Die Frau meines Lebens - Die Freundin

Zwei Jahre lang ließ sich Silke Pfersdorf von ihrer Freundin alles gefallen, bis sie bemerkte, dass diese nicht ehrlich, sondern biestig war.

(Der Beginn einer langen Freundschaft, die in manchen Fällen leider unsanft endet / Foto: IP)

Zwei Jahre lang habe ich alles rausgerückt, Ängste, Schwächen, Peinlichkeiten. Vor Eva, meiner Freundin. Die gar keine Freundin war, sondern ein Biest, aus dem süße, aber giftige Worte tropften.

Sie meint es sicher nur gut, dachte ich, vielleicht ist sie etwas direkt, aber immer noch besser als verlogen. Zwei Jahre lang war ich blöd genug, ihre Spitzen für Ehrlichkeit zu halten. Also hielt ich an Eva fest, an unseren lustigen Ausflügen mit den Kindern, dem Spaß, den man mit ihr haben konnte. Den Rest versuchte ich auszublenden. Leider war es der Rest, der mich am Ende fast zu Boden drückte. Wir lernten uns bei der Schwangerschaftsgymnastik kennen. Als ich mich durch die ersten Wehen quälte, ließ sie durchblicken, sie habe meinen Mann mit einer drallen Rothaarigen gesehen – eine bloße Verwechslung, wie sich später herausstellte. Als sich meine Tochter mit acht Monaten immer noch nicht drehen konnte, guckte sie skeptisch auf mein Kind, wie es da so platt auf dem Teppich lag, und sagte: »War ja auch eine ziemlich schwere Zangengeburt.« – »Meinst du, da ist ein Zusammenhang?«, fragte ich besorgt. »Nee, ich hatte da nur mal was gelesen«, antwortete sie, »aber man muss ja nicht gleich das Schlimmste annehmen.«

Ein anderes Mal erzählte sie mir auf dem Spielplatz von einem Traum: Meine Kleine sei an einem Stück Fischgräte erstickt. Mir war kotzübel zumute. Später knuddelte sie meine Tochter, als sähe sie sie zum letzten Mal. Ständig hinterließ sie Zwietracht in mir, piekste in Wunden, heimlich, still, leise, mit freundlicher Stimme. Sie machte mich ängstlich, misstrauisch, traurig – in pastellfarbenen Worten, unter dem Deckmantel der Aufrichtigkeit. Ich spürte, dass sie mir nicht guttat – und hielt mich selbst für eine Mimose, die mit ehrlichen Worten nicht umgehen konnte.

Eva zweifelte nie, hatte stets alles im Griff. Ihr Leben war ein Geburtstagskuchen, auf dem die Kerzen immer dann besonders stolz brannten, wenn ich in ihre Wohnung kam. Ich hatte ihr gerade müde vom Stress mit den Kindern, dem Druck im Job und den Fingertapsern auf den Fensterscheiben vorgejammert, als sie meinte: »Ich habe jetzt ein Au-pair-Mädchen. Ist gar nicht so teuer. Bis auf die Nebenkosten: Dafür kann ich jetzt jede Woche zum Friseur.« Ich, die im fleckigen Pullover. Sie, die in der gebügelten Bluse.

»Du Ärmste«, sagte sie liebreizend. »Möchtest du einen Schümli-Kaffee? Die Bohnen dafür kaufe ich nur am Viktualienmarkt, alles andere geht gar nicht.« An Eva gingen der Alltag und der irdische Wahnsinn vorüber. Sie schaffte es sogar, aus rosa Glückswölkchen in meinem Kopf einen Grauschleier zu hexen: Als ich ihr stolz erzählte, endlich ein paar Kilo leichter geworden zu sein, schaute sie
mir traurig aufs Dekolleté: »Nur schade, dass dabei auch der Busen schrumpft.« Das war der Tropfen Gift zu viel.

Ein Gedanke blitzte auf: Freundinnen freuen sich doch auch mal füreinander. Und hatte sich Eva schon einmal für mich gefreut?

Mir dämmerte: Hier war was faul. Von da an schaute ich genauer hin: Wenn ich an ihrem Geburtstag liebevoll abgeschmeckten Salat beisteuerte, würzte Eva mit entschuldigendem Lächeln nach, präsentierte ich stolz ein selbst genähtes Jäckchen für meinen Sohn, hatte sie gerade für 16 Kinder der Kindergartengruppe Feenflügel gebastelt und nebenbei ihrem Mann bei einer Präsentation vor der Werksleitung geholfen.

Dazu schaute sie huldvoll wie eine Charity-Lady, die einem Waisenkind eine Schale Reis reicht. Ich merkte, dass sie meinen Problemen immer genau zuhörte – um bloß nicht das Stichwort für ihren eigenen Einstieg zu verpassen: »Tja, so eine Situation kenne ich eigentlich gar nicht.« Wenn ich von Eva nach Hause ging, kroch ich stets gebückt in Bodennähe.

Wortpfeile kann man abwehren, Nettigkeiten winkt man durch. Freier Zugang zur Seele. Das war Evas Methode. Sie hatte mich benutzt, um sich selbst
besser zu fühlen, sich auf meinen Schultern auf den Sockel gestemmt. In wütenden Worten schrieb ich ihr die Meinung. Ich glaube daran: Irgendwann im Leben ist Zahltag. Auch für Eva, die mich zwei Jahre lang keine glückliche Mutter sein ließ.