»Ich muss meinen Befreiern etwas zurückgeben«

Martin Greenfield gilt als einer der besten Schneider der Welt. Seit mehr als sechzig Jahren kleidet er Stars und Präsidenten in den USA ein. Die Macht von Kleidung erkannte er schon in seiner Jugend - als Gefangener in Auschwitz.

Das Atelier des Meisters liegt in New York City, in einer der entlegensten Straßen Brooklyns, in einem in die Jahre gekommenen Fabrikgebäude ohne Türschild oder Klingel. Martin Greenfield, 86, ist ein weißhaariger Herr mit gewinnendem Lächeln und tailliertem Anzug. Er hat zarte, feingliedrige Hände. Seine Werkstatt ist ein weitläufiger Raum im vierten Stock, voll mit Büsten und Nähmaschinen, gelbes Licht fällt von der Decke. Greenfield sitzt während des Interviews an einem breiten Holztisch, seinem täglichen Arbeitsplatz seit 67 Jahren.

SZ-Magazin: Sie wurden als Maximilian Grünfeld geboren und haben sich erst Anfang der Fünfzigerjahre in Martin Greenfield umbenannt. Dennoch wird in den Anzügen, die Sie schneidern, bis heute Maximilian Grünfeld ins Etikett eingestickt, Ihr jüdischer Geburtsname. Ist Ihr Verhältnis zu diesem Namen ein gespaltenes?

Martin Greenfield: Der Name Grünfeld ist sehr eng mit den Konzentrationslagern verbunden, mit Auschwitz und Buchenwald. Ich habe allen Menschen, die für mich arbeiten oder die mir nahestehen, bis an mein Lebensende verboten, mich Maximilian zu nennen. Wenn ich den Namen Max höre, höre ich sofort die Schreie im Lager. Manchmal rieche ich dann sogar die Leichen und den Gestank in den Baracken.

Sie haben sich einen neuen Namen gegeben, um Ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen?
Ich mochte meinen jüdischen Namen, aber ohne ihn wäre ich nie an diesen Orten gelandet. Nach dem Krieg wollte ich ein neues Leben in Amerika anfangen, also habe ich mir einen neuen, amerikanischen Namen gegeben. Mein echter Name kam ins Etikett.

Als stille Reminiszenz?

Vor allem als Mahnung. Er sollte mich für immer Demut lehren.

Sie kleiden seit fast siebzig Jahren die prägendsten Männer der USA ein, von John F. Kennedy bis Barack Obama, von Muhammad Ali bis Frank Sinatra. Die größten Hollywoodstars rühmen sich heute Ihrer Bekanntschaft, und Bill Clinton, mit dem Sie eng befreundet sind, bezeichnet Sie als lebende Legende. Im April 1944 waren Sie ein Junge aus den tschechischen Karpaten, der in den Vernichtungslagern der Nazis sterben sollte.

Die Nummer, die sie mir damals tätowiert haben, steht noch immer auf meinem Unterarm. (Er krempelt den linken Hemds-ärmel hoch.) Ich habe ein paar Mal versucht, sie entfernen zu lassen, aber ich kriege sie nicht weg: A4406. Das A steht für Auschwitz. Ich finde meinen jüdischen Namen im Etikett deutlich eleganter, aber die Wirkung ist die gleiche: Ich wache noch mit 86 auf und weiß jeden Morgen, woher ich komme.

Ende der Neunzigerjahre führte der Regisseur Steven Spielberg Zeit-zeugen-Interviews mit Überlebenden des Holocausts. Das Interview mit Ihnen dauerte länger als zehn Stunden. Weder davor noch danach haben Sie je ein Wort über Ihre Vergangenheit verloren. Warum nicht?

Meine Familie und auch ein paar enge Freunde wussten Bescheid. Ansonsten habe ich versucht, niemanden damit zu belästigen.

Sie sahen eine Belästigung darin, über den Holocaust zu sprechen?

Die Frage ist, wie es die Menschen empfunden hätten, mit denen ich verkehrt habe. Wenn Frank Sinatra hier in mein Atelier kam, um einen Anzug zu bestellen, oder mir Marlon Brando beim Dinner gegenübersaß, dann hatte doch keiner von beiden Lust, über die Gaskammern zu reden. Ich selbst auch nicht, also habe ich das alles nie erwähnt. Der Einzige, der mich geradeaus fragte, ob ich in Auschwitz gewesen bin, war Bill Clinton.

