»Medizin ist ein öffentliches Gut, jeder muss sich das ­leisten können«

Falls es eines Tages einen Impfstoff gegen ­Covid-19 geben sollte – wie kann man sicherstellen, dass dieser bezahlbar ist und weltweit zur Verfügung steht? Ein US-Aktivistenpaar hat die Antworten – und enthüllt dabei, was in der Pharma-Industrie derzeit alles falsch läuft.

Jamie Love (links) und Manon Ress haben zwei gemeinsame Kinder und je eines aus früheren Ehen. Sie betreiben zusammen die Organisation Knowledge Ecology International, die sich für gerechtere Regeln bei geistigem Eigentum einsetzt – besonders in der Pharmabranche.

SZ-Magazin Was bedeutet Covid-19 für Sie persönlich?
Manon Ress: Als klar war, dass Alte und Immungeschwächte besonders gefährdet sind, hielt ich kurz inne: Jamie ist siebzig und hat Asthma. Ich habe Krebs. Also sagte ich zu ihm: »Schauen wir mal, wer von uns beiden zuerst stirbt.« Ich glaube, er mag diese Art von Witzen nicht.

Machen Sie sich keine Sorgen?
Ress: Ich lebe seit zehn Jahren mit dem Wissen, dass ich jeden Moment tot sein könnte. Jetzt stellen sich plötzlich alle die gleichen Fragen wie ich: Wie können wir noch über die Zukunft nachdenken, oder auch nur über die nächste Woche? Für unsere Kinder klingt es jetzt ganz anders, wenn ich ihnen sage: Ein Tag nach dem anderen. Macht nur, was ihr liebt!

Trotzdem warnen Sie beide gerade täglich, dass wir zu wenig über die Zukunft nachdenken.
Jamie Love: Wir haben einige Erfahrung mit solchen Krisen, etwa mit der Aids-Epidemie. Da haben wir uns Ende der Neunzigerjahre stark eingemischt, weil Millionen Menschen – vor allem in Entwicklungsländern – die Medikamente nicht bekamen, dank derer die Krankheit nicht mehr zwingend tödlich war. Schon in normalen Zeiten belastet es Patienten und Versicherungen, dass wirksame Medikamente extrem teuer sind – entweder weil sie die Medikamente nicht bekommen oder weil die Kosten sie erdrücken. Aber jetzt verlieren Leute ihre Jobs, ihre Häuser, sie verlieren alles, wenn sie nicht arbeiten können. Wie lange das geht und wie tief wir fallen, einschließlich aller politischer Verschiebungen, hängt davon ab, dass wir Tests, Medikamente und Impfstoffe bekommen, und vor allem davon, dass wir sie weltweit zugänglich machen – und bezahlbar. Und dabei können uns Patente und andere Schutzrechte im Weg stehen.

Was meinen Sie?
Love:
Momentan funktioniert unser System in etwa so, als würden Regierungen den Pharmakonzernen sagen: »Dieses Medikament entscheidet darüber, ob jemand lebt oder stirbt. Warum legen Sie den Preis nicht einfach selbst fest, ganz so, wie Sie mögen? Und wir sichern Ihnen dann noch ein Monopol über zwanzig Jahre!« Man kann das moralisch nicht rechtfertigen während einer Pandemie, da muss einfach jeder Zugang bekommen.

Verhindern Patente Ihrer Einschätzung nach auch den Zugang in Industrieländern?
Ress:
Ja, wir erleben das längst nicht mehr nur in Entwicklungsländern. Laut einer niederländischen Recherche musste Ende März die EU-Kommission einschreiten, weil Roche in den Niederlanden das Rezept einer Pufferlösung für den Corona-Test zurückhielt und die Labore keine Tests produzieren konnten. Oder: Israel wollte das patentgeschützte HIV-Medikament Kaletra gegen Covid-19 testen – und musste erst eine Zwangslizenz erlassen.

