterben der alten Menschen.

Susanna versenkte sich

Und das Einzige,

Was ist da unten los? Samstagfrüh, ich liege im verrufenen Sofa und schreibe, es ist halb elf, eben war es noch ruhig, alle im Haus haben verschlafen, auch Willi, der Frühaufsteher. Gestern hatte Franziska ihm Netflix eingerichtet, Sophia, die Hunde, alle hatten sich palavernd in seinem Schlafzimmer versammelt. »Was willst du sehen? Ziemlich beste Freunde?« Die Geschichte des Gelähmten und seines Pflegers, in der der Pfleger den Gelähmten auch mal verulkt. »Ha!«, rief Helga. »Wie der ihm üble Frisuren macht.« Gelächter. »Werde ich bei Papa auch mal machen!«, rief Susanna. Es waren am Ende die richtigen Filme. Als ich in der Nacht um halb drei den Hund rausließ, brannte bei Willi noch Licht.

Auch ich hatte bis in die Nacht gesumpft, hatte in eine australische Serie reingeschaut, Altenheim für Vierjährige, Nir Barzilai hatte mir davon erzählt, Professor am Albert Einstein College of Medicine in New York, weltbekannt für seine Studien mit Hundertjährigen. Vor einem Jahr sprach er auf dem World Economic Forum über seinen Vorschlag, Kindergärten und Altenheime zusammenzulegen.

Die Idee der

Der erste Clip,

Malen. Vorlesen. Klatschen.

Am Ende stellen

All das in

Und es wirkt

Als ich ins

Neugierig ging ich