Wie kam es dazu?

Das war im Sommer 1998, Clinton war damals Präsident. Man hatte mich gebeten, neue Anzüge für ihn anzufertigen, also war ich im Weißen Haus, um Maß anzulegen. Ausgerechnet an diesem Tag fiel dort die Klimaanlage aus, mir lief also der Schweiß am ganzen Körper runter. Es war entsetzlich peinlich, aber zum Glück hatte der Präsident ganz andere Probleme. Die Sache mit Monica Lewinsky war gerade am Kochen.

Wie haben Sie Clinton an diesem Tag erlebt?

Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, war aber überhaupt nicht bei der Sache. Wir waren uns davor schon einige Male begegnet, doch an diesem Tag wechselte er kaum ein Wort mit mir. Erst als sein Blick auf das Etikett seines Anzugs fiel, sagte er mit seinem typischen Arkansas-Akzent: »Grünfeld?« Ich sah, wie es in seinem Kopf arbeitete. Er wusste, dass ich aus der Tschechoslowakei kam. Er musste also nur eins und eins zusammenzählen, um zu ahnen, dass ich in einem Konzentrationslager gewesen war. Als er mich danach fragte, konnte ich ihm kaum in die Augen sehen. Ich habe geantwortet, ich wäre schon vor dem Krieg nach Amerika geflohen.

Warum haben Sie gelogen?

Der Präsident sollte nur Tage später ganz Amerika anlügen, als er vor laufender Kamera sagte, er hätte nie eine Beziehung zu seiner Praktikantin gehabt. Menschen lügen aus den unterschiedlichsten Gründen. Bill hatte damals nicht die Kraft, einen Fehler einzugestehen. Ich hatte nicht den Mut, über Dinge zu sprechen, über die ich nie zu sprechen gelernt hatte.

Sie haben jetzt, nach jahrzehntelangem Schweigen, Ihre Autobiografie geschrieben: Measure of a Man (Maß eines Mannes, Anm. d. Red.). Nimmt das Verlangen, vom eigenen Schicksal zu berichten, gegen Ende des Lebens zu?

Wahrscheinlich. Der Gedanke, morgen nicht mehr aufzuwachen und nie über Auschwitz gesprochen zu haben, hat mich beschämt.

Sie sind dort dem Lagerarzt Josef Mengele begegnet. In Ihrem Buch schreiben Sie: »Er trug einen feinen Anzug, der selbst beim Sitzen keine Falten warf. Sein elegantes, besonnenes Gesicht umrahmte das glänzende Monokel vor seinem Auge.« Hat Ihnen Mengeles Erscheinung imponiert?

Sie hat mich sogar fasziniert. Es war gleich bei unserer Ankunft: Ich stand mit meinen Eltern und meinen Geschwistern auf einem der Viehwaggons, mein Vater hielt meine Hand, und ich hielt die Hand meines vierjährigen Bruders. Dann ging langsam die Ladetür herunter, und die SS-Leute fingen an zu brüllen. Ich weiß noch, dass ich kein Wort verstanden habe, nicht weil ich Angst hatte, sondern weil mein Blick auf den funkelnden Lederschuhen eines Mannes verharrte, der ein paar Meter entfernt stand. Ich hatte so etwas Schönes wie diese Schuhe nie zuvor gesehen. In dem Dorf, in dem ich aufgewachsen war, trugen die Männer ja bloß einfache Stiefel. Der Mann, der an den Gleisen von Auschwitz diese feinen Schuhe trug, war Mengele. Er sprach kein Wort, hielt nur den Daumen nach rechts oder nach links.

War Ihnen klar, was das bedeutete?

Ich wusste nur, dass wir weit weg von zu Hause und in Schwierigkeiten waren. Mein Vater und ich sollten arbeiten, wir gingen in die eine Richtung. Meine Mutter, meine beiden Schwestern und mein kleiner Bruder gingen in die andere. Alle vier winkten dabei und sagten: »Bis später!« Es war ein sonniger Frühlingstag, die Vögel zwitscherten. Ich hatte keine Ahnung, dass ich keinen von ihnen wiedersehen würde.

