»Bis heute kann ich die Welt nur ­ironisch ertragen«

Der Plakatkünstler Klaus Staeck erklärt, warum er sich auch im hohen Alter noch politisch einbringen will – aber Künstlern nicht das Regieren überlassen würde.

Klaus Staeck an seinem Arbeitsplatz – beziehungsweise an einem davon: In der Heidelberger Altstadt hat er mehrere Räume in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander gemietet.

Foto: Julian Baumann

Kaum jemand hat die gesellschaftskritische Ikonografie der Bundesrepublik stärker geprägt als Klaus Staeck. Ob Umweltzerstörung, Datenmissbrauch oder Fremdenhass: Seit Anfang der Siebzigerjahre prangert Staeck mit satirischen Bild-Text-Collagen eine Gesellschaft an, die sich, wie er sagt, »der Religion des Geldes und dem Tanz ums Goldene Kalb hingibt«.

Seine Vorbilder sind George Grosz und John Heartfield, zwei Großmeister des Agitprop, die in die politischen Kämpfe der Weimarer Republik eingriffen. Auch bei Staeck kommen Eingängigkeit und Schlagkraft vor subtiler Finesse. »Alle reden vom

Zum Schulbuchklassiker wurde Staecks Montage aus einer giftgelb eingefärbten Villa und dem Slogan »Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen«. Das Kunstmagazin »Art« nannte ihn den »nützlichsten Künstler der Bundesrepublik«.

SZ-Magazin: Sie sind achtzig Jahre alt. Arbeiten Sie noch viel?
Klaus Staeck: Ich stehe zwischen neun und zehn auf und arbeite dann bis nachts um zwei. Meine Frau sagt jeden Tag, komm nicht so spät nach Hause! Ich antworte jeden Tag, ich versuche es.

Ist ein Arbeitssüchtiger wie Sie mußefähig?
Früher besser als heute. Meine Lebenszeit läuft ab. Nichts ist erledigt, weder künstlerisch noch politisch. Ich fühle mich immer noch verantwortlich. Wenn etwas nach Veränderung ruft, versuche ich, Teil dieser Veränderung zu sein. Nur zu klagen, statt anzuklagen, halte ich für strafbar. Mein Leitsatz stammt von Erich Kästner: »Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.« Deshalb habe ich mich auch nie auf den sogenannten Lebensabend freuen können. Mein Schreckensbild war das Wasserglas auf dem Nachttisch meiner Oma mit ihrem Gebiss drin. Nur noch auf der Parkbank sitzen und den Hund streicheln? Für mich eine Horrorvorstellung.

Kein deutscher Künstler ist öfter verklagt worden und hat mehr politische Schlachten geschlagen als Sie. Warum haben Sie keine Memoiren geschrieben?
Weil ich nie den Eindruck hatte, in dem Alter zu sein, in dem man seine Erinnerungen verfasst. Das klingt von einem Achtzigjährigen etwas verwegen, aber für Memoiren braucht man Abstand, Gelassenheit, Kontemplation, und zu so etwas habe ich bis heute nicht gefunden. Wir müssten ein Zehn-Stunden-Gespräch führen, damit Sie eine Ahnung davon bekommen, wie ich gestrickt bin. Ich halte das durch, Sie aber nicht.

Warum gibt es keine Biografie über Sie?
Einige prominente Autoren haben es versucht, aber nach den ersten Probekapiteln habe ich jedes Mal gesagt, lass es sein. Zum Beispiel wurden fünfzig Ausstellungen von mir verboten. Wie soll ein anderer die drei, vier Verbote herausfiltern, bei denen etwas Besonderes passiert ist? Er müsste sich durch fünfzig Kartons mit Akten quälen. Das Gleiche gilt für die 41 Gerichtsverfahren, die gegen mich geführt wurden und die ich alle gewonnen habe. Der längste Prozess dauerte neun Jahre und endete vor dem Bundesverfassungsgericht. Nur ich könnte sagen, welche Details bis heute fesselnd sind und was zu vernachlässigen ist.

Halten Sie Ihr Leben in einem Tagebuch fest?
Ja, leider habe ich erst 1972 damit angefangen. Was ich schreibe, darf auch nach meinem Tod nicht veröffentlicht werden, ich bin schließlich nicht Thomas Mann. Heute Abend werde ich notieren, dass ich von dann bis dann ein Interview gegeben habe. Sie kriegen nur eine Erwähnung, wenn Sie übergriffig werden sollten oder irgendetwas zerstören wollen.

