»Niemand muss sich für ihre oder seine Art zu lieben rechtfertigen«

Ein Coming-out kann eine schwere Belastung sein für Jugendliche, aber auch für ältere Menschen. Im Gespräch erklären eine Forscherin und eine Beraterin, wie Eltern und Freund*innen da helfen können – und wie sich unsere heteronormative Gesellschaft verändern sollte. 

Gefühle, egal für wen, sind natürlich etwas Schönes. Schwierig wird Homosexualität nur dann, wenn die Umwelt andere Erwartungen hat oder ständig davon ausgeht, man sei heterosexuell. Und das passiert auch heute noch oft.

Fotos: iStock/bojanstory

In Filmen und Serien wird ein Coming-out gern als großes Bekenntnis inszeniert, als einzelner Akt. Entspricht das der Realität?
Claudia Krell: Die wenigsten wachen morgens auf und sagen: Wow, ich bin lesbisch. Oder ich bin schwul, ich bin bisexuell. Deshalb unterscheiden wir zwischen dem inneren und dem äußeren Coming-out, und dieses innere Coming-out, also die Auseinandersetzung mit der eigenen sexuellen Orientierung, beginnt für viele mit einem relativ früh einsetzenden Gefühl des Andersseins: Ich erlebe mich anders, verhalte mich teils auch anders und bekomme durch meine Umwelt die Rückmeldung, dass ich anders wahrgenommen werde. Dieser innere Prozess dauert teils sehr lange und endet in vielen kleinen Akten, die gemeinhin als Coming-out beschrieben werden: also das erste Gespräch mit Eltern, Freund*innen, Arbeitskolleg*innen. Inwieweit jede Person das vollzieht, ist eine individuelle Frage. Letztlich ist es ein lebenslanger Prozess, weil eine Person, die nicht heterosexuell ist, sich in jeder neuen Lebenssituation überlegen muss, ob sie es öffentlich machen will oder nicht.

Das Coming-out hört nie auf?
Irmengard Niedl: In der Regel wird jede Person erstmal in der Heteronormativität eingeordnet, dann stehe ich als schwuler oder lesbischer Mensch vor der Wahl: Berichtige ich es oder belasse ich mein Gegenüber in dieser Annahme? Will ich als die Person wahrgenommen werden, die ich wirklich bin, oder ist es vielleicht sicherer, meine sexuelle Orientierung zu verschweigen?

Wann beginnt der Prozess des inneren Coming-outs?
Krell: Für unsere Studie haben wir 5000 Jugendliche und junge Erwachsene online befragt und mit 40 von ihnen persönliche Interviews geführt. Vielen von ihnen fiel die Altersangabe zu ihrem inneren Coming-out sehr schwer. In unserer Studie konnte ein Viertel der Befragten kein genaues Alter nennen, bei den übrigen verdichtet sich ein Knäuel zwischen elf und 16 Jahren. Knapp 16 Prozent sagten, sie wussten schon immer, dass sie nicht heterosexuell sind. Das Thema nimmt mit Eintritt in die Pubertät an Fahrt auf, wenn die erste Verliebtheit auftritt und es eben keine gegengeschlechtliche Person ist, sondern eine liebe Freundin oder ein lieber Freund.
Niedl: In unseren Beratungen erleben wir aber auch das sogenannte späte Coming-out. Es gibt viele Menschen, die bereits ein heteronormatives Leben aufgebaut haben und dann merken, irgendwas stimmt hier nicht, und sich auf den Weg machen.

In Ihrer Studie haben Sie auch die Gründe für das erste äußere Coming-out abgefragt. Am häufigsten genannt wurde das Bedürfnis, über die eigenen Gefühle zu sprechen und sich nicht mehr verstellen zu müssen. Dieses Sich-Verstellen ist sehr belastend, oder?
Krell: Der Prozess der inneren Gewahrwerdung ist für junge Menschen sehr anstrengend und dauert teilweise auch sehr lange – drei oder vier Jahre, in denen man mit diesen Gedanken umhergeht und sie oft mit niemandem teilen kann, das ist in einem jungen Leben eine Ewigkeit. Die Pubertät ist ohnehin eine vulnerable Zeit, dann kommt dieses Thema noch dazu. Sobald sie einen Begriff für ihr Empfinden gefunden haben, nimmt der Druck übrigens nochmal deutlich zu. Dann stellt sich die Frage: Mit wem kann ich das besprechen?