Mengele war einer der schlimmsten Verbrecher des NS-Regimes, berüchtigt für seine Experimente an Lagerinsassen. Kann ein ordentlicher Anzug jedem Menschen den Anschein von Würde verleihen?

Der Philosoph Henry David Thoreau hat mal gesagt: »Zieh einer Vogelscheuche deinen neuesten Anzug an und stell dich unbekleidet daneben – wer würde nicht zuerst die Vogelscheuche grüßen?« Würde ist ein großes Wort, aber ich fürchte, ein guter Anzug verleiht auch Verbrechern einen Anschein von Rechtmäßigkeit.

Es gibt Studien, die nahelegen, dass Bankräuber umso erfolgreicher sind, je besser sie sich bei ihren Überfällen kleiden.
Für mich ergibt das Sinn. Die Magie eines Anzugs besteht darin, dass er einen Mann in etwas verwandeln kann, was dieser gar nicht ist. Jedes Mal, wenn ich Mengele sah, imponierte mir sein stolzer Gang in dieser fabelhaften, passgenauen Kleidung. Er wirkte darin wie ein vorbildlicher Mensch, dem ich ohne zu zögern mein Leben anvertraut hätte. Nicht wie ein Mann, der Babys bei lebendigem Leib verbrannte, Kindern Gift in die Augen träufelte oder behinderten Frauen Stromschläge verpasste, um herauszufinden, wann sie sterben.

Ihre gesamte Familie wurde bald nach Ihrer Ankunft ermordet. Ihre Mutter, Ihre zwei Schwestern, Ihr kleiner Bruder und Ihre Großeltern wurden ins Gas geschickt. Ihr Vater wurde erschossen. Sie waren damals 15. Hatten Sie mehr Angst vor dem Sterben oder vor dem Überleben?
Wenn ich morgens aufwachte, gab es immer einen kurzen Moment, in dem ich hoffte, ich wäre schon tot. Dann fing ein neuer Tag an, und es ging doch irgendwie weiter.

Die Nazis teilten Sie und andere Jungen Ihres Alters zur Zwangsarbeit ein. Dazu zählte auch, die Leichen anderer Juden zu vergraben.
Ich habe diese Arbeit so stoisch wie möglich erledigt. Dabei habe ich häufig in den Himmel gesehen und darauf gewartet, dass die Sonne unterging. Sobald es dunkel wurde, durften wir in der Wäscherei arbeiten, was mich zu dem Beruf brachte, den ich heute habe. Beim Waschen der Nazi-Uniformen habe ich einmal so kräftig geschrubbt, dass der Stoff eines SS-Hemds riss. Ich wurde dafür heftig verdroschen, aber später ließ ich mir von einem Mithäftling zeigen, wie man die Fetzen wieder zusammennäht.

Das erste Kleidungsstück, das Sie genäht haben, war ein SS-Hemd?
Ich habe in meinem späteren Leben Anzüge geschneidert, die bis zu 60 000 Dollar kosteten, für Elvis Presley, Clint Eastwood, Paul Newman und Sammy Davis Jr., all diese schillernden Leute, aber von allen Kleidungsstücken war dieses SS-Hemd immer das wertvollste. Ich durfte es tragen, weil man zwar die SS-Symbole noch erkennen konnte, es aber ansonsten bloß noch ein Lumpen war. Es gab mir Wärme, um die Todesmärsche nach Buchenwald zu überstehen. Und es verschaffte mir Respekt.

Man behandelte Sie darin anders?

Die Wärter traten mir deshalb nicht mit Menschlichkeit gegenüber, aber jedenfalls stand ich nie mehr in der ersten Reihe, wenn Häftlinge zum Spaß der Aufseher erschossen wurden. Mir wurde da zum ersten Mal bewusst, welche Macht Kleidung hat.