Sie wurden 1938 in Pulsnitz bei Dresden geboren …
Um ein Haar wäre aus mir eine Totgeburt geworden, weil es Komplikationen gab. Ich wollte wohl nicht in diese Welt. Es war Rosenmontag, und der Arzt, der geholt werden sollte, war auf einer Faschingsfeier. In letzter Minute, so wurde es mir erzählt, ist er dann doch noch gekommen. Ob er ein Kostüm trug, ist nicht überliefert. Ich bin in einem Schloss geboren, und zwar im Napoleonzimmer, darauf lege ich Wert. Während der Schlacht von soundso habe er in diesem Zimmer übernachtet, hieß es. Mein Vater war Buchhalter und hatte eine Dienstwohnung im Schloss. Die Gnädige von Helldorf, der das Schloss gehörte, meinte, aus mir werde mal etwas Besonderes. Dabei war ich ein schwächliches Kind mit Stachelbeerbeinen, dem die Ärzte kein allzu langes Leben prophezeiten. Als ich vier war, wollte meine Mutter mich in den evangelischen Kindergarten bringen, aber nach dem ersten Tag habe ich gesagt, nein, bitte nicht das! Diese Unruhe, diese vielen Kinder, die sich immerzu raufen mussten. Ich saß in der Ecke und dachte, hier soll ich meine Zeit verbringen? Niemals!

Aufgewachsen sind Sie in Bitterfeld in Sachsen-Anhalt.
In der Schule musste man in jedem Aufsatz die siegreiche Sowjetunion hochleben lassen. Ich fragte mich, wie man in einer Diktatur leben kann, ohne zum Zyniker zu werden. Die Antwort fand ich in der Ironie. Bis heute kann ich die Welt nur ironisch ertragen, sonst würde ich verrückt. Man muss aber zwischen Ironie und hämischem Spaß unterscheiden. Die Ironie ist nichts ohne die Todesangst, hat ein kluger Mann mal gesagt.

Bitterfeld war die chemische Großküche Ostdeutschlands.
Kein anderer Ort der DDR war so verseucht, Bitterfeld war wirklich Endstation. Wegen der Flugasche war ein weißes Hemd nach wenigen Stunden schwarz. Ich habe bis heute Bronchitis. Meine erste Lungenentzündung hatte ich mit zehn. Als meine Mutter einmal zum Pfarrer sagte, die Schulärzte hielten mich für kaum lebensfähig, meinte der nur, machen Sie sich nichts draus, Frau Staeck, die dürren Körper währen am längsten.

Bei den Aufständen gegen das SED-Regime am 17. Juni 1953 waren Sie 15 Jahre alt. Wie haben Sie diesen Tag erlebt?
Hundert Meter von meiner Schule entfernt versammelten sich um die 20 000 Menschen. Wer Augen im Kopf hatte, sah, dass das ein Aufstand von Arbeitern war und keine Zusammenrottung von Agenten des Klassenfeindes. Von einem Traktoranhänger herab wurde ein Telegramm an die DDR-Regierung verlesen. Gefordert wurden freie Wahlen und die Entlassung aller politischen Gefangenen. Ein paar Stunden später tauchten Panzer der Roten Armee auf, und es fielen Schüsse. Dieser Tag hat mein Leben bestimmt. Wer von da an noch an den DDR-Sozialismus glaubte, war für mich erledigt.

Warum sind Sie ohne Vater groß geworden?
Er war erst Soldat, dann in Gefangenschaft. Nach seiner Rückkehr zog er nach Westdeutschland, weil meine Eltern sich auseinandergelebt hatten. Meine Mutter betrieb ein kleines Kunstgewerbegeschäft, deshalb zählte man uns zur Mittelschicht. Die Arbeiter- und Bauernkinder bekamen in der Schule immer eine Note besser. Das vertrug sich nicht mit meinem Gerechtigkeitsfimmel. Ein halbes Jahr vor dem Abitur musste man einen Fragebogen ausfüllen und drei Berufswünsche angeben. Ich wollte Filmregisseur, Architekt oder Kunsterzieher werden. In der Aufnahme­prüfung für Architekten legte man mir abstrakte Bilder von Picasso vor. Ich wusste, dass ich sie als Symbol bürgerlicher Dekadenz brandmarken sollte, doch ich fragte die Prüfungskommis­sion, warum wir Picassos Friedenstaube für DDR-Plakate benutzen, aber diese Bilder schlecht finden sollten. So ging es weiter. Mich um Kopf und Kragen zu reden empfand ich als Akt der Befreiung, aber für den Staat war ich ein erledigter Fall. Es hieß, ich sollte eine Maurerlehre machen. Wegen dieser Aussicht habe ich am 4. August 1956 mein Köfferchen gepackt. Fünf Jahre später wurde die Mauer gebaut.

Nach Ihrer Übersiedlung nach Heidelberg schwankten Sie bei der Studienwahl zwischen Jura und Architektur.
Um für das Architekturstudium zugelassen zu werden, habe ich neun Monate lang auf dem Bau gearbeitet. Früh um halb zehn holte ein Gehörloser für alle eiskaltes Bier. Als ich Milch trank, hatte ich keine Chance mehr. Man gab mir die schwersten Arbeiten, um sich daran zu weiden, dass ich Muskelkater bekam und tagelang kaum noch laufen konnte. Ich überlegte, auch Bier zu trinken, aber um mich nicht selber zu verraten, blieb ich bei Milch. Nach ein paar Wochen trank die eine Hälfte immer noch Bier, dieanderen waren zu Tee, Cola oder Limonade gewechselt. Eiskaltes Bier hatten sie nur aus Gruppenzwang getrunken.

