»Ich bin die Letzte, ganz links auf dem Bild«

Unter den 800.000 Flüchtlingen, die Deutschland in diesem Jahr erreicht haben, sind etwa 270.000 Kinder. Wir haben sechs von ihnen gebeten, von ihrer Flucht zu erzählen - und dazu ein Bild zu malen.

Das rechts ist meine Familie. Ich bin die Zweite von links. Wir sind jeden Tag zehn Stunden gegangen, zehn Tage an Schienen entlang. Auf dem Bild habe ich den Weg von Mazedonien nach Serbien gemalt. Fast immer war um uns herum alles grün. Links auf dem Bild sind Polizisten, die unsere Pässe sehen wollten. Wir hatten aber keine, auch kein Geld, um die Polizisten zu bezahlen, darum sollten wir umkehren. Das haben wir auch gemacht. Aber bald sind wir über einen anderen Schleichweg nach Serbien gekommen. Das hat sich schnell unter den Flüchtlingen rumgesprochen, die auch von den Polizisten zurückgeschickt worden waren.

Masuma, 15, aus Afghanistan

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Eines Abends kam mein Vater nach Hause und hat zu meiner Mutter und uns sechs Kindern gesagt: Wir flüchten. Da war ich neun oder zehn. Wir haben in Afghanistan in einer Gegend gewohnt, in der es viele Taliban gab. Meine Zwillingsschwester sollte mit einem Taliban verheiratet werden. Sie wollte das nicht und mein Vater auch nicht. Der Mann, den sie heiraten sollte, hat sie so schwer geschlagen, dass sie taub ist auf einem Ohr. Mein Vater hatte Angst, dass seine anderen vier Töchter auch so früh verheiratet werden sollen, darum sind wir geflohen. Mama hat gebacken, damit wir auf der Flucht etwas zu essen haben. Ich durfte nichts mitnehmen. Ich hatte immer Angst auf der Flucht und muss bis heute weinen, wenn ich daran denke. Wir sind ein paar Jahre in der Türkei geblieben, mein Vater hat keine Arbeit gefunden, er sprach kein Türkisch. Aber wir Kinder haben es schnell gelernt, und darum haben wir alle gearbeitet. Wir sind von Haus zu Haus gegangen und haben Sachen verkauft. Ein Schlepper hat uns später zusammen mit zwanzig anderen Leuten mit einem kleinen Boot nach Griechenland gebracht, dort sind wir viele Tage zu Fuß gegangen. Irgendwann waren wir in Deutschland. Mit gefällt es gut, ich möchte hierbleiben und Psychologin werden.
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Die Ballons sind schwierig zu malen. Sie sahen ein bisschen aus wie ein Zelt und hatten dicke Plastikwände mit Luft darin. Der Boden war aus Holz. Wenn man reinwollte, musste man erst durch eine Tür, dann durch einen kleinen Raum und noch einmal durch eine Tür. Drinnen waren einzelne Zimmer, die keine Türen, sondern Vorhänge hatten. In dem Ballon waren ganz viele Räume mit ganz vielen Betten. Um Essen zu bekommen, musste man in einer Schlange stehen. Es gab meistens Obst, aber immer nur eine Hälfte, eine halbe Banane zum Beispiel. Ich habe meinen Geburtstag in dem Ballon gefeiert, aber niemand hat mich gefragt, was ich essen möchte. Unser Zimmer war direkt am Eingang, neben den Sicherheitspersonen, wegen meines Bruders: Damit schnell jemand da ist, wenn er einen Anfall bekommt. Wir hatten drei Betten, drei Stühle und einen Tisch in unserem Zimmer. Auf meinem Bild sieht man meinen Bruder, der in seinem Bett liegt.

