»Wenn wir nachts mal alleine sein wollen, gebe ich der Assistenz frei«

Melly ist seit ihrer Geburt blind, Xiao sitzt seit seinem achten Lebensjahr im Rollstuhl und ist auf Unterstützung angewiesen. Hier erzählen die beiden, wie sie eine eigenständige Liebesbeziehung führen können. 

Xiao (34) und Melly (28) 

Foto: privat

Melly: Wie Xiao und ich uns kennengelernt haben, muss ich erzählen, sonst sind wir in zwei Minuten fertig, weil er sich immer so kurz fasst. Ich bin Schriftdolmetscherin und Sozialpädagogin. Ab November 2016 habe ich bei einer Beratungsstelle für Menschen mit Behinderung gearbeitet, Xiao fing im April 2017 darauf dort an. Mittlerweile arbeiten wir beide nicht mehr dort. Damals verstanden wir uns von Anfang an gut, ich arbeitete ihn ein, wir übernahmen gemeinsam Beratungen. Einmal wollten wir mit dem gesamten Team essen gehen. Aber alle sagten kurzfristig ab – bis auf Xiao und mich. Ich weiß bis heute nicht, ob das Absicht war oder ob sich das einfach so gefügt hat.

Xiao: Das war das erste Mal, dass wir etwas allein gemacht haben, ohne Kollegen. Wir haben ewig geredet, über das Essen, über Haustiere, alles Mögliche. Die Atmosphäre war ganz besonders, weil wir unter uns waren. Es war viel persönlicher als sonst, ich konnte mich nur auf Melly konzentrieren und sie kennenlernen. Danach ist Melly für zwei Wochen in den Urlaub gefahren, an die Nordsee.

Melly: Wir haben jeden Tag unendlich lange Whatsapp-Nachrichten am Handy geschrieben – so lang, dass es pro Nachricht bestimmt zwei oder drei Word-Seiten gewesen wären. Für Xiao hat es ewig gedauert, so viel mit einem Finger zu tippen – wegen seiner Krankheit geht das nicht anders. Ich habe mir irgendwann eine Tastatur gekauft, damit ich schneller tippen kann. Ich habe eine Software auf meinem Handy, die mir alles vorliest, was auf dem Bildschirm steht. Bei Apple-Geräten kann man eine Braille-Bildschirm-Eingabe einstellen, um auf dem Bildschirm direkt die Blindenschrift einzugeben. Entweder schreibe ich meine Nachrichten so oder ich diktiere sie, aber mit der Tastatur ging das viel einfacher. Beim Schreiben haben wir uns neu kennengelernt. Wir haben viel über unsere jeweilige Kindheit gesprochen, darüber, wie wir unsere Behinderungen erlebt haben und wie uns bewusst wurde, dass wir eine haben.

Xiao: Wie Melly habe ich meine Behinderung von Geburt an. Spinale Muskelatrophie, das ist ein genetischer Defekt. Diagnostiziert wurde sie aber erst im Kindergarten, als ich Probleme beim Treppensteigen hatte. Die Krankheit ist fortschreitend, bis zu meinem achten Lebensjahr konnte ich noch laufen, den Elektro-Rollstuhl habe ich, seit ich zwölf bin. Auch über das alles haben wir gesprochen. Wer Melly kennt, weiß, dass sie schon nach dem Abendessen so müde ist, dass sie bettreif ist. Aber in dieser Zeit hat sie auch um Mitternacht geantwortet und geschrieben. Normalerweise würde sie um diese Uhrzeit schon seit zwei, drei Stunden schlafen. Es waren lange Nächte für uns beide.

Melly: Xiao wusste, dass ich vor ihm eine sehr lange Zeit nur mit Frauen zusammen war. Deswegen war es für ihn eigentlich klar, dass er sich keine Hoffnungen zu machen brauchte.

Xiao: Ich dachte, wir verstehen uns und können gute Freunde werden.

Melly: Als wir uns über Musicals unterhielten, habe ich geschrieben, dass ich mit meinem Ex-Freund »König der Löwen« gesehen habe. In Klammern schrieb ich: Ja, ich stehe nicht nur auf Frauen.

