Das Ende und der Anfang 

Ein wunderschönes und ein furchtbares Ereignis im Leben unserer Autorin sind fast gleichzeitig passiert. Jetzt muss sie es schaffen, beides irgendwie voneinander zu trennen.

Dass ein geliebter Mensch kommt und ein anderer geht: Wie soll man das in Einklang bringen?

Es ist ein Montag, als meine Welt zusammenbricht. Um 9:38 Uhr wird mein Sohn geboren. Justus. Um 12:30 Uhr steht das Herz meiner Mutter still. Mit 57. Ohne Vorwarnung. Auf der Autobahn. Auf dem Weg zu mir.

Ich habe Angst. Schon mein Leben lang. Eine große, alles überlagernde Angst davor, einen Menschen zu verlieren. Ich ver­meide es, an Friedhöfen vorbeizugehen. Überspringe die Seiten mit den Todesanzeigen. Wenn ich als Journalistin über einen Schicksalsschlag berichten muss oder einen Betroffenen interviewe, habe

Als das Telefon klingelt, weiß ich, dass Mama sterben muss. Ich muss nicht abwarten, bis mein Mann abnimmt. Muss David nicht ansehen, während er zuhört. Muss nicht auf die Tränen warten, die sich in seinen Augen sammeln. Ich weiß es, weil es sein

Wie in Trance lege ich Justus in sein Krankenhausbettchen. Alles dreht sich. Auch mein Magen. Ich muss raus. Raus aus diesem Zimmer. Weg von David und dem, was er mir sagen wird. Jemand muss das stoppen! Ich laufe, renne, stolpere vorwärts über den

»Sie hat Angst um ihr Kind!«, ruft er den Schwes­tern zu. Er weiß nicht, was passiert ist. Ich kann nichts erklären. Alles fühlt sich plötzlich taub an. Und schwer. Meine Beine tragen mich nicht mehr, ich sacke zusammen. Dumpf dringen Stimmen an mein

Nur Stunden ist es her, dass mich die Wehen auf den Boden des Kreißsaals drückten. Dass der Schmerz wie ein zentnerschweres Gewicht auf mir lag. Sich von den Oberschenkeln über das Steißbein den Rücken hinauf ausbreitete. Dass ich es nicht schaffte, mich zu

Hier sprechen Mama und ich zum letzten Mal miteinander. Im Kreißsaal. David gibt mir das Telefon, nachdem er verkündet hat, dass Justus zweieinhalb Wochen zu früh und in einem Sprint von 45 Minuten zur Welt gekommen ist. Was wir sagen, weiß ich nicht

Kurz darauf steigt Mama ins Auto. Von Kronberg nach Düsseldorf möchte sie, zu uns. 220 Kilometer, so schnell wie möglich. Papa fährt, Mama verschickt SMS: »Justus ist da!« Sie ist erleichtert: ein schöner Name! Unseren zweijährigen Sohn Nicolaus nennt sie nur »ihren Zwerg«,

Ungefähr die Hälfte der Strecke haben sie geschafft, als Mama das erste Foto von Justus bekommt. Sein Köpfchen auf meiner Brust, die Augen geschlossen, den kleinen Mund mit den vollen Lippen leicht geöffnet. Nasse hellblonde Härchen lugen aus dem hellgelben Frotteehandtuch, in das

Ein einziges Mal hat Papa mir erzählt, was damals passierte. Er hörte ein Gurgeln und spürte Mamas Kopf auf seine Schulter sacken. Während er spricht, sehen wir uns nicht an. Ich fixiere die weiße Wand, hinter der Justus und Nicolaus schlafen, Papa sieht

In diesen Stunden bin ich nicht bei ihr. Die Ärzte raten mir, auf der Entbindungsstation zu bleiben. Nach der Geburt sei ich zu schwach und psychisch zu labil. Damit kann ich meine Entscheidung, nicht zu ihr ins Krankenhaus zu fahren, rechtfertigen. Doch ich

Wir waren nie die Art Mutter und Tochter, die als beste Freundinnen durchs Leben gehen. Kaum ein Besuch zu Hause ohne Stress und Tränen. Meine Koffer waren meistens noch nicht ganz ausgepackt, da gab es schon den ersten Krach. »Du bist wie ein

Als ich Mutter wurde, rettete Mama mich jeden Tag ein bisschen. Reicht die dünne Mütze oder muss es Wolle sein? Warum hört Nicolaus nicht auf zu schreien? Wie kriege ich den Breifleck aus meinem Pulli? Mama wusste immer eine Lösung. Mama packte an.

