»Wer schweigt, wirkt so, als fühle er nichts«

Manchmal schmerzt es in Beziehungen am meisten, wenn der andere die Kommunikation einstellt, etwa im Streit. Die Paartherapeutin Anna Wilitzki erklärt, wie man ratloses Schweigen von manipulativem »Silent Treatment« unterscheidet – und was man dagegen tun kann.

Wer in Konflikten schweigt, löst beim Anderen oft große Verunsicherung und falsche Annahmen aus.

Foto: Andy Hughes / Kintzing / Connected Archives

SZ-Magazin: Warum empfinden viele Paare bei Streit Schweigen als lauter und belastender als Brüllen?
Anna Wilitzki: Bei einem Konflikt, in dem beide wütend und laut werden, sorgen Emotionen dafür, dass die Partner sich zeigen und fühlen. Das kann das Tor zu mehr Nähe öffnen. Selbst wenn ich sauer bin und meine Traurigkeit rauslasse, zeige ich dem anderen: »Du beschäftigst mich und ich will das mit uns«. Das signalisiert jemand, der bei Spannungen bevorzugt schweigt, äußerlich nicht. Es wirkt so, als fühle er nichts – und das kann meist schlimmer als ein verbales Gefecht sein. Deshalb halte ich es auch nicht für positiv, wenn manche Paare damit angeben, sich nach Jahren noch nie gestritten zu haben. Dann haben sie sich einander emotional nicht wirklich gezeigt.