»Ich glaube, es gibt eine große Nachfrage nach der Wahrheit«

Der französische Schriftsteller Emmanuel Carrère erzählt Geschichten, die sich wirklich zugetragen haben, und macht sich selbst zum Teil der Handlung. Im Interview spricht er über die Probleme, die das mit den übrigen Figuren dieser Bücher mit sich bringt – etwa seiner Ex-Frau.

Die New York Times bemerkte einmal über dieses Gesicht, es sei so tief durchfurcht, dass die Falten wie hineingeschnitzt aussähen – schreibt Emmanuel Carrère selbst in seinem neuen Buch Yoga.

Emmanuel Carrère öffnet in Strümpfen die Tür zu seiner Wohnung in der Rue du Faubourg-Saint-Denis in Paris, einer Straße, die in Immobilienanzeigen »lebendig« genannt würde, voll mit jungen Menschen, Graffiti, Taubendreck, Döner-Läden, es gibt das »Munich Kebab« und das beliebte Bistro »Chez Jeannette«, vor dem noch mal mehr junge Menschen auf dem Bürgersteig stehen. Carrère trägt ein Jeanshemd in der perfekten Blauwaschung, nicht zu hell, nicht zu dunkel, sondern in der Farbe des Mittelmeers im Frühjahr. Er bittet ins Wohnzimmer,

Geboren wurde Emmanuel Carrère 1957 in die Pariser Bildungsaristokratie hinein. Jeder Franzose weiß, wer seine Mutter ist: die Historikerin und Politikerin Hélène Carrère d’Encausse, die Spezialistin Frankreichs für die Geschichte Russlands und der Sowjet­union, mit allen Ehrungen ausgezeichnet, die das Land zu bieten hat. Seit 1999 hat sie als erste Frau überhaupt den Posten des Ständigen Sekretärs der Académie française inne, ein Amt auf Lebenszeit. Emmanuel Carrère hat über sie und ihren in Georgien geborenen Vater, der 1944 spurlos verschwand, in seinem Buch Ein russischer Roman geschrieben, das 2007 erschien, 2017 auch auf Deutsch bei Matthes & Seitz.

Seit zwanzig Jahren schreibt er keine Romane mehr, sondern erzählt wahre Geschichten in der Ich-Form, taucht selbst in der Handlung auf. Das erste Buch, das er so schrieb, war Der Widersacher, das jedem empfohlen sei, der noch nie etwas von Carrère gelesen hat. Es handelt von einem Hochstapler, der zum Mörder wird, als seine Lügen aufzufliegen drohen. Für Limonow, seine subjektive Biografie des zwielichtig schillernden Schriftstellers, Politikers und Alpha-Russen Eduard Limonow, bekam Carrère 2011 den Literaturpreis Prix Renaudot. In Das Reich Gottes (2017) geht es um das frühe Christentum.

Emmanuel Carrère hat eine tiefe Stimme. Hat er gesagt, was er sagen wollte, hört er mit dem Reden auf. Er ist niemand, der ins Labern gerät. Er sitzt ganz ge­rade, manchmal verschränkt er die Arme. Wenn er ernst guckt, nimmt sein Gesicht einensorgenvollen Ausdruck an.

SZ-Magazin: Ich war überrascht zu erfahren, dass Sie vor 50 Jahren zum ersten Mal Yoga gemacht haben.
Emmanuel Carrère:
Vor 50 Jahren? Nein, Moment, ich bin erst 62.

