»Gotteserfahrungen kann man nicht suchen, sie finden dich«

Es sei wie mit der Liebe, sagt der Münchner Pfarrer Rainer Maria Schießler. Im Interview verrät er, wie man in schwierigen Zeiten zu Gott finden kann - auch wenn man mit Religion sonst wenig anzufangen weiß.

»Mach, wonach dir ist, geh in die Natur, bete einen Rosenkranz, alles ist erlaubt.«

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SZ-Magazin: Ein Satz, den man immer wieder hört: »Ich würde ja gern an Gott glauben, aber ich schaffe es nicht.« So kurz vor Weihnachten – was raten Sie solchen Menschen?
Rainer Maria Schießler: Ich rate ihnen: Lass dich aufs Leben ein. Und hör auf damit, den Glauben unter einem Leistungsaspekt zu sehen. Setz dich nicht unter Druck. Glauben kann man nicht messen, man kann nicht besser oder schlechter, mehr oder weniger glauben. Und wenn einer meint, nicht zu glauben, dann lebe ich ihm meinen Glauben einfach weiter vor.

Man sollte also, selbst wenn man sich nach Halt sehnt, erstmal nicht auf eine lebensverändernde Gotteserfahrung warten?
Genau. Wenn jemand Hunger hat, schicke ich ihn auch nicht ins Drei-Sterne-Restaurant. Nein, ich sage: Schau dir an, was um dich herum passiert, Gott kommt dann schon dazu – beziehungsweise: ist immer mit dabei. »Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan«, heißt es im Matthäus-Evangelium.

Gott ist immer mit dabei – das können sich viele nicht vorstellen. Wie sieht das aus?
Bei Beerdigungen frage ich die Angehörigen, wie der Mensch so war, den sie verloren haben. Oft sagen sie: »In der Kirche war er nicht so oft, aber gläubig war er schon.« Wenn ich nachhake, sagen sie: »Er war gern in der Natur, hat Tiere geliebt, gern gegessen und gefeiert, eigentlich war er immer für uns da.« Genau das ist es, was man unter Glaubenskraft versteht. Glaube hat nichts mit Formeln zu tun. Einen gläubigen Menschen erkennt man daran, wie er mit der Welt umgeht.

Aber was, wenn das nicht reicht, wenn jemand Gott tatsächlich erfahren möchte?
Es gibt viele Menschen, die davon erzählen, dass sie ein gottfernes Leben geführt haben, und auf einmal sei ein Schleier zur Seite gefallen, und Gott habe sich ihnen offenbart. Sorry, da kann ich nicht mithalten. Ich habe zu Gott gefunden, weil mir meine Eltern diesen Glauben vorgelebt haben. Das waren einfache Menschen, aber sie haben mir gezeigt, was es heißt, Verantwortung für die Schöpfung und meine Mitmenschen zu übernehmen. Gott will, dass ich in dieser Welt glücklich bin. Mit Gotteserfahrungen ist es wie mit der Liebe. Man kann sie nicht suchen, sie finden dich.

Das klingt, als würde ein radikal diesseitiges Leben reichen, um eine Beziehung zu Gott aufbauen zu können.
Kennen Sie das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen?

Erzählen Sie.
Zehn Jungfrauen gehen ihrem Bräutigam entgegen. Fünf von ihnen sind töricht, fünf sind klug. Die Törichten nehmen ihre Lampen mit, aber kein weiteres Öl – im Gegensatz zu den Klugen. Als der Bräutigam lange nicht kommt, werden sie müde und schlafen ein. Als sich sein Kommen ankündigt und sie ihm entgegengehen wollen, müssen die Törichten zu den Händlern, um weiteres Öl zu kaufen. Während sie unterwegs sind, kommt der Bräutigam. Die Jungfrauen, die vorgesorgt haben, gehen mit ihm in den Hochzeitssaal, die Tür aber wird zugeschlossen. Als die anderen zurückkommen und um Einlass bitten, antwortet der Herr: »Amen, ich sage euch: Ich kenne euch nicht. Seid also wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde.« Und genauso ist es mit dem Himmelreich.

