»Das ist heilig, das ist göttlich«


Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison über ihre Rolle als Künstlerin, den Wortschatz von Donald Trump und warum sie Günter Grass verzeihen würde.

Dieser Frau flüsterte der damalige US-Präsident Barack Obama vor fünf Jahren ins Ohr, dass er sie liebe: Toni Morrison, 86.

Foto: Katy Grannan

SZ-Magazin: Ihr Buch »Gott, hilf dem Kind« beginnt mit einem ahnungsvollen Satz: »Ich kann nichts dafür.«
Toni Morrison: Das stimmt.

Eine Mutter betrachtet ihre neuge­borene Tochter und sieht, dass die Hautfarbe des Kindes viel dunkler ist als ihre eigene. Und sie fürchtet um die Zukunft des Kindes.
Und ihre eigene.

Im Gegensatz zu Ihren vorherigen Büchern spielt diese Geschichte im Amerika der Gegenwart. Warum können Menschen in diesem Land immer noch an ihrer Hautfarbe zerbrechen?
So fing alles an. Das Land gründet auf der Arbeit von Afrikanern. Sie sollten unbezahlt arbeiten und sich als Arbeiter vermehren. Als ich Gnade schrieb, sollte das Buch in einer Zeit spielen, bevor der Rassismus zum Gebot wurde und das Land prägte. Es war kurz vor den Hexenprozessen von Salem, als sie herumliefen und Menschen aus religiösen Gründen umbrachten. Religiöse Leute regten sich über alles Mögliche auf, aber nicht über Hautfarbe. Das kam später. Bedenken Sie: Wenn Sie in dieses Land aus Deutschland oder Russ­land oder woher auch immer kommen, steigen Sie aus dem Boot, betreten das Land, und Sie sind irisch oder deutsch oder was auch immer. Aber wenn Sie ein Amerikaner werden wollen, müssen Sie weiß sein. Das ist die Verbindung, die das Land und seine Menschen zusammenbringt. Ähnliche Dinge passieren im Moment möglicherweise in Europa. Meine Auffassung ist, dass wenn Sie aus Schweden kommen, sind Sie schwedisch. Sie mussten nicht sagen: »Ich bin ein weißer Schwede.« Wissen Sie, was ich meine?

Ja. Ich bin Deutscher, und bevor ich in Amerika lebte, fühlte ich mich nie als Weißer.
Das ist so ein wichtiger Aspekt. Wenn jemand wie Frederick Douglass ein Buch schrieb, dann schrieb er an weiße Menschen - weil er wollte, dass sie sich benehmen, ihn befreien. Das war sein Publikum. Nicht für mich. Tolstoi schrieb nicht für kleine Mädchen aus Ohio. Er schrieb für Russen, nicht wahr? Ich schreibe an, über und für schwarze Menschen. Und wenn es gut genug ist, wird es von Menschen gelesen und geschätzt, die keine Afroamerikaner sind. Das ist die vereinfachte Version. Aber der Punkt ist, dass ich einfach dachte, dass wir interessant sind.

Ja!
Sehen Sie, das Merkwürdige ist: Was Menschen außerhalb Amerikas - besonders in Europa - an diesem Land mögen, entstammt in der Regel der schwarzen Kultur. Es ist Jazz. Es ist sogar Sprache. Stellen Sie sich vor, was dieses Land ohne uns wäre. Ich würde nicht einmal zu Besuch kommen! Ich wollte mit meinem ersten Buch sagen: Rassismus ist wirklich und wahrhaftig schmerzhaft. Wenn Menschen wirklich weiß sein wollen und es nicht sind und sie jung und verwundbar sind, kann es sie umbringen. Das war der Moment, als ich zu schreiben begann, und nach all diesen Jahren des Bücherlesens, des Redigierens von Büchern, des Arbeitens in Bibliotheken, dachte ich: Warte mal, hier gibt es kein Buch über mich! Wenn ich es also lesen wollte, musste ich es wohl selbst schreiben.

