Im Ockermilieu

Ein Familienunternehmen im Allgäu versorgt die Restauratoren des Louvre ebenso mit passenden Farbtönen wie weltbekannte Künstlerinnen und Künstler. Viele dieser Pigmente entstehen nach uralten Rezepten – und doch ist die Suche nach neuen Farben nie zu Ende.

Vater und Sohn bei der Rohstoffsuche: Georg und David Kremer im Steinbruch in Götzendorf bei Nürnberg.

Die Geschichte mit dem Ocker aus der Oberpfalz beginnt vor etwa zehn Jahren. Damals steht Georg Kremer im Stadtmuseum von Sulzbach-Rosenberg, in dem auch die jahrhundertealte Farbgeschichte der Region gezeigt wird. Das heißt vor allem: die Ocker-Geschichte. Aus der eisenoxidhaltigen Erde der Gegend wurden Lacke hergestellt oder Wandanstriche – bis heute sind viele der verputzten Häuser in einem Ockerton gehalten. Überhaupt ist Ocker eine der zentralen Farben der Menschheit, viele der ältesten Kunstwerke wurden in Ocker gemalt, etwa die viele

Ocker. Kremer lässt der Gedanke nicht mehr los.

Einige Jahre später sieht sein Sohn David beim Anflug auf den Flughafen München einige Farbtupfer in dieser Gegend, wo das Ocker zu finden sein müsste. Aber wo genau? Am Schreibtisch in Aichstetten im Allgäu, 300 Kilometer von Sulzbach-Rosenberg entfernt, versuchen es Vater und Sohn erst einmal mit Google. Da finden sie nichts. Danach ruft Georg Kremer eine Tiefbaufirma nach der anderen an und fragt, ob sie beim Baggern auf eine besondere gelbbraune

Deswegen sind sie nun hier, an diesem Montagmorgen im Steinbruch von Illschwang, Ortsteil Götzendorf, eine Dreiviertelstunde von Nürnberg entfernt. »Da liegt es!«, ruft Georg Kremer. Er und sein Sohn steigen aus ihrem Auto. Am Ende eines Förderbandes liegt ein Haufen Erde, halb gepresst, halb verkrümelt, in hellem Braun. Georg Kremer, 73 Jahre alt, nimmt etwas Erde zwischen die Finger, zerreibt sie und sieht zufrieden aus. David Kremer macht das Gleiche, spuckt in

»Und was wollen S’ jetzt damit machen?«, fragt der Steinbruchbesitzer. Markus Englhard, blaue Latzhose mit Firmenlogo, steht in einer Mischung aus Büro und Maschinenraum, von hier kann er mit einem Knopfdruck tonnenweise Gestein durch die Schüttung rauschen lassen. Englhards Laster fahren hier im Jahr 300 000 Tonnen Berg raus. In so einem System ist ein Auftrag von einigen Baggerschaufeln Erde nicht vorgesehen. Über das Geschäftliche wird man sich aber schnell einig. Zehn Euro

Eine Frage hat Englhard aber noch. Mit der Maus zoomt er auf seinem Computer bei Google Earth zu seinem Haus im Nachbarort Ammerthal. Auf dem Satellitenbild erkennt man ein Tipi. Sechs Meter Durchmesser, erzählt Englhard, im nahen Tschechien genäht, der Stammtisch passe hinein. Ob der Herr Kremer einen Tipp habe, in welcher Farbe er das Tipi anstreichen solle? Sicher, hat er, entgegnet Kremer, erzählt detailreich, welche Farben die Behausungen der indigenen Völker

Als er aus dem Büro tritt, lächelt Georg Kremer. »Ohne das Tipi hätte uns Herr Engl­hard gar nicht reingelassen«, sagt er. Farbe sei eben mehr als nur ein Wandanstrich oder ein Rohstoff für Künstler: »Farbe verbindet.«

Es ist nicht so, dass die Kremers noch keine Ocker-Pigmente im Sortiment hätten. Sie beziehen Ocker aus Marokko, Burgunder Ocker, andalusischen Ocker, französischen Ocker. Aber es geht darum, eigene Quellen aufzutun. Und Pigmente aus

Mit ihrer Firma für Farbpigmente beliefern die Kremers die Restauratoren des Louvre in Paris und des Prado in Madrid ebenso wie die Experten des Museum of Modern Art in New York oder des Getty