»Ich glaube, je schlimmer die Erlebnisse der Menschen sind, desto größer wird ihr Bedürfnis, die schönen Seiten des Lebens zu feiern.«

In Ihrer Autobiografie schreiben Sie, dass Sie nach der Befreiung Buchenwalds auf Rache sannen. Unter Ihren unzähligen Peinigern hatten Sie es vor allem auf den damaligen Bürgermeister von Weimar abgesehen.
Das hatte eine Vorgeschichte: Während der Inhaftierung in Buchenwald musste ich in einer Munitionsfabrik bei Weimar arbeiten. Dabei entdeckte ich eines Tages einen Kaninchenstall, der zum Anwesen des reichen Bürgermeisters gehörte. Ich war so ausgehungert, dass ich die Tiere beiseite schob und ihr Futter in mich hineinstopfte. Die junge Ehefrau erwischte mich dabei. Es war bloß Abfall, aber sie und ihr Mann hetzten die Hunde auf mich und ließen mich halb totprügeln. Damals sind in mir alle Hemmungen gefallen. Ich schwor mir: Wenn ich überlebe, kehre ich zurück und bringe diese Menschen um. Tatsächlich bin ich eine Woche nach der Befreiung nach Weimar gefahren, zwei junge Freunde aus dem Lager haben mich begleitet. Auch an Maschinengewehre zu kommen, war nicht besonders schwer.

Der Bürgermeister und seine Frau waren noch nicht geflohen?
Nein. Ich hielt das Gewehr im Anschlag und klopfte an die Tür. Die Frau öffnete, sie hielt ein Kleinkind auf dem Arm und beschimpfte mich als Drecksjuden. Ich war wie versteinert, weil ich merkte, dass ihr Hass noch stärker war als ihre Angst. Mein Finger strich ein paar Mal über den Abzug, aber ich konnte nicht abdrücken.

Was hinderte Sie?
Vielleicht ein kleiner Rest von Menschlichkeit. Ich sagte zu der Frau: »Ich bin nicht Mengele. Ich töte keine Mutter mit einem Kind auf dem Arm.« Um unser Gesicht zu wahren, klauten wir ihnen wenigstens den funkelnden, schwarzen Mercedes, der hinter dem Haus stand, und kurvten damit durch die Stadt. Jahre später habe ich erfahren, dass der Bürgermeister und seine Frau sich kurz nach dem Krieg die Pulsadern aufschnitten. Was ich nicht übers Herz gebracht hatte, haben sie dann also selbst erledigt.

Es muss eine unwirkliche Szene gewesen sein: Drei minderjährige Juden, die Maschinengewehre und KZ-Kleidung tragen und im Mercedes eines deutschen Bürgermeisters durch Weimar fahren.

Das war unser kleiner Triumph. Am Straßenrand sind wir zwei hübschen, blonden Mädchen begegnet, die zu uns ins Auto stiegen. Ich glaube, sie waren so beeindruckt von unserem Wagen, dass ihnen gar nicht auffiel, wie wir gestunken haben. Es war das erste Mal seit sehr langer Zeit, dass ich mir wieder attraktiv vorkam. Wir sind dann zurück nach Buchenwald gefahren, in diesem teuren Mercedes, mit zwei arischen Schönheiten auf dem Rücksitz. Auf dem Schild am Lagerzaun stand der Schriftzug »Jedem das Seine«. Manchmal hat Gott einen sehr jüdischen Sinn für Humor.

Sie glauben noch an Gott?

Ich versuche es jeden Tag.

Was ist aus dem Mercedes geworden?
Die Amerikaner haben ihn beschlagnahmt. Man drückte uns dafür ein Bündel Ohrringe in die Hand. Ich habe diese gegen Geld getauscht und bin nach Prag gereist. Das Erste, was ich dort gemacht habe, war, mir einen Anzug zu kaufen. Ich fand schon damals, dass ein Mann einen Anzug tragen sollte, wenn er ein neues Kapitel in seinem Leben aufschlägt.

Von dem schottischen Philosophen Thomas Carlyle stammt der Satz: »Die Menschen verkommen, wenn sie kein Feierkleid anziehen.«
Darin steckt mehr Wahrheit, als man denkt. Die Zeit im KZ hat bei mir ein Verlangen nach Schönheit geschürt, das ich vorher gar nicht gekannt hatte. Ich war sogar kurz davor, in die tschechoslowakische Armee einzutreten, nur weil ich die Uniformen der Soldaten so bewunderte. Als die Spannungen mit den Sowjets zunahmen, beschloss ich, dass dies vielleicht doch keine gute Idee war.

Stattdessen sind Sie in die USA ausgewandert. Sie waren 18, besaßen kaum Geld und kannten dort niemanden.