Sie haben das in einem französischen Radiointerview erzählt.
Ach so, jetzt weiß ich. Richtig. Vor 50 Jahren hatte ich meine erste Erfahrung mit etwas, was man Yoga nennen könnte. Aber danach vergingen Jahrzehnte, bevor ich wirklich mit Yoga anfing. Meine Patentante war eine große Yogini. Damals war das etwas Ungewöhn-liches. Als Kind war ich vielleicht zu intellektuell, zu stark in meinem Kopf, ich war nicht richtig in meinem Körper zu Hause. Und meine Patentante, die Dichterin war, sagte einmal zu mir, als ich in ihrem Wohnzimmer war und mal wieder nicht mit dem Reden aufhörte: Sei mal still und leg dich auf den Teppich – schließ deine Augen und versuche, deine Zunge zu fühlen. Ich weiß noch, dass ich es sehr seltsam fand, irgendwie peinlich. Aber ich habe es gemacht, und Sie sehen, ich weiß es bis heute. Es war eine Vorstufe von Yoga, eine erste Erfahrung.

Ihr neues Buch, Anfang September in Frankreich erschienen, aber bisher nicht auf Deutsch, heißt Yoga. Es beginnt wie ein Sachbuch über Yoga. Was ist das für Sie: Yoga?
Ich zähle alles dazu, was man tut, um Körper und Geist besser zu verbinden. Also auch Kampfkunst und Meditation. Im Sanskrit bedeutet Yoga Joch, Verbindung, zusammenbinden, also zwei verschiedene Dinge unter einen Hut zu bringen. Ob das nun Pferde oder Büffel sind oder eben Geist und Körper. Es ist eine körperliche Übung, um etwas im Geist zu erreichen.

Machen Sie jeden Tag Yoga?
Fast jeden Tag, ja. Aber nur eine halbe Stunde lang. Meistens morgens zu Hause. Hin und wieder, wenn ein Lehrer unterrichtet, den ich gut finde, gehe ich auch in ein Studio.

Welche Art von Yoga praktizieren Sie?
Eine Mischung aus Iyengar und Vinyasa. Iyengar ist sehr präzise, ein wenig, sagen wir, obsessiv. Man könnte es als Yoga für Kontrollfreaks bezeichnen, aber ich mag es. Es ist sehr langsam, aber korrekt. Was man einmal gelernt hat, kann man. Der Körper erinnert sich. Vinyasa bedeutet, dass alles im Fluss ist, dass man nicht in einer Stellung verharrt, sondern sich mit dem Atem immer weiterbewegt.

Hilft Yoga Ihnen beim Schreiben?
Ich glaube schon. Aber wenn ich Marathon liefe, würde das genauso helfen.

Das Buch Yoga beginnt damit, dass Sie ein zehntägiges Vipassana-Retreat besuchen, das bedeutet zehn Tage schweigend meditieren.
Ich meditiere seit etwa 25 Jahren und hatte oft von dieser Art der Meditation gehört. Dass es zehn harte Tage sein sollen. Ich wollte das sowieso immer ausprobieren und habe es dann für das Buch als Recherche gemacht. Natürlich macht man, wenn man weiß, dass man darüber schreiben wird, eine andere und nicht ganz reine Erfahrung. Es geht ja beim Meditieren darum, sich selbst zu vergessen und loszulassen, statt etwas festzuhalten. Wenn man aber recherchiert, versucht man natürlich, sich alles zu merken, und beobachtet sich die ganze Zeit sehr genau. Gut, aber das Leben besteht aus Widersprüchen.

Ihr Retreat war im Januar 2015. Am 7. Januar geschah der Terroranschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo.
Wir hatten keine Zeitung, keine Handys, hatten nichts mitgekriegt. Auf einmal holte man mich aus einer Meditationssitzung, weil ein Bekannter, eigentlich sogar ein Freund von mir, der Autor Bernard Maris, unter den Todes­opfern war und seine Lebensgefährtin sich wünschte, dass ich bei der Beerdigung eine Rede halte.

