»Man muss sich eine Freiheit erhalten – im Kopf, im Herzen, mit seinem Körper«

Bekannt wurde Jella Haase durch den Film »Fack ju Göhte«. Dabei dreht die 26-Jährige Dramen, seit sie 15 ist. Ein Interview über eine Kindheit fast ohne Regeln, über Mode und über die Frage, warum sie am liebsten Außenseiterinnen spielt.

Ist im Herbst in der Neuverfilmung von Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz zu sehen, wo sie die Prostituierte Mieze spielt: Jella Haase. Mantel von MAX MARA; Ohrringe privat.

SZ-Magazin: Sie wollten dieses Gespräch nicht vor elf Uhr beginnen. Was haben Sie gestern hier in München gemacht?
Jella Haase: Mittags habe ich mir spontan den ersten Teil der Zehn-Stunden-Vorstellung von Dionysos Stadt inden Kammerspielen angesehen. Nach fünf Stunden musste ich leider raus, weil ich mit einem befreundeten Regisseur verabredet war: Er hat Auberginen mit Parmesan und Pasta gekocht, und es wurde etwas später.

Sie haben einen freien Tag in der Woche und verbringen ihn im Theater?
Im Moment finde ich dort viel Inspiration. Vor jedem Besuch bin ich aufgeregt. Ich liebe es, mich so weit vorn wie möglich hinzusetzen, weil ich dort alles ungefiltert sehe – und dann geht es los: Das ist für mich ein ganz totaler ­Moment, das ist unmittelbar. Was auf der Bühne passiert, hat diese Dringlichkeit und etwas Schicksalhaftes – man hat nur einen Versuch.

Was berührt Sie an einem Stück?
Dionysos Stadt zum Beispiel entwickelt einen richtigen Sog, weil die Schauspieler mit dem Publikum interagieren und die antiken Texte so aufgearbeitet wurden, dass man etwas mitnehmen kann. Wenn ein Regisseur oder ein Ensemble es schafft, ältere Stoffe ins Jetzt zu transportieren und ihre Gültigkeit aufzuzeigen, hat das einen großen Wert.

Gerade haben Sie den Kinofilm Berlin Alexanderplatz abgedreht, in dem der Roman von Alfred Döblin aus den Zwanzigerjahren in die heutige Zeit versetzt wird. Wie passt dieses Porträt einer unruhigen Gesellschaft in das Jahr 2019?
Es ist eine Geschichte über Ankunft, Reise, Liebe, Freundschaft und Trauma. Sie erzählt, wie jemand sein Leben ändern und ein besserer Mensch sein möchte, wie er in Berlin ankommt und was ihm entgegengesetzt wird. Das alles ist erst mal zeitlos allgemeingültig. Aber wir leben nun mal 2019, und gerade ist die Welt aus den Fugen. Trump wurde Präsident, die Politik rückt überall nach rechts, das ist ein Wake-up-Call: Die Welt war überhaupt nicht so, wie wir dachten, dass sie ist. Man muss sich fragen: Was ist das gerade für eine Welt? Die westlichen Werte, wie vertretbar sind die? Denn der Westen hat auch so viel Dreck am Stecken, Kriege wegen Öl, der ganze geostrategische Wahnsinn, ­Waffenlieferungen. Wir verschließen davor die Augen.

»Wenn mein Franz Biberkopf schwarz ist, dann muss man ihn anschauen«, hat Burhan Qurbani gesagt, der Regisseur von Berlin Alexanderplatz. Und hat aus Döblins Hauptfigur, dem Zementarbeiter Franz, den Geflüchteten Francis gemacht.
Zeithistorisch ist es richtig, die Geschichte so zu erzählen. Der Perspektivwechsel zeigt, dass ein Geflüchteter sich mit den gleichen Problemen wie ein Deutscher wiederfindet. Natürlich sind die Umstände erschwert, aber letztlich ­haben alle einen Leidensdruck.