Milena, 12, aus Albanien

Als wir unser Haus in Albanien verließen, habe ich meinen älteren Bruder mitgeschleppt. Er ist behindert, er hat manchmal Anfälle und er kann nicht sprechen. Ich war mit ihm beschäftigt, meine Mutter hat die Koffer getragen. Dort waren meine Anziehsachen und Essen drin. Einen Vater habe ich nicht mehr, er ist gestorben. In unserem Haus ist nur meine Oma geblieben, mein Opa ist auch schon gestorben. Meine Mutter, mein Bruder und ich sind dann mit dem Auto nach Durrës gefahren, eine Stadt am Meer, um dort die Fähre nach Italien zu nehmen. Ich bin schon öfter mit der Fähre gefahren, weil mein Onkel in Mailand lebt. Ihn haben wir auch dieses Mal besucht. Und er hat uns dann zum Bus gebracht, der nach Berlin fährt. Meine Mutter will dort Arbeit suchen, hat sie gesagt. Die Fahrt hat lange gedauert. Ich saß am Fenster und habe die ganze Zeit nur Bäume gesehen. In Berlin haben wir dann die ersten zwei Wochen in den weißen Ballons gewohnt.
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Das Flugzeug war von Air Berlin. Ich habe am Fenster gesessen, es war ziemlich aufregend. Ich bin das erste Mal in meinem Leben geflogen. Meine Eltern hatten für diesen Flug lang gespart. Die Häuser unten sind Deutschland. Es gefällt mir hier, aber ich vermisse meine Freunde.

Gerald, 12, aus Albanien

Mein Vater hat zu Hause in einem Stahlwerk gearbeitet. Dann gab es das Stahlwerk nicht mehr, deshalb sind wir hier. Wir sind mit dem Auto fünf Stunden von Albanien nach Thessaloniki gefahren und dann mit dem Flugzeug nach Berlin geflogen. Nach der Landung hat die Polizei alle Albaner im Flugzeug gesammelt und in ein Heim gebracht. Am nächsten Tag sollten wir uns bei einem Amt melden. Es war sehr voll, wir muss-ten den ganzen Tag vor der Tür warten und sind trotzdem nicht drangekommen. Für die Nacht hatten wir einen Gutschein für ein Hotel bekommen, aber kein Hotel wollte uns ein Zimmer geben. Also haben wir die Nacht vor dem Amt auf der Straße geschlafen. Es regnete, und das Wasser lief in das Zelt. Meine Eltern und meine Schwester waren die ganze Nacht wach. Am nächsten Tag haben wir uns dann registriert. Nun wohnen wir seit vier Monaten hier. Ich gehe zur Schule und lerne Deutsch, in meiner Klasse sind nur Syrer und Afghanen. Nachmittags spielen wir Fußball.
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Wir waren vierzig Leute auf dem Schlauchboot, das uns von der Türkei nach Griechenland gebracht hat. Es dauerte drei Stunden. Zum Glück schien die Sonne, aber die Wellen waren sehr hoch. Ich glaube, ich hatte doch ein bisschen Angst. Ich bin der Zweite von rechts, mein Onkel ist der Dritte von rechts.

Mohammad, 11, aus Syrien

Ich bin jetzt elf. Da war die Gefahr groß, dass ich entführt werde und Kindersoldat werden muss. Es gibt so viele Gruppen in Syrien, die verfeindet sind. Also bin ich vor zwei Monaten mit meinem Onkel aus Syrien geflohen. Seine Frau und seine Kinder sind noch dort, meine Eltern und meine beiden Geschwister auch. Die Familie hatte überlegt, wer mit mir fliehen kann, alle waren sich einig gewesen, dass mein Onkel dafür der Beste ist. Wir sind nachts geflohen, ich durfte nichts mitnehmen, nur die Kleider, die ich anhatte. Wir waren eine ganze Gruppe, ein Schlepper hat uns zu Fuß in die Türkei gebracht, dann sind wir mit dem Boot nach Griechenland gefahren, dann mit dem Zug oder zu Fuß durch Serbien, Ungarn und Österreich, aber ich kann mich nicht an jedes Land erinnern. Jedenfalls waren wir fast einen Monat unterwegs. Ich hatte nie Angst auf der Flucht, denn wenn man vor dem Krieg davonläuft, wovor soll man dann noch Angst haben? Leider ist es schwierig, meine Familie anzurufen, denn in Syrien gibt es oft nur zwei Stunden Strom am Tag. In Syrien kennen wir nur zwei Fußballvereine, Manchester United und Real Madrid. Ich möchte jetzt Bayern-München-Fan werden. Und später Arzt. Darum beneidet mich mein Onkel. Er sagt: Ich wäre auch gern noch so jung wie du, um hier alles lernen zu können.
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Unten sieht man die Straße, auf der wir von einem Schlepper in die Türkei geführt wurden. Ich bin die Letzte, ganz links auf dem Bild. Ich war auf der Flucht immer die Letzte. Die beiden Autos sind von der Polizei. Der Schlepper hat gesagt, wir müssen warten und leise sein, bis die wieder weg sind. Dann kam ein Lieferwagen, in den wir alle eingestiegen sind, den sieht man nicht auf dem Bild. Wir mussten unsere Handys abgeben und durften nicht reden. Wir sind viele Stunden über die Autobahn gefahren. Es gab kein Fenster im Lieferwagen. Wenn man aufs Klo musste, hatte man Pech.