Warum haben Sie sich am Ende für Jura entschieden?
Weil Jura mit zehn Semestern das längste Studium war, gefolgt von einer zweieinhalbjährigen Referendarzeit. Ich malte mir aus, in diesen siebeneinhalb Jahren den Absprung in die Kunst zu schaffen, aber daraus wurde nichts. Weder meine Holzschnitte noch meine in tachisti­scher Manier gemalten Ölbilder brachten genug Geld ein, um davon leben zu können. Also wurde ich Jurist und arbeitete als Anwalt.

Sie wirken wie der klassische Mineralwassertyp und könnten mit Ihrem Aussehen Edmund Stoiber doubeln. Gab es in Ihrem Studentenleben Ausschweifungen, Exzesse?
Den Stoiber nehmen Sie bitte zurück! Wenn ich mich jemandem ähnlich fühle, dann Alfred Döblin. Ich wäre mal fast gestorben, als ich mittags mit dem Barkeeper eines Studentenlokals eine Flasche Tequila ausgetrunken habe. Ich brach hinter der Tür meiner Studentenbude zusammen und lag anderthalb Tage im Koma. Seit diesem Tag trinke ich keinen Tropfen mehr. Dass mir der Rausch fremd ist, schont den Körper. Ich habe nicht einen einzigen Tag Sport getrieben und lebe immer noch.

Sie haben an die 400 politische Plakate, Postkarten, Aufkleber und Flugblätter entworfen und rund 30 Millionen Mal drucken lassen, dazu kommen etwa 3000 Ausstellungen Ihrer Arbeiten. In die Schlagzeilen gerieten Sie erstmals, als Sie als 31-jähriger Rechtsreferendar das Kunstfestival »intermedia 69« mitorganisierten, eines der letzten großen Happenings der Kunstrichtung Fluxus. Traten Sie bei der »intermedia« auch als Künstler auf?
Ja, ich habe in einer Waschmaschine einen Heidelberg-Ölschinken sauber gekocht.

Sie ahnen es: hä?
Fluxus negierte das herkömmliche Kunst­werk als bürgerlichen Fetisch und stellte die schöpferische Aktion in den Vordergrund. Ich kaufte ein schlecht gemaltes Heidelberger Schloss, trennte das Bild vom Keilrahmen und setzte es vor großer Zuschauerkulisse unter Applaus einem Vollwaschgang aus. Das Ergebnis war eine weitgehend gereinigte Leinwand, die auf Wiederverwendung wartete. Die Aktion symbolisierte die Befreiung von jener falschen Romantik, der man gerade in der Heidelberger Altstadt häufig begegnet.

Am Ende der »intermedia« wäre jeder Schuldenberater an Ihnen irre geworden.
Als Christo das Amerika-Haus mit Gitterfolie verhüllte, gingen Teile des Schieferdachs zu Bruch. Jörg Immendorff beklebte die Thermopenscheiben eines Studentenwohnheims mit Flugblättern, die nicht mehr abzulösen waren. Die Scheiben mussten auf unsere Kosten ausgewechselt werden. Mit den Schulden von anderen Aktionen kam ich auf 250 000 Mark Miese. Mein Gehalt als Referendar betrug 350 Mark. Also hätte man denken müssen, man geht unter, aber meine Schulden beschäftigten mich nicht besonders. Ich war der Meinung, ich bin wichtig für die Gesellschaft und tue etwas Notwendiges, also beruhten meine Schulden auf notwendigen Ausgaben.

Über diese Zeit sagten Sie einmal: »Ich hatte plötzlich keine Haut mehr. Ich konnte keinen Blinden über die Straße gehen sehen, ohne mit ihm mitzuleiden. Ich ging, um es ironisch zu sagen, in Weltschmerz auf. Erst in einer Gesprächstherapie lernte ich, dass die Welt nicht durch mich allein zu retten ist.«
Das mit dem Mitleiden ist geblieben. Wenn ich einen Blinden sehe, ist der Tag für mich gelaufen. Als ich fünf war, hatte mein Vater Fronturlaub und kündigte mir an, dass ich ein Schwesterchen kriege. Sogar der Name stand schon fest, Antje. Als statt Antje die Zwillinge Rolf und Rainer kamen und allen Raum einnahmen, dachte ich, was läuft denn hier? Weil ich ein Sensibelchen war, habe ich gedacht, ich esse nicht mehr. Ich war nicht mehr der Kronprinz und fürchtete, mir Zuneigung und Wärme künftig erkaufen zu müssen. So wurde ich gefüttert: noch ein Löffelchen für Onkel Oswin und eins für Onkel Artur. Ich sehe heute noch die Buchstabensuppe vor mir: Komm, jetzt suchen wir noch ein A. Ich habe das genossen, doch in meiner Referendarzeit stellte sich heraus, dass ich meinen Sturz vom Thron nicht verarbeitet hatte.

