»Was ich gerade brauche, bekomme ich bei Bumble nicht«

Katrin ist im Herbst nach Leipzig gezogen, wo sie nach einer Trennung die Stadt und neue Menschen kennenlernen wollte. Wegen Corona ging das nicht. Hier erzählt sie, was sie über Einsamkeit, Beziehungen und Online-Dating gelernt hat.

»Mit Corona wünsche ich mich immer wieder aufs Land zurück, wo ich einfach aus der Tür gehe und Felder habe«, sagt Katrin.

Foto: privat

Ich habe im Herbst 2020 die Uni gewechselt, weil ich noch mal etwas Neues sehen wollte. Ursprünglich komme ich aus Kempten im Allgäu, in München und in Neuendettelsau in Franken habe ich evangelische Theologie studiert. Seit Herbst wohne ich in Leipzig. Wir können in meinem Studiengang jedes Semester die Uni wechseln – zwei bis vier verschiedene Unis zu besuchen ist Standard, denn die Fakultäten haben unterschiedliche Schwerpunkte. Wenn man aus Bayern kommt, ist man gewohnt, dass die Gesellschaft relativ kirchlich

Ich hatte aber noch kaum etwas von der Stadt und von der Fakultät. Die erste Uni-Woche hat noch in Präsenz stattgefunden, deswegen habe ich von den Menschen, mit denen ich jetzt in den Zoom-Seminaren sitze, zumindest mal ein Gesicht gesehen. Das Studium lebt aber davon, dass man sich austauscht, auch in der Mensa. Und das geht gerade nicht. Ein, zwei Mal haben wir uns privat über Zoom getroffen. Aber wenn man neu irgendwo hinkommt und die anderen sich schon kennen,

Es ist das erste Mal, dass ich wirklich ziemlich alleine bin in der Stadt, in der ich wohne. Und es ist tatsächlich nicht so einfach, niemanden zu haben, den man gut kennt. Niemanden, mit dem man sich trifft und mit dem man eine innige Verbindung hat, selbst wenn man Abstand halten muss. Zuletzt habe ich mit meinem Ex-Freund und zugleich besten Freund zusammengewohnt. Wir haben ein super Verhältnis – da war immer jemand, mit dem man sprechen kann und der

In einer Beziehung hat man einen Menschen, der diese Go-to-Person ist. Aber das bringt natürlich auch Schwierigkeiten mit sich: Man muss sein Leben ja doch abstimmen auf diese andere Person. Gerade schwanke ich zwischen dem Bedürfnis, mit jemandem eine tiefere Verbindung zu haben, und dem Wissen, dass ich mein Leben dann anders leben müsste. Gehe ich das mit der Beziehung also proaktiv an oder lasse ich es? Diese Frage stellt sich gerade stärker als sonst, weil es nicht einfach so

Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, in Leipzig nochmal einen Neustart zu wagen, und habe von Freundinnen gehört, dass sie Plattformen wie Bumble nutzen, um Menschen kennenzulernen. Das war bisher nicht so meins. Ich habe immer einfach so Leute getroffen, weil ich viel unterwegs war und viele Freunde hatte. Ich habe aber auch gemerkt, dass das immer Menschen mit ähnlichen Einstellungen waren. Alle können wie ich mehr oder weniger etwas mit Religion anfangen, alle sind total liberal, engagiert, verantwortungsbewusst und politisch aktiv. Das finde ich cool – aber es ist auch bequem und macht es mir extrem schwer, andere Sichtweisen zu verstehen. Ich kenne keine Menschen, die einfach so in den Tag hinein leben, die ihr Ding machen und ihr Hobby haben und sagen, das reicht. In einer großen Stadt zu sein, weit weg von dem, was ich kenne, war ein Anreiz, nochmal jemanden kennenzulernen, der da nicht reinpasst. Freundschaftlich oder als Partner.

Ich habe mich also bei Bumble angemeldet – und relativ schnell festgestellt, dass das gar keinen Sinn ergibt. Zuerst fand ich die Plattform ganz spannend und hatte Spaß daran. Im Oktober habe ich drei, vier Wochen mit Menschen geschrieben, das war ganz nett. Aber ich wollte ja Leipzig kennenlernen und vielleicht jemanden finden, der coole Orte weiß und mit dem man mal was machen kann. Oder mit dem ich mich in einer Gruppe treffen kann, den ich im Kontext kennenlernen

Also sind Chats versandet, weil mir einfach die Motivation gefehlt hat, sie krampfhaft aufrechtzuerhalten, wo ich doch weiß, dass eh nichts daraus wird. Am Ende habe ich abgewägt: Ist es mir eine fremde Person wert, dass ich durch sie Kontakte habe, die ja gerade beschränkt sind? Und möchte ich ins Online-Dating wirklich so viel Zeit und Energie stecken? Man tippt da ja auch nicht einfach schnell irgendwas wie mit Freunden, sondern überlegt dreimal, was man schreibt. Entscheidend war für mich:

Vielleicht ist der Druck jetzt auch größer, dass es gut sein soll. Sonst ist es so: Ich habe drei Abende in der Woche Zeit. An zwei davon bin ich mit meinen Freundinnen unterwegs, und an einem treffe ich mich mit jemandem, den ich über Social Media kennengelernt habe. Dann ist es nicht so wichtig, ob das was Besonderes wird. Aber in dem Moment, in dem das das Einzige ist, was ich tue, habe ich das Gefühl, ein Date müsste mir

Gerade habe ich wenige Jungs und Mädels in meinem Freundeskreis, die in derselben Situation sind wie ich. Ich würde schon gerne wissen, wie es anderen damit geht. Liegt es an mir, dass ich alleine bin, weil ich mich nicht voll reinknie? Ich glaube, es gibt Menschen, die trotz der Situation sehr aktiv suchen und sich drei oder vier Mal in der Woche zum Spazierengehen verabreden. Wäre es nicht doch sinnvoll, sich darauf einzulassen? Andererseits: Lerne ich Menschen kennen, wenn ich

Im Nachhinein denke ich schon manchmal: Hätte ich doch noch ein Semester gewartet mit dem Wechsel, dann hätte ich diese Zeit mit Menschen durchgestanden, die ich gut kenne. Mit Corona wünsche ich mich immer wieder aufs Land zurück, wo ich einfach aus der Tür gehe und Felder habe und joggen gehen kann. Andererseits waren die Beschränkungen im Sommer ja lockerer, damals hätte ich nicht gedacht, dass es im Winter nochmal so krass wird. Und ich wäre sonst im Studium nicht

Außerdem ist das Alleinsein kein Weltuntergang. Ich merke schon, dass ich ans Ende meiner Kräfte stoße und dass ich viel weniger Energie habe als sonst. Aber mir wird auch bewusst, dass es vielen Menschen, vor allem älteren, oft und immer so geht. Ich kann mich jetzt in meine beiden Großmütter reinversetzen, die seit Jahren alleine sind. Und ich habe krass Respekt gewonnen gegenüber Menschen, die dauerhaft alleine sind. Der Vergleich mit ihnen holt mich wieder auf den Boden zurück. Dann

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