Flüssiges Möwengeschrei

Wenn er Jever-Bier im Supermarkt sieht, fühlt sich unser Autor als Bayer nicht gemeint. Über das Phänomen, dass eine minimale Abweichung vom Vertrauten störender sein kann als eine große.

Foto: Maurizio Di Iorio

»Keine Staus, keine Hektik, keine Anrufe, keine Termine, keine Kompromisse – kein anderes Bier.« Der Jever-Werbespot von 1995 gehört zu meinen intensivsten Erinnerungen ans 20. Jahrhundert. Wie dieser Typ – es handelte sich um einen in Los Angeles lebenden Franzosen – im Trenchcoat mutterseelenallein die Nordseeküste entlangläuft und wundersamerweise an keinem einzigen Touristen mit orangefarbener Regenjacke, dafür einem Sonnenuntergang, einer Schafherde und einem rot-weiß gestreiften Leuchtturm vorbeikommt und sich am Ende mit dem Rücken voran in diese Düne fallen lässt

Ich habe in meinem Leben vielleicht zwei oder drei Jever getrunken. Wo und wann, weiß ich nicht mehr, aber es ist lange her, wahrscheinlich auf einer Studentenparty eines Kommilitonen aus Oldenburg, als ich die Wahl zwischen Jever, warmem Gin Tonic und Leitungswasser hatte. Die Fläschchen liegen angenehm in der Hand, ich mag das goldene Logo auf grünem Grund, finde die Marke diskret, klassisch, elegant. Bei Jever denke ich eher an Klaus von Dohnanyi als an Uli Hoeneß. Aber es hilft

So viel zum Geschmack, aber ich habe nachgedacht und glaube, es gibt noch einen anderen, einen tieferen Grund für meine respektvolle Abneigung: Sobald ich im Supermarkt an einem Jever-Kasten vorbeikomme, höre ich Möwengeschrei. Ich fühle mich fremd, irgendwie nicht gemeint. Kennen Sie das Phänomen, dass man eine minimale Abweichung stärker wahrnimmt als eine starke? Dass einem das Nachbardorf suspekt ist, aber Indonesien nicht? So geht es mir mit Friesland: Die Menschen sprechen Deutsch, zahlen mit Euro, haben dieselbe Bundeskanzlerin, aber

Ich bin zwischen Regensburg und Prag inmitten von Bäumen und Bergen groß geworden. Sobald ich ein Reetdach in der Ferne erahnen kann, fühle ich mich verloren. Es ist aber auch verwirrend: Wussten Sie zum Beispiel, dass Friesland östlich von Ostfriesland liegt? Oder dass Jever eigentlich mit »f« und nicht wie in der Werbung mit »w« gesprochen wird?

Ich habe ein paar Jahre lang am Hamburger Hafen gelebt, ich war mal auf Sylt, aber noch nie in Jever. Ich habe gelesen,