»Bin ich authentisch oder fange ich an zu täuschen?«

Menschen neigen dazu, sich selbst und damit auch ihren Partnern etwas vorzumachen, sagt der Psychologe Wolfgang Hantel-Quitmann. Ein Gespräch über den Grundkonflikt menschlicher Beziehungen, die Angst nicht geliebt zu werden – und die Frage, wie man echte Intimität schafft.

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SZ-Magazin: Herr Hantel-Quitmann, spontan denkt man, Selbsttäuschung sei etwas, das man bei sich und anderen dringend bekämpfen sollte. Ist das so?
Wolfgang Hantel-Quitmann: Die Selbsttäuschung ist eine Form der Bereinigung von unangenehmen Gefühlen, sowohl in Bezug auf andere als auch auf sich selbst. Sie hilft dabei, ein besseres Bild von sich und anderen zu bekommen, weil die Wahrheit manchmal schwer zu ertragen ist. Und diese Realität wird in der Täuschung bearbeitet, so dass sie uns angenehmer erscheint.

Wir erhalten unser seelisches Gleichgewicht, indem wir uns selbst täuschen?
Ich würde gern die Entstehung von Selbsttäuschung deutlich machen. Am Anfang eines solchen Prozesses steht ein bedrohliches Ereignis, das kann von außen oder von innen kommen. Zum Beispiel Corona von außen, Eifersucht von innen. Um ein solches Ereignis zu bewältigen, mobilisieren wir Angst. Die Angst ist je nach Ereignis unterschiedlich stark. Das körperliche System wird in Alarmbereitschaft versetzt – alles steigt, Blutdruck, Adrenalin, Herzrhythmus, Muskeltonus. Wenn das Ereignis mit dieser Kraft, die wir Angst nennen, bewältigt wird, hat die Person aus dem Ereignis gelernt: Sie hat eine Bewältigungsstrategie entwickelt, war insofern erfolgreich und wird sich in der nächsten Situation ähnlich verhalten.

Bei Corona wäre eine Bewältigungsstrategie: Man schützt sich.
Man kann aber auch abstreiten, dass das Virus so gefährlich ist. Wenn wir ein Ereignis nicht bewältigen können, bleibt die Angst bestehen, und wir müssen sie loswerden, um uns von diesem Erregungszustand zu befreien, in dem wir es nicht lange aushalten können. Es treten Angstabwehrmechanismen in Kraft: Verleugnung, Verdrängung, Rationalisierung, Intellektualisierung oder Bagatellisierung, wie bei Corona.

Das bedeutet, wenn man keine Bewältigungsstrategie finden kann, kommt es zur Selbsttäuschung. Sie sprachen eben von Eifersucht. Wie ist es in der Liebe mit der Selbsttäuschung?
Ich habe mal ein Buch darüber geschrieben, wie Paare mit Gefühlen umgehen, mit Angst, Eifersucht, Wut, Rache oder Trauer. Es heißt Die Masken der Paare. Denn Täuschung ist ein Teil der condition humaine, sie dient der Selbststabilisierung, sie dient der Abwehr von Kränkung und Verletzung. Die wichtigen Fragen sind: Wie stark ist die Selbsttäuschung? Welche Motive hat man? Und wie weit ist man sich dessen bewusst? Wenn Donald Trump das Wahlergebnis leugnet, ist ihm unbewusst, dass er Angstabwehrmechanismen unterliegt, den meisten anderen ist das bewusst.

Angstabwehrmechanismen hätte ich mit Trump nicht als erstes in Verbindung gebracht.
Er ist aber ein gutes Beispiel dafür. Er ist der festen Überzeugung, dass er der beste Präsident ist, den die Vereinigten Staaten jemals hatten. Aus dieser Perspektive ist es für ihn unmöglich, dass er abgewählt wird. Also muss es Betrug gegeben haben.

Kommen wir auf die Liebe zurück. Fast jeder hat schon mal unglücklich geliebt. Man findet absurde Erklärungen für das abweisende Verhalten des anderen und überinterpretiert jede Nettigkeit. Wann wird das grenzwertig?
Grenzwertig wird es immer dann, wenn die Realität des anderen nicht mehr wahrgenommen werden kann, wenn eine eigene Realitätsprüfung versagt oder wenn an ihre Stelle eine neue Realität gesetzt wird. Schön wäre es, den Mut aufzubringen und ein offenes Gespräch über diese unterschiedlichen Signale zu führen. Sind es meine Beziehungswünsche oder ist es deine Ambivalenz?

