Die letzten Dinge

Wen die Nazis ins Konzentrationslager brachten, dem wurde alles genommen, was er bei sich trug. Einige dieser Gegenstände sind erhalten geblieben. Die Nachkommen ihrer Besitzerinnen und Besitzer werden bis heute gesucht.

Aus dem Umschlag, der seine Häftlingsnummer trägt, gleitet eine Uhr, eine Taschenuhr. Sie ist Ende 1944 oder Anfang 1945 stehengeblieben, um kurz nach halb neun. In ihrem Inneren, verborgen im hinteren Staubdeckel, stecken sechs Fotografien, sorgfältig zugeschnitten, um auf so kleiner Fläche Platz zu finden. Ein Jüngling mit Hut. Ein alter Mann. Ein Baby. Wer waren diese Menschen, was bedeuteten sie ihm? Gegenüber, auf dem Boden des Gehäuses, eine Gravur: »Hamburg – Altona«, steht da, »1942 – 194 «. Er

Diese Taschenuhr ist der einzige Gegenstand, der von dem KZ-Häftling Wladimir Saplatynskij geblieben ist. Er trug sie bei sich, als ihn die Nazis in Hamburg festnahmen, wo er Zwangsarbeiter gewesen war. Der junge Mann Mitte zwanzig, geboren in Galizien, kam in das Konzentrationslager Neuengamme, Häftlingsnummer 71914. Mehr als sein Alter und seine Herkunft ist nicht bekannt. Allein seine Uhr ist übrig, ein Andenken an ihn und an den Terror der Nazis. Das Archiv, das dieses Andenken bewahrt, hofft darauf, Wladimir

Die Verbrechen des NS-Regimes hinterließen viele Spuren – in Menschen, an Orten, auf Papier. Manche dieser Beweise versuchte die SS noch zu zerstören, vor allem in den Vernichtungslagern in Osteuropa: Sie sprengte Gaskammern, schleifte Krematorien, tilgte Akten. Andere Beweise aber überdauerten. Die »Arolsen Archives« in Bad Arolsen, Nordhessen, hüten einen großen Teil davon. Rund dreißig Millionen Dokumente lagern in diesem Archiv, darunter Akten aus mehreren Konzentrationslagern, Unterlagen aus Ghettos und Gefängnissen und ein Exemplar der Liste Oskar Schindlers, auf der

Effekten ist ein altes Wort aus der Welt der Gefängnisse. Es bezeichnet den Besitz, der einem Häftling am Anfang seiner Haft abgenommen wird – die persönlichen Dinge, die er oder sie bei sich trägt. Auch das KZ-System kannte Effekten. In den Vernichtungslagern verschacherte die SS diese Gegenstände umgehend. In Konzentrationslagern wie Dachau oder Bergen-Belsen, in denen die Nazis einen Anschein von Rechtmäßigkeit vorzutäuschen versuchten, bewahrten sie Effekten bis zum Tod des Häftlings auf. Viele gingen in den Wirren des Kriegsendes

Es sind einzigartige Relikte. Einige Effekten zählen einen einzigen Gegenstand. Andere umfassen über ein Dutzend Dinge. Alle bergen sie einen Blick in die Vergangenheit in sich, wie Fossilien – in ihnen ist der Augenblick erstarrt, in dem ihr Träger damals ins Konzentrationslager kam. Manche Menschen hatten offensichtlich noch Zeit, einige Erinnerungsstücke zu greifen, bevor die Gestapo sie abtransportierte. Einen Satz Fotografien. Ein Amulett. Einen Brief. Manche Menschen scheinen aus ihrem Alltag gerissen worden zu sein, auf dem Weg zur Arbeit,

Einige hundert Effekten, deren Eigentümer oder Erben der Internationale Suchdienst in den Sechziger- und Siebzigerjahren ermitteln konnte, wurden rückerstattet. Die Möglichkeiten gezielter Nachforschungen galten danach als erschöpft. Erst durch das Internet eröffneten sich neue Wege der Suche. Alle verbliebenen Effekten wurden fotografiert, katalogisiert, auf der Webseite der Arolsen Archives ver­öffentlicht. In einigen Fällen entdeckten Familien ehemaliger KZ-Häftlinge ihren Namen, in anderen fanden freiwillige Helfer Angehörige. So erhielten die Söhne des niederländischen Widerstandskämpfers Peter Will nach mehr als siebzig Jahren einen Abschiedsbrief, den ihr Vater vor dem Abtransport ins KZ an sie geschrieben hatte, aber nicht mehr abschicken konnte. Die Tochter von Czesław Bilnik, die vier Jahre alt war, als die Nazis ihren Vater abholten, bekam seine Taschenuhr zurück, die Enkelin von Jean Vergne die Brieftasche ihres Großvaters, in der noch Fotos steckten. Alle verbliebenen Effekten aber – darunter die Auswahl an Gegenständen, die auf diesen Seiten zu sehen ist – warten weiter darauf, dass jemand sie oder den Namen ihrer Besitzer erkennt.