An wen wenden sich die Jugendlichen zuerst?
Krell: Bei unseren Jugendlichen war es in der Regel die beste Freund*in. Und dieses erste Coming-out hat Auswirkungen auf alle weiteren: Wenn ich das erste Mal Ablehnung erfahre, wird es im Folgenden nicht so gut laufen, wie wenn jemand sagt: Ich freu mich für dich, erzähl doch mal, in wen hast du dich verliebt? Es gibt auch junge Menschen, die sagen, sie können sich in bestimmten Lebensbereichen auf keinen Fall outen, etwa in sehr traditionellen oder religiösen Familien. Dann müssen sie in der Verstellung verharren – eine große Belastung.

Die Zahlen sind besorgniserregend: Die Suizidgefahr ist unter queeren Jugendlichen vier- bis sechsmal so hoch wie unter heterosexuellen Jugendlichen. Einige leiden unter Depressionen, Angstzuständen, Essstörungen.
Krell: Die Unsicherheit und das Unterdrücken der eigenen sexuellen Orientierung können sich in verschiedenen Erkrankungen niederschlagen. Und hier muss man deutlich unterscheiden: Die Jugendlichen werden nicht krank, weil sie lesbisch, schwul oder bisexuell sind. Sie werden krank, weil ihre Umwelt davon ausgeht oder von ihnen erwartet, heterosexuell zu sein, und sie diesen Erwartungen nicht entsprechen.

Woher wussten Ihre Befragten, ob sie schwul oder lesbisch sind?
Krell: In unseren Interviews haben einige gesagt: Ich kann nicht wissen, ob ich lesbisch bin, ich habe noch nie ein Mädchen geküsst – wie kann ich mir da sicher sein? Heterosexuelle Jugendliche stellen sich diese Frage gar nicht, die denken nicht, hey, ich habe noch nie einen Jungen geküsst, ich könnte ja schwul sein. Ich finde wichtig, die jungen Menschen darin zu bestärken, dass sie ihren Gefühlen vertrauen können.
Niedl: Das eigene Gefühl ist der rote Faden. Am Anfang einer Beratung höre ich immer mal wieder die Frage: Gibt’s einen Test? Den gibt es nicht, aber es gibt diese Gefühle, die innere Sehnsucht, das Sich-hingezogen-Fühlen zu jemandem. Auf die muss man sich verlassen und sagen: Das ist okay, ich bin okay, weil ich es so empfinde. Für junge Menschen kann es sehr schwierig sein, gegen den Strom der Heteronormativität auf sich zu vertrauen, deshalb ist es umso wichtiger, diese Informationen und Lebensmodelle schon früh zu transportieren, mit Bilderbüchern im Kindergarten, Materialien in der Schule, einer gewissen Offenheit im Sportverein, der sprachlichen Darstellung von Vielfalt in der Familie. Irgendwann gibt es dann den Moment des Erlebens, das erste Händchenhalten, einen Kuss, und dann stellt sich bei vielen ein Gefühl von »Wow, jetzt bin ich angekommen« ein – und mit einem Schlag ist das Leben viel bunter geworden.

Der Erstkontakt ist für viele junge Menschen die beste Freund*in, obwohl aus Ihrer Studie hervorgeht, dass die Jugendlichen am meisten Angst davor haben, durch ihr Coming-out Freund*innen zu verlieren. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz?
Krell: Die Befürchtungen der jungen Menschen im Vorfeld eines Coming-outs sind deutlich höher als die schlechten Reaktionen, die sie erfahren. Dass sie sich gerade vor der Ablehnung durch Freund*innen so fürchten, erkläre ich mir dadurch, dass die Familie in der Pubertät ein wenig in den Hintergrund tritt. Sie bleibt sehr wichtig, aber im Alltag zählt, wie man im Freundeskreis dasteht.
Niedl: Und wie groß die Gefahr ist, da rauszufliegen. Die Jugendlichen rechnen damit, als Schwule oder Lesben diskriminiert zu werden, weil sie auf dem Schulhof und in den Sozialen Medien permanent erleben, dass schwul und lesbisch als negative Begriffe verwendet werden. Daraus speist sich ihre Angst.