Anderes Beispiel: Ein Partner wirft dem anderen vor, nicht genug für ihn da zu sein. Oder ein Freund dem anderen. Der erste Impuls ist, sich zu rechtfertigen. Ist das schon Selbsttäuschung?
Wenn Sie eigentlich sagen müssten, ich möchte gar nicht so viel Kontakt zu dir wie du zu mir, wäre es eine Selbsttäuschung, sich zu rechtfertigen. Mit so einem Satz riskieren Sie allerdings das Ende der Beziehung oder zumindest einen Konflikt, weil der andere sich gekränkt zurückzieht. Vorwürfe sind selten gut, Fragen an den anderen sind immer besser.

Ist es manchmal besser, nicht ganz ehrlich zu sein, um die Beziehung zu erhalten?
Ehrlichkeit und Wahrheit sind in menschlichen Beziehungen subjektiv. Wer ehrlich ist, konfrontiert den anderen mit der eigenen Wahrheit. Man kann dem anderen ehrlich die eigene Wahrheit sagen, aber möglichst nicht als Objektivierung, sondern als Selbstmitteilung: So sehe ich das, Liebling, wie siehst du das? Und Beziehungen sind immer schief. Es gibt Menschen, die sich grundsätzlich mehr Nähe oder grundsätzlich mehr Distanz wünschen, und es gibt Momente, in denen der eine Mensch sich mehr Nähe wünscht, und dann wieder Momente, in denen derselbe Mensch sich mehr Distanz wünscht. Dass es in der Paarbeziehung immer synchron läuft, meinen ja noch nicht mal die Hardcore-Romantiker. Aber wir bemühen uns ständig um Synchronizität in Beziehungen.

Weil wir Ungleichheit so schlecht aushalten?
Im Buch Die Othello-Falle zitiere ich eine Untersuchung: Was meinen Paare, wann und ob überhaupt der andere gern Sex hätte? Männer meinen, dass ihre Frauen weniger Lust auf Sex haben. Die Frauen haben aber angekreuzt, dass sie große Lust auf Sex haben. Jetzt ist die Frage: Täuschen sich die Männer über Frauen? Täuschen sich die Frauen über ihre eigenen sexuellen Appetenzen? Bekommen sie erst Lust, wenn sie danach gefragt werden? Da stecken mehrere Täuschungsaspekte drin, bis hin zur Frage, haben die Leute ehrlich geantwortet oder haben sie die Untersucher getäuscht? Man weiß ja manchmal selber nicht, wann täuscht man wen und wann täuscht man sich selbst? Und die ganz große Frage, die über allem steht, ist: Wäre es überhaupt auszuhalten, wenn wir alle genau wüssten, wann der oder die andere Lust auf Sex hat? Stellen Sie sich vor, es würde ein Schriftzug auf der Stirn des Partners oder der Partnerin aufleuchten, ich habe jetzt Lust auf Sex. Das machen noch nicht mal Roboter. Und wäre das eine bewusste Mitteilung oder eine unbewusste? Dann wäre ein unbewusster Wunsch für den einen eher ein Problem für ihn selbst als für den anderen. Selbsttäuschung ist die Täuschung des Menschen über seine eigenen, unbewussten Motive.

Also tut es der Liebe gut, nicht immer alles klar und deutlich zu wissen und zu formulieren?
Die vielen verschiedenen Ebenen sind wohl das Spannende zwischen Menschen. Manchmal glaubt man, man hat Lust, hat aber eigentlich keine, sondern möchte, dass der andere sich mehr bemüht oder kümmert. Das Leben in Beziehungen ist ein permanentes Bestreben herauszufinden, was man möchte und nicht möchte, was der andere möchte und nicht möchte. Das ist ein Reifungsprozess.

Wie passt die Selbsttäuschung zur Vorstellung, dass man sich in der Liebe so offenbart wie sonst nicht? Dass man nur in der Liebe die eigenen Abgründe zeigt, weil man sie dann überhaupt erst erfährt?
Der Konflikt liegt genau darin: Ich möchte so geliebt werden, wie ich bin, aber ich habe Angst davor, erkannt und darum nicht mehr geliebt zu werden. Den Prozess, sich mit all seinen Schwächen und Fehlern, in seinem Kleinsein, mit seinen Eifersuchtsgefühlen sukzessive gegenseitig zu öffnen, nennt man in Paarbeziehungen Intimität. Eine Intimität, die weit über sexuelle Intimität hinausgeht: Ich habe dich tiefer kennengelernt als viele andere und ich finde dich gut so und möchte weiter mit dir zusammen sein. Das ist dann eine Form von Liebe, die ähnlich ist wie die in der Eltern-Kind-Beziehung.

