Die Geschichte vom Glück

Drei ungleiche Kameraden, die ganz großen Fragen des Lebens und die Erkenntnis: Wer das Glück finden will, muss erst mal rauskriegen, wo er suchen soll.

Eine Katze, ein Zwei-Euro-Stück und eine Scheibe Cervelatwurst hatten sich aufgemacht, um gemeinsam ihr Glück zu finden. Sie wanderten den ganzen Tag umher und hielten sorgfältig Ausschau, und immer wenn sie irgendetwas sahen, einen Strauch, eine Feder, einen Fleck, fragte einer von ihnen: »Ist das wohl unser Glück?« Und die anderen beiden diskutierten dann leise und antworteten schließlich: »Eher nicht.« Zwischendurch sangen sie Lieder.

Als sie gegen Abend ihr Glück immer noch nicht gefunden hatten, machten sie erschöpft Rast auf einer Parkbank und teilten sich ihre letzte Zigarette. »Wie sieht es wohl aus, unser Glück?«, fragte die Katze, den Blick in den dämmernden Himmel gerichtet. »So cremefarben«, sagte das Zwei-Euro-Stück, »groß und cremefarben gepunktet und an den Rändern etwas abgenutzt.« Die Cervelatwurst richtete sich auf. »Wie bitte? Das ist doch nicht unser Glück. Unser Glück ist oval und flauschig und hat hinten ein paar Glühbirnen dran und oben diese Zacken.« – »Zacken?«, rief die Katze und tippte sich an die Stirn. »Unsinn. Unser Glück ist flach und halb zugedeckt und wackelt so komisch rum.«

Sie schauten sich an, erst ratlos, dann immer trauriger. Der Abendwind machte das, was Abendwinde so machen. Irgendwo in der Ferne Gebell. »Vielleicht haben wir einfach zu verschiedene Vorstellungen«, sagte die Katze, und ihre Stimme brach dabei etwas. »Vielleicht«, sagte das Zwei-Euro-Stück. »Vielleicht sind aber auch nur unsere Vorstellungen falsch, und wir haben unser Glück bereits gefunden. Nämlich hier zu sitzen, an diesem lauen Abend, und sich auf einer Parkbank eine Zigarette zu teilen.« – »Eher nicht«, sagte die Scheibe Cervelatwurst, fraß die Katze auf und kaufte sich vom Zwei-Euro-Stück vier Rubbellose, mit denen sie insgesamt 32 000 Euro gewann. Und seitdem haben Cervelatwürste kleine weiße Punkte.

Warum Geld allein auch nicht glücklich macht, lesen Sie in »Der reichste Mann der Welt und seine Frau« von Jakob Hein.

Fotos: Daniel Sannwald

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