»Ich wollte in absoluter Freiheit leben«

Melih kam vor acht Jahren aus der Türkei zum Studium nach Deutschland. Als er Tilmann kennenlernte, lebte der in einer offenen Beziehung. Nun sind die beiden ein Paar und planen eine Familie. Hier erzählt Melih von ihrer Liebe und dem Ballast, den er in der neuen Heimat nicht abwerfen konnte.

Tilmann (31) und Melih (34) in ihrer Neuköllner Wohnung.

Foto: privat

Melih:
Unsere Freunde nennen uns Mille und Tille. Mit unseren beiden Katern wohnen wir in Neukölln. Tilmann ist Psychotherapeut, intellektuell und lustig. Er ist in Dresden aufgewachsen, ich im Großraum Istanbul. Was für ihn schwer ist, ist für mich leicht – und andersherum. Tilmann ist etwas schüchtern und zurückhaltend, ich komme mit den Menschen leicht ins Gespräch und sage auch gleich, wenn mich etwas stört. Deswegen passen wir so gut zusammen. Wenn ich von meiner Arbeit in einem Designbüro nach Hause komme und ihn sehe, ist alles wunderbar. Egal, wie schrecklich der Tag vielleicht war.

Ich bin vor acht Jahren zum Studium nach Hamburg gekommen und hatte schon einige Freunde in Berlin. Auf Facebook sah ich das neue Profilbild eines türkischen Freundes. Tilmann hat »Super schönes Bild« drunter kommentiert – auf Türkisch! Da war es schon ein bisschen um mich geschehen.

An einem Sommerwochenende 2016 kam ich nach Berlin, unter anderem, um eine alte Affäre zu besuchen. Alles lief schief, ich habe die Affäre am Ende gar nicht gesehen, und Freunde sagten: Komm mit, wir

Ich habe zuerst mit allen anderen Gästen geredet, bis ich endlich mit ihm ins Gespräch kam. Er hat relativ schnell gesagt, dass er in einer offenen Beziehung lebt. Ich sagte, ich bin Single, schreib

Als er sagte, er müsse nun nach Hause, brach mein Herz. Nach einer halben Stunde aber kam schon die Einladung, zu ihm zu kommen. Es war eine wunderschöne Nacht. Trotzdem schmiss er mich am

Das Konzept offene Beziehung kannte ich so nicht, und ehrlich gesagt kann ich damit auch überhaupt nichts anfangen. Ich habe das drei Monate mit Tilmann mitgemacht, mich aber nie wirklich wohl dabei gefühlt. Irgendwann hat es mir gereicht, und ich habe gesagt, top oder flop, entscheide dich. Er hat sich für mich entschieden und die anderen Männer sein lassen. Gott sei Dank hat ihm nichts gefehlt! Tilmann hatte bis dahin nicht den Richtigen gefunden, um monogam zu leben. Und er hatte nicht daran geglaubt, dass unter schwulen Männern eine monogame Beziehung funktionieren kann. Es hat lange gedauert, bis ich ihn davon überzeugen konnte, dass es geht.

Ich kenne Tilmanns Eltern. Sie wissen, dass wir ein Paar sind. Sie lieben mich, und ich liebe sie. Wir feiern Weihnachten in Dresden, besuchen die Eltern zu ihren Geburtstagen und machen an Ostern ewig

Meine Eltern lieben Tilmann auch. Aber sie wissen nicht, dass wir ein Paar sind. Sie denken, wir wären gute Freunde. Nur meine Freunde aus Istanbul und meine beiden Schwestern wissen, dass ich schwul bin.

In Istanbul gab es eine gute Schwulenszene, man konnte feiern, wenn man wusste, wo. Aber insbesondere ab 2013 hat sich die politische Lage in der Türkei extrem angespannt. Mir war klar, dass ich in

Ich dachte, wenn ich erstmal weg bin aus dem Land, fällt jeder Ballast von mir. Das ist aber nicht so. Es macht mich traurig, dass ich unsere Beziehung nicht genauso offen in der Türkei

Wenn im türkischen Fernsehen ein schwuler Mann auftaucht, dann immer feminin überzeichnet, wie eine Karikatur. Ich wünsche mir, dass meine Schwestern einmal schwule Freunde mit nach Hause bringen. Dann könnten meine Eltern sehen, dass

Wenn Tilmann und ich jetzt, nach vier Jahren Beziehung, in die Zukunft blicken, dann sehe ich zuallererst mal eine schöne Wohnung mit viel Platz, denn gerade wohnen wir noch zur Untermiete. Dann sehen wir

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