Wein oder Wanne: Warum es traurig ist, beim Baden zu trinken

Was die einen für das Paradies halten, sieht unser Autor als ganz schlechtes Zeichen. Und das liegt nicht am Alkohol an sich. 

Foto: Maurizio Di Iorio

Auch ich weiß, dass ich nichts weiß, aber mit Vollbädern kenne ich mich aus. Seit ich denken kann, bade ich jeden Tag; wenn ich melancholisch bin, sogar zweimal: einmal morgens, einmal abends. Ich bitte Sie, schreiben Sie mir keinen entrüsteten Leserbrief deswegen, ich weiß selbst, dass die Sache nicht optimal ist, aber erstens verzichte ich auf andere Dinge, und zweitens: Machen Sie immer alles richtig? Ich weiß auch, dass es schlecht für meine Haut ist, aber das ist mir egal.

Ich kenne eine ganze Reihe von Menschen, für die ist ein Schaumbad mit einem Glas Rotwein der Inbegriff von Erholung. Sie nennen es abschalten, runterkommen oder: sich was Gutes tun. Auch in Filmen stößt man immer wieder darauf, gern in Verbindung mit Kerzenschein: Ein eben noch gestresster Mensch liegt mit einem Rotweinglas in der Hand im warmen Wasser und schließt dankbar seufzend die Augen, meistens rutscht er dabei noch ein paar Zentimeter nach unten, versinkt also buchstäblich im Glück, dass

Ich käme nie auf die Idee, Wein in der Badewanne zu trinken. Ich finde, es passt nicht zusammen, weil beides zu viel Aufmerksamkeit erfordert, als dass man es verbinden sollte. Tut man es doch, schwächen sich beide Genüsse gegenseitig. Man hängt ja auch nicht einen Picasso direkt neben einen Monet. Schönheit benötigt Raum, nur so kann sie ihre Aura verströmen. Nein, wenn ich in der Wanne liege, will ich mich ganz auf das Glucksen des Wassers und das zarte Geräusch

Aber mich stört noch etwas, ich habe lange darüber nachgedacht: Es ist der ostentative Charakter dieser Szene, dieses »Ach, das habe ich mir jetzt verdient«. Wenn Menschen Dinge so offensichtlich machen, als sähen sie sich selbst ­dabei zu, tun sie mir immer ein bisschen leid, weil ich das Gefühl habe, dass sie ansonsten zu kurz kommen, sich nichts ­gönnen oder einfach nur fremdbestimmt sind. Ich denke dann: Wie anstrengend muss ein Leben sein, in dem ein 30-Minuten-Vollbad mit einem Glas

In Pretty Woman gibt es eine Szene, in der Julia Roberts in einer gigantischen Badewanne mit goldenem Wasserhahn liegend ein Schaumbad nimmt. Sie kann ihr Glück, dass sie auf einmal in dieser unglaublichen Luxussuite auf den Putz hauen kann, immer noch nicht fassen: Gerade stand sie doch noch in billigen Lackstiefeln auf dem Straßenstrich. Klar, dass das gefeiert werden muss. Sie aber tut es nicht mit einem Glas Champagner oder Rotwein, obwohl die Minibar sicher reichlich gefüllt ist, nein, sie hat sich dazu entschlossen, den Walkman aufzusetzen, Kiss von Prince zu hören und laut mitzusingen. Was soll ich sagen? In diese Frau hätte ich mich auch verliebt.