Die Angst, nach einem Coming-out zu der diskriminierten Gruppe zu gehören?
Niedl: Genau. Wenn ich dazu stehe, werde ich nicht mehr allein als schwul beschimpft, dann bin ich’s auch.

Wenn jemand kurz vor einem Coming-out steht, wie bestärken Sie die- oder denjenigen dann? Wovor warnen Sie?
Niedl: Zuerst besprechen wir, wen sie sich für das erste Coming-out aussuchen und wieso. Dann geht es um den inneren Zustand, aus dem heraus sie sich mitteilen. Sagen sie: Oh Gott, ich muss dir was sagen! – dann denkt das Gegenüber gleich: Um Gottes Willen, ist jemand schwer krank? Oder teilen sie sich aus dem Zustand der ersten Verliebtheit mit und sagen: Ich muss dir unbedingt was erzählen, ich habe mich in die Miriam aus meiner Klasse verknallt. Dann lautet die Botschaft: Ich möchte etwas Schönes mit dir teilen – und nicht, ich muss dir was Schlimmes sagen, bitte lieb mich trotzdem. Die dritte wichtige Frage ist: Haben sie einen Plan B? Es gibt Menschen, die blöd oder ablehnend reagieren, dann sollten sie wissen, mit wem sie diese negativen Erfahrungen besprechen können, etwa mit einer Außenstehenden wie mir als Beraterin. Niemand sollte nach so einer Erfahrung allein sein.
Krell: Meiner Meinung nach brauchen nicht die jungen Menschen einen Leitfaden fürs Coming-out, es bräuchte eher einen Leitfaden für die heteronormative Umwelt: Wie gehe ich damit um, wenn sich jemand outet? Wir sind noch nicht an diesem Punkt, aber eigentlich geht es doch um die Frage, wie man eine Gesellschaft so fit machen kann, dass ein Coming-out kein Drama mehr sein muss. Schließlich gibt es auch Jugendliche, die erzählen, dass sie einfach nebenbei mal erwähnt haben, dass sie nun eine Freundin haben und dass ihre Mama es sich eh schon gedacht hatte. In der Regel kennen Eltern ihr Kind ganz gut.

Ein kleiner Teil der Jugendlichen wird von anderen geoutet. Was macht man, wenn man die Kontrolle über die eigene Geschichte verloren hat?
Niedl: Das Wichtigste ist Selbstbewusstsein, im wahrsten Sinne des Wortes, das sich selbst bewusst sein. Es kann helfen, solche Angstperioden zu überstehen. Und meine Erfahrung aus der Beratung ist: Wenn man wieder in die Schule muss, wieder zum Fußballtraining, dann gilt: Je selbstverständlicher ich mit der Situation umgehe, desto selbstverständlicher tun das auch die anderen. Auch wenn ich nicht wollte, dass die anderen das über mich wissen, halte ich das jetzt aus und vertraue darauf, dass ich mehr bin als meine sexuelle Orientierung und dass es neben den zu erwartenden negativen auch positive oder neutrale Reaktionen geben wird. Ist das Selbstbewusstsein bereits angeschlagen, kann so ein Fremd-Outing allerdings zu einer inneren Katastrophe werden. Dann hilft es manchmal nur, seine Umgebung zu wechseln und in einem anderen Kontext hoffentlich eine neue Chance zu bekommen.

Auf der Website coming-out-day.de heißt es, die Gewissheit, schwul zu sein, sei heute noch mit dem gleichen Ausmaß von Unsicherheit und Furcht verbunden wie vor 30 Jahren. Stimmen Sie dem zu?  
Niedl: Vielleicht ist es mein Wunschdenken, aber ich finde schon, dass sich einiges bewegt hat. Natürlich gibt es ein Gefälle zwischen Stadt und Land, und auch die Kontexte sind wichtig: Wie ist zum Beispiel der religiöse, der kulturelle Hintergrund? Aber ich denke, die Gruppe von Jugendlichen, die ein relativ unproblematisches Coming-out haben, wächst. Wie es innerlich aussieht, ist eine andere Frage. Ich habe Frauen zwischen 20 und 30 in meiner Coming-out-Gruppe, die aus ihrem sozialen Umfeld überhaupt keine Nachteile befürchten, die aber von sich selbst sagen: Ich möchte das nicht, ich möchte nicht lesbisch sein. Diese verinnerlichte Homophobie ist ein hartnäckiger Zustand.
Krell: In den letzten Jahren und Jahrzehnten ist auf rechtlicher Basis viel passiert, was das Leben von LSBTQ-Personen besser gemacht hat. Die Situation in Deutschland ist nicht optimal, aber ein Signal wie die Eheöffnung wirkt in die Gesellschaft, schwule und lesbische Lebensmodelle bekommen eine größere Selbstverständlichkeit. Außerdem haben junge Menschen durch das Internet ganz andere Zugänge und bekommen so nicht nur dieses problemzentrierte Bild vom LSBTQ-Sein, sondern erleben über Serien und Filme auch sehr positive Vorbilder. Es wird nicht die Norm werden, aber darum geht es auch nicht. Es geht darum, dass sich niemand mehr für ihre oder seine Art zu lieben rechtfertigen muss.