Xiao: Dann wusste ich: Da ist von ihrer Seite auch Interesse da, vielleicht nicht nur freundschaftlich. Ich konnte anders schreiben, flirten.

Melly: Ich habe mich total euphorisch und abgehoben gefühlt damals an der Nordsee, als wir schrieben. Es war eine wahnsinnig schöne Zeit. Am Meer und verliebt zu sein, das ist das Genialste und Wundervollste, das es gibt. Mir sind natürlich die inneren Werte sehr wichtig. Ich möchte einen Partner oder eine Partnerin, die unkompliziert ist. Das klingt vielleicht abgedroschen, aber ich möchte niemanden mit einem Haufen psychischer Probleme, die ich erst mit aufarbeiten muss. Xiao hat eine ruhige, besonnene Art, er ist niemand, der ausrastet. Das fand ich faszinierend und nach meinen Beziehungen davor super angenehm. Außerdem hört er extrem gut zu.

Xiao: Direkt als Melly wieder da war, haben wir uns zu unserem ersten Date getroffen. Ich war aufgeregt. Es war mein erstes Date seit zwei, drei Jahren. Davor war ich zwar auf Dating-Apps unterwegs gewesen, aber da hatte sich kein Treffen ergeben. Bei dem Date mit Melly war ich gleichzeitig auch entspannt, weil wir uns ja schon kannten.

Melly: Wir waren im Westpark in München spazieren, wo wir beide wohnen. Ich habe Brownies mitgebracht. Aufgrund meiner Blindheit ist Brownies zu backen ungefähr das Ätzendste, das es gibt, meine Küche hat danach ausgeschaut wie sonst was. Ich habe das zum ersten und letzten Mal gemacht. Eigentlich wollte ich einen Blaubeerkuchen backen, habe dann aber herausgefunden, dass Xiao Blaubeeren nicht mag. Das war im August 2017. Schon bei unserem ersten Date haben wir gesagt: Wir sind zusammen.

Xiao: Geküsst haben wir uns aber schon davor, mitten im Westpark. Das Zusammenkommen ging schnell, aber ich war nicht überfordert. Auch im Nachhinein habe ich das nie hinterfragt. Es hat einfach so gut gepasst zwischen Melly und mir. Zu Beginn unserer Beziehung war die Situation mit meinen Assistentinnen und Assistenten etwas, woran sich alle gewöhnen mussten. Ganz einfach gesagt, sollen Assistenten meine Arme und Beine ersetzen. Sie unterstützen mich bei allem, was ich nicht kann – Haushalt und intime Dinge wie Körperpflege. Sie sind aber mehr als das: Sie sind Menschen, die mitdenken, keine Roboter. Wir haben ein sehr starkes Vertrauensverhältnis. Ich habe neun Assistentinnen und Assistenten, die sich bei den Schichten abwechseln – es gibt Tag- und Nachtschichten. Melly ist meine erste Freundin. Das war für alle eine ungewohnte Situation: eine Beziehung und dazu meine Assistentinnen und Assistenten. In dieser Dreier-Konstellation hatten wir keine Erfahrung. Wie viel Hilfe ist notwendig, wie viel angebracht? Wie viel Distanz, wie viel Nähe? Wie viel Privatsphäre bleibt uns? Wir haben das sehr früh besprochen, und seitdem ist es kein Thema mehr, auch nicht, seit wir zusammenwohnen.

Melly: Xiao hat das Glück, dass er nur total nette Assistentinnen und Assistenten hat. Es ist viel weniger schlimm oder stressig, als ich vielleicht gedacht habe. Mich nerven sie tatsächlich nur, wenn es ihnen schwerfällt, meine Ordnung in der Küche einzuhalten. Wenn Dinge jeden Tag woanders stehen oder auch nur weiter oben oder hinten, sind sie für mich verschwunden. Ich plane meinen Morgen sehr exakt, und wenn dann zehn Minuten draufgehen, um meinen Espressokocher zu suchen, ist das natürlich blöd. Das jedes Mal anzusprechen, war mir unangenehm, vor allem am Anfang. Mittlerweile sprechen Xiaos Assistentinnen und Assistenten und ich uns da gut ab.