Wann kamen Sie zum ersten Mal zu der Überzeugung, dass Patente nicht immer gut für Patienten sind?
Ress:
Für mich wurde es besonders deutlich, als meine Mutter an Krebs erkrankte. Sie lehnte damals eine Chemotherapie ab, als sie den Preis erfuhr: 80 000 Dollar. Sie war nicht versichert, also wollten meine beiden Geschwister und ich Kredite aufnehmen und je ein Drittel beisteuern. Aber sie sagte: Auf keinen Fall, ich zahle kein Geld an die Pharmaindustrie! Es blieb dabei, sie wurde nicht behandelt und starb. Dabei kosten diese Medikamente nahezu nichts in der Herstellung.
Love: Ich hatte schon immer ein Faible für Patente. Anfang der Neunziger habe ich in Argentinien und Brasilien erlebt, wie viele wichtige Medikamente dort nicht verfügbar waren – und wie viel Druck die US-Regierung und europäische Regierungen auf Entwicklungsländer ausübten, damit sie keine Patente brechen, um Produkte günstiger zu machen. Aber richtig besessen von dem Thema, vom Schaden, den Monopole anrichten, bin ich seit der Aids-Krise.

Was ist damals passiert?
Love:
Ich wurde Anfang 1999 zu einem Treffen von Aktivisten in New York eingeladen. Sie hatten jahrelang dabei zusehen müssen, wie die Leute um sie herum an Aids starben. Seit 1997 war die Krankheit in den USA nicht mehr zwingend tödlich – es gab Medikamente, mit denen man HIV-positiv sein und trotzdem alt werden konnte. Aber auf internationalen Konferenzen sahen die Aktivisten: Die Delegierten aus Entwicklungsländern starben immer noch.

Mehr als 24 Millionen Infizierte, vor allem in Afrika, konnten sich diese antiretroviralen Medikamente nicht leisten, weil sie patentgeschützt waren. Pro Jahr und Person kosteten sie 15 000 Dollar.
Love:
Ich bin Ökonom und wusste von meiner Arbeit an Medikamenten und Software, dass Länder Patente und die auf ihnen basierenden Monopole brechen und eine Zwangslizenz erteilen dürfen, damit andere Firmen eine bezahlbare Kopie herstellen. Im Fall von HIV hätte das ermöglicht, bezahlbare Generika zu bekommen. Die Aktivisten in New York hatten davon noch nie gehört, also hab ich das in einem Vortrag erklärt. Aber viele von ihnen waren dagegen. Sie glaubten, Pharmafirmen würden dann keine neuen Medikamente mehr entwickeln – zum Beispiel für Patienten, deren Virus resistent gegen die bisherigen Medikamente würde. Dann erfuhr ich, dass Al Gore im Gegenzug für eine große Wahlkampfspende von Bristol-Myers Squibb zugesagt hatte, die südafrikanische Regierung unter Druck zu setzen, keine Patente zu brechen. Ich fand das so offensichtlich rassistisch und abstoßend, dass ich vor lauter Wut beschloss, für den Einsatz von Zwangslizenzen zu kämpfen.

Wie gingen Sie vor?
Love:
Ich wollte, dass Politiker sich auf die Kosten für generische HIV-Medikamente fokussieren. Also bin ich damals um die Welt gereist und habe alle möglichen Leute gefragt, was es wirklich kostet, diese Medikamente herzustellen. Im August 2000 traf ich mich in London mit Yusuf Hamied, dessen indische Firma Cipla die Medikamente für viele große Markenkonzerne produzierte sowie HIV-Medikamente für Märkte wie Indien und Brasilien, wo es noch keine Patente darauf gab. Ich fragte ihn: Vergessen Sie kurz den Patentschutz – wie billig könnten Sie das Medikament anbieten? Er nahm einen Stift und rechnete es mir vor: »Die erste Komponente kriegen Sie für 35 Cent pro Tag und Patient, die zweite für 65 Cent, und der dritte Wirkstoff ist so billig, den gebe ich Ihnen gratis.« Also ein Dollar pro Tag, pro Patient, und er würde immer noch Gewinn machen.

Dieser Preis war später sehr entscheidend dafür, dass der Global Fund zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria eingerichtet wurde.
Love:
Trotz des günstigen Preises, obwohl Südafrika einen Prozess gegen die größten Pharmakonzerne der Welt gewann und obwohl die Welthandelsorganisation 2001 Ausnahmen vom Patentschutz für den Zugang zu Medikamenten beschloss, dauerte es noch einmal zwei Jahre, bis jeder in Südafrika die Medikamente bekommen konnte – bis die Wettbewerbskommission Zwangslizenzen für Generika vergab. Der HIV-infizierte Aktivist Zackie Achmat zwang die Kommission vor Gericht dazu. Und er brachte die Öffentlichkeit hinter sich, weil er die Einnahme seiner Medikamente verweigerte, solange nicht jeder in Südafrika sie bekäme. Er wäre fast gestorben.

