Sinnsuche einer Weinglas-Philosophin

Kein Getränk steht so für existentialistische Gedankenschwere wie Rotwein. Was aber, wenn einem Weißwein besser schmeckt?

Foto: Maurizio Di Iorio

Die Existenzialistin trägt einen schwarzen Roll­kragenpullover und trinkt ein Glas Rotwein. Sie denkt nach. Über den Anfang, das Ende und all die Augenblicke dazwischen. Sie denkt über den Mann mit dem Bart nach, der sie auf dem Arm hat, zur Decke zeigt und »Licht, Lampe« sagt, und sie sieht ein rundes, helles Leuchten. Sie fragt sich, ob das wirklich ihre erste Erinnerung ist und was es bedeutet, dass sie sich genau daran erinnert, an ein Licht, eine Lampe, aber kaum

Die Existenzialistin bleibt cool und trinkt ein Glas Rotwein. Es ist eben, wie es ist, mit den Erinnerungen, den ­­Augenblicken. Sie kommen und gehen, sie schlagen Wege und Brücken und hinterlassen Licht und Leuchten und ­Löcher und Risse und Abgründe, und manchmal hinterlassen sie auch gar nichts.

Die Existenzialistin trägt ihre langen Haare offen, der French Cut endet genau unter den Augenbrauen und liegt perfekt. Sie denkt an die Jungs unten im Hof, ans Nichtmitspielendürfen, ans Dochmitspielendürfen, an Fußbälle im

Die Existenzialistin raucht eine dunkelblaue Zigarette vor einer dunkelblauen Wand, sie schlägt gelangweilt ihre Beine übereinander und trinkt ein Glas Rotwein. Sie denkt an die Nacht mit der überraschend frühen Knutscherei. Den ersten

Die Existenzialistin denkt an die Ränder, an die Grenzen, an das, was dahinter liegt und was sie dort gesehen hat. Die Krankheit, den Tod, die Geburt eines Kindes, die große Schönheit und den

Leider verträgt die Existenzialistin keinen Rotwein. Rotwein führt dazu, dass ihr nach einem Schluck zuerst die Speiseröhre zuschwillt und dann der Hals, wenn sie richtig Pech hat, bleibt ihr sogar die Luft weg.