Xiao: Nervig wird die Assistenz für mich in Alltagssituationen, wenn zum Beispiel verdorbene Lebensmittel nicht entsorgt werden oder solche Aufträge wie Einkaufen oder Putzen nicht nach meinen Vorstellungen erledigt werden. Aber in der Beziehung stören die Assistenten grundsätzlich nicht – situativ manchmal schon: Wenn man allein sein möchte, ist die Assistenzperson trotzdem da, wir haben die Zweizimmerwohnung nicht ganz für uns.

Melly: Das kann unangenehm werden, wenn wir Sex haben. Da ich meine Arme und Beine voll bewegen kann, geht das zum Glück auch ohne Sexualassistenz. Am Anfang, als ich die Assistentinnen und Assistenten noch nicht kannte, fand ich es gar nicht schlimm, dass jemand im Nebenzimmer war. Das war mir ziemlich egal. Aber jetzt, wo man sich besser kennt, ist es ein komisches Gefühl. Ich will mich nach dem Sex nicht komplett anziehen müssen, um mal zur Toilette zu gehen. Aber nackt durch die Wohnung zu rennen, geht dann eben nicht.

Xiao: Es ist schon so, dass wir unsere Nächte danach planen, wann die Assistenten oder Assistentinnen da sind. Normalerweise ist immer eine oder einer von ihnen da, wenn wir aber nachts mal alleine sein wollen, gebe ich der Assistenz frei oder ich teile sie als Rufbereitschaft ein, die von zu Hause geleistet werden kann. Falls etwas wäre, stünde jemand bereit. Angenehmer ist der Sex natürlich, wenn wir die Wohnung für uns haben, dann ist der Kopf freier.

Melly: Ich liebe Xiaos sehr offene, aber auch kritische Art. Ich finde gleich immer alles super, Xiao hinterfragt. Das tut gut, weil es sehr erdend ist. Ich liebe, dass wir uns so gut ergänzen, so schön miteinander sprechen können, dass es nie Missverständnisse gibt. Xiao hat eine unglaublich lockere Art, mit mir umzugehen. Auch das ist anders im Vergleich zu anderen Beziehungen. Die jeweilige Behinderung war mit Xiao nie ein Thema – wir haben uns immer als den Menschen gesehen, nicht als den oder die Behinderte. Wir haben uns nie wirklich gestritten, weil wir immer alles ansprechen. Und ich liebe seinen Humor – wobei ich schon finde, dass ich ein bisschen lustiger bin als er.

Xiao: Das ist ein Punkt, über den wir uns noch einig werden müssen. Da sind wir geteilter Meinung.

Melly: Irgendetwas muss es ja auch geben, wo wir nicht übereinstimmen. Sonst wäre es ja komisch.

Xiao: Ich bin meistens nicht so euphorisch wie Melly. Aber sie hilft mir dann, das Positive zu sehen. Sie ist mein Gegenpol. Sie ist das, was mich als Person besser macht.

Melly: Wir sind schnell zusammengezogen, weil meine Wohnung in Neufahrn, einem Vorort von München, nicht barrierefrei war und Xiao nicht zu mir kommen konnte. Ich habe sie aufgegeben, bin zu ihm nach München gezogen und habe mir ein WG-Zimmer dort als Back-up geholt. Wir wussten ja nicht, ob wir es langfristig miteinander aushalten. Aber in dem WG-Zimmer standen eigentlich nur meine Sachen. Ich brauche nichts Spezielles, um mich in einer Wohnung zurechtzufinden, aber es ist gut, wenn Dinge immer am selben Platz stehen, damit ich mich orientieren kann. Meine Blindheit ist keine Herausforderung in unserer Beziehung. Wir unterstützen uns gegenseitig.