Frau Ress, 2010 wurde bei Ihnen Brustkrebs im fortgeschrittenen Stadium festgestellt. Wie erinnern Sie sich an den Tag der Diagnose?
Ress:
Ich hatte schon an Weihnachten einen Knoten in meiner Brust gespürt, aber ich war so absorbiert in unserer Arbeit, dass ich nicht zum Arzt ging. Im Mai war Jamie mit unserer Tochter in Genf, da bin ich endlich hin. Ich hatte dem Krebs wohl zu viel Zeit gelassen. Die Onkologin sagte mir, dass ich Brustkrebs in fortgeschrittenem Stadium habe. Ich hatte Metastasen in ein paar Lymphknoten und in der Lunge. Sie gab mir fünf bis zehn Jahre, ohne Behandlung zwei. Ich war überrascht, wie wenig Angst mir das machte – das war wohl zu abstrakt. Sie sagte mir auch, dass ich eine aggressive Genvariante von Brustkrebs habe, Her2-positiv. Gegen diese Variante gab es sehr wirkungsvolle, gezielte Medikamente. Sie sagte, dass ich Herceptin bekommen würde, das war damals eines der teuersten Krebsmedikamente der Welt, ein biologischer Wirkstoff. Und ich weiß noch, wie ich als Erstes gedacht habe: Schau an, das wird spannend werden für Jamie!
Love: Vor der OP musste Manon eine von zwei Chemotherapien wählen. Man braucht einen Gentest, um Gewissheit zu haben, welche besser wirkt. Aber der wurde ihr nicht rechtzeitig bewilligt – wir mussten raten! Und warum bewilligte die Versicherung den Test nicht? Weil er 4000 Dollar kostet. Und das, obwohl er billig zu produzieren ist und mit staatlichen Fördermitteln entwickelt wurde.
Ress: Ich weiß nicht, warum ich so gelassen war. Meine Schwester hatte ein Jahr vorher Krebs gehabt und überlebt. Vielleicht dachte ich damals noch: Ein Jahr Herceptin, und dann bin ich geheilt. Richtig geschockt war ich erst, als der Krebs später zurückkam.

Was ist dann passiert?
Ress:
Während ich Herceptin nahm, wurde ein Medikament für die sogenannte Zweitlinientherapie zugelassen, Kadcyla, auch von Roche. Es machte meinen Krebs zu einer chronischen Krankheit – er kann nicht geheilt werden, aber ich kann weiterleben. Kadcyla kostete hier in den USA damals fast 150 000 Dollar pro Jahr. Es gab keine gute Alternative, erst Jahre später wurde Perjeta für Frauen in meinem Stadium des Krebses zugelassen. Das bekomme ich jetzt, in Kombination mit Herceptin, seit die Nebenwirkungen unter Kadcyla zu stark wurden. Bisher ist dieses Medikament super – davon abgesehen natürlich, dass ich alle drei Wochen eine Rechnung über 27 000 Dollar bekomme.

Also etwa eine halbe Million im Jahr?
Ress:
Genau. Das ist der Listenpreis für Privatpatienten. Meine Versicherung hat Rabattverträge verhandelt und zahlt in Wirklichkeit etwas weniger als die Hälfte. Aber meine Ärztin muss ständig darum kämpfen, dass ich es durchgängig nehmen kann – der Versicherung wäre es lieber, wenn ich immer mal wieder eine Pause einlege. Um zu schauen, ob die Therapie anschlägt, schon klar.
Love: Es ist verrückt. Dabei kosten diese Medikamente in der Herstellung nur ein paar Dollar pro Woche. Wenn ein Gesundheits-system sein ganzes Geld für solche Medikamente ausgibt, obwohl sie günstig zu produzieren sind, dann rechnen Sie sich aus, warum es uns jetzt an Pflegekräften mangelt! Aber es passiert noch was anderes: Bei Krebs sollten Ärzte ausprobieren können, welches Mittel gut wirkt. Wenn Medikamente so teuer sind, nimmt man Kranken die Chance, herauszufinden, ob ein Mittel bei ihnen vielleicht besser anschlägt als bei anderen, oder ob sie es besonders gut vertragen. Eine Patientin lebt noch zwei Monate, eine andere zwanzig Jahre. Manon hat das Glück, bei ihrem Medikament nicht zu den Kranken im Median zu gehören, denn die sind lange tot.