Die Fahrt von Bremerhaven nach New York dauerte genau eine Woche. An Bord spielte eine Kapelle jede Nacht Swing. Ich habe getanzt, bis es hell wurde.

Hatten Sie keine Angst vor dem, was Sie in dem fremden Land erwarten würde?

Ich hatte Auschwitz überlebt, ich fühlte mich unverwundbar. Außerdem hatte ich die Stimme meines Vaters im Ohr. Als ich ihn zum letzten Mal sah, sagte er mir, dass ich kein schlechtes Gewissen haben solle, falls ich das Lager überleben würde. Er sagte, ich solle meine Familie ehren, indem ich etwas aus meinem Leben mache.

Es war diese Fabrik, die heute Ihnen gehört, in der Sie damals gelandet sind und eine Lehre zum Schneider begonnen haben.

Die Schneiderei schien mir ein ehrenwertes Handwerk zu sein. Ich hatte keinen Penny bei mir und musste irgendwie zu Geld kommen. Überleben und Nähen waren alles, was ich in den Konzentrationslagern gelernt hatte.

Der damalige Eigentümer der Fabrik war der berühmte Schneider William P. Goldman, zu dessen Kundenstamm schon damals einige Hollywoodstars zählten.
Ich hätte keinen besseren Lehrmeister haben können. Die ersten Jahre habe ich nicht mal Geld bekommen, nur kostenloses Essen und einen Schlafplatz unter dem Dach. Aber das war mir die Ausbildung wert.

Wie viel an Ihrer Arbeit ist Handwerk und wie viel ist Kunst, die sich nicht lernen lässt?

Designer sind Künstler, Schneider sind Macher. Ich wollte nie ein Designer sein. Ich wollte immer Visionen und Material in Einklang bringen. Das Einzige, was man an einem Beruf nicht lernen kann, ist die Leidenschaft.

Ihr Lehrmeister muss Ihre Leidenschaft und Ihr Talent für diesen Beruf früh erkannt haben. Keine sechs Jahre nach Ihrem ersten Arbeitstag durften Sie einen Anzug für den damaligen US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower schneidern.

Die anderen Schneider waren erkrankt, nur deshalb durfte ich einspringen. Ich weiß noch, wie meine Hände zitterten! Ich war mir sicher, ich würde mit diesen Händen nie ein sauberes Maß hinbekommen. Die Tatsache, dass ich den Präsidenten treffen sollte, war nur das eine. Auf dem Weg ins Weiße Haus befiel mich zudem der Gedanke, wie tief ich in dessen Schuld stand. Ich dachte: Ich muss meinen Befreiern etwas zurückgeben.

Eisenhower hatte im Krieg als Oberbefehlshaber der Alliierten Streitkräfte gedient und mit den US-Truppen das Konzentrationslager Buchenwald befreit.
Das war nicht mal zehn Jahre her. Ich hatte ihm und den Amerikanern mein Leben zu verdanken. Damals in Buchenwald musste ich mich am Lagerzaun festhalten, um dem General die Hand zu schütteln. Eisenhower hatte eine sehr imposante Gestalt, mit Helm und Uniform erschien er mir drei Meter groß. Wie ich später feststellte, stimmte dieses Maß in Wirklichkeit nicht ganz. Dass wir uns so bald wiedersehen würden, er mittlerweile Präsident und ich sein Schneider, war jedenfalls nicht unbedingt vorherzusehen.

Haben Sie Eisenhower wissen lassen, dass Sie sich schon einmal begegnet waren?
Nein, er hätte sich sowieso nicht erinnert. Aber die Anzüge waren makellos, er hat sich bei nächster Gelegenheit bei mir bedankt. Ich habe ihm erneut die Hand gedrückt, diesmal kräftiger als noch in Buchenwald, und ebenfalls Danke gesagt.

Stimmt es, dass Sie dem Präsidenten in den Jahren darauf ungefragt Ratschläge in Sachen Außenpolitik gaben?

Ich dachte, ich muss die Chance nutzen, dem mächtigsten Mann der Welt so nah zu sein. Ihn anzusprechen gehörte sich nicht für einen jungen Mann wie mich, also habe ich bei jedem neuen Anzug kleine Botschaften in den Innentaschen hinterlassen. Einmal habe ich ihm sogar einen Zettel in seine Golfhose genäht.