Welche Symptome hatten Sie?
Mir fiel alles schwer. Weil ich mich für die ganze Welt verantwortlich fühlte, brachte ich keine Arbeit mehr zu Ende und saß nur noch da, körperliche Blockade. Ich aß nicht mehr und magerte ab bis zum Gehtnichtmehr. Ich wollte einfach nicht mehr. Eine besorgte Ärztin veranlasste, dass ich in die psychiatrische Abteilung der Uni-Klinik Heidelberg aufgenommen wurde. Dort machte ich in einer Kammer ohne Türklinke eine Schlafkur, damals das Allheilmittel für psychische Probleme. Wieder auf die Beine gekommen, begann ich eine Gesprächstherapie. Ich träumte auf einmal die Dinge, die ich erzählen wollte. Ich wurde abhängig von der Therapeutin und hangelte mich von Termin zu Termin, aber eines Tages hieß es, sie sei krank. Ich bin trotzdem zu meinem Termin gegangen und habe geklingelt und geklingelt. Nach ein paar Minuten erschien sie in der Tür und sagte, es tut mir leid, ich bin auch mal krank, es geht heute nicht. Das war seltsamerweise die Ablösung. Auf einmal ging es ohne sie. Es geht bis heute, auch wenn einem die Depression noch gelegentlich über die Schulter guckt.

1988 sagten Sie in einem Stern-Interview: »Seitdem leb’ ich jeden Tag, als sei er der letzte. Ich habe das Bedürfnis, etwas zu hinter-lassen, ein Stück Unsterblichkeit.«
Ich will nicht umsonst gelebt haben. Ich will wirken. Wenn man auf meinen Grabstein etwas schreiben will, dann die Worte: Aufklärung, Verantwortung, Solidarität. Meine Sorge war immer zu resignieren. Wenn man einigermaßen bei Trost ist, weiß man doch, dass die Welt höchstens partiell reformierbar ist, gerade was die Umwelt betrifft. Wir sind zu dumm, um zu überleben. Ich bedaure alle meine Freunde, die kleine Kinder haben.

Warum haben Sie keine Kinder?
In der Zeit, in der man Vater wird, hatte ich enorme Schulden und Prozesse am Hals. Das kann man niemandem zumuten, sagte die protestantische Verantwortungsethik in mir. Hans-Jochen Vogel hatte mal den wunderbaren Wahlkampfslogan »Frieden mit der Natur«. Aber wenn es einen lieben Gott gibt, dann hat er uns so ausgestattet, dass wir uns selber ruinieren. Wir leben im Krieg mit der Natur, ein jeder. 2006 wurde ich Präsident der Akademie der Künste in Berlin. In einem menschenleeren Gang brannte permanent das Licht. Ich habe neun Jahre lang darum gekämpft, dass man einen Bewegungsmelder anschafft, der das Licht ein- und ausschaltet.

Waren Sie erfolgreich?
Nein, aber ich bin neun Jahre lang spätabends noch einmal durchs ganze Gebäude gegangen, um Lampen auszumachen, die noch brannten. Wenn ich hier in Heidelberg nachts aus meinem Büro komme, sehe ich auf dem Nachhauseweg im Laden eines Energieversorgers Dutzende Lichter brennen. Dann denke ich, die müssten sich umbenennen in Energieverschwendungsladen.

1968 lernten Sie einen frühen Ökopropheten und Mitbegründer der Grünen kennen: Joseph Beuys.
Ich habe ihn auf der documenta in Kassel angesprochen und gefragt, ob er eine Postkarte für mich gestaltet. Ja, mach ich, sagte er. Er nahm eine Karte, die den Friedrichsplatz in Kassel zeigte, und drückte seinen Stempel »Deutsche Studentenpartei« drauf.

Wie kamen Sie darauf, Postkarten für politische Kunst zu nutzen?
In Heidelberg ist man umgeben von Ständern mit Kitschpostkarten, die das Schloss im glühenden Sonnenuntergang zeigen. Ich stellte es mir interessant vor, Künstler Alternativen finden zu lassen. Beuys war der Erste, der mitmachte. Er begriff sofort, dass Postkarten wegen ihrer großen Verbreitung ein ideales Transportmittel für Ideen sind.