Ihre Medikamente wurden immer gerade rechtzeitig neu zugelassen, bevor Ihnen die Optionen ausgingen, Frau Ress. Besteht nicht die Gefahr, dass neue Entwicklungen ausbleiben, wenn man Firmen ihre lukrativen Monopole wegnimmt?
Ress:
Wir ersetzen ja nur schlechte Anreize durch bessere, etwa umfangreiche Geldpreise für Innovation. Leute scheinen zu glauben, wir dürfen die Pharmaforschung nicht verändern. Die Musikindustrie hat uns doch gezeigt, dass wir nicht immer am alten Modell festhalten müssen. Ich bin sicher, wir können genauso viel Innovation haben oder sogar mehr – sie wird nur anders finanziert. Bisher wird sie durch hohe Verkaufspreise finanziert, bezahlt von wenigen Patienten. Solange die Patienten Teil der Gleichung sind, sind wir wie Geiseln. Aber Medizin kann man als öffentliches Gut behandeln, das sich jeder leisten können muss. Herceptin ist in Entwicklungsländern fast nicht zu bekommen, also ist mein Krebs dort tödlich. Kadcyla hätte ich damals sogar in Europa in vielen Ländern nicht bekommen, weil es zu teuer war – 1500 Frauen in Großbritannien mit dem exakt gleichen Krebs wie ich bekamen es nicht, weil der dortige Preis, 94 000 Pfund pro Jahr, das britische Gesundheitssystem NHS in die Knie zu zwingen drohte. Frauen wie ich wurden als Geiseln genommen, damit der NHS irgendwann doch nachgibt und den verlangten Preis bezahlt. Es war ein klarer Missbrauch des Patents. Selbst nach einer ersten Einigung wurde das Medikament noch jahrelang rationiert. Nur wenige Patientinnen bekamen es, bezahlt aus einem speziellen Fonds für Krebsmedikamente. Jetzt hat man sich auf einen Preis geeinigt, aber Roche hält die genaue Summe geheim.

Wie sähe nun in der Corona-Krise ein fairer Weg aus? Kann man Firmen enteignen, die Geld in Forschung investiert haben?
Love:
Ich halte das nicht für Enteignung. Oft reden wir von Medikamenten und Impfstoffen, die mit öffentlichen Mitteln finanziert wurden. Wir haben mit der Regierung von Costa Rica an einem Plan gearbeitet, den sie der WHO vorgeschlagen hat und den inzwischen auch die EU unterstützt: Jede Institution, die Forschung finanziert, soll in ihre Verträge für Forschung zu Corona eine Option eintragen, dass die Rechte an allen Ergebnissen in einen weltweiten Pool unter dem Dach der WHO einfließen. Firmen, die Patente halten, würden aufgefordert, dem Pool freiwillige Lizenzen zu erteilen.
Ress: Mit dem Pool stünden die effizientesten Generika-Hersteller der Welt in Konkurrenz: Alle diese Firmen wollen einen Teil des enor­men Volumens liefern, das jetzt nachgefragt wird. Und um sich Marktanteile zu sichern, senken sie die Preise – das muss ein Monopolist nie tun, weil niemand gegen ihn antreten darf. So würden wir uns einem günstigen Generika-Preis annähern: was es kostet, ein Medikament herzustellen, plus ein moderater Gewinn. Die Pharmakonzerne mit dem Patent bekämen eine Lizenzgebühr für jede weltweit hergestellte Dosis, sie verdienen dann also mit.

Was ist mit Medikamenten, die es schon gibt? Fachleute hielten zu Anfang der Pandemie etwa das antivirale Präparat Remdesivir gegen Covid-19 für vielversprechend – aber die Firma Gilead hält die Rechte daran und hat schon in mehr als siebzig Ländern ein Patent dafür beantragt.
Love
: Für solche Fälle schlagen wir einen Buyout vor: Statt das Monopol laufen zu lassen, sollten Regierungen den Firmen die Rechte an allen Tests, Medikamenten und Impfstoffen abkaufen, die sich als hilfreich erweisen, und sofort Lizenzen für die weltweite Herstellung vergeben. Die kann dadurch schneller hochgefahren werden, und die Preise würden fallen. Wir haben mit möglichen Produzenten gesprochen, Medikamente wie Remdesivir sind günstig herzustellen. Jeder Wirkstoff, der sich als tauglich erweist, ist einfach zu wertvoll, um nicht frei verfügbar zu sein.