Kinder leiden in Ihren Büchern. Sie brachten zwei eigene Kinder in diese Welt - in den frühen 1960er-Jahren, als die Schwarzen um ihre Bürgerrechte kämpften. Hatten Sie Hoffnung, dass Amerika eine bessere Zukunft für Ihre Kinder bereithalten würde?
Nein. Nein. Nein, dazu lebe ich schon zu lange in diesem Land. Schauen Sie, erst jetzt kommen gelynchte Leute, ermordete schwarze Jungen in die Zeitung. Niemand sprach darüber. Das war keine Nachricht wert. Jetzt bekommt jemand wie Trayvon Martin und dieser andere kleine Junge, den sie erschossen haben, eine Menge Aufmerksamkeit in der Presse. Ich sagte zu meinem Sohn: »Ist dir bewusst, dass ich fünfzig, sechzig Jahre auf dieser Welt war, bevor darüber ein Artikel geschrieben wurde? Oder dass man sich deswegen schlecht fühlen sollte?« Es gab ein paar Veränderungen, doch jetzt glaube ich, dass wir vermutlich wieder einen Schritt zurückgehen werden mit diesem sogenannten »Präsidenten«. Das ist so gefährlich und so furchtbar, dass ich nicht einmal darüber nachdenken will. Das macht mich wirklich krank. Aber ich bin von meiner Antwort abgekommen.

Wir fragten, ob Sie Hoffnung auf eine bessere Zukunft für Ihre Kinder hatten.
Ja, aber ich habe nie in einem schwarzen Viertel gelebt. Darum habe ich nie auf diese Weise darüber nachgedacht. Ich war ihre Mutter - ich dachte, meine Kinder wären besser als alle anderen. Sie sind auf die Schule der Vereinten Nationen gegangen. Sachen wie diese, damit sie sich nicht im Rassenthema verfangen. Einer meiner Söhne starb vor sechs Jahren, und er war so. (Sie zieht eine gerade Linie mit der Hand durch die Luft, als wollte sie seine Ausgeglichenheit illustrieren.) Aber er war ein Künstler. Mein ältester Sohn ist Architekt, und er ist sich der Rassenproblematik sehr bewusst - mehr noch, als er das als junger Mann war. Ich sage Dinge zu ihm wie: »Hältst du bitte den Mund?« Und er sagt: »Aber er ist ein Rassist. Er ist ein Schwarzer. Er ist ein Weißer.« Es ist eine Zeit der Veränderung, aber jetzt habe ich das Gefühl, dass alles, was ich da­rüber zu sagen habe, keinen Wert mehr hat. Der Kerl, der nach Obama kam, hat eine Parole.

»Make America Great Again«.
»Make America Great Again« bedeutet »Make America White Again«. Jetzt haben sie diese andere Explosion von Leuten, die sich höher fühlen wollen als andere, besser.

Ihre Art, Geschichten zu erzählen, hat etwas Musikalisches.
Der Leser soll sie hören. Ich stamme aus einem Haus, in dem ständig Geschichten erzählt wurden. Ich erinnere mich an eine Geschichte über meinen Großvater, über den sie immer sagten - mit Stolz -, dass er die Bibel von der ersten bis zur letzten Seite gelesen hatte. Fünf Mal. Das war eine große Sache. Ich wusste ab einem bestimmten Zeitpunkt, dass es schwarzen Menschen verboten war zu lesen. Und dass es weißen Menschen verboten war, ihnen das Lesen beizubringen. Sie konnten dafür ins Gefängnis gehen oder bestraft werden. Mein Groß­vater ging nicht zur Schule. Er ging für einen Tag, und nur, um dem Lehrer zu sagen, dass er nicht zurückkommen würde. Seine Schwes­ter brachte ihm das Lesen bei. Sie nannten ihn Big Papa. Und später dachte ich: Was sonst hätte er lesen können? Es gab keine Bücher für ihn, keine Bibliotheken. Es gab nur die Bibel. Aber gleichzeitig war es ein Akt der Rückeroberung. Weil es verboten war. Bei uns zu Hause gab es überall Bücher. Es war wie Widerstand. Und zum Lesen kam das Geschichten­erzählen. Die Familie sang die Geschichten. Wir waren zu zehnt und blieben alle im Takt.