Die bedingungslose Liebe?
Wir akzeptieren ein Kind, weil es unser Kind ist, grundsätzlich und überhaupt. Wir lieben es dafür, dass es da ist. Keine Konditionen. Alles, was dann kommt, Anerkennung oder Liebe für Leistung, Schönheit, Intellekt, sind eigentlich einschränkende Attribute, mit denen die Partnerschaftsbörsen ihr Geschäft betreiben, weil sie das in Algorithmen gießen. Ist für mich alles Blödsinn. In der Liebe muss man ein grundsätzliches Lieben unterscheiden von einem konditionalen oder situativen Lieben.

Sie schreiben im Buch Die Othello-Falle, es sei in Beziehungen wichtig, sich selbst von außen zu betrachten und die anderen von innen. Aber kann man andere von innen betrachten, ohne das vor dem Hintergrund des eigenen Innen zu tun? Kann man andere also überhaupt von ihrem Innen betrachten?
Wir machen alles immer vor dem Hintergrund unseres eigenen Innen. Aber wir verfügen über eine Fähigkeit, die wir Mentalisieren nennen: Wenn Kinder vier oder viereinhalb Jahre alt sind, fangen sie an, diese Fähigkeit auszubilden, indem sie feststellen, dass andere Leute anders denken und fühlen als sie selbst. Das ist für Kinder ein erstaunlicher Vorgang, weil sie in ihrem kindlichen Egozentrismus davon ausgehen, dass alle Menschen so denken wie sie. Und sie machen dann den Versuch zu verstehen, warum ein anderer dieselbe Situation anders interpretiert. Warum wird jemand in einer Situation wütend statt traurig? Menschen haben ein Riesenspektrum an Reaktionsmöglichkeiten. Es gibt nicht die eine richtige Reaktion auf etwas.

Aber es gibt verständliche und unverständliche Reaktionen.
Da geht es um die Definition eines Normbereiches, der in der Psychopathologie eine zentrale Rolle spielt. Die Frage, was ist normal, was nicht mehr normal, wo sind Realitätsverluste oder sogar Realitätsverleugnung? Ist die Selbsttäuschung bedeutsamer als die Realität? Das ist meiner Meinung nach bei den Querdenkern der Fall. Sie verleugnen die Bedrohung, die es durch das Virus gibt, weil sie zu viel Angst auslöst. In der Folge verlassen sie die Realität, verleugnen die Fakten, tun so, als wäre das Virus ein Schnupfen, und benutzen ihre Verschwörungstheorien, um sich mit diesen eigenen Erklärungen wieder zu stabilisieren.

Dann wäre eine der wichtigsten Fragen zur Selbstüberprüfung: Ist meine Reaktion der Situation gerade angemessen?
Es geht nicht nur um die Selbstüberprüfung, sondern auch um die Gefühle des anderen. Die wichtigsten Fragen wären also erstens: Ist meine Reaktion angemessen für mich selbst? Bin ich authentisch oder fange ich an zu täuschen? Zweitens: Kann ich dem anderen meine Wahrheit zumuten, wenn ich mich in ihn hineinversetze? Ich mache in meinen Paartherapien immer wieder die Erfahrung, dass dieselbe Situation von den Partnern vollkommen unterschiedlich interpretiert wird. Besonders schlimm wird es, wenn einer dauernd sagt, dass das, was der Partner oder die Partnerin wahrnimmt, nicht stimmt. Als wäre die eigene Wahrnehmung objektiv und die der anderen Person subjektiv.

Was machen Sie dann?
Das regt mich fürchterlich auf, denn jede Wahrnehmung ist subjektiv. Weil die Informationsverarbeitung vor dem Hintergrund der eigenen biografischen Erfahrungen geschieht. Da wäre es gefragt, neugierig draufzuschauen. Interessiert. Liebend: »Ah, jetzt verstehe ich endlich, so hast du das wahrgenommen.«

In Ihrem Buch begründen Sie Othellos rasende Eifersucht mit seinen Minderwertigkeitskomplexen aufgrund seiner Herkunft und Hautfarbe. Ist der Hintergrund der eigenen biografischen Erfahrungen der Nährboden für die Selbsttäuschung?
Othello ist ein Schwarzer Mensch, hat sich in einigen Schlachten bewährt und sich hochgearbeitet. Desdemona ist aus adeligem Hause, eine schöne Frau, von der er eigentlich hätte nur träumen dürfen, so sieht er es. Sein Selbstwertgefühl war immer niedrig, und deshalb geht er davon aus, irgendwann wird er die Frau verlieren, denn sie wird merken, dass er ihrer nicht würdig ist. Er wartet nur darauf, dass ein anderer, besserer Mann sie ihm ausspannt. Deshalb bringt er sie um, weil er dem Intriganten glaubt, dass sie eine Liebesaffäre hat.