Das wurde der zweite Handlungsstrang von Yoga.
Und dann gab es zu dieser Zeit noch meine eigenen, wie soll ich sagen, Desaster. Eine Depression, die mich in die Psychiatrie brachte. Es gab diesen Moment, wo mir aufging, dass all das in dasselbe Buch gehört. Denn wenn es im Yoga darum geht, unterschiedliche Dinge, die sehr widersprüchlich sein können, unter einen Hut zu bringen, dann war es Yoga, all die verschiedenen Dinge zusammenzuführen, Yoga und Depression, einen Terroranschlag und Meditation …

Das Buch spielt auch auf einer griechischen Insel, und am Schluss stirbt Ihr langjähriger Verleger und Lektor. Irgendwie scheint es aber einen roten Faden zu geben: Ihren Versuch, ein besserer Mensch zu sein.
Sicher, ja.

Aber ein großes Thema lassen Sie aus.
Das Buch behandelt drei Jahre meines Lebens, 2015 bis 2018. In dieser Zeit passierte etwas für mich Existenzielles: Meine Ehe zerbrach. Ich habe darüber geschrieben, aber sehr diskret. Kein Wort mehr als nötig. Bei unserer Trennung bat mich meine Ex-Frau, in unseren Scheidungsvertrag als eigenen Punkt aufzunehmen, dass ich nicht über sie schreiben darf, ohne es ihr vorher zu zeigen und ihr Einverständnis einzuholen. Ich habe das selbst-verständlich sofort unterschrieben, ich hatte nichts anderes vor. Als ich ihr dann das fertige Manuskript zu lesen gab, dachte ich, sie würde sagen, bitte nimm diesen Satz raus und bitte ändere dieses Wort, und das möchte ich gar nicht im Buch, diese Stelle …

Aber?
Aber sie sagte, und damit hatte ich nicht gerechnet, sie wolle vollständig aus dem Buch entfernt werden. Das war kompliziert. Das Buch handelte von mir. Ich war ein verheirateter Mann. Nun sollte ich im Text keine Frau mehr haben? Zuerst habe ich versucht zu verhandeln. Ich hatte ja sowieso sehr diskret über sie und unsere Situation geschrieben. Sie blieb bei ihrem Nein. Ich habe dann versucht, alles ins Fiktionale zu ändern. Sie bekam einen anderen Namen, einen anderen Beruf. Aber es klang alles falsch. Also habe ich beschlossen, einfach zu gehorchen und zu schauen, was passiert.

Und?
Mag sein, dass ich mich nur selbst trösten möchte, aber ich fand es nicht schlecht. Ich fand, es hatte was. Es war wie ein Puzzle, bei dem das Mittelstück fehlt.

Sie war ja auch wirklich weg.
Eben. Es hatte irgendwie seine Richtigkeit, dass da etwas fehlte. Dass es um eine Leerstelle herum geschrieben war. Das sagt vielleicht mehr über das Ende einer Ehe, über Liebe, als lange psychologische Erklärungen. Es war einmal, es war groß und wahr, es war Liebe – und dann war es nicht mehr.

Um wenigstens anzudeuten, was passiert war, zitieren Sie zwei Seiten aus einem alten Buch von Ihnen, Alles ist wahr, wo von Ihrer damaligen Frau die Rede ist, Hélène, mit der Sie glaubten, die ewige Liebe gefunden zu haben. Es sei dann nicht so gekommen, fügten Sie nun hinzu. Darüber war Ihre Ex-Frau so wütend, dass sie eine Entgegnung in Vanity Fair veröffentlichte, in der sie Ihnen Hinterlist und Lügen vorwarf.
Ganz habe ich das nicht verstanden. Meinetwegen darf ich nicht mehr über sie schreiben. Aber es ist mir nicht verboten, je über sie geschrieben zu haben. Immer mit ihrem Einverständnis übrigens.