Xiao: Seit einiger Zeit sind wir jetzt aber beide jeweils bei unseren Eltern. Mit den steigenden Corona-Zahlen war das Zusammenleben wahnsinnig schwierig. Ständig war einer meiner Assistenten krank oder hatte Kontakt zu Infizierten. Wegen Corona hatten wir auf Blockdienste gewechselt, um das Ansteckungsrisiko möglichst gering zu halten – wenn aber jemand fünf Tage am Stück ausfällt, kann niemand einspringen. Dass wir beide zu Mellys Eltern fahren, war keine Option – ich komme in die Wohnung nicht einmal hinein. Auch bei meinen Eltern wäre es schwierig gewesen, ich habe hier nur mein Zimmer. Wenn wir beide den ganzen Tag arbeiten, geht es nicht, dass wir uns ein Zimmer teilen.

Melly: Ende Februar werden wir uns endlich für eine Woche sehen. Wir haben einen Assistenten, der noch vorsichtiger ist als wir selbst, schon geimpft ist und eine Woche lang bei uns arbeiten kann.

Xiao: Wir haben beide außerdem unseren Job bei der Beratungsstelle gekündigt, weil sie uns keine vernünftige Home-Office-Lösung anbieten wollten. Da wir beide unsere Selbstständigkeit aufbauen, haben wir tagsüber viel zu tun, dann ist das Vermissen nicht ganz so arg. Ich entwerfe T-Shirt-Designs. Die Produktion der T-Shirts, die mit meinen Designs bedruckt werden, erfolgt dann auf Nachfrage, also quasi unmittelbar nach Kauf. Nebenher mache ich meinen Master in Politikwissenschaft an einer Fernuni.

Melly: Ich baue mir gerade ein Coaching-Business auf: Ich berate blinde und sehbehinderte Frauen, wie sie sich ohne zusätzlichen Stress noch schöner und selbstbewusster fühlen können, als sie ohnehin schon sind. Aber obwohl Xiao und ich beschäftigt sind, ist es gerade sehr schwer. Am meisten fehlt uns der gemeinsame Alltag. Wir telefonieren jeden Abend miteinander, mindestens eine halbe Stunde, um auf dem Laufenden zu bleiben. Durch Xiao habe ich gelernt, dass Liebe wachsen kann, wenn man offen miteinander kommuniziert. Wenn es passt, wenn zwei Menschen, zwei Seelen zusammenpassen, dann ergibt sich der Rest, weil man diese Verbindung um jeden Preis bewahren und erhalten will. Dann geht in der Regel auch alles andere, man arrangiert sich mit allen Gegebenheiten.

Xiao: Es bedeutet, sein Leben mit allen Facetten, die guten wie die schlechten Zeiten, mit jemandem zu teilen und gleichzeitig auch sein eigenes Leben zu haben. Liebe ist für mich auch Solidarität. Liebe ist, wenn man so sein kann, wie man gerade ist und sich auch dabei wohl fühlt. Das ist noch einmal eine Steigerung von Verliebtsein, wo man sich bewusst von der besten Seite zeigt. Auch wenn so eine Verliebtheit vielleicht aufregender ist, Liebe ist entspannter.

Melly: Wir tauschen uns jeden Tag darüber aus, was es zu essen gab. Denn am meisten verbindet uns die Kulinarik – wir haben einmal länger als eine Stunde im Bett gefrühstückt und dabei nur über Essen geredet.

Xiao: Bevor wir jeweils zu unseren Eltern gefahren sind, hat einer meiner Assistenten uns ein ungarisches Gulasch gekocht, unser letztes gemeinsames Essen. Daran wollen wir anknüpfen, wenn wir uns jetzt dann für eine Woche sehen. Ansonsten möchten wir dann einfach viel Zeit miteinander verbringen, viel spazieren gehen, wenn das Wetter mitspielt. Auf solche Sachen, die sonst im Alltag selbstverständlich sind, freue ich mich jetzt besonders.

Melly: Wir sehen unser Wiedersehen wie einen Urlaub, in einer Woche stellt sich kein Alltag ein. Wir haben aber auch einen längerfristigen Traum – wir hätten gerne einen Ort, der uns gehört. Einen eigenen barrierefreien Bungalow, nach unseren Wünschen und Bedürfnissen. Am Meer, wenn ich richtig ins Träumen komme.

Wollen Sie auch Ihre Liebesgeschichte erzählen? Kontaktieren Sie uns unter allesliebe@sz-magazin.de