Zum Sortiment gehören rund 1500 Pigmente. Etwa 250 davon stellt die Firma laut den Kremers in Handarbeit her, teils nach jahrhundertealten Rezepten, dazu Lacke oder Öle. Manche Rohstoffe, Wurzeln, Pflanzen, Erde oder Steine sammeln

Die Welt der Farben ist im Umbruch. Viele Anbieter von Naturfarben mussten in den vergangenen Jahrzehnten schließen, und mit ihnen verschwanden manche Farben. Für viele lohnt sich das Geschäft nicht mehr, sie werden verdrängt

Für Georg Kremer öffnete sich die Welt der Farben vor mehr als 40 Jahren. 1975, der Chemiker Kremer forschte an der Uni Tübingen, meldete sich bei ihm ein befreundeter englischer Restaurator. Der wollte ein

Einige Jahre lang lief das Farbengeschäft noch neben der Arbeit als Chemiker, 1982 dann setzte Kremer alles auf die Pigmente – und baute ein Unternehmen von Weltruf auf. Etwa 100 verloren gegangene Farben hat

Wenn die Familie Kremer früher Urlaub machte, erzählt David Kremer, lag immer eine Schaufel im Kofferraum. Entdeckte sein Vater etwas Interessantes in der Landschaft, eine Farbe, einen Erdhaufen, einen offenen Steinbruch, dann war Pause,

Wer heute mit David und Georg Kremer durch Deutschland fährt, lernt viel über Berge und Böden, über Vulkane, Endmoränen, Spalten in Kalk, Waldbrände, die die Erde rot färben. Die Fahrt geht nun nach Gleißenberg,

Peter Lang will sehen, was die Kremers für eine Farbe im Kofferraum haben. Die fünf Tonnen brauchen lange zum Trocknen, aber bei einer kleinen Menge kann man nachhelfen. Peter Lang holt eine gusseiserne Pfanne

Das Ocker reibt Lang durch ein grobes Sieb, dann durch ein feineres. Georg Kremer mischt die Farben auf einer Marmorplatte an, hier ein Haufen mit Wasser, dort einer mit Leinöl, reibt mit dem Glasläufer

Über Farben sprechen die drei oft, die hier zusammenstehen, aber auch ihnen fällt es manchmal schwer. »Farben sind Orte. Man kann nur versuchen, sich über Adjektive wie hell oder matt diesem Ort zu nähern«,

Zu den Pigmenten der Kremers fand Peter Lang als junger Kunststudent Ende der Achtzigerjahre. Da ging er in den kleinen Laden der Kremers in der Münchner Innenstadt, kam mit einem vollen Rucksack wieder heraus

Langs Pigmente lagern in Metallschränken im Atelier. Neben der Veroneser Grünen Erde steht die Farbe, die David Kremer und Peter Lang zu Freunden gemacht hat. Als Lang mit 19 in Island einen Gletscher betrachtete,

Wer darf sich was aus dem Gestein nehmen? In Deutschland regelt es das Bundesberggesetz: Beim jeweiligen Bergamt kann man eine Erlaubnis für das Schürfen beantragen. In Island ist die Ausfuhr von Steinen komplizierter, auch

Nach der Übernachtung bei Peter Lang fahren die Kremers wieder zum Stammsitz ihrer Firma. 1984 zog die Familie in Aichstetten in eine marode Getreidemühle aus dem 17. Jahrhundert. Sie reinigten den zugewachsenen Bach, brachten

In einem Vorführraum stehen Hunderte Gläser mit Pigmenten in Metallregalen. Es ist ein Firmament der Farben. Es gebe Besucher, erzählt David Kremer und meint das ernst, die seien überwältigt, denen sei die Farbvielfalt zu

In der Bibliothek der Farbmühle lagert ein Teil der 5000 Bücher, die Georg Kremer in mehr als vier Jahrzehnten zusammengetragen hat. Bücher über Pigmente, Leime, Harze, Öle, Fasern, Papier. Wer weiß, ob die Kremers nicht im 1904er Jahresband der Zeitschrift für Farben & Textil-Chemie einmal einen wichtigen Hinweis auf ein Rezept finden werden?

»Die Qualität der Pigmente ist heute meistens viel besser als zu der Zeit der großen Meister«, sagt David Kremer. Die Verfahren seien ausgefeilter geworden, die Maschinen arbeiteten genauer, als die Meister das konnten. Aber

Ist das, was die Kremers machen, auch Kunst? Schwer zu sagen. Das Malen selbst habe ihn aber nie so recht gepackt, sagt David Kremer. Seinem Vater ging es ähnlich, obwohl dessen Bruder Künstler war.