»Oma?«. Zu sehen, wie Nicolaus suchend durch unsere Wohnung tapst, kann ich kaum ertragen. Vom Wohnzimmer ins Kinderzimmer, am Schaukelpferd vorbei zur grauen Bettcouch, auf der meine Eltern schlafen, wenn sie uns besuchen. Wie anders habe ich mir das Nachhausekommen mit Justus vorgestellt!

Justus ist gesund und nimmt kräftig zu. Ich sollte dankbar und glücklich sein. Wie die Mütter, die im Park an mir vorbeispazieren oder im Café am Nebentisch sitzen und stillen. Sie haben Augenringe, sind blass, erschöpft, ja, aber sie strahlen, wenn sie ihr

Ich stille und weine, gehe spazieren und weine, wiege Justus in den Schlaf und weine. Meine Tränen landen auf seinem Köpfchen. Laufen über sein Gesicht. Wie soll er jemals verarbeiten, in seinen ersten Wochen von einer Mutter umgeben zu sein, die nichts ausstrahlt

Es ist mehr als Schmerz. Mehr als Trauer. Meine Therapeutin sagt, ich leide unter einer schweren Anpassungsstörung. Ich reagiere anders, stärker als »die Norm«. Meine Psyche akzeptiert den Tod meiner Mutter nicht. Deshalb habe ich diese Panik­attacken. Diese Stunden, in denen ich nichts

»Heute bin ich eine Woche alt« – in krakeliger Kinderschrift steht es auf der hellblauen Karte, die viel größer ist als Justus’ Bauch, auf dem sie liegt. Vor seiner Geburt habe ich die Meilensteinkarten gekauft. 30 Stück, um alles Wichtige festzuhalten: »Mein erstes

Dass meine Mama einmal nicht mehr da sein könnte, war für mich nie eine Option. Sorgen machte ich mir um alle anderen, vor allem um meinen Vater. Er isst zu viel. Zu ungesund. Bewegt sich zu wenig. Ist elf Jahre älter als meine

Als ich Justus zum ersten Mal abgebe, ist er gerade elf Tage alt. Er schläft, die Fäustchen liegen entspannt neben seinem Kopf. Im viel zu großen Reisebett wirkt er noch kleiner und zerbrechlicher. Lisa wird in den kommenden Stunden auf ihn aufpassen.

Ich habe sie erst einmal flüchtig gesehen, eine Freundin meiner Tante. Niemals hätte ich Nicolaus so früh jemand anderem anvertraut. Schon gar nicht einer Frau, die ich überhaupt nicht kenne. Dass sie einmal zu den Menschen gehören wird, die uns am nächsten sind,

Ich lasse Justus mit ihr allein, um Abschied zu nehmen. In der Kirche, auf Mamas Trauerfeier. Zum ersten Mal ist er nicht in meiner Nähe. Ich kann nicht jederzeit sehen, ob es ihm gut geht, ob er gleichmäßig atmet, ob ihm etwas fehlt.

Mehr als 500 Menschen sind gekommen. Mehr, als in unserer Kirche Platz finden. Ich schaffe es nicht, in ihre Gesichter zu sehen. Ihre Tränen zu sehen, ihre Trauer, ihren Schock. Ich ­fixiere den grauen Steinboden, klammere mich an den Arm meines Mannes und

Morgens gibt es diese kostbaren Sekunden, zwischen Schlafen und Wachen, bevor mein Bewusstsein in der Realität angekommen ist. Diese Wimpernschläge, in denen meine Welt wieder heil ist. So gnädig dieses kurze Vergessen sein kann, so grausam ist der Moment des Erinnerns. Mama ist

Bis ich es schaffe, Nicolaus meine Tränen zu erklären, ver­gehen Monate. Ihm zu sagen, dass seine Oma uns nicht mehr besuchen kann, weil sie jetzt im Himmel wohnt. Anfangs bin ich schon aufgelöst, wenn in seiner Nähe nur ihr Name fällt. Am schlimmsten