Wie unterscheidet sich das Coming-out im Freundeskreis vom Coming-out in der Familie? Welche Kräfte walten in der Familie, die das Coming-out vielleicht schwieriger machen?
Niedl: Als Kind habe ich schon einige Jahre in der Familie verbracht, ich habe Normen, Bilder, Wünsche, Verhaltensweisen und Tabus intus und weiß, dass es sozusagen gefährlich ist, mit diesen zu brechen. Je enger die ethisch-moralischen Überzeugungen, desto schwieriger. Manche Eltern stehen dann vor der Entscheidung: Was ist mir wichtiger, die Liebe und Bindung zu meinem Kind oder meine religiösen oder moralischen Maßgaben? Oft gibt es dann Kompromisslösungen: dass Mama oder Papa es weiß, es aber nicht weitererzählt wird.
Krell: Man muss bedenken, dass die Jugendlichen hochgradig abhängig sind von ihren Eltern, emotional, finanziell, rechtlich. Deshalb ist die Sorge eines jungen Menschen nicht ganz unberechtigt, dass ihm seine Eltern nach dem Coming-out zum Beispiel den Besuch im LSBTQ-Jugendzentrum verbieten. Also machen sie es vielleicht lieber nicht. Und was man nicht vergessen darf: Die Jugendlichen gehen ohnehin davon aus, dass sie Diskriminierung erfahren werden, in der Gesellschaft, der Schule, in diesem Sinne unterscheiden sie sich nicht von anderen marginalisierten Gruppen. Was ihre Situation aber besonders macht, ist, dass sie auch zuhause Gefahr laufen, diskriminiert und stigmatisiert zu werden, weil sie und ihre Eltern keine Wirklichkeit teilen.

Was ist die wichtige Lektion für Eltern? Welche Fettnäpfchen sollten sie auf jeden Fall vermeiden, was auf keinen Fall sagen?
Krell: Ich glaube, dass es für Eltern schwierig ist, sich im ersten Moment unvoreingenommen zu freuen und zu sagen: Super, dass du dich in eine Frau verliebt hast, ich wünsche euch alles Gute! Auch Eltern haben ein Recht auf ihr inneres Coming-out, ihre Sorgen und Ängste, aber ich muss mein Kind so auffangen, dass ich sage: Ich unterstütze dich, so gut ich kann.
Niedl: Macht nix, das ist nur ’ne Phase – den Satz kann man gleich streichen. Extreme Reaktionen sind überhaupt zu vermeiden. Was gut funktioniert, ist, die eigene Sprache zu öffnen: die eigene Tochter eben nicht automatisch nach dem ersten Freund zu fragen, sondern auch im Vorhinein schon mal die Option einer Freundin einzuflechten und sich demgegenüber offen zu zeigen. Wenn Eltern homophobe Gedanken hegen, müssen sie sich damit auseinandersetzen und sich gegebenenfalls Unterstützung holen.
Krell: Will man sein Kind nicht direkt konfrontieren, kann man auch Anlässe aus dem Radio oder dem Fernsehen nehmen, um das Thema zu entpersonalisieren: »Die Eheöffnung ist schon drei Jahre her, was hältst du eigentlich davon?« So signalisiert man, dass man das Thema mitdenkt und offen ist für Gespräche. Wenn das Kind sich bereits geoutet hat und man weiß, dass es in bestimmten Kontexten nicht gut läuft, ist es wichtig, als Eltern Haltung zu zeigen und sich vor das Kind stellen. Die Jugendlichen haben in dieser Zeit oft genug Gräben, in denen sie kämpfen müssen.