Man nähme Gilead das Geschäft weg. Mit welchem Recht?
Love:
Diese Firmen würden entschädigt. Aber eben nicht nach dem Motto: Ihr Haus brennt ab, wie viel können Sie mir für einen Wasserschlauch zahlen? Niemand hat ein gottgegebenes Recht, sich an einer Pandemie zu bereichern. Sie war auch nicht Teil des Geschäftsplans.

Welcher Preis wäre dann sinnvoll?
Love:
Der Preis sollte sich zuerst daran orientieren, wie gut das Medikament wirkt, aber auch daran, was die Entwicklung wirklich gekostet hat und wie viel Risiko die Firma übernommen hat: Der Buyout sollte teurer sein, wenn die Firma alle Studien bezahlt hat und nicht die Regierung. Im Fall von Remdesivir haben wir uns das angeschaut. Für die frühen Studien kam viel Geld aus staatlichen Töpfen. Gilead hat nur wenige klinische Studien voll finanziert. Ihre genauen Ausgaben halten Pharmafirmen streng geheim, aber ich schätze, sie dürften nicht mehr als zehn Millionen investiert haben. Als Regierung müssen Sie da sagen: Entweder wir einigen uns auf einen Preis, oder wir vergeben eine Zwangslizenz und diktieren die Bedingungen. Ich halte es für vertretbar, einer Firma die Rechte für ein solches Medikament dann für hundert Millionen Dollar abzukaufen – oder mehr, falls sich doch noch ein existierendes Medikament als wirksam herausstellt. Das ist viel Geld, aber ab dem Moment werden die Medikamente spottbillig, sie können dezentral produziert werden, in viel größeren Mengen – und jeder auf der Welt hätte etwas davon! Zahlungskräftige Regierungen sollten für die Rechte zusammenlegen, die Amerikaner, die Deutschen, Japan, China.

Was ist mit Impfstoffen, für die erst noch Patente beantragt werden?
Ress:
Auch da gibt es einen Weg, wie man nicht am Verkaufspreis erstickt: Die wichtigsten Geldgeber für Forschung sollten riesige Geldtöpfe zusammenwerfen und daraus Innovationsanreizpreise ausloben für alles, was wir jetzt brauchen – Impfstoffe, Medikamente, Technik. Man setzt einen Fonds auf, lassen Sie es zwei Milliarden Dollar aus dem einen Land sein und zehn aus einem anderen. Jeder, der nützliche Erkenntnisse produziert, wird daraus bezahlt, man nennt das Markteintrittsbelohnung. Aber die Wirkstoffe und Technologien sind sofort lizenzierbar, open source. Dann haben wir einen Preiswettbewerb.
Love: Dabei geht es nicht darum, die Konzerne ohne Gewinn abzuspeisen: Wir reden von Milliardensummen, die verteilt werden können – Firmen bekämen ein Vielfaches ihrer tatsächlichen Entwicklungskosten, für manche Entdeckungen würde es sich lohnen, mehr als eine Milliarde Euro auf einen Schlag zu vergeben. Die Krise kostet uns jeden Tag, den sie länger dauert, ebenfalls Milliarden. Sowohl bei einem Buyout der Rechte als auch bei solchen riesigen Innovationspreisen geht es darum, den Anreiz für Forschung vom später erzielbaren Verkaufspreis zu entkoppeln. Wir nennen das Delinkage. Nur so bekommen wir Innovation und günstige Preise gleichzeitig.

Für die Erforschung von Antibiotika waren einige wichtige Pharmakonzerne halbwegs an Bord, was Delinkage betrifft. Aber kein großer Geldgeber war bereit, substanzielle Innovationspreise auszuloben, wie Sie sie vorschlagen. Ist Covid-19 eine Chance, ein solches Modell doch noch umzusetzen?
Ress:
Absolut. Die WHO muss jetzt zeigen, was sie kann! Ich glaube, Covid-19 könnte ein Game Changer sein. Wenn wir das nicht hinkriegen, wird es eine Katastrophe.
Love: Wenn Sie große Anreize wollen, dann bieten Sie supergroße Markteintrittsbelohnungen in Form von Innovationspreisen. Superhohe Verkaufspreise sind dumm. Sie töten Menschen. Sie begrenzen den Zugang. Sie zerstören die Medizin. Sie sind schuld, dass immer öfter nicht Ärzte entscheiden, was verschrieben wird, sondern Betriebswirte.