Warum haben Sie den Vertrag unterschrieben? Es ist ja auch Ihr Leben. Es war ja auch Ihre Ehe.
Ja, das stimmt. Aber als ich unterschrieb, war mir die Tragweite dieses Vertrags nicht bewusst. Ich habe mir nicht vorgestellt, dass sie so rigoros sein würde, ich nahm an, es würde sich um einzelne Sätze handeln, um Stellen. Hier eine Änderung, da eine Änderung … So wie wir es immer gehandhabt hatten. Nicht nur mit ihr übrigens, sondern mit allen Personen, die in meinen Büchern auftauchten. Ich zeige ihnen immer vorher die betreffenden Stellen und ändere dann alles, worum man mich bittet.

Sie gelten als Schriftsteller, der wahre Geschichten so schön aufschreibt, dass sie klingen wie Fiktion. Sie werben sogar damit, dass Sie die Wahrheit schreiben. »Alles hierin ist wahr«, steht bei Ihnen schon mal auf dem Buchrücken. Und diesmal?
Von meinen anderen Büchern kann ich mit einigem Stolz behaupten, dass alles wahr ist. Diesmal kann ich das nicht wirklich sagen. Einiges habe ich leicht verändert, anderes ist das, was man »mensonge par omission« nennt …

Unwahrheit durch Weglassen.
Und es gibt eine Figur, bei der mir anfangs eine echte Frau vor Augen war, die ich aber nicht gut kannte. Ich habe ihren Namen geändert – und wenn man einen Namen ändert, das habe ich jetzt herausgefunden, ist das der Beginn der Fiktion. Ein verändertes Detail führt zum nächsten. Ich habe dabei den Spaß an Fiktion wiederentdeckt. Mal sehen, ob ich nicht irgendwann wieder einen Roman schreibe. Ich habe das ja seit mehr als zwanzig ­Jahren nicht mehr getan, ich habe mich damit selbst überrascht.

Was verstehen Sie eigentlich unter »wahr«? Hat nicht jeder seine eigene Wahrheit?
Natürlich. Ich schreibe meine Wahrheit. Ich glaube, es gibt verschiedene Wahrheitsgrade. Es gibt die faktische Wahrheit, wie für einen Polizeireport. Bei Der Widersacher musste ich sehr darauf achten, es basiert ja auf einem wahren Verbrechen. Alles musste stimmen, jede Uhrzeit, jedes Detail. Dann gibt es die Aufrichtigkeit. Das ist nicht dasselbe wie Wahrheit. Ich kann aufrichtig sein und mich irren. Und dann gibt es die Wahrheit als solche. Was ist das? Das Stärkste, was mir dazu einfällt, ist von Kafka: »Unwissend bin ich, die Wahrheit bleibt jedenfalls bestehen.« Also, ich kann die Wahrheit nicht sehen, aber das heißt nicht, dass es sie nicht gibt. Ich finde diesen Satz unglaublich. Dass es irgendwo eine absolute Wahrheit gibt. Ich versuche, mich schreibend auf sie zuzubewegen. Im Wissen, dass sie irgendwo existiert, auch wenn ich im Moment im Nebel tappe.

Verstehen Sie, warum so viele Menschen Fiktion – als literarisches Genre – als hochwertiger einstufen als sogenannte wahre Geschichten?
Ist das denn so?

Nehmen wir nur den Prix Goncourt, der wird überhaupt nur an Werke der Fiktion verliehen, und es ist der wichtigste französische Literaturpreis …
Aber man kann auch das Gegenteil sagen: dass die Leute immer besessener sind von der Idee, dass das, was man ihnen erzählt, wirklich wahr ist. »Nach einer wahren Geschichte«, wie es bei Kinofilmen heißt. Das Regelwerk des Goncourt sieht vielleicht vor, dass nur Romane ausgezeichnet werden, und warum nicht, aber ich glaube, es gibt eine große Nachfrage nach der Wahrheit. Oder zumindest einer ­behaupteten Wahrheit.