Vier Prozent der Jugendlichen werden nach einem Coming-out von ihren Eltern rausgeworfen. Gibt es in Ihren Augen eine Chance, so ein Verhalten mit einer Entschuldigung wiedergutzumachen? Selbst wenn es schon Jahrzehnte zurückliegt?
Niedl: Ich bin der Meinung, Entschuldigungen lohnen sich immer. Egal, wie die Reaktion des Kindes auch ist, aber diese Information des Sich-Entschuldigens, auch einem erwachsenen Kind zu sagen: »Ich weiß, dass ich großen Mist gebaut habe damals, ich möchte dich um Verzeihung bitten« – das kann sehr heilsam sein.

Was macht man, wenn das eigene Kind in der Schule diskriminiert wird? Muss man als Elternteil aktiv werden?
Krell: Das würde ich davon abhängig machen, was mein Kind möchte. Gut ist immer, das Gespräch zu suchen, wenn das Kind das okay findet, und das Thema dann von der betroffenen Person selbst wegzuführen. Man sollte schauen,  ob es mithilfe der Vertrauenslehrkraft die Möglichkeit gibt, ein Schulaufklärungsprojekt einzuführen, statt sein Kind in die doofe Situation zu bringen, dass die Lehrkraft vorne steht und sagt: »Der Christian wird diskriminiert, weil er schwul ist.« Das wäre für das Kind sicherlich der Horror.

Welche Verantwortung hat die heteronormative Gesellschaft für die Coming-outs der anderen, was können alle tun, um diesen Prozess leichter zu machen?
Krell: Sensibel sein, offen sein, eine Haltung transportieren. Und wenn mir eine Frau erzählt, dass sie am Wochenende mit ihrer Lebensgefährtin wandern war, nicht als erstes nach der Lebenspartnerin fragen oder danach, wie das eigentlich ist, lesbisch zu sein, sondern nach der Wanderroute oder dem Wetter, so wie man es eine heterosexuelle Frau auch fragen würde. Ich verstehe die Neugier, aber LSBTQ-Personen sind nicht die Aufklärungsorgane der Nation.
Niedl: Mach auf! Öffne deinen Geist und dein Herz für all die anderen, hinterfrage deine Automatismen, prüfe deine Vorurteile, wirf mal für einen Tag alle Annahmen über Bord – und du wirst sehen, wie divers und vielfältig unsere Gesellschaft bereits ist und dass es auch in deiner Hand liegt, diese Vielfalt zu stärken und zu schützen. Das wünsche ich mir von Menschen, die sich wohlfühlen in ihrer Heteronormativität. Denn wer sich in der vermeintlich größten Gruppe bewegt, hat eine Definitionsmacht und kann diese auch für andere nutzen.

basierend auf dem Glossar der Studie »Coming-out, und dann?!«

LSBTQ
Die Abkürzung steht für lesbisch, schwul, bisexuell, trans und queer. Die Gemeinsamkeit von LSBTQ Personen kann darin gesehen werden, dass ihre sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität nicht dem heteronormativen Zwei-Geschlechter-System entspricht.

Sexuelle Orientierung
Die sexuelle Orientierung beschreibt die überdauernden, individuell unterschiedlichen Interessen eines Menschen bezogen auf das Geschlecht möglicher Partner*innen. Das „Sich-Hingezogen-Fühlen“ kann Aspekte von emotionaler, romantischer und/oder sexueller Anziehung umfassen.

Gleichgeschlechtliches Begehren
Bei gleichgeschlechtlich orientierten Menschen (Lesben und Schwulen) bezieht sich das emotionale und sexuelle Begehren auf Personen des gleichen Geschlechts. Der pathologisch konnotierte Begriff Homosexualität wird heute selten verwendet, da er zum einen den sexuellen Aspekt des Begehrens überbetont, zum anderen häufig ausschließlich mit schwulen Lebensweisen assoziiert ist und lesbische Frauen damit unsichtbar macht.

Heteronormativität
Heteronormativität beschreibt die Norm der Zwei-Geschlechter-Kategorien und des gegengeschlechtlichen Begehrens, die gesellschaftlich lange als naturgegeben angesehen wurde und immer noch oft unhinterfragt bleibt. Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt weicht von dieser Norm ab.