Aber bei Covid-19 scheinen die Anreize doch zu wirken? Tests etwa waren nach wenigen Tagen verfügbar.
Love:
Das ging nur, weil chinesische Forscher die Sequenzen öffentlich machten, statt sie zu bunkern. Und zweitens sollten wir mehr über den Preis der Tests reden. Die Firma Abbott hat einen Fünf-Minuten-Schnelltest auf das Virus verkündet. Es macht einen Unterschied aus, ob dieser Test für 30 Dollar verkauft wird oder für drei.

Also kauft man Abbott die Rechte ab, und alle Länder legen zusammen?
Ress:
Dann wird es Lohnhersteller in aller Welt geben, die die Tests für drei Euro profitabel produzieren.
Love: Wir wollen ja im Idealfall nicht nur einen Test pro Person machen, sondern wir wollen dieselben Leute mehrfach testen – Ärztinnen und Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger mindestens täglich. Und Sie gehen zum Zahnarzt und finden vor der Behandlung heraus, ob er infiziert ist, oder Sie selbst. Viele Unternehmen könnten wieder loslegen, und wir würden trotzdem die Verbreitung eindämmen.

Was sind die Hürden für die Umsetzung Ihrer Ideen?
Love:
Ich glaube, wir haben nur noch ein paar Wochen, bevor alle so in der Not versinken, dass kein Politiker mehr genug geistige Kapazität frei hat, um intensiv über Techniktransfer und Patente nachzudenken. Es ist jetzt schon schwer durchzudringen. Marktanreize polarisieren die Leute. Wir scheinen nur zwei Lager zu kennen: Leute, die Märkte lieben, und Leute, die Menschenrechte und Gleichheit wichtiger finden. Die einen sagen: Sorry, aber wir brauchen Monopole für Innovation. Die anderen sagen: Kapitalismus ist schlimm, Patente sind des Teufels. Dann kommen wir daher und sagen: Märkte sind mächtige Instrumente, also lass uns sehen, wie wir sie so gestalten, dass sie unsere gesellschaftlichen Ziele erfüllen, denn man kann marktwirtschaftliche Anreize setzen und Medizin trotzdem wie ein öffentliches Gut behandeln. An dem Punkt haben wir schon alle Zuhörer verloren, die Botschaft ist zu komplex. Einige meiner progressiven Freunde denken, ich bin zu neoliberal. Und manche konservativen Freunde denken, ich bin ein bombenwerfender Anarchist.

Beispiel CureVac, eine Firma in Tübingen, die Impfstoffe gegen Corona entwickelt. Sie wurde nach der Ausgründung aus der Uni privat finanziert – vom SAP-Milliardär Dietmar Hopp, der Bill & Melinda Gates-Stiftung, dem Pharmakonzern Eli Lilly. Solange es keine robusten alternativen Anreize gibt: Warum sollte so eine Firma ihre Rechte an einem Impfstoff in den globalen Pool geben, den Sie vorschlagen?
Love:
Die Firma ist doch ein ideales Beispiel. Der Markt wird so riesig werden, keine Firma wird ihn mit ihrer eigenen Produktion allein bedienen. Sie sollten offene Lizenzen vergeben und eine Gebühr verlangen. Sie müssten noch heute den Medicines Patent Pool anrufen, der für HIV-Medikamente gegründet wurde, und sagen: »Wir werden Deutschland versorgen, aber könnt ihr für uns weltweite Lizenzen vermarkten? Wir hätten gerne drei Prozent des Umsatzes von jeder Firma, die unseren Impfstoff herstellt.« Da kämen riesige Summen zusammen. Sonst riskiert die Firma, dass ein anderer Impfstoff zum weltweiten Standard wird und sie selbst nichts vom Markt abbekommt.

Donald Trump soll CureVac eine enorme Summe geboten haben, damit die Firma in die USA umzieht oder ihren Impfstoff exklusiv dort zur Verfügung stellt.
Love:
Das ist widerwärtig und das Dümmste, was wir jetzt tun können. Offene Lizenzen sind der beste Weg, um die Produktion schnell zu skalieren. Firmen sollten daran denken, dass Leute sich noch zwanzig Jahre lang daran erinnern werden, wie sie in dieser Krise gehandelt haben.
Ress: Wenn wir für Covid-19 neue Anreize ausprobieren und Medizin in diesem Fall ein öffentliches Gut wird, open source – vielleicht können Leute sich dann auch bei anderen Krankheiten dafür erwärmen, die vor allem finanziell ansteckend sind.