Würden Sie eigentlich sagen, dass Sie Ihr eigenes literarisches Genre erfunden haben? Man liest das oft über Sie.
Ich schreibe autobiografisch, aber das ist ja kein neues Genre. Vielleicht weil ich in der ersten Person schreibe und Dinge mische, die normalerweise nicht im selben Buch statt­finden, also dass ich über die Entstehung der Evangelien schreibe, aber so, als ob ich ein autobiografisches Buch schreibe, also dabei selbst vorkomme? Mag sein, dass das un­gewöhnlich persönlich ist, mir kommt es aber nicht genug vor, um als Genre bezeichnet zu werden. Nicht dass mir das nicht schmeicheln würde, aber dies ist leider zu viel der Ehre.

Ich wüsste gern, was Sie von folgendem Zitat halten, es ist vom italienischen Schriftsteller Italo Calvino: »Mir sind Schriftsteller verdächtig, die behaupten, über das Leben, sich selbst oder die Welt die ganze Wahrheit zu sagen – ich bleibe lieber bei der Wahrheit, die ich bei Schriftstellern finde, die sich selbst als die tollkühnsten Lügner darstellen.«
Ich stimme vielem leicht zu, also, was soll ich sagen: Damit bin ich einverstanden.

Ich hätte gedacht, Sie widersprechen.
Wie Italo Calvino widersprechen? Lieber ­widerspreche ich mir selbst als ihm. Ich muss nicht immer meiner Meinung sein.

Ein anderes Zitat, dieses von Mark Twain: »Truth is stranger than fiction.« Die Wahrheit ist seltsamer als die Fiktion.
Das stimmt. Schon deshalb, weil man in der Fiktion der Wahrscheinlichkeit stärker verpflichtet ist. Das ist die Realität nicht. Ein ­Beweis dafür ist die Geschichte, die ich in ­Der Widersacher aufschrieb.

Die Hauptfigur, Jean-Claude Romand, hatte alle Welt glauben gemacht, er sei Arzt und arbeite für die Weltgesundheitsorganisation. Sogar seine Frau glaubte es. Morgens fuhr er zum Sitz der WHO, für die er angeblich arbeitete, aber er blieb im Wagen auf dem Parkplatz sitzen und wartete bis zum Abend, um wieder nach Hause zu fahren.
Als Roman hätte das niemals funktioniert. Es ist zu unglaubwürdig. Mein Verleger hätte es mir zurückgegeben mit dem Kommentar: »Hübsche Idee, aber schreib es um, mach es wahrscheinlicher. So kann es unmöglich passiert sein, niemand wird dir das glauben.« Und doch ist es genau so passiert.

Er ist wieder frei, oder? Hat seine 26 Jahre Haft abgesessen.
Ja, er kam voriges Jahr raus. Aber er hat mich nicht kontaktiert. Vielleicht ist er in einem Kloster.

Kamen Sie schon mal in einem Buch vor?
Nein. Das blüht mir bestimmt noch.

Ihre Mutter ist in Frankreich sehr bekannt. Ihre französischen Leser haben daher noch stärker das Gefühl, Sie zu kennen, an Ihrem Leben teil­zunehmen. Stört Sie das?
Gar nicht. Es stimmt ja. Wenn Leute meine Bücher lesen, wissen sie ziemlich viel über mein Leben. Darüber kann ich mich dann nicht beschweren.

Sophie aus Ein russischer Roman … Spricht sie noch mit Ihnen?
Manchmal. Wir sind nicht mehr eng, aber manchmal tauschen wir ein paar Textnachrichten aus oder mailen uns.

Sie war damals mit Ihnen zusammen und kommt intim im Buch vor, weil der Ich-Erzähler Emmanuel Carrère eine erotische Geschichte über sie veröffentlicht. Hatten Sie ihr das auch alles vorab zu lesen gegeben?
Ja, aber es war damals schon kompliziert mit uns. Sie sagte okay. Aber ehrlich gesagt, glaube ich, sechs Monate später hätte sie nicht mehr okay gesagt.

