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Eine junge Frau träumt davon, beim Sex gefesselt zu werden. Als ihr neuer Freund Seile hervorzieht, protestiert sie nicht, auch wenn er nicht nach ihrer Zustimmung gefragt hat. Sich ihm ausgeliefert zu fühlen, gefällt ihr. Aber sie fragt sich: Warum wollen wir sowas? Ist das nicht problematisch?
Ein älterer Herr ist leicht dement, er lebt in einem Pflegeheim. Nicht immer erkennt er seinen Mann, aber wenn dieser nicht da ist, fragt er oft nach ihm. Wenn die beiden Sex haben, zeigt er Lust. Als sein Mann ihn fragt, ob er sich sexy fühlt, bejaht er, und die beiden schlafen miteinander.
Diese Szenarien stammen aus dem neuen Buch der Philosophieprofessorin Quill Kukla. Sie will damit zeigen: Wenn wir überlegen, wann Sex in Ordnung ist, sei die wichtigste Frage nicht, ob jemand explizit »Ja« oder »Nein« gesagt hat. Entscheidend seien eher Faktoren wie Handlungsfähigkeit. Nur, was heißt das eigentlich? Das SZ-Magazin hat Kukla in Düsseldorf zum Gespräch getroffen.
SZ-Magazin: In Ihrem Buch zitieren Sie Thomas MacAulay Millar: »Wir leben in einer Kultur, in der Sex weniger eine Handlung als vielmehr eine Sache ist (…) und Angebot und Nachfrage unterliegt. In diesem ›Warenmodell‹ ist Sex wie eine Eintrittskarte. Frauen sind die Hüterinnen der Eintrittskarten; Männer beantragen Zugang zu ihnen.« Sie kritisieren diese Sicht auf Sex. Warum?
Quill Kukla: Zum einen bildet das nicht ab, dass Sex eine gemeinsame Aktivität ist. Und zum anderen ist das eine sehr freudlose Sicht auf Sex: Das Beste, worauf wir hoffen dürfen, ist, dass wir Gewalt abwenden können. Das ist wichtig, aber der alleinige Fokus darauf verhindert, dass wir überlegen, was vergnüglichen, lustvollen Sex ausmacht! Dennoch prägt das Warenmodell, wie wir über Sex sprechen, und zwar auf beiden Seiten des politischen Spektrums. Die konservative Version ist: Sex ist die Ware einer Frau, die sie bewahren sollte, während der Mann sich Sex beschaffen sollte. Die linke Version unterscheidet sich nur darin, dass sie keine Enthaltsamkeit predigt: Die Idee ist immer noch, dass Männer darauf aus sind, Frauen Sex abzunötigen, und Frauen sie abwehren müssen.
Sie beanstanden außerdem, dass diesem Denken zufolge nur weibliche Körper begehrenswert sind, männliche dagegen eine Zumutung.
Über Männerkörper Witze zu machen oder sie als gefährlich darzustellen, gilt als akzeptabel. Wir sprechen zu wenig darüber, was es mit Männern macht, mit dieser Sicht auf sich selbst aufzuwachsen. Stattdessen wird angenommen, dass Männer immer Lust haben. Das Warenmodell und das Patriarchat behindern insbesondere ihre Fähigkeit zu wissen, was sie wirklich wollen, und Nein zu Sex zu sagen.
Was verstehen Sie unter Konsens?
Meiner Meinung nach verwenden wir vier Begriffe fast synonym, die wir unterscheiden sollten: Konsens, Einvernehmlichkeit, Autonomie und Handlungsfähigkeit (im Englischen verwendet Kukla das Wort »agency«, das schwer ins Deutsche zu übertragen ist, Anm. d. Red.). Konsens bezeichnet die Zustimmung zu einer Anfrage. Wenn Sie mich fragen, ob Sie mir eine Tasse Kaffee einschenken dürfen, und ich sage Ja, ist das Konsens. Einvernehmlicher Sex beginnt aber nicht unbedingt mit Konsens, weil er nicht unbedingt mit einer Anfrage beginnt. »Würdest du bitte Sex mit mir haben?« ist nicht gerade die heißeste und auch nicht die übliche Art, Sex zu initiieren.