Die eigentliche Hauptrolle in Döblins Roman spielt Berlin. Sie sind in Kreuzberg aufgewachsen und bezeichnen sich als »Berlin-Patriotin«.
Berlin ist mein Zuhause. Und weil ich in meinem Leben wahnsinnig viel gedreht habe und weg war, habe ich nach wie vor Heimweh. Zum Beispiel gestern Nacht: Mein Freundeskreis von ganz früher war betrunken auf ­einer ­Party, ich habe von München aus mit einem dieser Freunde telefoniert. Auf einmal hatte ich so eine Sehnsucht nach Sommer in Berlin, einfach abends draußen sein, frei sein.

Ihr Vater erzählte den Jungen aus der Nachbarschaft früher, er sei Zivilpolizist. War Ihre Kindheit gefährlich?
Mein Papa ärgert sich, glaube ich, dass ich das in einem ­Interview erzählt habe. In meiner Erinnerung war das der Grund, warum wir von den ganzen Prolos in Ruhe gelassen worden sind. Er meint, das stimmt gar nicht. Wir waren wohl part of the gang. In meiner Klasse gab es nur fünf oder sechs Deutsche, das war normal. Als Kind wundert man sich ja nicht darüber, dass da Kinder sind, die aus anderen Ländern kommen. Wir sind zusammen groß geworden, und das hat eine große Qualität.

Ihre Mutter ist Zahnärztin, Ihr Vater arbeitet in der Neuköllner Praxis mit. Sie wurden fast ohne Regeln ­erzogen, gingen als Kind mit Ihren Eltern auf Punkkonzerte und reisten 2017 mit einer Freundin der beiden durch Kolumbien.
Atti! Die ist auch meine Freundin und Seelenschwester. Mit Atti bin ich groß geworden, sie hat mich geprägt und ist der freieste Mensch, den ich kenne. Als Kind wollte ich unbedingt mal etwas vortragen. Atti hat einen Chanson­abend veranstaltet und mich auf die Bühne geholt. Da war ich etwa drei und wollte dann auf einmal gar nicht mehr. Mein erstes Konzert war mit fünf ein Punkkonzert von ihr. Vermutlich war sie für mich der früheste Zugang zu einer Form von Kunst. Atti und meine Eltern haben mir beigebracht, dass man sich nicht an Normen halten muss.

Von Ihrer Mutter, sagten Sie mal, hätten Sie viel über »das Frauwerden und das Älterwerden« gelernt.
Meine Mama hat diesen tollen Satz gesagt: Sie freut sich auf alle Stufen des Lebens – darauf, den ganzen Kreislauf des Älterwerdens mitzumachen. Da steckt eine Boden­ständigkeit drin, die ich wertzuschätzen weiß. Für mich ist das lebensbejahend und passt zu einem Satz im Roman von Döblin, der beschreibt, was ich denke: »Man muss die Welt sehen können und zu ihr hingehen.«

Auch wenn Sie viel unterwegs sind, ist Ihr Lebensmittelpunkt in Berlin geblieben, aber die Stadt hat sich ­verändert. Fühlen Sie sich noch wohl in Kreuzberg?
Ich finde es furchtbar, dass die Leute, die einen Bezirk ausmachen, verdrängt werden. Gentrifizierung ist eine Katastrophe. Aber in dem Kiez, in dem ich wohne, gibt es noch den Bäcker, bei dem ich schon als kleines Mädchen eingekauft habe. In ganz Berlin finde ich tolle Orte, Spätis, Cafés, Plätze und das Tempelhofer Feld. Da entlangzulaufen, gibt mir Ruhe.

Im vorigen Sommer haben Sie den Film Kokon gedreht: eine Liebesgeschichte zwischen zwei Mädchen, die auch am Kottbusser Tor spielt. #kottiromantik schrieben Sie auf Instagram. Liebt man in Berlin anders als sonst wo?
Ich glaube, wenn man liebt, ist es egal, wo man ist. Aber man liebt Berlin anders als andere Städte. Berlin hat eine besondere Freiheit in sich, die einen auch erschlagen kann: Du kannst tagelang auf Partys gehen, alles Mögliche tun. Viele versumpfen oder verlieren den Faden.