Dass er irgendwann vergessen wird, kann ich nicht ver­hindern, aber ich muss versuchen, irgendwie ein lebendiges Bild von der Oma aufrechtzuerhalten, die ihn so sehr geliebt hat. Und für Justus eines von der Oma, die ihm – sicher nicht willentlich – ihren großen

Die nächsten Wochen sehe ich, dass der Himmel blau ist und dass die Sonne scheint, dass die Kinder mit bunten Förmchen im Sand spielen und staunend vor großen gelben Baggern stehen. Doch für mich ist alles von einem dunklen Schleier überzogen. Ich lebe

Die nächsten Wochen sind laut. Weil ich die Stille nicht ertrage – sie lässt mir Raum zu denken. Deshalb lade ich Dutzende Hörbücher herunter, schließe ein Netflix-Abo ab. Irgend­etwas läuft immer, beschallt mich rund um die Uhr. Beschallt aber auch Justus. Schade ich ihm damit? Wird er später nervös sein, unruhig, sprunghaft? Weil ich ihm jetzt nicht die ruhige, entspannte Umgebung bieten kann, die ein Säugling braucht? Weil ich Modern Family brauche, Suits und The Good Wife? Die Serien helfen mir abzuschalten. Lassen mich am Leben anderer teilhaben, weil ich mein eigenes im Moment nicht ertrage.

Und die nächsten Wochen sind einsam. Weil ich es so will. Weil ich nur ganz wenige an mich heranlasse. Weil es mir schwerfällt, über Mama zu sprechen. Und weil ich mich schäme. Nicht für meine verweinten Augen. Nicht dafür, dass ich im Auto

Als Nicolaus so klein war wie Justus jetzt, war ich ständig unterwegs. Ich suchte feste Termine, um meinen Tagen eine Struktur zu geben, um auch mal anderes zu tragen als Jogginghosen. Ich suchte Unterhaltung für mich und für Nicolaus: Krabbelgruppe, Babyorchester, Babycafé. Justus

Wenn ich allein bin, kommt die Panik. Geht es Nicolaus gut? Ist David sicher im Büro angekommen? Warum erreiche ich Papa nicht? Wieder und wieder rufe ich ihn an. Geht er nicht ran, bekomme ich keine Luft. Immer häufiger habe ich diese Attacken.

Es gibt keinen Schlüsselmoment. Ich kann nicht sagen, seit wann es neben den dunklen auch wieder helle Tage gibt. Ob es vor allem die Therapie ist, die mir hilft. Wie wichtig die lachsfarbenen Tabletten sind, die ich jeden Morgen nehme. Oder wie groß

Ich sitze im Schrank meiner Mutter. Ein begehbarer Kleiderschrank, ihr ganzer Stolz. Als kleines Kind versteckte ich mich hier, wenn ich Angst hatte oder Sorgen. Hier fühlte ich mich sicher. Für mich ist es der Ort, an dem ich mich meiner Mama am

Justus’ ersten Geburtstag feiern wir im kleinen Kreis, aber mit allem, was dazugehört: Ballons, Luftschlangen, Kuchen, Wunderkerzen. Seit zwei Wochen kann Justus laufen und stolpert aufgedreht durch die Wohnung. Nicolaus hilft ihm, das Geschenkpapier aufzureißen, und unterstützt seinen Bruder beim Muffin-Essen. Dieser Tag

Mama war glücklich, als sie starb. Sie freute sich darauf, ihren Enkel kennenzulernen, ahnte nichts, spürte es wohl kaum. Ist es egoistisch, dass ich hierin keinen Trost finde? Wir bekamen keine zweite Chance. Konnten uns nicht darauf vorbereiten, uns nicht verabschieden. Ihr nicht

Mein Leben ist heute ein anderes. Es hat seine Leichtigkeit verloren. Es gibt wieder glückliche Momente, ja, doch sie sind immer auch wehmütig, tun immer auch ein bisschen weh. Der Schmerz lebt jetzt mit mir, er hat seinen Platz irgendwo zwischen Bauch und

Mein Vater ist in eine kleinere Wohnung im selben Haus gezogen, der begehbare Kleiderschrank meiner Mutter musste ausgeräumt werden. Mein Rückzugsort ist weg. Mamas Geruch auch.

»Auf wen bist du traurig?«, fragt mich Nicolaus manchmal, wenn ich weine. »Bist du auf die Oma