Beuys war damals 47. Wie wirkte er auf Sie?
Es war klar, wir beide, das klappt. Er schenkte mir gleich eine wunderbare Zeichnung, die ich bis heute habe. Unsere Arbeitsfreundschaft hielt 18 Jahre lang. Ich habe mit keinem Menschen so viel gelacht wie mit ihm. Er konnte sich mit wunderbarer Ironie über Kunstfreunde lustig machen, die ratlos vor seinen Arbeiten standen und übel nahmen. Seine Ironie erlosch, wenn es um Politik ging. Er glaubte, am Ende werden alle Menschen seiner Meinung sein, dass man die Parteiendiktatur, wie er es nannte, durch die direkte Volksherrschaft ersetzen soll. Das war das Messianische an ihm und erklärt seine ungeheure Energie. Als er nach einem Herzinfarkt auf der Intensivstation lag, sagte er, ich will jetzt nicht mehr hundert Jahre alt werden, sondern 300.

Stimmt es, dass Beuys 1969 Ihre 250 000 Mark Schulden übernahm?
Nein, aber er gehörte zu den Künstlern, zu denen ich sagte, hört mal, ich bin pleite, könnt ihr mir helfen, indem ihr Objekte für mich macht, die ich dann als Editionen vertreibe? Alle sagten sofort Ja, von Beuys über Daniel Spoerri bis zu Dieter Roth und Sigmar Polke. Polkes Apparat, mit dem eine Kartoffel eine andere umkreisen kann, erschien in einer Auflage von dreißig Stück und sollte 290 Mark pro Exemplar kosten. Leider war das Objekt jahrelang ein Ladenhüter. 2009 wurde ein Exemplar bei Lempertz für 74 000 Euro ersteigert.

Warum geriet Ihre Beziehung zu Beuys Anfang der Achtzigerjahre in eine große Krise?
Es waren die Grünen, die uns entzweiten. Dieser Streit führte zu einer zweijährigen Sendepause, die mich quälte. Ich bin seit dem 1. April 1960 Mitglied der SPD und machte 1983 Wahlkampf für die sozialdemokratische »Aktion für mehr Demokratie«. Die Grünen hatten Beuys auf einen aussichtslosen Listenplatz verbannt. Ein paar Wochen nach der Wahl trafen wir uns auf einer Ausstellung in Köln. Als er mich sah, sagte er, mit dir will ich nichts mehr zu tun haben! Seine Jünger hatten ihm eingeredet, dass unsere Aktivitäten der SPD die Stimmen gebracht hätten, die er benötigt hätte, um für die Grünen in den Bundestag zu kommen. Ich war für ihn der schuldige Bösewicht. Meine Rettung war, dass ich sagte, Joseph, ich nehme deine Feindschaft nicht an. Was soll außerdem aus den Sachen werden, die in Arbeit sind? Die sollten wir noch fertig machen. Das war die Brücke. Anschließend machten wir mehr Editionen zusammen als je zuvor.

Beuys starb 1986 mit 64 Jahren nach einer Lungenentzündung an Herzversagen. Zuvor hatten seine Ärzte ein Raucherbein diagnostiziert. Wussten Sie um seinen Zustand?
Nein. Drei oder vier Tage vor seinem Tod war ich bei ihm. Da sagte er zum ersten Mal, weißt du eigentlich, wie krank ich bin? Er hat sich beim Thema Gesundheit immer amüsiert und dann Sachen gesagt wie: Ist doch schrecklich, wenn man an Bauchspeicheldrüsenkrebs stirbt, während alle anderen Organe noch gesund sind – zum Schluss muss alles kaputt sein!

Posthum kam heraus, dass Beuys ein Lügenbaron war. Seine Behauptung, er sei nach dem Absturz seines Kampfflugzeuges auf der Krim im Winter 1944 von tatarischen Nomaden mit einer Fett-Filz-Wärmebehandlung ins Leben zurückgeholt worden, war ebenso erfunden wie die Silberplatte in seinem Kopf. Wussten Sie, dass Beuys ein Mythomane war?
Als Freund war man befangen und blendete manches aus, das gebe ich gern zu. Ich kannte seine Schwächen und wusste, dass er sich in der Öffentlichkeit gelegentlich stilisiert. Ich habe das immer als nicht ganz ernstzunehmend abgetan. Seine Tatarenlegende ist doch eine schöne Geschichte, und mit Hut sah er einfach fotogener aus.

Beuys fuhr die letzten zwanzig Jahre seines Lebens einen Bentley S1. Sollte ein Ökoprophet eine abgasintensive Limousine fahren?
Vom Bentley wussten die wenigsten Grünen. Sie profitierten von seinem fantastischen Gespür für Aufmerksamkeit. Wo Beuys war, waren die Medien, zu Recht. Wer fährt denn in einem Einbaum vom einen Rheinufer zum anderen? Mein Vater hätte gesagt, warum nimmt der nicht die Brücke nebenan?