Was stand darauf?

Es war die Zeit der Sueskrise. Großbritannien, Frankreich und Israel waren plötzlich wieder im Krieg, dabei ging es vor allem um wirtschaftliche Interessen. Eisenhower war damals kurz davor, amerikanische Truppen in den Nahen Osten zu schicken. Ich hielt das für keinen guten Plan, also schrieb ich auf den Zettel: »Warum schicken Sie keine Dollars?«

Haben Sie jemals eine Antwort bekommen?

Der Präsident muss mich für verrückt gehalten haben. Er hat natürlich nie geantwortet, aber offenbar hat er die Geschichte im Weißen Haus weitererzählt. Vier Jahrzehnte später nahm mich Bill Clinton auf den Stufen des Kapitols zur Seite und sagte: »Wenn Sie einen guten Rat für mich haben, schicken Sie mir bitte einfach ein Fax!« In den Innenseiten seiner Anzüge, sagte er, sehe er zu selten nach.

1977, dreißig Jahre nach Ihrem ersten Arbeitstag, haben Sie diese Fabrik für 100 000 Dollar gekauft. Damals arbeiteten hier sechs Angestellte, heute sind es 129. Sie müssen nicht nur ein begnadeter Schneider, sondern auch ein guter Geschäftsmann sein.

Ich habe kein Geschäftsgeheimnis. Das ganze Geheimnis, wohlhabenden Männern Kleidung zu verkaufen, besteht darin, ihre Frauen glücklich zu machen. Solange diese zufrieden sind, werden die Männer immer wiederkommen.

Ihre namhaften Kunden dürften die beste Werbung sein und Ihren Ruf befeuern.

Ich habe mir diesen Ruf hart erarbeitet. Und die Arbeit mit Showstars ist nicht immer einfach. Mit Marlon Brando stand ich schon in diesem Zimmer, Faust gegen Faust, und meine Sekretärin musste die Polizei rufen, um einen Mord zu verhindern.

Wer wollte wen umbringen?
Brando mich und ich Brando. Das war Anfang der Neunziger, er hatte einen teuren Blazer bei mir bestellt, italienische Seide, feinster Stoff. Marlon hatte einen ausgezeichneten Geschmack, aber er aß und trank so viel, dass er jede Woche ein paar Pfund zunahm. Das größte Problem war, dass er sich das Übergewicht nicht eingestehen wollte. Er beharrte auf Maßen, die ganz und gar nicht seine waren, und als ich ihn darauf hinwies, rastete er aus und begann, mein Atelier zu verwüsten.

Brando galt als Hitzkopf, der keiner Schlägerei aus dem Weg ging. Sie haben sich trotzdem mit ihm angelegt?

Große Namen haben mich nie eingeschüchtert. Ich glaube, Marlon ärgerte vor allem, dass es überhaupt jemand wagte, ihm zu widersprechen. Er führte ständig diese Entourage aus Leuten mit sich, die ihm den Hintern puderten, etwas anderes war er gar nicht mehr gewohnt. Wir sind uns damals an die Gurgel gegangen, am Ende hatte er eine blutige Nase und ich ein aufgeschlagenes Kinn, aber ich gewann seinen Respekt. Von diesem Tag an wurden wir enge Freunde. Er nannte mich noch am Sterbebett seinen »jüdischen Berater«.

Brando, Presley, Sinatra – sie alle sind wie Pilger hier rausgefahren, um sich von Ihnen einkleiden zu lassen. Es heißt, Sie seien noch heute nicht bereit, Ihren Kunden hinterherzureisen.

Vor einiger Zeit rief Martin Scorsese an, er wollte einen Smoking für die Oscar-Verleihung bestellen und meinte, dass er keine Zeit habe, zur Anprobe vorbeizukommen. Ich habe ihm höflich geantwortet, dass es mir leid tue und ich dann leider nichts für ihn tun könne. Es gab Zeiten, da war dieses Geschäft so klein, dass wir dankbar waren für jeden Arbeiter aus der Nachbarschaft, der durch diese Tür kam, um sein Sonntagsjackett flicken zu lassen. Mittlerweile zählen zu den Kunden eben berühmte Stars und Politiker, aber sollte ich diese nun hofieren, nur weil sie mehr bezahlen? Allein bei Präsidenten mache ich Ausnahmen, da betrachte ich es als patriotischen Dienst.

