Ich will hier raus

Unsere Autorin verlässt seit einem Jahr kaum das Haus – aus Angst zu sterben. Sie merkt: Alle Menschen werden Feinde, wenn man Hochrisikopatientin ist.

Draußen der unerreichbare Alltag, drinnen ewige Selbstbespiegelung. Ist das noch ein Leben?

Heute wollte ich den halben Tag wieder nur heulen. Ein schiefes Wort, und schon geht’s los. Das Schlimme: Das schiefe Wort muss niemand aussprechen, ich muss es mir nur denken. Ich habe keine Macht mehr über mich. Gummibärchen, Paläontologisches Museum, Rückfahrkarte – kein Gedanke ist schräg genug, dass mir nicht die Tränen runterliefen. ­Irgendein Bogen lässt sich immer schlagen. Zu Corona. Wenn ich das kriege, bin ich tot.

Ach komm, so schlimm muss es doch gar nicht werden! Doch, genauso

Im April, Mai bin ich einmal am Tag für eine Stunde in

Doch. Einmal im Juni war ich schon am Morgen um halb sieben

Ende September flog ich nach Griechenland. Die Infektionszahlen dort waren lächerlich niedrig.

Vor 15 Jahren wurde mir die halbe Lunge entfernt. Kein Krebs, sondern

Seit 14 Jahren führe ich ein halbwegs normales Leben. Das war mein

Seit die Pandemie ausbrach, bin ich Corona-Junkie: Lese morgens als Erstes die

Weil auch mein Mann inzwischen die meiste Zeit im Homeoffice verbringt, arbeite ich statt am Küchentisch in meinem Zimmer. ­Neben mir ein Regal, fünf Gesellschaftsspiele darin, vor dem Entrümpeln gerettet. Erinnerung an die Zeit, als meine Kinder kleiner waren. Ständig starre ich die Spiele an. Nicht vor Rührung. Ich interpretiere ihre Namen inzwischen als Beschreibung meines Zustands: Tabu, Denk fix!, Das Malefiz-Spiel, Scotland Yard, Risiko.

Anfang Dezember war ich in der zweiten Gruppe, die geimpft werden soll,

Woran, wenn nicht an Wunder, soll ich noch glauben? Dann ging auch

Januar 2021, im zweiten Lockdown: Wir besuchen Clemens. Vier Mal hatte ich

Auf der Heimfahrt sagt mein Mann, ich müsse einfach deutlicher auf meine

Ein Jahr zu Hause. Das macht ja was mit einem. Auch was

Das, was ich mein Leben nenne, ist auf meine Wohnung und zweimal

Klar, mir geht es gut. Wohnung groß, Familie gesund, Arbeit habe ich

Obwohl ich weiß, dass man niemals »Kopfschmerzen« googeln sollte, weil man nach

Ich gehe nicht mal mehr spazieren. Schon gar nicht zu zweit. Statt meiner Begleitung gehörte meine Aufmerksamkeit ausschließlich jenen, die mir zu nahe kommen. Laut einer Statistik fürchten fünfzig Prozent der Deutschen über 18 wie ich, angesteckt zu werden. Was ist mit den restlichen fünfzig Prozent, schlappen dreißig Millionen? Zählen die, die gerade vor mir gehen, dazu? Kommen mir welche entgegen? Muss ich zur Seite springen, weil jemand direkt vor mir aus dem Haus tritt? Im Plötzlich-zur-Seite-Springen bin ich, glaube ich, Münchner Meisterin. Was ist mit denen, die ich von hinten kommen höre? Jogger, die mir ihre Aerosole aufzwingen? Die un­mittelbare Zukunft vorauszusehen ist keines meiner Fachgebiete. Es strengt nur so an, dass ich froh bin, wieder zu Hause zu sein. Und zu bleiben. Manchmal komme ich mir in meiner Wohnung vor wie M aus Tritte, einem Theaterstück von Samuel Beckett. Seit Jahren, vielleicht Jahrzehn­ten geht sie, mechanisch wie ein Metronom, von Wand zu Wand und schreitet den begrenzten Horizont ihres Daseins ab. Wie schreibt man noch mal Restorant?

Kein Wort mehr glaube ich jenen, die behaupten, sie hätten jetzt nur

Ich will geimpft werden. Sofort! Geht nicht, weiß ich ja, zu viel

Meine Angst ist zu einem Gutteil Wut, Neid, Unverständnis. Wut auf alle,

Seit Ende Januar ist selbst mein letztes kleines Highlight futsch, der Einkauf

Nur noch 281 Mal schlafen. Dann ist 2022.