Veränderten sich die Geschichten?
Man konnte sie ändern, aber sie waren einfach verrückt. Ich mochte sie, weil sie waren wie ...(Sie blickt aus dem Fenster und denkt lange nach. Dann beginnt sie zu singen, erst leise, dann lauter.) »Werde schlagen, den Kopf meiner Frau abschlagen!« Es war ein lautes Lied. »Tam-tam, tam-tam, tam-tam. Ich schlage meiner Frau den -KOPF AB!« Und dann kommt die Frau mit dem Kopf im Arm zurück und sagt (singt leise): »Es ist kaaalt hier draußen. Es ist kaaalt hier draußen.« Das war unsere Unterhaltung. Meine Mutter sang ständig - tagsüber, nachts, wann auch immer. Sie hatte die schönste Stimme, die ich jemals gehört habe. Sie hängt die Kleider auf - sie singt. Sie spült das Geschirr - sie singt. Diesen Klang zu erzeugen, war auch mein Anspruch, obwohl ich erst mit 39 oder so anfing zu schreiben. Die Bedeutung einer Geschichte lag oft in ihrem Klang. Es waren alles dumme, furchterregende Geschichten. Erinnern Sie sich an die Geschichten, die Sie als Kinder lasen? Hänsel und Gretel? Das ist furchtbar! All diese Geschichten von Menschen, die sterben und ihre Kinder aus dem Haus werfen. Und dann steckt die Hexe sie in den Ofen. Oh Gott!

Eines der wiederkehrenden Themen in Gott, hilf dem Kind und Ihren früheren Büchern ist die Spannung zwischen der Erinnerung und dem Vergessen. »Erinnerungen«, schreiben Sie, »sind das Übelste bei der Genesung.« Wie gehen Sie mit dieser Spannung um?
Um an einen glücklichen Ort zu gelangen - was ich einen glücklichen Ort nenne, obwohl Menschen überall in meinen Büchern tot umfallen -, brauchen sie die Aneignung von Wissen. Wenn sie am Ende etwas wissen, das sie vorher nicht wussten, ist es beinahe Weisheit. Und wenn ich diesen Akkord treffe, war alles andere die Mühe wert. Es gibt gewisse Muster in den Büchern und im Leben, die sich in eine Richtung zu bewegen scheinen, und dann geschieht etwas und die Leute lernen. Gott, hilf dem Kind, den Titel fand ich übrigens furchtbar ...

Welchen Titel hätten Sie gewählt?
Ich glaube, ich gab ihm einen. Ich erinnere mich nicht, wie er lautete. Er war wunderschön!

Warum konnten Sie sich nicht durchsetzen?
Weil die einen fertigmachen.

Ist das nicht eines der Privilegien einer Nobelpreisträgerin - dass sie dem Verlag vorschreiben kann, was zu tun ist?
Nein! (Sie ahmt einen Streit mit jemandem aus dem Verlag nach.) »Fick dich, das ist mein Titel!«-»Nein, den kriegst du nicht!« Die denken, sie würden einem mit der Veröffentlichung einen Gefallen tun, obwohl sie Tonnen von Geld verdienen. Und das für immer. Nach meinem Tod, nach dem Tod meiner Kinder, meiner Enkelkinder werden die immer noch Geld verdienen. Ich habe lange Zeit in dieser Branche gearbeitet. Ich bin nicht beeindruckt. Worüber sprachen wir nochmal?

Die Spannung zwischen Erinnerung und Vergessen.
Oh, ja, ja, ja, ja, ja. Es sind nicht die Schlachten. Wissen Sie, in vielen Büchern geht es um das Gewinnen. Das interessiert mich nicht. Sie bewegen sich entlang eines Pfads und erreichen einen bestimmten Ort. In dem Buch, in dem die junge Frau ... Wo ist das Buch? Welches Buch war das?

»Gott, hilf dem Kind«.
Das ist es! (Sie schüttelt sich vor Lachen.) Meine Bücher verschmelzen alle zu einem. Diese junge Frau ist sehr, sehr schwarz und sehr, sehr schön. Ihr Liebhaber ist ein Klugscheißer. Beide sind sehr auf sich selbst fixiert, und sie kommen an einen Punkt, an dem sie sich um eine andere Person kümmern müssen. Diese Erfahrung holt sie heraus aus ihrer kleinen Muschel des »Ich, ich, ich«. Und so sind sie am Ende fähig, Respekt voreinander zu haben, sogar Zuneigung.

Sie hört, dass jemand das Haus betritt.

Ich glaube, das ist mein Sohn.

Ford Morrison Ja!

Ford kommt die Treppe herunter.