Beuys hatte enge Kontakte zu Alt-Nazis, propagierte völkische Ideale und meinte, der im Kapitalismus grassierende Materialismus sei verheerender als der Nationalsozialismus, weil er Seelen zerstöre. Einmal verstieg er sich zu dem Satz: »Diese Gesellschaft ist letztlich noch schlimmer als das Dritte Reich. Hitler hat nur die Körper in die Öfen geschmissen.«
Diese Aussage kenne ich nicht. Sonst hätte ich ihn ganz sicher darauf angesprochen. Er war vieles, aber kein Nazi, auch wenn manche ihn posthum dazu machen wollen. Ihm das zu unterstellen halte ich für infam. Der Künstler Beuys hat für mich ohnehin alles andere überstrahlt.

Heiner Müller hat einmal festgestellt: »Im Politischen sind Künstler Idioten.«
Das denke ich nun gar nicht. Da müsste ich mich ja selber für einen Idioten halten. Vielen Künstlern fehlen die Kenntnisse. Sie begreifen nicht, dass Politik in einer Demokratie eine hoch komplizierte Angelegenheit ist. Nur in Diktaturen herrschen jene berühmten klaren Verhältnisse, nach denen sich heute so viele sehnen. Jeder Künstler ist in seinem Atelier ein Diktator. Sein wichtigstes Ziel ist, die eigene Kunst durchzusetzen. Schon deshalb würde ich dringend davon abraten, eine Regierung aus Künstlern zu bilden.

Die Preise für die Arbeiten von Beuys sind inzwischen schwindelerregend. Hat er Sie reich gemacht?
Sagen wir so: Beuys ist heute meine Lebensversicherung. Ich bin mit mehr als 200 Editionen sein größter Verleger. Es gibt eine furchtbare Erinnerung: Für sein documenta-Projekt 7000 Eichen. Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung brauchte Beuys 3,5 Millionen Mark, aber die erhofften Spenden blieben aus. Bei einem Treffen mit einem Vorstand der Dresdner Bank hat er in meinem Beisein fast gebettelt: Wollen Sie nicht wenigstens einen Baum für 500 Mark spenden? Aber der Banker wollte nicht. Er hat dann eine Postkarte gekauft, die er sich von Beuys signieren ließ. Als Beuys gestorben war, rief dieser Banker sofort bei mir an: Er würde doch gern noch eine Grafik von Beuys haben, aber bitte zum alten Preis, er habe ihn ja gut gekannt. Da habe ich gedacht, nein, du Arschloch, du kriegst nichts!

Sie hatten vier Begegnungen mit Andy Warhol. 1967 kauften Sie für 6000 Mark seine Farbserigrafie Marilyn
Hängt heute über meinem Schreibtisch. Ist meine Schutzheilige. War nicht billig für die damalige Zeit.

Wäre es nicht politisch korrekter gewesen, Warhols Mao zu kaufen?
Mit dem Herrn habe ich nichts am Hut. Ich bin auch kein Achtundsechziger. Als kleinbürgerlicher Künstler und SPD-Mitglied war ich für die das Letzte. Ich wiederum wusste, dass die aufzuwiegelnden Massen eine umgeknickte Primel in ihrem Vorgarten ernster nehmen als das Atomkraftwerk um die Ecke oder die revolutionären Lehren des großen Vorsitzenden Mao Zedong. Es ist übrigens typisch für einen eher unpolitischen Künstler wie Warhol, Marilyn Monroe und Mao in eine Reihe zu stellen.

Mit welchem Künstler war die Zusammenarbeit am schwierigsten?
Sigmar Polke. Es war fast unmöglich, ihn zu erreichen. Ich bezweifle, dass er je seine Post geöffnet hat. In meinem Archiv habe ich etwa 150 Faxe, die ich ihm geschickt habe: Wann kann ich kommen? Brauche jetzt dringend Termin! Dass ich nur zwei oder drei Antwortfaxe bekommen habe, sagt einiges.

Zu Ihrer Kunstsammlung gehören Arbeiten von Wolf Vostell, Sigmar Polke, Jochen Gerz, A. R. Penck, Gerhard Richter, Günther Uecker, Hanne Darboven, Rosemarie Trockel und Neo Rauch. Sie sind Multimillionär, oder?
Weiß ich gar nicht. Habe ich mir nie Gedanken drüber gemacht.

Ihre Sammlung müsste einen hohen zweistelligen Millionen-betrag wert sein.
Nein. Das wäre auch furchtbar, weil meine Frau dann Unsummen an Erbschaftssteuer zahlen müsste. Sie vergessen, dass ich viel verkauft habe, zum Beispiel in den neun Jahren als Akademiepräsident. Das war ein energiefressender Vollzeitjob ohne Gehalt. Es gab 150 Angestellte und einen Millionen-Jahreshaushalt, aber wenn ich hin und wieder ein Taxi benutzt hatte, sollte ich jedes Mal eine extra Begründung liefern. Der Verwaltungsdirektor schrieb dann zurück, gut, das kriegen wir hin, weil Sie so alt sind. Da ich kein Einkommen hatte, musste ich ein Kunstwerk nach dem anderen verkaufen, um meine Mitarbeiter in Heidelberg und die ganzen Lagerräume bezahlen zu können. Sammeln ist ja eine anerkannte Leidenschaft, aber bei mir müsste man von Anhäufen sprechen. Ich sammle auch jeden Aufkleber, den ich irgendwo sehe, und archiviere jeden Zeitungsausschnitt über Künstler, die ich verlege. Weil ich ein Exzessivsammler bin, miete ich eine Lagerstätte nach der anderen dazu. Mein Bruder sagt immer, ich möchte bloß nicht nach dir sterben, was wird denn dann aus alldem?