Yalda, 12, aus Afghanistan

Meine Eltern kommen aus Afghanistan. Mein Vater wurde dort verfolgt, darum sind sie mit meiner Schwester, meiner Oma und meiner Tante geflohen. Wir haben lange im Iran gelebt, dort wurde ich auch geboren. Wir waren sehr arm, wir konnten nicht mal einen Arzt bezahlen, als meine Mutter eine Frühgeburt hatte. Meine kleine Schwester ist deshalb gestorben. Ich konnte auch nie zur Schule gehen, weil wir Illegale waren. Eines Tages brachte uns ein Schlepper in die Türkei, dann fuhren wir mit einem Schiff nach Griechenland. Drei Nächte sind wir zu Fuß gegangen, wir waren ungefähr 15 Leute. Wir wollten nach Athen zu einem anderen Schlepper, wurden aber alle krank, weil es in den Zelten so schmutzig war und es kein sauberes Wasser gab. Als es uns besser ging, brachte uns ein griechischer Schlepper nach Ungarn. Dort wurden wir aber erwischt, und wir hatten keine Papiere. Wir haben uns dann versteckt und drei Wochen auf einen neuen Schlepper gewartet. Der hat uns in einen Zug nach Deutschland gesetzt und gesagt: Wenn jemand nach euren Pässen fragt, gebt ihm Geld. Aber es war überhaupt kein Problem, nach Deutschland zu fahren. Meine Mama bekommt im März wieder ein Baby. Ich glaube, diesmal wird es überleben. Ich würde gern hier bleiben und Ärztin werden.
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Ich möchte kein Bild von der Flucht malen, sondern von unserem Haus in Syrien. Es hatte ein buntes Dach. Neben der Tür steht meine Schwester, die gerade Wasser geholt hat. Es gab eine Treppe zu unserem Haus, es hat mal geregnet, und dann schien wieder die Sonne. Wir hatten auch ein Auto. Auf dem Bild sieht man, wie mein Vater fährt. Ich sitze hinten. Das Fenster rechts am Haus gibt es nicht, darum habe ich es wieder durchgestrichen.

Mohammad, 11, aus Syrien

Mein Vater und ich sind vor drei Monaten aus Syrien geflohen. Wir sind Kurden, wir versuchen alle zu fliehen, es gibt so viel Krieg. Mein 19-jähriger Bruder lebt seit eineinhalb Jahren in Deutschland, wir wollten zu ihm. Meine Mutter ist mit meinen drei anderen Geschwistern schon vor zweieinhalb Jahren geflohen, wir sollten uns in Istanbul erst mal mit ihnen treffen. Aber mein Vater und ich sind in Izmir abgeschoben worden. Ich weiß nicht genau, wohin. Wir kamen dann mit einem Schlepper nach Ungarn. Dort wurden wir gefragt, wohin wir wollen. Mein Vater sagte: Deutschland, da wohnt schon mein Sohn, und es ist ein gutes Land für Kinder. So sind wir mit dem Zug nach München gefahren. Aber ich bin traurig, weil ich meine Mutter und meine Geschwister so lange nicht gesehen habe. Mein Vater hofft, dass sie legal nach Deutschland reisen dürfen. Vor zehn Tagen ist mein Großvater in Syrien gestorben. Das macht mich auch sehr traurig.

Fotos: Monika Keiler und Daniel Delang

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