Ford Morrison Ich habe dir dieses großartige Buch mitgebracht.
Toni Morrison Was ist es?
Ford Morrison Es heißt »Triumph of Treason«. Es geht um das Vichy-Regime.
Toni Morrison Oh, bitte! Das will ich nicht lesen.
Ford Morrison Und ich habe dir dieses Nixon-Buch mitgebracht, das gerade herausgekommen ist.

Er hält das Buch »Richard Nixon: The Life« hoch.

Toni Morrison Ja, das Nixon-Buch möchte ich lesen. Ich lese gerade dieses Buch Dark Money von Jane Mayer. Uuh! Sie be­ginnt mit den Koch-Brüdern und geht dann über zu den, ich weiß nicht, Guggenheims. All diese - Leute. Was für Gangster! Wissen Sie, die sagen, Rockefeller würde dieses machen oder jenes. Aber die Manipulation! Ach, furchteinflößendes Buch. Aber jetzt zurück zu unserem Thema!

Sie schreiben in Ihrem Buch Gott, hilf dem Kind über »skin privileges« - wie die Hautfarbe selbst unter Schwarzen Auswirkungen auf den Status hat. Hätte Barack Obama Präsident werden können, wenn seine Haut dunkler wäre?
Er ist dunkel in meinen Augen!

Aber nicht, was Sie »sudanesisch schwarz« nennen.
Nein, nicht sudanesisch schwarz. Das ist ein schönes Schwarz. Äthiopisch schwarz. Alle Äthiopier sind schön! Es gibt keine hässlichen Äthiopier.

Als Donald Trump um die Stimmen schwarzer Wähler warb, fragte er: »Was habt ihr zu verlieren?« Was würden Sie ihm antworten?
Ich fand das einfach nur eine dumme Frage. Ich hätte alles zu verlieren. Was ich gerade verliere, ist, dass er Bomben in der Gegend herumwirft. Aber es war so widerlich und so überheblich. Dieser Hochstapler, der 77 Wörter in seinem Vokabular hat. Wir haben sie gezählt. Philip Roth hat sie gezählt. Sieben...und...siebzig...Wörter.

Dann lassen wir Trump jetzt mal, und wenden uns wieder Obama zu: Wie war das, von ihm die »Presidential Medal of Freedom« zu bekommen? Was hat er Ihnen ins Ohr geflüstert?
Er hat mir in der Tat etwas ins Ohr geflüs­tert. Und ich sage Ihnen etwas: Ich konnte mich nicht erinnern, was er sagte.

Sie schienen entzückt.
Ich wusste es in dem Moment! Aber kaum war ich fort, dachte ich: Was hat er gesagt? Es war mir so peinlich! Ich reiste nach Paris, und der Kerl, der dort Botschafter war, ich erzählte ihm die Geschichte. Ich sagte zu ihm: »Irgendwas stimmt nicht mit mir!« Und er sagte: »Hören Sie, ich hatte eine 45-minütige Unterhaltung mit ihm, und ich erinnere mich an kein einziges Wort.«

Sie waren von Ehrfurcht ergriffen.
Ich glaube, das ist es. Aber ich ging anschließend auf die Party, und mein Sohn war mein Date. Er ging zu Obama und sagte: »Sie sagten etwas zu meiner Mutter, und sie er­innert sich nicht. Erinnern Sie sich?« Und Obama sagte: »Ja, natürlich erinnere ich mich. Ich sagte: 'Ich liebe dich.'«

Sie bedeckt ihr Gesicht mit ihren Händen und tut so, als würde sie schluchzen.

Wir wollen bei der Liebe bleiben und über einen Ihrer Freunde sprechen, den Schriftsteller James Baldwin.
Oh ja!