Ihre Antwort?
Ich habe einen Testament-Entwurf in meiner Tasche.

Sie tragen tagein, tagaus Ihr Testament mit sich herum?
Ja und? Ich habe auch …, wie heißt das?

Einen Organspenderausweis?
Nein, den habe ich nicht. Was wollen die denn mit einem Achtzigjährigen? Jetzt hab ich’s. Ich habe auch immer eine Patientenverfügung dabei.

Warum tragen Sie Ihr Testament bei sich?
Mein Schreibtisch ist voll mit unerledigten Sachen, aber das ist eine, die Vorrang hat. Weiß man denn, ob Alzheimer droht? Aber solange ich das Wort noch kenne, ist alles in Ordnung mit mir.

Sie sind Anfang der Siebzigerjahre angetreten, mit preisgünstigen Editionen in zweistelliger Auflage den Kunstmarkt zu demokratisieren. Dass Sie das zum Multimillionär gemacht hat, muss für den Ironiker in Ihnen ein Fest sein.
Jetzt wollen Sie mich schon wieder zum Multimillionär küren! Bei Beuys lief es genauso. Er wollte den Kunstmarkt durch Selbstorganisation und Selbstvermarktung unterlaufen und hat es genauso wenig geschafft wie ich. Der Markt ist stärker, das ist meine Grunderfahrung. Ich habe den Kapitalismus nie unterschätzt. Ich fürchte, er entspricht der Natur des Menschen am ehesten.

Hatten Sie neben Beuys einen zweiten Leitstern?
Ich bevorzuge das Wort Orientierungshelfer. Für mich waren das Oskar Negt und Heinrich Böll.

Böll lernten Sie 1972 auf einer Kunstmesse in Köln kennen.
Er wusste, dass ich von der CDU wegen meines Plakats »Die Reichen müssen noch reicher werden – deshalb CDU« gleich vier einstweilige Verfügungen bekommen hatte, Streitwert je 20 000 Mark. Er kam an unseren Messestand, und das Erste, was er sagte, war: Jong, dat is jut, was de machst. Brauchste Jeld? Aus dieser Begegnung wurde eine enge Freundschaft. Es war wie mit Beuys und der Postkarte.

Wie viel Geld gab Böll Ihnen?
Ich wollte kein Geld von ihm. Er hat mir Sicherheit gegeben mit seinem Angebot. Ich wusste, wenn es ernst wird, ist da einer. Ich mag das Wort Stolz nicht, aber man kann an mir schätzen, dass ich für die Verteidigung der Meinungs-freiheit extreme finanzielle Risiken eingegangen bin.

Böll sagte 1974 mit Blick auf das vergiftete kulturelle Klima in Deutschland: »Hier kann jeder mich ungestraft in irgendwelchen Scheißblättchen und sogar in Anstalten des öffentlichen Rechts im Volksgerichtshofton abkanzeln. Das ist die Situation, und Staeck ist im Augenblick das Opfer und ein recht wehrloses Opfer.« Wie bedroht waren Sie?
Die Scheiben meiner Galerie wurden immer mal wieder mit Ziegelsteinen eingeworfen. Vor Kurzem hat es einer mit einer Bierflasche versucht, aber er hatte Pech, ist inzwischen alles Panzerglas. Rollläden vor den Fenstern wollte ich nicht. Das sähe aus, als würde ich mich verbarrikadieren. Das Fenster, hinter dem ich sitze, habe ich in der wilden Zeit aber zumauern und verputzen lassen. Damals hörten die anonymen Drohungen gar nicht mehr auf. Im Archiv habe ich eine Kiste voll mit Hass- und Gewaltfantasien stehen.

Wann war die wilde Zeit?
Die Jahre um den »Bonner Bildersturm« vom 30. März 1976. Auf Einladung des SPD-Politikers Volker Hauff zeigte ich in der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft Arbeiten von mir. Leicht alkoholisierte Abgeordnete von CDU und CSU unter Führung des späteren Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger bildeten eine Art Rollkommando, rissen meine Plakate von den Wänden und trampelten darauf herum. Einer von ihnen schrie: »Nächstens lässt der seine Hose runter und zeigt seinen nackten Hintern und sagt, das wäre Kunst!« Die Ausstellung wurde noch am selben Abend geschlossen. Ein österreichisches Fernsehteam hat diesen Anschlag auf die Meinungsfreiheit dokumentiert. Franz Josef Strauß setzte noch einen drauf und beschimpfte meine Arbeit als »politische Pornografie«. Ich war tief erschrocken, dass so etwas unter zivilisierten Leuten möglich ist.