Fast alle Figuren, die Sie spielen, lieben sehr frei und intensiv. In Looping zum Beispiel kommen sich drei Frauen unterschiedlichen Alters näher, die unter ­verschiedenen Traumata leiden. Was ist Ihre Definition von Liebe?
Sie ist der innerste Antrieb, der Motor. Die meiste Inspira­tion für mein Spiel suche ich aus einer Form der Liebe. Ich bin ein sehr liebesbedürftiger Mensch und glaube, diese ­ursprüngliche Sehnsucht haben wir alle in uns.

Braucht es eine romantische Beziehung, um diese ­Sehnsucht zu erfüllen?
Nein, ich liebe auch meine Freunde über alles. Für mich gibt’s nichts Schöneres, als wenn wir zusammen in einem großen Haus sind – und am besten dort übernachten, alle in einem einzigen Raum.

Ihr Vater machte Ihrer Mutter immer wieder Heirats­anträge, sie lehnte ab. Können Sie sich vorstellen, sich ein Leben lang zu binden?
Ja, klar!

Warum ist das klar?
Wahrscheinlich trage ich eine romantische Sehnsucht in mir. Ich stelle mir aber keine Hochzeit mit Kleid im klassischen Sinne vor und weiß nicht, ob »Für immer zu zweit« die Lösung ist. Wenn man verknallt ist, will man zwar erst mal nur den einen und keinen anderen. Ich glaube aber ­daran, dass man viele Menschen lieben kann. Es ist schade, dass einem die Monogamie so ins Gehege kommt. Man muss sich in allen Bereichen eine Freiheit erhalten – im Kopf, im Herzen, mit seinem Körper. Wir sind so privilegiert in Deutschland und Europa, dass wir uns fragen können: Wie soll unsere Freiheit aussehen?

Mit 15 spielten Sie in Der letzte Rest ein Mädchen, das ihre Klassenkameraden zum Gruppensex einlädt, um beliebter zu werden. In Puppe ein Junkie-Mädchen, das totgeschlagen wird. In Das Leben danach eine Überlebende der Loveparade-Katastrophe. Wo haben Sie Ihre Grenzen überschritten?
Immer. Bei jedem Film, den ich drehe, gibt es eine Szene, vor der ich besonders Respekt habe. Ob das ein Trauma, eine Gewalterfahrung oder der Tod ist, egal: Ich nenne das »eine Verletzung der Seele«, und die kann in jeder Form passieren. Manchmal ekle ich mich im Nachhinein vor ­Szenen. Dass man so tief schöpft, sich an einen Schmerz oder ein Gefühl erinnert, es transformiert, um es darzustellen. Das irritiert mich dann manchmal schon sehr. ­Vielleicht muss es so sein. Ich kann keinen Charakter nur behaupten.

Wissen Sie, was der Bechdel-Test ist?
Nee.

Filme werden auf drei Kriterien geprüft: Kommen ­mindestens zwei Frauen vor? Sprechen sie miteinander? Und das nicht über einen Mann? Vierzig Prozent der ­erfolgreichsten deutschen Filme aus den vergangenen fünfzig Jahren fallen durch. Ihre Filme bestehen nach meiner Überprüfung ausnahmslos.
Yeah! Meine Presseagentin hat mal zu mir gesagt, ohne es zu wissen, sei ich eine sehr moderne Feministin. Ich habe einfach immer auf meinen Bauch gehört. Wenn ich ein Drehbuch lese und das Gefühl habe, ich bin da gar nicht gemeint oder die Figur ist nicht klar, dann mache ich das nicht.