Baldwin sagte einmal: »Die Rolle des Künstlers ist genau die gleiche wie die des Lieb­habers. Wenn ich dich liebe, muss ich dir die Dinge bewusst machen, die du nicht siehst.« Wie sehen Sie die Rolle des Künstlers?
Oh, es ist interessant, dass er das sagte. Jimmy. Was ich jetzt sagen werde, mag pompös klingen. Aber ich glaube, dass die Rolle des Künstlers, sei er ein Maler oder ein Schriftsteller, beinahe heilig ist. Da ist etwas in dieser Vision, dieser Weisheit. Sie können ein Niemand sein, aber die Dinge so zu sehen, das ist heilig, das ist göttlich. Es ist über dem normalen Leben und der Wahrnehmung von uns allen. Sie erheben sich. Und solange Sie dort oben sind, selbst wenn Sie ein furchtbarer Mensch sind, sehen Sie Dinge, die sich zusammenfügen und Sie erschüttern oder Sie be­wegen oder etwas für Sie aufklären, das Sie außerhalb Ihrer Kunstwelt nicht gewusst hätten. Es ist schwer, über Gemälde anders nachzudenken. Darum sind Kritiken so furchtbar. Nicht alle, aber viele. Weil die Sprache der Kritik nicht die Ebene erreicht, auf der sich der Künstler befindet.

Wir möchten über Namen reden. Namen haben Bedeutung.
Das haben sie.

In Gott, hilf dem Kind gibt es Sweetness, die nicht immer süß ist.
Ja, hasserfüllt!

Bride ist nicht die typische Braut. Und Booker würde sich vermutlich nicht mit Booker T. Washington, einer Leitfigur der Schwarzen, identifizieren.
Nein. Aber er denkt, er sei klug.

Geben Sie Ihren Figuren die Namen? Oder benennen sich die Figuren selber? 
Sie benennen sich selber. Manchmal habe ich über Figuren geschrieben, deren Namen falsch waren, und sie wurden nie lebendig. Ich muss sie fragen: »Wie ist dein Name?« Als ich Solomons Lied schrieb, gab es da diese Frau namens Pilate. Und ab dem Moment, als ich sie sah, hielt sie den Mund nicht mehr. Sie riss das Buch an sich, und ich musste sie stoppen. Also sagte ich: »Du musst die Klappe halten, das ist nicht dein Buch!«

Ihr Name hat auch eine Geschichte. Als Sie zwölf Jahre alt waren, wurden Sie auf den Namen Anthony getauft. Daraus wurde dann Toni. Der Heilige Antonius ist eine herausragende Figur im Katholizismus.
Der Heilige Antonius von Padua!

Er war bekannt für sein eindringliches Predigen, und er ist der Schutzheilige der verlorenen Dinge. Spüren Sie eine Verwandtschaft?
Absolut! Wissen Sie, wie sie früher mit Gold malten - Schicht über Schicht über Schicht? Ich hielt irgendwo eine Rede über das Gute. Der Mann, der das organisierte, gab mir einen Heiligen Antonius in diesem geschichteten Gold. Er hängt in meinen Schlafzimmer.

Was sind die verlorenen Dinge, die Sie gerne zurückbringen würden?
Zwei Dinge. Das eine ist mein Sohn. Und das andere ist - es gab Zeiten in meinem Leben, die ich gerne noch einmal erleben würde.

Denken Sie an eine bestimmte Zeit?
Ja, an die Zeit im College. An diesem Ort - Howard University - habe ich viel gelernt. Ich war in dieser kleinen Theatergruppe, und im Sommer gingen wir auf Tournee. Es war das erste Mal, dass ich im Süden war - dem wahren Süden, nicht dem Washington-Süden. Ich erinnere mich, wie wir an unserem Hotel ankamen, und das war offenbar ein Bordell oder irgendsowas. Also ging einer unserer Lehrer zur Telefonzelle. Erinnern Sie sich, dass es mal Telefonzellen gab? Er suchte hinten im Telefonbuch nach einem schwarzen Priester. Weil es sonst keine Unterkünfte für Schwarze gab. Er fand einen, und der Priester sagte: »Rufen sie mich in 15 Minuten zurück.« Er fand Gemeindemitglieder, die uns bei sich aufnahmen. Wir kamen im Haus dieser Dame unter. Es war fabelhaft! Gott, sie hatte ihre Bettlaken auf Büschen getrocknet, die diesen Duft hatten. Oh, es war himmlisch! Und sie machte uns köstliches Essen. Wir wollten ihr Geld geben, aber sie nahm es nicht an. Da steckten wir es in den Kopfkissenbezug.