Demnach können die Herkunft und die Familie einen Menschen in seinen Beziehungen ein Leben lang behindern.
Ja. Ein Beispiel aus meiner Sicht ist Kafka. Sein dominanter und cholerischer Vater hat ihn herrisch behandelt. Die Mutter verstand sich eher als die Ehefrau des despotischen Mannes denn als die sorgende Mutter, sie hat ihn nicht beschützt, sondern ihm häufig wechselnde Kindermädchen zugemutet. Kafka war von permanenten Selbstzweifeln, Schuldgefühlen und Ängsten geplagt, was sich extrem destruktiv auf seine Beziehungen ausgewirkt hat. Erst als er keine Kraft mehr hatte, seine Selbstzweifel zu erhalten, konnte er eine letzte tiefe Liebesbeziehung haben. Allerdings war er da im Grunde schon pflegebedürftig.

Was könnte einen solchen Menschen retten?
Manchmal gibt es so etwas wie kompensatorische Beziehungen, jemanden außerhalb der Familie, der diesen Menschen sieht. Kafkas Freundschaften waren nicht so stark. Es gab keinen, der den kleinen Franz errettet hat.

Und Psychotherapie?
Klar. Aber Kafka hatte auch Angst vor der Psychoanalyse. Er hatte Angst, sich aufzulösen. Dass der Therapeut feststellt, diese ganze Person muss erneuert werden, weil sie nur aus Angst besteht.

Also je neurotischer ein Mensch, desto größer die Selbsttäuschung und desto schwieriger die Beziehung?
Das würde ich schon sagen. Neurotisch heißt ja genau, dass Menschen eher angstgesteuert sind und Schwierigkeiten mit der Realität haben. Je mehr Angst, desto weniger kann ich mit meinen unangenehmen Gefühlen umgehen, ich muss sie permanent abwehren. Es kommt noch ein Aspekt hinzu: Freud hat uns darauf hingewiesen, dass jede psychische Aktion mit Energie verbunden ist. Das heißt, neurotische Menschen binden einen Großteil ihrer Lebensenergie in diesen Abwehrvorgängen, so dass ihnen für ein glückliches, unbeschwertes Leben weniger Energie zur Verfügung steht. Ein neurotischer Mensch könnte demnach zu fünfzig Prozent mit seinen Neurosen beschäftigt sein und hätte nur fünfzig Prozent Restenergie, um sein gesamtes Leben zu bewerkstelligen. Wenn zwei zusammenkommen, die auf fünfzig Prozent laufen, wird es gefährlich. Denn man kann, selbst wenn man die eigenen Gefühle spürt und zulässt, nicht offen darüber sprechen, weil man fürchten muss, dass der andere damit ein Problem hat.

Ein ziemlicher Eiertanz.
So kann man das ausdrücken. Es muss unheimlich anstrengend sein, nicht nur seine eigenen Ängste zu kontrollieren, sondern auch noch die des Partners.

Ist ein romantisches Liebesideal auch neurotisch beziehungsweise eine Selbsttäuschung?
Kann schon sein. Da fällt mir immer Madame Bovary ein. Sie hatte die Erwartung, bei der Hochzeit teilt sich der Himmel, Geigen erklingen, der Prinz auf dem Schimmel und so weiter. Flaubert hat übrigens gesagt, Madame Bovary, c’est moi, er war also der Romantiker. Der Landarzt, den Madame Bovary heiratet, der bemüht ist, seiner Familie ein gutes Leben zu ermöglichen, kann nicht an ihre Vorstellung heranreichen. Madame Bovary ist nie erwachsen geworden. Erwachsen werden heißt, dass man in der Lage ist, Realität zur Kenntnis zu nehmen und diese beim eigenen Denken, beim eigenen Gefühl, bei den eigenen Handlungen zu berücksichtigen. Sie lebt in einer partiellen Realitätsverleugnung.

Also Achtung, wenn Menschen von sich sagen, sie seien die letzten Romantiker?
Romantik heißt ja nur, dem Alltäglichen einen Glanz zu verleihen. Ein bisschen Romantik muss man sich bewahren, wenn man in Langzeitbeziehungen leben möchte. Aber wie weit wird eine bestimmte Wirklichkeit uminterpretiert? Bekommt sie einen künstlichen Glanz? Wenn es so weit geht, dass substanzielle Teile der Wirklichkeit umgedichtet werden müssen, wird es bedenklich.