Das Wunder in der Wurmtonne

Man kann auch ohne Garten einen kleinen Kompost­haufen pflegen. Die Sache ist bloß ein wenig ge­wöhnungsbedürftig. Denn der Kompost steht mitsamt Würmern in der ­Wohnung.

Dass sich Abfall im Haushalt mit der Zeit in etwas Neues verwandelt, ist üblicherweise nicht sehr willkommen – beim Wurmkompost schon.

Meine neuen Mitbewohner kamen mit der Post, sechs Tage vor Weihnachten. Ich machte mir Sorgen, dass sie den Transport nicht überlebt hatten. Es war kalt geworden in den Nächten zuvor, und ich wusste, dass sie Frost nicht gut verkraften.

Ich öffnete das Paket und grub meine Hand in eine Tüte voller Erde. Sie fühlte sich trocken an und rieselte durch meine Finger. Ich grub tiefer und stieß auf ein Knäuel. Das Knäuel zuckte. Da waren sie, dunkelrot, geringelt und etwas glitschig. Zu viele, als dass ich sie hätte zählen können, Hunderte. Ich spürte Erleichterung. Den Kompostwürmern der Gattung Eisenia foetida ging es gut.

Ihr neues Zuhause war in einem weiteren Paket gekommen, drei Ringe aus Ton, eine Bodenplatte und ein Deckel. Ich steckte sie zu einer Art Tonne zusammen, ließ die Würmer einziehen und begann sofort mit der Fütterung. In der Anleitung stand,

Ich bezeichne mich als ökologisch bewussten Menschen. Ich kaufe Ökostrom, fahre viel Fahrrad und ich verreise meistens mit der Bahn. Im Supermarkt verzichte ich auf unnötig verpackte Produkte und bringe zum Einkauf manchmal eigene Tupperdosen mit. Oft aber, zwischen Zahnbürsten

Die Idee des Wurmkomposts ist nicht neu. Schon in den Achtzigerjahren priesen Pioniere der Ökobewegung den Nutzen des Kompostwurms, einer Unterart des Regenwurms. Sie trafen sich zu Regenwurm-Kongressen, tauschten untereinander ihre selbst gezüchteten Wurmvölker aus und zimmerten ihnen Behausungen aus

Ich hatte die Wahl zwischen mehreren Modellen: Eine der Wurmkisten hatte vier Beine und erinnerte mich an einen Grill, eine andere war hölzern und gepolstert und ließ sich gleichzeitig als Hocker benutzen. Ich entschied mich für die Wurmtonne der Firma

Hinter WormUp stehen vier Schweizer. 2014 gewannen sie mit einem Prototyp aus Plastik einen Gründerpreis. Der Umweltingenieur Erich Fässler, einer der vier Gründer, erzählt mir, wie sie daraufhin nach einem passenden Material für den Kompost gesucht hätten. Fässler brachte sich

Wenn ich früher an meinen Biomüll dachte, plagte mich ein schlechtes Gewissen. Ich wohne in einer Wohngemeinschaft in Hamburg, dritter Stock eines Mietshauses. Wie alle anderen Häuser in meinem Viertel sind wir von der Pflicht befreit, eine Biotonne aufzustellen. Denn

Ein Sprecher der Hamburger Stadtreinigung erklärte mir, mein Biomüll werde zusammen mit den Joghurtbechern und Staubsaugerbeuteln verbrannt. Oder wie er sagte: energetisch verwertet. Eine Sortierung sei nicht möglich. Ökologisch gesehen ist das eine Misere. Würden die Bioabfälle getrennt gesammelt, könnte

Nachdem ich meinen Kompost in Betrieb genommen hatte, bekam ich endlich das Gefühl, das Richtige zu tun. Aber zugegeben, ich begann auch, mich merkwürdig zu verhalten. Wenn ich kochte, türmte ich meine Reste zu zwei Haufen auf. Auf einen Haufen

Kaffeesatz: Lieben die Würmer.
Tee: Zerlegen sie mitsamt Beutel.
Salat: Ja, aber nur ohne Sauce.
Senf und Fleischreste: Auf keinen Fall.

Leere Eierkartons und die Pappe von Klopapier-Rollen brachte ich nicht mehr zum Altpapier, sondern zerriss sie, weichte sie ein und warf

Meinen beiden menschlichen Mitbewohnern verheimlichte ich mein Experiment. Die Idee, dass in meinem Arbeitszimmer direkt neben der Küche eine Kolonie von

Komposthaufen haben einen mittelmäßigen Ruf. So sah auch ich das lange. Als ich ein Kind war, sammelten meine Eltern ihre Bioabfälle

Die schlimmsten Tage waren, wenn meine Mutter sagte: Heute graben wir den Kompost um. Dann nahmen wir eine Mistgabel und schaufelten

15 Jahre später kann ich sie verstehen. Fast jeden Morgen öffne ich den Deckel meiner Wurmtonne und bestaune das Wunder, das

Damit ein Apfelgehäuse zu Erde wird, müssen Millionen von Kleinstlebewesen auf eine geheimnisvolle Weise zusammenwirken. Wie die Musiker eines Orchesters setzen

Es beginnt mit den Pilzen, sie überziehen die Abfälle mit einem mikroskopisch feinen Geflecht. Sie knacken die Wände der Zellen und

Dann nehmen mehrzellige Organismen ihre Arbeit auf, lauter absonderliche Gestalten. Rädertierchen bewegen sich mit Klebefüßen fort und ergreifen ihre Beute, indem

Wenn die Masse vorverdaut ist, hat der Kompostwurm seinen Auftritt. Die Abfälle würden auch ohne ihn weiter verrotten, doch das Endprodukt

Als zahnloser Allesfresser saugt Eisenia foetida täglich etwa die Hälfte seines Körpergewichts ein: breiiges Zellmaterial, Huminstoffe, Erdreste, Bakterien und Pilze. Er vernichtet Krankheitskeime und die fauligen Gerüche mancher Stoffe, vor allem aber ist sein Darm eine höchst effiziente Maschine. Sie knetet und presst den Darminhalt so lange, bis er zu porösen Krümeln wird. Diese Kalk-Ton-Humus-Komplexe bilden Humus der Spitzenklasse, stabil und nicht zu sauer. Er ist das Gold des Gärtners.

Charles Darwin schrieb einst über die Großfamilie der Regenwürmer: »Es ist zweifelhaft, ob es noch andere Tiere gibt, die in der

Manchmal wollen nicht alle Tierchen in diesem Konzert brav mitspielen. Deshalb erlebe ich mit meinem Kompost einige Überraschungen. Letztens entdeckte ich

Kurz darauf fingen die Eier an zu laufen.

Ich schaute in der Anleitung nach und diagnostizierte einen akuten Befall von

Wenige Tage später fragte meine Mitbewohnerin, was das eigentlich für eine Tonne

Ein Wurmkompost ist nichts für jemanden, der seinen Müll in einen Eimer

Ich mache mir nichts vor: Durch meinen Wurmkompost werde ich kein besserer

Beim Kompostieren geht es mir nicht zuerst um die Klimabilanz. Ich erfreue

Meine Würmer arbeiten nun seit fünf Monaten. Vor Kurzem habe ich mit

Bald wird sich meine Erde auf dem Balkon beweisen müssen. Für diese

Es wird für alles gesorgt sein.