Was meinen Sie?
Wenn wir in Bewegung sind, uns vorbereiten und nach dem Vorbild Jesu Christi leben, ist es bereits angebrochen, dann sind wir schon mittendrin. Deswegen sage ich bei Taufen immer: »Und mit diesem Menschen hat schon wieder ein Stück Ewigkeit angefangen.« Das irdische und jenseitige Leben sind ineinander gekoppelt, weil in der Ewigkeit Zeit und Raum aufgehoben sind. In jedem Menschen, den du anschaust, kannst du den lieben Gott entdecken. Der Theologe Paul Tillich hat gesagt: »Glauben ist für mich das Sehnen, das sich Ausstrecken eines endlichen Wesens nach der Unendlichkeit.«

Gibt es Momente, in denen Sie Gott intensiver spüren als sonst?
Vor drei Jahren wurde ich zur Taufe eines Babys ins Krankenhaus gerufen. Die kleine Anna Viktoria war blind, taub, stumm, schwer behindert. Sie lag seitlich im Bettchen und hat geröchelt, um sie herum standen die Eltern, die Oma, die Taufpatin. Es war klar, dass sie sterben würde, also habe ich mich hingekniet, gebetet und gedacht: Herrgott, was erlaubst du dir, so etwas zuzulassen. Auch das war eine Gotteserfahrung.

Eine negative?
Ich weiß es nicht, ich will sie nicht bewerten. Ich bin dann raus in die Winternacht und hätte am liebsten den Himmel angeschrien. Wissen Sie, der liebe Gott ist ein Abgrund, des Glücks und der Liebe, aber auch des Leids. Ich habe mich an diesem Abend nicht verlassen gefühlt, sondern herausgefordert. Wie heißt es bei Paulus: »Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.« Ich muss also nicht mehr stark sein, weil Christus stark ist in mir. Ich habe damals gemerkt, ich darf die Dinge geschehen lassen, ich muss sie nicht begreifen.

Sollte man in die Kirche gehen und in der Bibel lesen, um eine lebendige Beziehung zu Gott aufbauen zu können?
Als junger Kaplan hat mich mal jemand gefragt, ob es okay sei, dass er lieber in die Berge als in den Gottesdienst gehe. Ich meinte, das könne er schon machen, aber dann solle er sich am Ende halt auch von der Bergwacht begraben lassen. Ich bereue diese Antwort bis heute.

Warum?
Weil sie unverschämt ist. Wer bin ich denn, dass ich jemandem vorschreibe, wo er sich Gott am nächsten fühlt? Damals habe ich begriffen, dass es meine Aufgabe ist, mich als Pfarrer so zu verhalten, dass dieser Mensch vielleicht auch in meinem Gottesdienst so eine Erfahrung machen kann. Ob er dann kommt, ist seine Sache.

Aber als Pfarrer kann es Ihnen nicht egal sein, wenn niemand mehr in die Kirche geht.
Natürlich nicht. Für mich sind Glaube und Liebe Geschwister. Ich kann einem Menschen alles nehmen, seine Schönheit, seinen Besitz, seine Würde, aber auf seine Liebe und seinen Glauben habe ich keinen Zugriff. Man kann Glaube nicht vorschreiben. Ich bin also nicht enttäuscht, wenn jemand nicht in den Gottesdienst kommt, ich kann nur jeden Sonntag da sein und die Leute dazu einladen, hier eine Erfahrung zu machen. Es kann so befreiend sein, die Dinge einfach mal geschehen zu lassen: Der Chor singt, der Pfarrer spricht, die Ministranten ministrieren, und trotzdem oder gerade deshalb geschieht etwas mit mir. Meine Botschaft ist: Kommt, wenn ihr wollt, wir sind da, aber wir führen keine Strichliste.

Neulich hat mir ein Freund erzählt, dass er wegen der Erstkommunion seiner Tochter zum ersten Mal seit Jahren in der Kirche war und nicht fassen konnte, wie lächerlich ihm die Messe vorkam, die Formeln, das heilige Getue. Was raten Sie ihm?
Ach, ich finde es ja auch lächerlich, wenn formelhaft gebetet wird. Als Priester sollte ich eigentlich jeden Tag ein Brevier beten und ganz ehrlich, manchmal sitze ich da und denke: Was hat der liebe Gott davon, wenn ich durch die Psalmen rausche. Dann gehe ich raus in die Natur und spüre Gott, aber irgendwann treibt es mich wieder zu den alten Schriften. Ich habe kein schlechtes Gewissen, wenn ich mal nicht bete, das ist ganz wichtig. Ich bete doch nicht, weil Gott oben Buch führt. Wie und wann ich bete, das muss man schon mir überlassen.

Vor allem urbane Menschen sagen, ich brauche keinen Gott, ich meditiere, mache Atemübungen, das gibt mir Halt.
Sollen sie machen, wenn es ihnen reicht. Mir würde es nicht reichen. Mir würde etwas fehlen.