Die Geschichte erinnert an Frank Money, den Mann, der in Heimkehr nach einer Unterkunft sucht.
Oh ja! Es gibt dieses Grüne Buch, das er benutzt. Ich habe ein Exemplar davon. Es war ein Verzeichnis von Unterkünften für Schwarze. Ich machte ihn in meinem Buch nicht als schwarzen Mann kenntlich, bis mein Lektor sagte: »Niemand weiß, ob er schwarz ist oder weiß.« Ich sagte: »Na und?« Und er sagte: »Toni, ich glaube, es ist wirklich wichtig.« Also gab ich nach. Aber ich wollte auf die Art schreiben wie in Paradies, wo ich die Hautfarbe nenne: »Sie erschossen das weiße Mädchen zuerst.« Aber sie wissen nicht, wer das weiße Mädchen ist. Und das war sehr befreiend für mich, weil sie manchmal »schwarz« sagen können, und es bedeutet nichts. Meine Urgroßmutter war die weise Frau in unserer Familie. Sie wusste alles. Sie war eine Hebamme und besuchte uns manchmal. Sie hatte einen Gehstock, den sie offensichtlich nicht brauchte. Sie betrat das Haus und sah meine Schwester und mich an und sagte: »Bei diesen Kindern wurde gepfuscht.« Sie war tiefschwarz, und sie betrachtete uns als beschmutzt, vermischt. Nicht rein. Sie war rein - reinschwarz, reinafrikanisch. Ich fand das interessant, weil ich als etwas andersartig gesehen wurde, seit ich ein Kind war. Aber von der anderen Seite.

Können wir über Sex reden?
Ja! Ich bin in einer guten Position, um da­rüber zu reden, weil es gefühlte tausend ­Jahre her ist. Was wollen Sie wissen?

Sie sind bekannt dafür, groß­artige Sex-Szenen zu schreiben.
Das mache ich! Ich glaube, ich schreibe besser über Sex als die meis­ten Leute.

Eine Ihrer denkwürdigsten Sex-Szenen spielt in einem Maisfeld in Menschenkind. Wie machen Sie das?
Das Schlimmste an den meisten Sex-Szenen ist, dass sie klinisch sind. Sie benutzen Wörter wie »Brüste« oder »Penis« oder sowas. Ich meine: Wen interessiert's? Das ist nicht die gute Sache am Sex und am Schreiben darüber. Es ist etwas anderes. In meinem Buch Sehr blaue Augen, wenn sie bis zum Äußersten geht, kratzt sie die Haut ab, um an das Elfenbein zu kommen - Sie wissen schon, sie geht hinab. Tief! Erst wenn Sie Sex mit einem anderen anregenden Verhalten verbinden können, wird er interessant.

Es ist nicht nur das Maisfeld. Es sind auch die Andeutungen.
Die Maisstängel tanzen im Wind. Die Kerle schauen.

»Es war hart gewesen, dort zu sitzen, aufrecht wie Hunde, hart, sehr hart, am Mittag die Maisstängel tanzen zu sehen.«
Jemand erzählte mir, dass Denzel Washington gefragt wurde, in der Verfilmung von Menschenkind mitzuspielen. Und angeblich sagte er: »Ich werde nicht in einem Film mitspielen, in dem schwarze Männer Oralsex mit weißen Gefängniswärtern haben.« Er tat so, als sei das bizarr. Und dann lese ich über diese Schule in Connecticut, wo sie in den 1960er-Jahren alle die Studenten vergewaltig­ten. Ich weiß nicht, warum Washington so feindselig war. Aber das ist in Ordnung, Denzel!

Eine der Figuren in Gott, hilf dem Kind liest ein Buch des Philosophen Walter Benjamin - auf Deutsch. Was ist Ihre Beziehung zu deutschen Schriftstellern?
Ich habe Benjamin über viele Jahre gelesen. Und Goethe. Ich studierte ein Semester lang Deutsch. Ich spüre eine Verbindung, vielleicht auch Intimität. Wer ist der Kerl, der über den Zwerg schrieb?

Sie meinen Die Blechtrommel?
Ja, fabelhaft! Das war wirklich gut.

Er war auch ein Nobelpreisträger.
Günter Grass!

Wissen Sie von der Kontroverse um ihn?
Was war passiert?

Er war eine Art moralische Instanz in Deutschland. Aber er redete nicht über etwas, das er als junger Mann getan hatte.
War er der Sohn eines Nazis oder sowas?

Er war Mitglied der Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg. Er war 17.
Ach, ich würde ihm verzeihen!

Erinnerung und Vergessen.
Er wollte sich nicht erinnern.