Gibt es einen Menschen, den Sie gern eingekleidet hätten, den Sie aber nie bekommen haben?

Sein Name war Michael Jackson. Ich mochte diesen Jungen schon immer. Wie er sich bewegen konnte! Jackson trug jahrelang extravagante Outfits, die für mich nicht in Frage kamen, aber zu seiner großen Comeback-Tour 2009 wünschte er sich etwas Klassisches. Jackson probte damals in London, und es hieß, er sei zu schwach, um in ein Flugzeug zu steigen und nach Brooklyn zu reisen. Ein Notfall, also gab mir das Management seine Maße am Telefon durch. Ich habe nächtelang daran gearbeitet, und einen Tag vor seinem Tod wurden die Teile fertig, mein Sohn hatte sie schon zum Flughafen gebracht. Ich hatte gehofft, die Anzüge würden die ersten für Jackson sein. Tatsächlich waren es die letzten.

Sie scheinen immer wieder auf dem Pfad der Geschichte zu wandeln. Es heißt, Sie seien sogar am 11. September 2001, als Flugzeuge in das World Trade Center flogen, mit George Bush verabredet gewesen.

Ich habe an diesem Tag in Washington auf ihn gewartet, wir hatten einen Termin. Der Präsident sollte am Nachmittag aus Florida zurückkehren, und ich sollte noch am Abend neue Anzüge für ihn ausmessen. Dann kam der Lauf der Geschichte dazwischen. Ich habe im Fernsehen gesehen, wie der zweite Twin Tower einstürzte. Genau eine Stunde später rief mich eine Dame aus Bushs Büro an und sagte, man werde unseren Termin verschieben müssen.

Viele Amerikaner haben sich nach den Anschlägen in einen trotzigen Konsumrausch gestürzt, um sich mehr denn je an schönen Dingen zu erfreuen. Haben Sie davon etwas gemerkt?
Man konnte es schon am nächsten Morgen spüren. Ich hatte am 12. September eine Filialeröffnung in Washington, die wir nicht absagten, obwohl kaum damit zu rechnen war, dass an diesem Tag irgendjemand kommen und einen Anzug kaufen würde. Aber tatsächlich standen die Leute Schlange wie nie zuvor. Es war ihre Art, mit dem Grauen umzugehen. Nach dem Krieg hatte ich in den Straßen von Prag ganz Ähnliches erlebt. Ich glaube, je schlimmer die Erlebnisse der Menschen sind, desto größer wird ihr Bedürfnis, die schönen Seiten des Lebens zu feiern.

Vor sechs Jahren, als Sie achtzig wurden, haben Sie Ihre Bar Mizwa nachgeholt. Unter den mehr als 500 Gästen versammelte sich halb Hollywood. Barack Obama hielt eine Glückwunschrede, in der er sagte, Ihre Geschichte erzähle mehr über die USA als jeder Roman oder Kinofilm. Empfinden Sie das eigentlich genauso?
Das waren viel zu große Worte für einen Mann wie mich. Ich denke, der Präsident spielte einfach auf den amerikanischen Traum an, der in meiner Geschichte ein Stück weit wahr geworden ist. Es als Kriegsflüchtling zu etwas zu bringen und es in seinem Beruf ganz nach oben zu schaffen – in den meisten Ländern dauert so etwas zwei oder drei Generationen. Hier ist es in einem Leben möglich.

Wenn Sie auf dieses Leben zurückblicken: Überwiegt dann das Leid oder das Glück, das Sie erfahren haben?

An manchen Tagen kommt mir die tätowierte Nummer auf meinem Arm schon etwas verblasst vor. Ich habe viel Gutes erlebt. Ich liebe eine Frau, mit der ich seit fast 57 Jahren verheiratet bin. Ich bin Vater und Großvater geworden. Meine Söhne werden eines Tages dieses Geschäft weiterführen. Man kann ein Jahr in Auschwitz nicht aufwiegen, aber in meinem Leben gab es viel mehr Sonne als Finsternis.

Fotos: Jospeh Victor Stefanchik für The Washington Post via Getty Images

Fotos: Jospeh Victor Stefanchik

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