Was denn?
Es gibt Dinge, die kann ich nicht allein machen, sondern nur in Gemeinschaft. Ich kann nicht allein feiern. Ich kann auch nicht allein trauern, weil man seinen Schmerz teilen muss. Wir sind auf Gemeinschaft angewiesen, darum hat sich die Kirche gebildet.

Haben Sie ein Ritual, wenn Sie Zweifel, Schwäche oder Angst spüren?
Diese Rituale entstehen je nach Situation immer wieder neu. Man darf nicht zu streng mit sich sein. Mach, wonach dir ist, geh in die Natur, bete einen Rosenkranz, alles ist erlaubt. Ich bete oft beim Motorradfahren und Bergsteigen. Was ich auch nützlich finde: Setz dich in die Kirche und lass den Raum auf dich wirken. Es geht nicht um die Steine, es geht um die heilige Atmosphäre, in die man eintauchen darf.

Was raten Sie Menschen, die Angst vor dem Sterben haben: sich ins Leben zu stürzen oder sich intensiv mit dem Tod auseinanderzusetzen?
Zunächst mal sage ich: Du brauchst keine Angst zu haben. Vor dir sind so viele gestorben, das schaffst du auch. Was verlieren wir denn? Etwas, von dem man denkt, man hätte Anspruch darauf? Ganz ehrlich, wir wussten von Anfang an, dass auf unserer Lebenskarte nicht steht: Sterben ausgeschlossen. Deswegen: Lebe bewusst, lebe gut, lebe jetzt! Die Verantwortung für das Leben danach wurde von Jesus übernommen, übernimm du die Verantwortung für das Leben im Hier und Jetzt. Die größte Sünde ist das ungelebte Leben, und wenn Angst das Leben bestimmt, lebt man nicht mehr.

Wie geht das: im Hier und Jetzt leben?
Zum Beispiel indem man die Dinge macht, die man sich schon lange vorgenommen, aber immer wieder aufgeschoben hat. Wenn mir die Leute am Sterbebett erzählen, was sie noch machen wollten, sind das meistens ganz einfache Sachen: mit dem Enkel ins Fußballstadion gehen, sich mit dem Bruder versöhnen. Oft geht es darum, eine Schuld einzugestehen, und ich denke mir oft: Du arme Sau, das hättest du echt machen können, es wäre so einfach gewesen. Aber irgendwann ist es zu spät, denken Sie an die törichten Jungfrauen.

Was, wenn jemand an Gott glaubt, aber wegen der vielen Missbrauchsfälle Probleme hat, in der Kirche zu bleiben?
Man darf Glaube und Kirche nicht verwechseln. Kirchenkritik ist institutionell, da bin ich dabei, aber einen Glauben kritisieren, das geht eigentlich gar nicht.

Dann legen Sie diesem Menschen einen Austritt nahe?
Auf keinen Fall, dann verliere ich meinen Job. Ich sage ihm, dass Leute, die so etwas tun, ihre Kirche längst verlassen haben. Sie haben vielleicht noch eine Mitgliedsnummer, aber den Kreis der Gläubigen, die Jesus Christus nachfolgen, haben sie hinter sich gelassen. Und dann sage ich: Warum willst du denn jetzt auch noch gehen?

Sauer auf den lieben Gott, weil dieses Virus das Weihnachtsfest überschattet?
Nein. Ich sage mir: Jetzt erst recht, natürlich im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen. Wenn einer an seinem Geburtstag krank ist, hat er doch trotzdem Geburtstag. Und jetzt ist die Welt krank, aber das Fest der Geburt Jesu feiern wir trotzdem.

Manche Theologen meinten, endlich könne man sich auf das Geheimnis des Glaubens konzentrieren, weil es keine Weihnachtsmärkte gebe.
So ein Unsinn, Corona ist kein Glücksfall, ich hätte gern darauf verzichtet. Und ganz ehrlich, ich wäre auch gern mit ein paar Freunden zum Glühweintrinken gegangen. Wissen Sie was, die Leute reden immer von einem harmonischen Weihnachtsfest. Warum eigentlich? Als Jesus geboren wurde, war nichts harmonisch: Volkszählung, Militärtruppen, Wucherpreise, Guerilla-Anschläge, das war ein riesiges Durcheinander, und dann wird in einem Stall dieses Kind geboren, ein Wunder im Chaos, das ist Weihnachten.