»Ohne uns können sie das Hamstern vergessen«

Plötzlich im Risikoberuf: Michelle Janßen räumt im Supermarkt Regale ein. Im Gespräch erzählt sie von aggressiven Kunden, dem verrücktesten Hamsterkauf und unzureichenden Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus.

Da waren die Hamster am Werk: Leere Supermarkt-Regale in München. 

Foto: privat

SZ-Magazin: Während sich viele Menschen im Home-Office vor dem Coronavirus schützen, schieben Sie Schichten in überfüllten Supermärkten. Wie geht es Ihnen bei der Arbeit?
Michelle Janßen: Um mich mache ich mir keine Sorgen, weil ich erst Mitte zwanzig bin, aber ich habe jeden Tag Angst, ältere Menschen und Risikogruppen anzustecken. Außerdem ist die Arbeit gerade einfach nur anstrengend. Das hat nicht nur mit den Hamsterkäufen zu tun, das eigentliche Problem liegt woanders: Unheimlich viele Leute regen sich auf, dass die Regale leer sind und lassen ihren Frust an uns aus.

Nach Ihrer heutigen Frühschicht haben Sie getwittert: »Habe in den letzten drei Wochen viel gesehen, aber heute war die Spitze.« Was ist passiert?
Ich habe ab sieben Uhr Regale eingeräumt, und wir hatten natürlich zu wenige Barilla-Nudeln für den großen Ansturm. Noch in dem Moment, als ich die Pasta ins Regal gestellt habe, war es schon fast wieder leer. Als ich Penne Rigate nachfüllen wollte, kam von hinten eine Frau und hat – anstatt den Mund aufzumachen – einfach mit dem Einkaufswagen gegen meine Hüfte gestoßen. Als ich mich umgedreht habe, kam sie zu mir, drängte mich zur Seite und nahm mir ohne ein Wort die Nudeln aus der Hand. Sie dachte, ich klaue ihr die Barilla weg.

Sind solche Kund*Innen die Ausnahme?
Schön wär’s. Allein heute haben mich noch drei Herren zwischen 60 und 70 respektlos behandelt. Ich habe die leeren Regale sauber gewischt. Einer kam zu mir, hat geguckt und sich dann lachend zu seinen Kollegen gedreht. Ich habe gefragt: »Kann ich Ihnen helfen?« Er meinte nur, ich solle mal lieber die Lebensmittel desinfizieren. Als ich entgegnete, das bringe nicht viel, sagte er: »Zu sonst sind Sie auch nichts nütze oder?«

Wie gut ist der Supermarkt gefüllt, in dem Sie arbeiten?
Wir kriegen etwa viermal pro Woche neue Ware. Aber zurzeit wissen wir immer erst spät, wie viel es an einem Tag einzuräumen gibt und wann die Sachen ankommen. Noch Montagfrüh ist dann unklar, ob die Arbeit am selben Tag um sieben, um zehn oder noch später beginnt, und ich bekomme ganz spontan eine Nachricht oder einen Anruf. Vorletzte Woche war Hamsterwoche, und die Ware kam erst um elf Uhr an. Bis dahin waren schon 2000 Leute im Laden, die Milch und Mehl wollten. Dann ging es richtig los.

Wer hamstert bei Ihnen?
Mein Eindruck ist, es gibt Hamstern unter verschiedensten Umständen. Die ärmeren Menschen tun das, weil sie eigentlich keine Vorräte zuhause haben, weil sie von Monat zu Monat leben. Die Kern-Hamsterer sind dagegen Leute um die 40, die wirklich viel und exzessiv Barilla-Nudeln kaufen. Ich kann mir gut vorstellen, wie irgendwann die Welt untergeht und die Menschen sich nur noch davon ernähren: Barilla ist die Ware der Apokalypse. Interessanterweise habe ich noch nie die Älteren hamstern sehen, die wirklich selten raus sollten. Im Gegenteil: Die älteren Frauen kommen am Ende zu uns, weil sie kein Mehl mehr zum Kochen und Backen finden.

Welches Produkt ist am begehrtesten?
Es sind tatsächlich die Barilla-Nudeln. Uns kommt das vor wie ein Running Gag: Seit Monaten meiden die Leute chinesisches Essen. Uns wurde sogar schon gesagt, dass wir den China-Kram aus den Regalen nehmen sollen, die Chinesen würden ja den Corona-Virus zu uns bringen. Aber dann kaufen die Leute Nudeln, die frisch aus Italien kommen. Das ist nicht nur inkonsequent, darin manifestiert sich auch der Rassismus unserer Kund*Innen.

