Wandmänner

Die Teilung Deutschlands hat auch dazu ­geführt, dass sich in der BRD und der DDR völlig verschiedene Männerrollen ­ent­wickelten – sagt unser Autor, Kind des Ostens. Ein Essay über verpönte Raufereien, die Freiheit des Dilettantentums und das große Als-ob.

Früher auf heute: Die Künstlerin Diane Meyer hat ab 2012 Fotos von Orten entlang dem früheren Verlauf der Berliner Mauer gemacht – und die Mauer dann per Hand auf die Fotos gestickt.

Hinter unseren Gärten am Berliner Stadtrand wuchs ab Sommer 1961 eine kahle Wand, da war ich zehn. Schilder warnten davor, ihr näher zu kommen. Lebensgefahr. Da stand aber nicht, was sie uns zu sagen hatte, uns Nachkriegsbengels. Ich empfand sie als Zeichen einer Bestrafung. Wuchs ich in einem großen Erziehungsheim auf? Wofür wurden wir bestraft? Stand da ein ­Menetekel? Waren wir gewogen und zu leicht befunden? Wer denn wir?

Männer haben die Wand gebaut, vorwiegend Männer haben versucht, sie

Die Wand hieß in der Schule »Antifaschuwa«, was eine offenbare

Und hinter unseren Gärten stand diese Wand, ein Lügenständer aus

Antifaschuwa – das war dreist gelogen. Aber nicht nur. Die Wand gab vor, dem von außen drohenden Neu-Faschismus im anderen Deutschland zu wehren. Sie meinte aber uns Insassen: So hart abgesperrt werden sollten die deutschen Männer von denen, die sie eben noch gewesen waren, als sie sich in ganz Europa so entfesselt austoben konnten. Abgesperrt von sich selbst. Abgesperrt auch die Frauen von ihrer Bewunderung dafür. Als ich später die hingebungsvoll jubelnden Frauen in Leni Riefenstahls Triumph des Willens sah, fiel mir die vergleichsweise Harmlosigkeit der jubelnden DDR-Frauen auf. Ein Als-ob. Abgesperrt auch von den Genüssen, die der Westen schon wieder gewährte, von dem guten Kaffee und den guten Zigaretten, die mein Vater vor dem August 1961 mit dem Rad und einem kurzen Ausflug über die Grenze besorgen konnte, wenn Besuch kam. Abgesperrt von der Nahtlosigkeit, Bruchlosigkeit, mit der man da drüben glauben konnte, es gehe alles wieder seinen Gang wie vor dem »Untergang«. Bei uns wurde erst einmal gründlich untergegangen, gedarbt und verzichtet, womit nicht nur Konsumgüter, sondern auch Lebenschancen gemeint sind. Wir unterlagen nicht nur den Reparationsforderungen, sondern auch der Kultur jener sowjetischen Siegermacht. Meine Eltern waren in Westberlin groß geworden und lebten jetzt wenige Kilometer von ihren Elternhäusern entfernt in einem Randstück des sowjetischen Großreiches. Es hat lange gedauert, bis sie aufhörten, Westberliner zu sein, und etwas in ihnen anfing, ein DDR-Mensch zu werden. Solcherlei innere Absperrung betraf die Erwachsenen, dafür war die äußere ein Zeichen. Aber für uns Knäblein? Was wollte sie uns bedeuten?

»Wenn Mutti

Ostmänner hatten

Wenn ich

Helden sollten wir auch sein, aber andere, neue, jedenfalls keine Kriegshelden, sondern Helden des sozialistischen Aufbaus. Pawel Kortschagin war der Held unserer sowjetischen Schullektüre Wie der Stahl gehärtet wurde. Das klang nach Hitlers Forderung an »seine« Jugend, hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder und flink wie Windhunde zu sein. Vieles war der jüngsten Vergangenheit ähnlich, obschon man versuchte, es neu zu benennen. Wir Schüler durften auch zu »den Guten« gehören, denen, die nun statt des nationalen für den weltweiten Sozialismus kämpften, wenn wir nur fleißig lernten und turnten. Aber die Jungen Pioniere waren keine HJ. Hätten es auch nicht sein dürfen, weil sich unsere Eltern ja noch erinnerten an das, wovon man sich im antifaschistischen Staat so entschieden abgrenzen wollte. Wir Jungen wurden nicht zu bissigen Windhunden getrimmt. Wir sangen auch andere Lieder: »Kleine weiße Friedenstaube, fliege übers Land …« Und wenn wir sangen: »Auf, auf, zum Kampf, zum Kampf sind wir geboren …«, so war das politische Folklore. Im Fernsehen sieht man oft das Bild vom Spielzeugpanzer im Kindergarten als Symbol unserer soldatischen Erziehung. DDR-Leben war anders, als es in zensierten Dokumenten überliefert ist. Auch unsere Laxheit ist in den offiziellen Medien nicht überliefert, da waren wir Helden der Arbeit.

Nachdem deutsche

Mit dem

Ich wollte

Ich wusste

Wir anderen

Heldentum, Opfermut,

An unserer

Für uns

Mich hat

Meine Eltern

Die erste

Ich habe

Sie im

Wir hatten

Wir durften

Im Osten

»Wir haben die Morgenröte entrollt, um in der Dämmerung zu wohnen«, schreibt Volker Braun in seinem Stück Übergangsgesellschaft. Wer nicht nur von Stasi und Stacheldraht erzählen will, könnte von einem Halbschlaf durch Bevormundung erzählen, vom Dämmerlicht in unserem Wartesaal zweiter Klasse.

Dass man

Manche mussten

Unter Lebensgefahr

Die Wand

Mit der

Neulich war

Meine Söhne