Ein Kinderspiel

Zuhause: ein Einfamilienhaus in Überacker bei München
Schule: Orlando-di-Lasso-Realschule, Maisach
Eltern: Kfz-Mechaniker, Hausfrau
Geschwister: drei Brüder
Taschengeld: 12 Euro aufs Konto, 8 Euro auf die Hand
Berufswunsch: Art-Designer
Lieblingsessen: Sahne-Curry-Geschnetzeltes
Lieblingsstar: Kaya Yanar, Bully, Stefan Raab
Größte Wünsche: neuer PC, eine Eidechse
Sommerferien: zu Hause

In diesem Sommer holt Selman so oft wie möglich seinen schwarzen Trainingsanzug aus dem Schrank und eine Skibrille dazu. Mit sieben, acht Jungs aus den Nachbardörfern radelt er zu einem der Wäldchen rund um Maisach. Dort malen sie sich das Gesicht schwarz mit Ruß von einem angekokelten Korken, ziehen sich Arm- und Beinschützer, Skimasken, Skibrillen, einen Mundschutz vom Baumarkt über und dann sehen sie nicht mehr aus wie eine Horde 13-Jähriger: Dann sind sie der »Diabolo Shooting Club«.

Das Spiel, das Selman mit seinen Freunden spielt, heißt Softair-Battle: Zu dritt oder zu viert bilden sie ein Team, das versucht, mit den Softair-Waffen das andere Team abzuschießen. Die Waffen sehen aus wie »Uzi«-Maschinengewehre oder Walther-Automatikpistolen und werden mit kleinen gelben Plastikkugeln geladen. Selman hat noch keine eigene Waffe, er war erst zweimal dabei im Wald, deshalb leihen ihm die anderen eine – ­ manche haben drei, vier davon; einer aus der Gruppe erzählt, er werde nächste Woche mit seinem Bruder nach Tschechien fahren, da kosten die Waffen höchstens die Hälfte. Doch die Freunde sagen, das alles habe gar nichts mit Gewalt zu tun und Krieg fänden sie sowieso »endsscheiße«. Aber seit ein paar Monaten sind sie »ends-die-Softair-Freaks«, und damit keiner eine Kugel ins Auge bekommt, ziehen sie ja vorher »fett die Masken an«; sie beteuern, das sei alles völlig unbedenklich. Wenn sie sprechen, dann mit ganz tiefer, verstellter Stimme, das wirkt cooler, erwachsener ­ Softair-Battle ist nun mal kein Spiel für Kinder.

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Nun robbt Selman mit seinem Team durchs Unterholz, sie huschen von Baum zu Baum, schleichen lautlos und imitieren dabei die Posen amerikanischer Spezialeinheiten in geheimer Mission. Einer läuft mit einer Digitalkamera hinterher und filmt. Die Jungen schießen sich nicht »tot«, sondern »out«, und wenn alle »out« geschossen sind, treffen sie sich auf einer Lichtung wieder und sehen sich die letzte Jagd auf dem Display der Kamera an. Es scheint, als gehe es bei diesem Spiel hauptsächlich darum, möglichst oft Posen aus Actionfilmen einzunehmen, die den Mitspielern ein »endskrass«, »endsabgefahren« oder »endsgeil« entlocken. Später schneidet einer der Jungs aus dem Material am Computer einen Film, der mit Musik unterlegt und mit so vielen Effekten aufgepeppt wird, dass er bei MTV als Musikvideo durchgehen würde.

Selman Kurban wohnt in dem Dorf Überacker nahe Maisach bei München, wo es Bauernhöfe, viele neue Einfamilienhäuser und einen Sportplatz mit Vereinsheim gibt: Von den 1000 Einwohnern sind 900 Mitglieder im SV Rot-Weiß Überacker. Die Kurbans sind Türken und in Überacker die einzige ausländische Familie. Als sie vor zwei Jahren vom nahen Gröbenzell hierher gezogen sind, lag schon nach ein paar Tagen eine Einladung zum Sommerfest für die »Neubauer« im Postkasten. Selmans Vater Fatih arbeitet bei BMW in Milbertshofen als Kfz-Mechaniker im Schichtdienst und spricht ein wunderbares Bairisch. Die Kurbans sind Muslime und seit den siebziger Jahren in Deutschland; sie fahren einmal im Monat nach München in die Moschee, die Jungs essen keine Leberkässemmeln, aber die Eltern trinken manchmal ein Bier. Ismael, der Älteste, ist im Burschenverein des Dorfes und trägt bei Festen ein Trachtenhemd mit der Aufschrift »Überackra samma« auf dem Rücken und seinem Namen »Isi« vorn drauf.

Später möchte Selman auch in den Burschenverein, aber im Moment interessiert ihn das noch nicht so; eigentlich gibt es nur zwei Dinge, die Selman wirklich faszinieren: die Softair-Battles im Wald und Magic.

Wenn es um Magic geht, verstellt Selman seine Stimme nicht. Dafür sagt er Sätze wie: »Ich spiele alle Decks ohne Strategie. In meinem Alter ist man noch nicht so der Taktiker.« Selman ist Spezialist für Magic –­ The Gathering, ein strategisches Kartenspiel aus dem Reich der Fantasy. Jede Karte hat eine bestimmte »Stärke« und das Ziel lautet, mit diesen Karten Mitspieler »zu vernichten«. Die Figuren auf den Karten heißen zum Beispiel »Verschlinger der Tage« oder »Auge des Kraken«. Um möglichst gut spielen zu können, muss man Karten tauschen und neue dazukaufen.

Selman spielt seit über sechs Jahren Magic und besitzt über tausend Karten. Manche sind so selten und wertvoll, dass er sie in kleine Plastiktüten eingeschweißt hat, und einige holt er fast nie aus einem Spezialordner hervor. Manchmal ersteigert Selman seltene Karten bei E-Bay. Er spielt Magic mit dem Nachbarsjungen und in den Schulpausen mit seinen Freunden in der Aula neben dem Kicker: Da sind sie zu zehnt, manchmal auch zwanzig und hören sich wie Außerirdische an: »Hey, was macht der Knall-Golem im Sumpfdeck?« – »Sag mal, wie viele Wälder darf ich eigentlich ausspielen?« –­ »Hat dein gregorianischer Krieger Bündnisfähigkeit?« –­ »Wow, du hast ja einen Lyden Myr! Ist der mit oder ohne Versorgungsphase?«

Doch für die Sommerferien hat Selman andere Pläne: weniger Magic, mehr in den Wald, zu den Jungs mit den Pistolen und den dunklen Stimmen. Diesen Sommer wird Selman ankommen in einer Welt, in der sich Jungs mit coolen Sprüchen und lässigen Posen aneinander messen. Nicht mit Spielkarten.

Foto: Konrad R. Müller

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