Haben Sie im Souterrain Ihrer Seele nicht auch triumphiert, weil Sie begriffen, dass es eine bessere Werbung für Ihre Sache gar nicht geben konnte?
Dass das die größte Public-Relations-Aktion meines Lebens war, ist mir erst später bewusst geworden. In den Tagen danach habe ich mehr als 500 Zeitungsartikel gezählt, von der New York Times bis zur Prawda. Es gab mehr als tausend Solidaritätsausstellungen. Den Bilderstürmern von der CDU schickte ich eine Rechnung über meine zerstörten Plakate. Als Jenninger die zehn Mark nicht bezahlte, zog ich vor Gericht. Per Versäumnisurteil und Vollstreckungsbefehl war er am Ende gezwungen, 153 Mark zu zahlen. Sie können so viele Plakate von mir abreißen, wie sie wollen, aber sie müssen sie bezahlen.

Dass deutsche Abgeordnete missliebige Plakate von den Wänden reißen, ist heute schwer vorstellbar. Ist das ein Indiz für die Wirkungslosigkeit politischer Kunst?
In Demokratien hat die Kunst ihren Stachel weitgehend verloren, aber Diktaturen ertragen nach wie vor keine noch so bescheidene Gegenwehr. Jeder Potentat fürchtet, dass ein Feuer zum Großbrand wird. Man muss nur in die Türkei schauen.

Erreicht politische Kunst nur jene, die von ihrer Botschaft bereits überzeugt sind?
Bernhard Schlink hat mal geschrieben, der Staeck predige nur den Gläubigen. Mein Einwand ist, dass ein Mensch erst einmal ein Glaubenserlebnis braucht, um zum Gläubigen zu werden. Wenn meine Arbeit dazu beiträgt, bestätigt mich das.

In Ihrer Heimatstadt Bitterfeld bekam die AfD bei der vergangenen Landtagswahl mehr als dreißig Prozent der Wählerstimmen. Könnten Sie der Partei mit einer Ausstellung eine einzige Stimme abjagen?
Wohl kaum. Mir geht es um die knapp siebzig Prozent, die nicht AfD gewählt haben. Auch die Überzeugten und Schwankenden brauchen gelegentlich Bestätigung, und wehe, sie bekommen sie von der falschen Seite. Ich bezeichne mich als Produzent von Demokratie-bedarf. Bilder sind allemal wirkmächtiger als alles, was wir beide hier reden.

Wie erholen Sie sich vom Lärm der Welt?
Wenn ich irgend kann, gehe ich in den Wald. Ich finde Ruhe, wenn ich einem krabbelnden Käfer zugucke und bewundere, was dieser kleine Haufen Materie so alles kann. Auch meine Postkartencollagen zu machen beruhigt mich. Es müssen inzwischen um die tausend sein.

1981 organisierten Sie mit Böll, Günter Grass, Peter Rühmkorf und Walter Jens die Kampagne »Wir arbeiten nicht für Springer-Zeitungen«. Von Mathias Döpfner über Kai Diekmann bis zu Tanit Koch haben Springer-Mitarbeiter Sie in den vergangenen Jahren eingeladen, für Bild zu schreiben oder der Zeitung ein Interview zu geben. Warum weigern Sie sich?
Weil mir die Begabung zum Opportunismus fehlt. Mit Günter Wallraff wollte ich mal eine linke Bild-Zeitung gründen. Wir kamen aber schnell zum Ergebnis, dass es nicht geht. Der Wesenskern von Bild ist, dass sie von der Niedertracht und der klammheimlichen Schadenfreude lebt, die in jedem von uns stecken, und linke Niedertracht ist um keinen Deut besser als rechte. Wer die Bild-Zeitung leitet, braucht ein Quantum Zynismus, egal was für ein Mensch man ist. Ich habe übrigens nie verstanden, warum Willy Brandt seine Memoiren in Bild vorabdrucken ließ. Niemand hat ihn und seine Ostpolitik so brutal bekämpft wie die Springer-Blätter.

Hielten Sie Ihren Moral predigenden Freund Günter Grass für einen niederträchtigen Opportunisten, als Sie 2006 erfuhren, dass er verschwiegen hatte, in der Waffen-SS gewesen zu sein?
Nein, da ist für mich keine Welt zusammengebrochen. Grass wäre nicht Grass geworden, hätten die Medien ihn von Anfang an als ehemaligen SS-Mann abstempeln können. Sein beispielhaftes Engagement lag wohl auch daran, dass er etwas, wie sagt man so schön: zu bewältigen hatte. Ich maße mir nicht an, über die Triebfeder eines Menschen zu Gericht zu sitzen. Hauptsache, einer tut das Richtige, nachdem er sich geirrt hat. Und das hat Grass im Übermaß getan.