Und das Klopapier?
Klopapier wird natürlich auch sofort weggekauft, genauso wie Servietten, Küchenrollen und Taschentücher. Wir hatten schon Leute, die morgens als erstes gefragt haben, ob sie mit ins Lager dürfen, damit ihnen ja niemand das Klopapier wegnimmt. Ansonsten sind sie eigentlich friedlich, der Streit um die Nudeln ist lustigerweise viel schlimmer.

Was war der verrückteste Hamsterkauf, den Sie beobachtet haben?
Vor zwei Wochen kam eine Frau in den Gang mit Nudeln, Reis und Linsen. Sie fing an, Barilla mit ihren Armen in den Einkaufswagen zu schieben. Meine Kollegen und ich haben uns nur angeguckt und gelacht – aber jetzt kommt der Plottwist: Die Frau ging weg, nur um einen zweiten Einkaufswagen anzuschieben und das gleiche mit dem Reis auf der anderen Seite zu machen. Ich dachte nur, die wird noch echte Probleme kriegen bei der Ernährung: kein bisschen Gemüse.

Wie schützen Sie sich bei der Arbeit?
Ich versuche Abstand zu halten, wasche mir einmal die Stunde die Hände, halte die Regale sauber, arbeite so schnell wie möglich. Wir haben immer reichlich Desinfektionsmittel zur Verfügung, auch die Kolleg*Innen an der Kasse nutzen es ständig. Aber wirklich schützen können wir uns nicht. Allein heute habe ich ganz häufig erlebt: Selbst wenn man links und recht aus einem Gang rauskommt, nehmen die Leute lieber meinen Eingang und gehen ganz nah an mir vorbei.

Was sollten die Kund*Innen unbedingt anders machen?
Uns arbeiten lassen. Nicht meckern, nicht die ganze Zeit im Weg rumstehen und nicht den Einkaufswagen in die Gänge stellen, in denen wir Paletten und schwere Sachen hin und her tragen müssen.

Sie und Ihre Kolleg*Innen bekommen nur Mindestlohn gezahlt. Wie viele Überstunden machen Sie?
Ich bin nur im Nebenjob Regaleinräumerin und will mich weder über den Lohn noch über die Arbeit beschweren. Seit drei Wochen arbeite ich viel häufiger als sonst, die Stunden für diesen Monat habe ich längst zusammen. Auch wenn der Job sehr anstrengend ist, mache ich das in der aktuellen Situation gerne. Für die anderen Mitarbeiter*Innen ist die schlechte Entlohnung allerdings scheiße.

»Und dann kommen echt Leute und sagen: ›Ja aber du hast dir das doch ausgesucht‹«, twittern Sie.
Das sagen sehr viele, vor allem ältere. Und unter meinem Tweet sammeln sich Kommentare wie: »Hättest du halt was Gescheites gelernt.« Oder: »Wenn man Literatur studiert, ist das also die Aussicht...« Die Sache ist ja, dass nicht jede*r sich so wie ich den Job ausgesucht hat und nebenbei studiert. Viele sind darauf angewiesen und haben keinen Zugang zu anderen Berufen. Einige Kolleg*Innen aus dem Einzelhandel haben außerdem gerade Schwierigkeiten ihre Kinder zu betreuen. Die Menschen kapieren nicht, wie wichtig dieser Job ist, und dass ihn nun mal jemand machen muss. Sie behandeln diejenigen schlecht, auf die sie angewiesen sind.

Gibt es auch dankbare Menschen?
Ich bekomme gerade lauter Nachrichten von Leuten, denen mein Tweet in ihre Timeline gespielt wurde. Da gab es ganz viel Solidarität. Besonders schön finde ich, wenn sie realisieren, welche Arbeit wir eigentlich leisten. Gerade diese gering bezahlten Jobs sind so wichtig für unsere Gesellschaft. In Geld werden sie ja kaum entlohnt, obwohl sie das System am Laufen halten. Das sieht man gerade jetzt umso mehr: Ohne uns können die Leute das Hamstern vergessen.