Im Drama 4 Könige gibt es eine Szene, in der Sie Ihre mit Weihnachtsschmuck behangenen Brüste zeigen. Danach kursierte das Standbild im Internet. Fühlten Sie sich angegriffen?
Da kann ich zum Glück drüberstehen. Mir wurde auch schon gesagt, dass ich abnehmen soll, um mehr Rollen zu bekommen. Das ist mir zwar nicht ganz scheißegal, aber da kommen wir wieder zur Liebe: Weil ich in meinem Leben immer für das akzeptiert wurde, was ich bin, kann ich selbstsicher sein.

Trotzdem spielen Sie am liebsten die Rolle der Außenseiterin.
Vielleicht brauchen die Außenseiter mich, und ich brauche sie.

Wofür?
Vielleicht muss ich den Außenseitern Gehör verschaffen. Figuren interessieren mich gerade dann, wenn sie mir nicht eins zu eins gleichen und ich mich ausprobieren kann. Ich stehe für sie ein, verteidige sie, kämpfe für sie.

In Fack ju Göhte haben Sie Chantal gespielt, die ständig »Ey« sagt, »Ich schwöre« und Sätze wie: »... sind Sie geborderlined ...? Sie Geisteskranker!«. Wenn Journalisten diese Figur als dumme Tussi abstempeln, widersprechen Sie.
Das ist sie ja auch gar nicht! Die ist in ihrer Selbstüberzeugung total uneitel, weil sie auf andere scheißt. Deshalb kam sie auch so gut an. Die Leute haben mit ihr gelacht, nicht über sie.

Hätten Sie die Rolle der Chantal ohne blauen Lidschatten und pinke Klamotten genauso spielen können?
Kostüme unterstützen mich schon wahnsinnig. Sobald ich in eines reinschlüpfe, ist das wie eine zweite Haut. Am Ende des Tages ziehe ich das Kostüm aber gern aus. Ich will wieder Jella sein.

Die Zeit beschrieb Ihren Stil als »eine Mischung aus Volksbühne, Punk und Hip-Hop«.
Das trifft den Punkt, zumindest was die private Jella angeht. Oft ziehe ich einfach irgendwas an, gestern zum ­Beispiel ein gepunktetes Kleid, dazu gestreifte Leggings und einen Pullover drüber. Manchmal lachen die anderen, wenn ich an den Set komme.

In welcher Kleidung fühlen Sie sich unwohl?
Gerade war ich zum zweiten Mal in meinem Leben overdressed. Wir haben das sogenannte Bergfest von Das perfekte Geheimnis gefeiert, dem neuen Film von Bora Dagtekin. Ich habe ein sehr schönes langes Kleid von Chloé angezogen, kam in die Bar in der Münchner Sonnenstraße – und dachte, ich bin in Berlin gelandet. Dann habe ich mir das Kleid einfach hochgebunden, und es ging.

Ist Mode für Sie ein Mittel, um sich zu verwandeln oder um sich zu zeigen?
Im Privaten will ich ich sein. Deshalb kommt es auch ganz oft vor, dass mir nichts gefällt und ich eine Stunde lang ­Sachen anprobiere. Dabei liegt es nur daran, dass ich in ­diesen Momenten selbst gar nicht weiß, ob ich mir gefalle, was ich ausstrahlen und wie ich sein will.

Wie wollen Sie gerade sein?
Ich habe mir viele Kleider bestellt, weil ich möchte, dass dieser Sommer der Sommer der Kleider wird. Ich liebe es, Anziehsachen zu kaufen, egal, ob auf Flohmärkten oder in Läden, weil man sich dabei jedesmal neu erfinden kann. Wenn mir ein Teil gefällt, geht es in meinem Kopf los: Ich stelle mir vor, wo ich das tragen werde, und die Geschichte erzählt sich weiter. Eigentlich bin ich eher ein Hosentyp, also habe ich beschlossen: Nein, jetzt ist es Zeit für Kleider! In Kleidern fliegt man irgendwie. Alles ist freier, leichter, in Kleidern ist es Sommer.