Ihre Mutter war mit diesem Buch auch nicht froh. Das Verschwinden ihres Vaters, der während des Kriegs mit den Deutschen kollaboriert hatte, war in Ihrer Familie ein Tabu.
Ihr hatte ich es tatsächlich nicht vorab zu lesen gegeben. Sie war wütend auf mich. Lange her, längst vergeben. Aber damals war es schwierig für sie – und zwischen uns.

Schreiben ist auch ein aggressiver Akt. Es steht Ihr Name auf dem Buch, auch wenn Sie die Geschichte anderer Menschen miterzählen.
Ich weiß. Ich bin mir darüber im Klaren, was ich mit Sophie und meiner Mutter in Ein russischer Roman gemacht habe, und ich schäme mich etwas dafür. Ich habe mir damals versprochen, es nie wieder zu tun. Daran habe ich mich gehalten. Deshalb bin ich auch so traurig über diese merkwürdige Polemik von Hélène, meiner Ex-Frau. Denn ich habe mich wirklich an unsere Abmachung gehalten, habe alles getan, um was sie mich bat. Deshalb war ihre Anschuldigung ein Schock. Ich habe das nicht verdient.

Mit fast 60 Jahren wurde bei Ihnen eine bipolare Störung diagnostiziert. Sie wurden stationär behandelt.
In Sainte-Anne, ja. Das ist die größte Psychiatrie in Paris. Eine alte und berühmte Institution. Riesig. Es ist fast wie ein eigenes Stadtviertel.

Sie waren ziemlich lange dort.
Knapp vier Monate, ja. Ich war in keiner guten Verfassung, als ich dort hinkam.

Ihre Ex-Frau schrieb, Sie hätten in Yoga gelogen, sie habe Sie jeden Tag in der Klinik besucht.
Sie war jeden Tag bei mir, vier Monate lang, und ich werde ihr für immer dankbar dafür sein, wie sie für mich da war, und das hatte ich im Buch auch geschrieben. Aber sie wollte nicht dabei gewesen sein. Ich habe sie bekniet, sich das noch mal anders zu überlegen. Auch für unsere Tochter. Ich sagte ihr, schau mal, im Moment bist du wütend auf mich, aber denk doch mal nach. Wenn unsere Tochter es mal liest? Man wird denken, du hast mich im Stich gelassen. Ich war krank, und du bist verschwunden? So war es doch nicht … Aber sie ließ sich nicht umstimmen. Sie hat es gelb unterstrichen wie alles, was ich streichen musste. Okay, hab ich es gestrichen.

Im Buch ist nun Ihre Schwester bei Ihnen in der Klinik.
Ich habe sie gefragt, ob sie einverstanden wäre, einzuspringen. Wie eine Zweitbesetzung bei Schauspielern. Aber ich finde es nach wie vor absurd. Und jetzt wirft mir meine Ex-Frau vor, zu lügen, nicht zu schreiben, wie es in Wahrheit war. Ja, sicher ist es nicht die Wahrheit, denn die durfte ich ja nicht schreiben. Es ist absolut unlogisch.

Sie schreiben im Buch nur über Ihre Depression. Manie kommt nicht vor.
Aus zwei Gründen. Zum einen wären Teile der manischen Episoden zu sehr mit meiner Ehe-Situation verknüpft gewesen. Zum an­deren bin ich Typ II dieser Erkrankung. In Typ I, ich bin jetzt Experte, kommt es zu tiefen Depressionen und zu immensen Hochs. Es gibt manische Phasen, in denen man zu viel Geld ausgibt, kaum schläft und sich so benimmt, dass es einem gesellschaftlichen Suizid gleichkommt. Typ II ist viel weniger spektakulär. Ich war vor allem überspannt. Überempfindlich, ständig auf 180, hatte starke Ängste … Aber es ist nicht das, was man sich unter einer manischen Phase vorstellt.

Man hat Sie mit Elektroschocks behandelt. Das klingt so nach Sylvia Plath.
Man nutzt diese Therapieform schon länger wieder, natürlich weiter entwickelt als zu ­Sylvia Plaths Zeiten. Man macht es unter Anästhesie. Es verursacht überhaupt keine Schmerzen, geht ganz schnell. Es ist eher wie ein Neustart beim Computer. Ob es geholfen hat? Ich kann es nicht wissen. Man weiß nie, wie etwas gekommen wäre, hätte man den anderen Weg genommen. Vielleicht ging es mir so schlecht, dass es notwendig war? Ich kann es nicht einschätzen.

Als Folge der Elektroschocks seien Sie zum Gedicht-Liebhaber geworden, haben Sie in einem Interview erzählt.
Ja, das stimmt. Ich hatte eine leichte Erinnerungsschwäche, immer noch, von der ich glaube, dass sie von den Elektroschocks herrührt. Zum Gedächtnistraining habe ich damit angefangen, Gedichte auswendig zu lernen. Und dabei entdeckt, dass ich sie mag. Ich hatte mich nie für Lyrik interessiert, jetzt schon. Nennen wir es einen positiven Sekundäreffekt.

Heute nehmen Sie Lithium. Hat es Ihr Schreiben verändert?
Ich glaube nicht. Vielleicht bin ich mir dessen nicht bewusst. Ich gehöre zu den Menschen, die auf Lithium gut ansprechen. Ich glaube, es hilft mir. Und es hat keine Nebenwirkungen. Ich bin nicht müde oder sonst irgendwie beeinflusst. Ich habe den Eindruck, dass es mich etwas beschützt, die Ausschläge gehen etwas weniger hoch und etwas weniger nach unten.

Vermissen Sie etwas an Ihrer Persönlichkeit?
Nein. Es sind sozusagen nur die übermäßigen Ausschläge jetzt nicht mehr da. Nein, nein, nein, ich glaube, ich hoffe, es ist alles gleich.

Schreiben Sie täglich?
Ich schreibe gerade etwas, das ein Buch werden soll, ein Sachbuch über meine Gegend hier. Mein Viertel, im kleinsten Radius. Die Geschäfte, die Leute, im Umkreis von 200 Metern. Ich lebe hier schon viele Jahre. Weil ich in der Nähe meiner Tochter bleiben wollte, wohne ich jetzt nur eine Ecke weiter.

Hat Michel Houellebecq Yoga gelesen?
Ja. Wir sind nicht richtig Freunde, aber wir kennen uns gut genug, um uns gegenseitig unsere neuen Bücher zu schicken. Ich glaube, er mochte es. Er meinte aber, sein Lieblingsbuch von mir sei Das Reich Gottes.

Sie geben im Buch zu, auf seinen Erfolg, der vielleicht noch ein bisschen größer ist als Ihrer, neidisch zu sein.
Neid ist ein kleines blödes Gefühl, für das man sich ein bisschen schämt. Es ist menschlich, es tut niemandem weh, aber man kann sich darauf nichts einbilden. Ich erwähne es in einem Kapitel, in dem ich nachzubilden versuche, was einem während einer Meditation alles so in den Kopf kommt. Ich fand es amüsant. Man sitzt da, versucht, an nichts zu denken, ganz in Frieden mit sich und der Welt zu sein, und dann springt einen so ein kleines niedriges Gefühl an.

Auch das ist Yoga?
Ganz genau. Es ist nämlich nicht so, dass ­Menschen, die Yoga machen oder meditieren, automatisch erleuchtet sind. Es ist vielleicht eitel, wenn ich das selbst sage, aber genau deshalb finde ich mein Buch besser als sehr viele andere Bücher über Yoga, die nicht zugeben, dass Menschen, die Yoga praktizieren, fehlbar sind. Dass sie keineswegs heilig sind, frei von Sünde. Dabei ist das sehr offensichtlich. Laufen Sie mal in einem Yogastudio jemandem versehentlich auf dessen Matte. Da können Sie aber was erleben.